{"id":10932,"date":"2022-09-21T09:55:00","date_gmt":"2022-09-21T07:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=10932"},"modified":"2023-03-13T10:00:17","modified_gmt":"2023-03-13T09:00:17","slug":"brunner-zeit-des-wedelns-zeit-des-knurrens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2022\/09\/21\/brunner-zeit-des-wedelns-zeit-des-knurrens\/","title":{"rendered":"Zeit des Wedelns, Zeit des Knurrens"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/brunner-helwig\/\">Helwig Brunner<\/a> liest von <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/bauer-christoph-w\/\">Christoph W. Bauer<\/a> <br><em>an den hunden erkennst du die zeiten <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Auf die viel diskutierte Frage, was Gedichte von anderen Textsorten unterscheidet, l\u00e4sst sich manches Altbekannte antworten. Eines aber, Teil meiner ganz pers\u00f6nlichen Antwort auf jene Frage, ist mir eben erst aufgefallen: Erz\u00e4hlprosa oder Essays lese ich einfach, ich konsumiere sie gewisserma\u00dfen; Lyrik zu lesen bedeutet f\u00fcr mich hingegen immer auch zu schreiben, also einen produzierenden Part zu \u00fcbernehmen, zumindest das Notizbuch oder das Handy mit seiner Notizen-App liegt immer neben dem Gedichtband, oft auch der eingeschaltete Laptop. Im Gedicht werden Lesen und Schreiben f\u00fcr mich untrennbar, manchmal ununterscheidbar. Das hat handfeste Gr\u00fcnde. Gedichte lese ich n\u00e4mlich meist in Situationszusammenh\u00e4ngen, die ein Schreiben nicht nur erm\u00f6glichen oder nahelegen, sondern es erfordern: a) als Herausgeber der Buchreihe keiper lyrik, der einlangende Manuskripte pr\u00fcft und entstehende B\u00e4nde dieser Reihe lektoriert und mit einem Nachwort versieht, b) als Co-Kurator der allj\u00e4hrlichen Veranstaltung Best of Lyrik im Grazer Literaturhaus, der aktuelle deutschsprachige Lyriktitel vorschl\u00e4gt und einmoderiert, und c) mitunter als Juror oder Vorjuror eines Lyrikwettbewerbs, der Hunderte von Einreichungen zu sichten und zu kommentieren hat. Erst an vierter Stelle steht unter d) die zweckbefreite Lekt\u00fcre von Gedichten, etwa in einigen Literaturzeitschriften, die mir regelm\u00e4\u00dfig ins Haus flattern, und auch da ist der Schritt zum Schreiben nie weit, denn \u201efremde\u201c Gedichte regen mich oft zu \u201eeigenen\u201c Gedichten an, was sich freilich nur unter Anf\u00fchrungszeichen so sagen l\u00e4sst, denn gerade in der Lyrik ist mir das Fremde oft das Vertrauteste, w\u00e4hrend das Eigene sich im Handumdrehen entfremdet.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:auto 48%\"><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Sommerlekt\u00fcre von Christoph W. Bauers neuem Gedichtband f\u00e4llt in die Kategorie b) der obigen Auflistung, denn Bauer wird seinen Band im Sp\u00e4therbst im Grazer Literaturhaus vorstellen und ich werde mich einf\u00fchrend dazu \u00e4u\u00dfern d\u00fcrfen. Mit entsprechender Vorfreude habe ich, an meinem Schreibtisch sitzend, in Bauers Band gelesen und lesend allerlei S\u00e4tze getippt, die sich in weiterer Folge einerseits zum vorliegenden pers\u00f6nlichen Lekt\u00fcrebericht, andererseits auch zur Einmoderation f\u00fcr eben jene Veranstaltung zusammenf\u00fcgen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 Helwig Brunner<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Foto-zu-cwbauer_hbrunner-1024x768.jpeg\" alt=\"Foto des Computers mit der Rezension &quot;Zeit des Wedelns&quot; und Pl\u00fcschhund vor Buchregal\" class=\"wp-image-10937 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Foto-zu-cwbauer_hbrunner-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Foto-zu-cwbauer_hbrunner-300x225.jpeg 300w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Foto-zu-cwbauer_hbrunner-150x113.jpeg 150w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Foto-zu-cwbauer_hbrunner-768x576.jpeg 768w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Foto-zu-cwbauer_hbrunner-370x278.jpeg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Foto-zu-cwbauer_hbrunner-800x600.jpeg 800w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Foto-zu-cwbauer_hbrunner-20x15.jpeg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Foto-zu-cwbauer_hbrunner-185x139.jpeg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Foto-zu-cwbauer_hbrunner-740x555.jpeg 740w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Foto-zu-cwbauer_hbrunner-400x300.jpeg 400w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Foto-zu-cwbauer_hbrunner-64x48.jpeg 64w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Nicht unerw\u00e4hnt soll bleiben, dass ich Christoph schon lange auch pers\u00f6nlich kenne; ehemals ein Kollege in der jungen Lyrikszene, ist er heute einer der etabliertesten Lyriker \u00d6sterreichs und zudem eine wichtige Drehscheibe unterschiedlicher Lyrikprojekte, etwa als Kurator f\u00fcr das \u201eNetzwerk : Poesie\u201c, eine wunderbar entschleunigte Zusammenkunft im Literaturhaus Krems, die in eine dicht gewobene Anthologie poetischer Aktion und Reaktion m\u00fcndet. So ist meine kollegiale Sympathie f\u00fcr die Person Bauers kaum von meinem Respekt vor seinem literarischen Werk zu trennen, was an dieser Stelle aber auch nicht n\u00f6tig ist \u2013 denn die subjektive F\u00e4rbung des Zugangs ist in der Reihe Sommerlekt\u00fcren der poesiegalerie, f\u00fcr die dieser Text entsteht, ausdr\u00fccklich erw\u00fcnscht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Das Lesevergn\u00fcgen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br>Wenn ein drahtiger, vom Wetter wie auch vom wetterwendigen Leben gegerbter Typ in seiner Vita berufliche Erfahrung als Skilehrer anf\u00fchren kann, ist ihm mein Respekt schon einmal sicher. Denn f\u00fcr mich, anders als f\u00fcr ihn, bedeutet rutschen meistens ausrutschen, es fehlt mir in der Tat an jeder sportlichen Eleganz, wenn ich bestenfalls mit Schneeschuhen durch den Winterwald stakse oder mich auf Langlaufskiern eine Loipe entlangbewege wie eine Stra\u00dfenbahn der Grazer Verkehrsbetriebe auf ihren Gleisen. Da Christoph W. Bauer aber bekanntlich nicht nur Ski f\u00e4hrt, sondern auch und vor allem gute Literatur schreibt, k\u00f6nnte ich beinahe vor Ehrfurcht verstummen \u2013 h\u00e4tte ich mir nicht vorgenommen, mich zu seinem neuen Gedichtband zu \u00e4u\u00dfern, und w\u00fcsste ich nicht au\u00dferdem mit ziemlicher Sicherheit, dass Christoph auf stumme Ehrfurcht pfeift und ihm ein launiges Echo auf seinen neuen Gedichtband jedenfalls lieber ist. Skifahrer wedeln, Hunde wedeln, da haben sich wohl zwei getroffen, vermute ich und bin gespannt, was Bauers Hunde so treiben, wenn sie gerade nicht Ski fahren.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Stimmt das denn, erkennt man wirklich an den Hunden die Zeiten? Ist der Zahn der Zeit in Wahrheit ein rei\u00dfender Hundezahn, der nicht umsonst Caninus hei\u00dft? Obwohl man, so die Tiroler Tageszeitung, den Titel des Buches als Gewissheit lesen kann, ist an den hunden erkennst du die zeiten ein Buch des Zweifels. Wie die Wiener Zeitung zutreffend bemerkt, ist man vielmehr geneigt, \u201eeher umgekehrt zu fragen: Welche Hunde k\u00f6nnten f\u00fcr diese qu\u00e4lenden Zeiten stehen, die wir gerade erleben? Der z\u00e4hnefletschende Pitbull, der r\u00f6chelnde Mops, der abgemagerte Streuner?\u201c Bauer h\u00e4lt sich nicht mit der Beantwortung solcher Fragen auf, sondern legt mit einem Rundumschlag gegen herrschende Geisteshaltungen, gegen ignorante und bornierte Zeitgenossen los. Gleich im ersten Gedicht prangert Bauer \u201egeistige pleiten\u201c an und zeigt mit dem Dichterfinger, fast k\u00f6nnte es der Mittelfinger sein, auf jene Sch\u00f6nredner, die als \u201eexperten f\u00fcr alles in l\u00e4rmigen zeiten [\u2026] aus jedem minus ein vermeintliches plus\u201c zaubern. Doch auch sich selbst st\u00f6\u00dft Bauer ohne zu fackeln vom Dichterpodest: \u201eallemal habe ich keine ahnung aber davon viel\u201c, lese ich im zweiten Gedicht, ein ausdr\u00fcckliches Bekenntnis zu Widerspr\u00fcchlichkeit und Nonsens, die ihm, so Bauer, lieber seien als \u201ebetuliches kreisen \u00fcber allerweltsger\u00fcchen \/ die nase ger\u00fcmpft den kleinen finger abgespreizt \/ um die beschaffenheit einer klobrille zu behadern\u201c. Es jenen gleichzutun, die \u201ein die falle des eigend\u00fcnkels getappt \/ [\u2026] wochenlang blasiert an ihren versen feilen\u201c, ist Bauers Sache nicht. So viel wird eingangs gleich einmal klargestellt \u2013 eine widerst\u00e4ndige Abgrenzung, eine knurrende Poetik des, sagen wir, Alles-nur-nicht-Klugschei\u00dfens.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Gleichzeitig und in reizvollem Kontrast zu diesen harschen T\u00f6nen zeugen Bauers Verse von handwerklicher K\u00f6nnerschaft, poetischem Traditionsbewusstsein, profunder Kenntnis und ja, durchaus auch von wochenlanger konsequenter Arbeit. Bauer ist als passionierter Leser bekannt, als poeta legens quer durch die Literaturgeschichte von der Antike bis in die Gegenwart; auf Catull und Plautus hat er in seinen Texten mit derselben Selbstverst\u00e4ndlichkeit reagiert, mit der er auch aktuelle popkulturelle Bez\u00fcge herstellt und zeitgen\u00f6ssische DichterkollegInnen kuratorisch und herausgeberisch vernetzt. Vom Sonett bis zum formstrengen Gedichtekranz finden wir auch in Bauers neuem Band traditionsbezogenes Dichtungshandwerk im inhaltlichen Einklang mit geistiger Zeitgenossenschaft. Er ist also ein ganz B\u00f6ser, dem wir schleunigst kulturelle Aneignung \u00fcber die Jahrtausende vorwerfen sollten \u2013 oder dem wir vielleicht doch lieber die Kunst des Weiterschreibens hoch anrechnen wollen, jenes Schreibens also, dem immer ein Lesen vorangeht und folgt, ein ehrf\u00fcrchtiges Lesen, aber sicher kein stummes. Auch f\u00fcr Bauer, nicke ich, sind Lesen und Schreiben nicht wirklich voneinander zu trennen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Die Zeitl\u00e4ufe, das Timing, das Eingebundensein in vorangegangene und nachfolgende Epochen, dazwischen das Hier und Jetzt, all dies ist in Bauers Versen ein immer wiederkehrendes Thema in vielf\u00e4ltigen Fassetten und wechselndem formalen Gewand. \u201edie schneepfl\u00fcge schieben das jahr in sein ende\u201c, lese ich. Ja, verdammt noch mal, das stimmt, schon wieder ein Jahr vorbei, denke ich mir und w\u00e4hne mich ob der Schneepflugmetapher schon in Tirols Bergen, zumal sich in Bauers Versen jederzeit auch etwas von der Leichtigkeit und Eleganz des wirklich guten Skifahrers zeigt. Ich denke dabei nicht etwa an einen Rennl\u00e4ufer, der um Hundertstelsekunden geizend einen Abfahrtshang hinunterbrettert; vielmehr haben Bauers Gedichte immer Zeit f\u00fcr richtig sch\u00f6ne Schw\u00fcnge, Enjambements, Verschr\u00e4nkungen von Vers zu Vers, stets im rechten Moment changierend zwischen Stand- und Spielbein, oder Bergski und Talski, wie es wohl richtiger hei\u00dfen muss. Ein bisschen staubt mir beim Lesen der Tiroler Tiefschnee um die Ohren, so metaphorisch erfrischend, als w\u00e4re ich selbst dieser gute Skifahrer, und f\u00fcr manche Lekt\u00fcremomente bin ich es vielleicht sogar \u2013 das nennt man dann Lesevergn\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Das Weiterschreiben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich oben sagte, dass Lesen und Schreiben f\u00fcr mich im Gedicht untrennbar miteinander verbunden sind, so mag es an dieser Stelle noch angebracht sein dar\u00fcber nachzudenken, was die Lekt\u00fcre von Bauers Band f\u00fcr mein eigenes Weiterschreiben bedeuten kann. Ich selbst schreibe Gedichte derzeit als Lyrikskeptiker und habe f\u00fcr mich, zumindest vorl\u00e4ufig, vieles verworfen, was (meine) Gedichte bisher ausgemacht hat. Ich glaube mir selbst nicht mehr recht, wenn ich Verse mit h\u00fcbschen Enjambements zu Strophen anordne und einen schmucken Titel dar\u00fcberstelle. So stanze ich aus pers\u00f6nlicher \u00dcberzeugung Gedichte derzeit (wie sich beispielsweise in der Zeitschrift manuskripte nachlesen l\u00e4sst) lieber als rohe Bl\u00f6cke aus der amorphen Masse des Sagbaren, als sch\u00f6ne Verse zu ziselieren. Bauers Band zeigt mir nun jedoch so ausdr\u00fccklich und eindrucksvoll wie schon lange keine andere Lyriklekt\u00fcre, dass man das Gedicht mit seinen traditionellen Wesensz\u00fcgen und Attributen nicht sprengen, nicht verlassen muss, um sich gedankenscharf, frei von Kitsch und Pathos zeitgen\u00f6ssisch zu artikulieren. Das wird f\u00fcr mich gewiss nicht ohne Folgen bleiben und in die eine oder andere eigene Schreibentscheidung einflie\u00dfen, sei es affirmativ oder auch als Kontrapunkt, als Reibefl\u00e4che<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helwig Brunner liest den neuen Gedichtband &#8222;an den hunden erkennst du die zeiten&#8220; von Christoph W. 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