{"id":10662,"date":"2022-08-19T13:45:51","date_gmt":"2022-08-19T11:45:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=10662"},"modified":"2022-08-19T13:53:17","modified_gmt":"2022-08-19T11:53:17","slug":"verstoerungen-der-wahrnehmung-zur-wachheit-hin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2022\/08\/19\/verstoerungen-der-wahrnehmung-zur-wachheit-hin\/","title":{"rendered":"Verst\u00f6rungen der Wahrnehmung zur Wachheit hin"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/hammerschmid-michael\/\">Michael Hammerschmid<\/a> liest <em>aber nicht damit<\/em> des lettischen Dichters Semjon Hanin <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Semjon Hanins Gedichte aus dem Band \u201eaber nicht damit\u201c gleichen R\u00e4tsel. Zun\u00e4chst ziehen sie einen ganz unmittelbar in ihre Szenen hinein. Die aufgerufenen Szenen, Orte, Situationen sind dabei \u00e4u\u00dferst vielf\u00e4ltig. In kaum einem Gedicht wiederholt sich Raum oder Zeit. Beide aber, Raum und Zeit, sind bei Hanin offen, aufgerissen vielmehr. So gelangt man in seinen Gedichten in unbekannte R\u00e4ume, an Randzonen, in Zonen der Ungewissheit und Unsicherheit. Meist sind es heruntergekommene Zust\u00e4nde, mit denen man es zu tun bekommt und in denen einem&nbsp;Versatzst\u00fccke aus Alltag und Kultur begegnen. Beispielsweise \u201everklumpte Spickzettel\u201c, eine \u201eTr\u00e4nengasdose\u201c oder eine Nachricht, dass die \u201eHypnoses\u00e9ance\u201c verschoben w\u00fcrde. Die Kontexte, in denen diese auftauchen, lassen sich jedoch meist nur schwer einordnen. Semjon Hanins Gedichte entf\u00fchren auf diesem Weg ins Abseits und in atmosph\u00e4risch stark aufgeladene, genauso absurde wie auch komische Welten, in denen man nicht zuletzt zum Raten, zum Suchen, zum Fragen aufgefordert wird. Titellos wie s\u00e4mtliche Texte des Bandes versetzt uns zum Beispiel folgendes Gedicht schon zu Beginn mit beil\u00e4ufiger Selbstverst\u00e4ndlichkeit in einen Zustand des R\u00e4tselns, Vermutens, Nachdenkens:&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">weiterhin steht geschrieben, dass es nicht auf ewig so angenehm weitergeht \nwenn auch etwas unleserlich<\/pre>\n\n\n\n<p><strong>hinter fragen&nbsp;&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte sich fragen, wer hier \u00fcberhaupt das, was geschrieben steht, verfasst hat? Wer au\u00dfer dem Autor selbst? Und was mag angesichts dieser Zeilen das Wort \u201eAutor\u201c dann bedeuten? Wer k\u00f6nnte \u201eweiterhin\u201c festgelegt haben, \u201edass es nicht auf ewig so angenehm weitergeht\u201c? Es scheint sich jedenfalls um eine unangenehme Botschaft zu handeln, die hier \u00fcbermittelt wird. Aber um was f\u00fcr eine Schrift handelt es sich eigentlich?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:auto 25%\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"763\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Cover-Hanin-Semjon-aber-nicht-damit-763x1024.jpg\" alt=\"Cover Gedichtband &quot;aber nicht damit&quot; von Semjon Hanin, erschienen in der Edition Korrespondenzen\" class=\"wp-image-10664 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Cover-Hanin-Semjon-aber-nicht-damit-763x1024.jpg 763w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Cover-Hanin-Semjon-aber-nicht-damit-224x300.jpg 224w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Cover-Hanin-Semjon-aber-nicht-damit-112x150.jpg 112w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Cover-Hanin-Semjon-aber-nicht-damit-370x497.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Cover-Hanin-Semjon-aber-nicht-damit-185x248.jpg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Cover-Hanin-Semjon-aber-nicht-damit-740x993.jpg 740w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Cover-Hanin-Semjon-aber-nicht-damit-20x27.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Cover-Hanin-Semjon-aber-nicht-damit-400x537.jpg 400w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Cover-Hanin-Semjon-aber-nicht-damit-36x48.jpg 36w\" sizes=\"(max-width: 763px) 100vw, 763px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Ein wenig gemahnt dieses \u201ees steht geschrieben\u201c an die Bibel oder auch an einen Gesetzestext, freilich einen eher kafkaschen als juristischen \u2026 Dass das Geschriebene unleserlich ist, macht es dabei wohl um nichts vertrauensw\u00fcrdiger. Oder ist es schlicht so alt, dass man es deshalb nicht mehr gut lesen kann? Wir wissen es nicht. Weiter hei\u00dft es dann:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">eigentlich habe ich es ja nicht vorgehabt aber jetzt sage ich es trotzdem\nauch wenn hier vielleicht nicht der richtige Ort ist \nden eigenen Senf dazuzugeben \nund auch wenn es schon viele vor mir gesagt haben\n<\/pre>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><strong>stimmen h\u00f6ren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hier h\u00f6rt man eine Stimme weitersprechen, denn eine Art Sprechen ist es, wie in vielen Gedichten Semjon Hanins, auch wenn man nicht erf\u00e4hrt, welchem Sprechen, welchem Gespr\u00e4ch, welcher Rede man hier tats\u00e4chlich beiwohnt. Auch erf\u00e4hrt man nicht, warum es \u201enicht der richtige Ort ist\u201c. Die Stimme, die Person scheint sich an diesem Ort jedenfalls nicht (wirklich) wohlzuf\u00fchlen. Aber warum? Und muss man nicht ins Treffen f\u00fchren, dass die Stimme sich doch ziemlich kolloquial (\u201eden eigenen Senf dazugeben\u201c) \u00e4u\u00dfert, gleichsam so, als geh\u00f6re man als Zuh\u00f6rer, Zuh\u00f6rerin, Leserin, Leser dazu? Befinden wir uns somit nicht doch an einem Ort, der zumindest durchaus so ein vertrauensvolles Sprechen erlaubt? Was die Stimme jedenfalls zu sagen ank\u00fcndigt, denn um eine Ank\u00fcndigung handelt es sich, ist so neu nicht, und doch spricht sie f\u00fcr andere, n\u00e4mlich f\u00fcr die, die es \u201evor mir gesagt haben\u201c. Auch die Stimme \u00e4u\u00dferst sich also auf eine Weise, die auf ein Kollektiv verweist (wie das f\u00fcr viele scheinbar verbindliche Geschriebene zu Beginn des Gedichts).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>umkehr schluss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dann f\u00e4hrt die Stimme des Gedichts fort und gibt die angek\u00fcndigte Botschaft preis:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">die Freiheit sich nicht gerade zu halten! zu schlurfen! den Bauch raush\u00e4ngen zu lassen!<\/pre>\n\n\n\n<p>Dieser Vers \u00fcberrascht nun mehrfach, einerseits seiner Flapsigkeit wegen, es handelt sich zumindest auf den ersten Blick ja nicht gerade um eine weltbewegende Nachricht, die hier verlautet wird, sondern, wenn man so sagen kann, blo\u00df um ein paar Anmerkungen zur K\u00f6rperhaltung. Er \u00fcberrascht aber auch seiner Hintergr\u00fcndigkeit wegen und der starken Hervorhebung durch die Rufzeichen halber. Am meisten aber wohl der Aussage wegen. Denkt man n\u00e4mlich \u00fcber die scheinbare Banalit\u00e4t der drei Imperative hinaus und macht etwa einen Umkehrschluss, dann l\u00e4dt sich das Gesagte durchaus gesellschaftspolitisch auf. Denn worauf k\u00f6nnte das verweisen, sich gerade zu halten, stramm zu stehen, nicht zu schlurfen und nicht den Bauch raush\u00e4ngen zu lassen, wenn nicht auf einen milit\u00e4rischen Kontext oder eine strenge Kontrolle oder \u00dcberwachung? Das \u201eDen-Bauch-Einziehen\u201c, das Marschieren \u2013 eben nicht zu schlurfen \u2013 und der Zwang, sich gerade halten zu m\u00fcssen \u2013 und eben stramm zu stehen \u2013, wecken zumindest ziemlich deutlich die Assoziation zum Milit\u00e4r (oder zu anderen M\u00e4nnerk\u00f6rperkulten). Das Gedicht funktioniert also auch hier \u00fcber seinen Hintergrund, Untergrund, Abgrund, der sich auftut, wenn man den Zeilen nachh\u00f6rt, hinter die Zeilen h\u00f6rt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>selbst zensur&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Schluss des Gedichtes f\u00fcgt der repressiven Grundstimmung dann noch ein weiteres, radikales Bild hinzu, indem es hei\u00dft:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">das ist mir jetzt so rausgerutscht, unklar, auch vom Bezug her\nsonst habe ich nichts mehr zu\nich nehme meine Worte zur\u00fcck\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Das Ich nimmt das Gesagte, also das, was es zun\u00e4chst ja direkt angek\u00fcndigt hat, wieder zur\u00fcck, bricht im zweiten Satz auch ab, bringt seine Aussagen gleichsam wieder zum Verschwinden. Aber warum? Durfte es das Gesagte gar nicht sagen? Herrscht tats\u00e4chlich soviel Repression und Gefahr, dass das Ich letztlich sogar sich selbst zensurieren muss? Das Gedicht entf\u00fchrt einen auf diese Weise in einen r\u00e4tselhaften, zur Deutung anregenden, d\u00fcsteren und zugleich komisch-tragikomischen Raum, in dessen R\u00e4tselhaftigkeit dennoch deutlich sp\u00fcrbar ist, dass es in dem Gedicht um etwas Essenzielles, Existenzielles geht. Gerade dass das Ich sich in seinem Reden verschwinden macht, gibt der paradoxen Aussage des Verschwindenden eine signaturhafte Deutlichkeit, und das Geschriebene steht unverr\u00fcckbarer als im Gedicht suggeriert da, zumindest solange \u201eaber nicht damit\u201c vorliegt, greifbar ist, gelesen und erinnert wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind solche R\u00e4ume, die Semjon Hanin zu erschaffen versteht, die zwischen Allusion und Konkretion, zwischen Situation und Parabel, zwischen Frage und m\u00f6glicher Antwort ihre Balance finden. So erscheinen seine Gedichte wie Echolote in von Au\u00dfen(t)raum durchwachsenen Innenr\u00e4umen, die an verschiedene \u201eBewusstseine\u201c und Arten der Wirklichkeitsproduktion angeschlossen werden k\u00f6nnen. Semjon Hanins Gedichte drehen auf vertrackt intelligent Weise an unserem Wirklichkeitsbegriff, verst\u00f6ren die Wahrnehmung zur Wachheit hin, durchwachen die unhinterfragten Verstehens- und Wahrnehmungsmuster als vielschichtige Aussagen, wie wir sie angesichts von Krieg und Zerst\u00f6rung, Faktenverschleierung und -leugnung, Repression und L\u00fcge dringender denn je brauchen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:22px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Semjon Hanin, geb. 1970 in Riga, ist ein auf Russisch schreibender lettischer Dichter. Er ist Gr\u00fcndungsmitglied von Orbita, einer multimedial agierenden Gruppe russischsprachiger Dichter und<\/em> <em>K\u00fcnstler aus Lettland, die national wie international Aufmerksamkeit findet. Mit \u00bbaber nicht damit\u00ab liegt erstmals ein eigenst\u00e4ndiger Gedichtband des Autors auf Deutsch vor.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Semjon Hanin:&nbsp;<em>aber nicht damit<\/em>. Gedichte. Aus dem Russischen von Anja Utler. Edition Korrespondenzen, Wien, 2021, 184 Seiten, Euro 22,\u2013&nbsp;<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Hammerschmid rezensiert den bei Edition Korrespondenzen erschienen Gedichtband &#8222;aber nicht damit&#8220; von Semjon Hanin<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":10671,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[107],"tags":[173,459],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Verst\u00f6rungen der Wahrnehmung zur Wachheit hin - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2022\/08\/19\/verstoerungen-der-wahrnehmung-zur-wachheit-hin\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Verst\u00f6rungen der Wahrnehmung zur Wachheit hin - 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