{"id":11007,"date":"2022-09-25T02:12:50","date_gmt":"2022-09-25T00:12:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=11007"},"modified":"2023-03-13T09:59:46","modified_gmt":"2023-03-13T08:59:46","slug":"breitenfellner-ambivalent-magisch-selbstreflexiv-und-elitar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2022\/09\/25\/breitenfellner-ambivalent-magisch-selbstreflexiv-und-elitar\/","title":{"rendered":"Ambivalent, magisch, selbstreflexiv und elit\u00e4r"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/breitenfellner-kirstin\/\">Kirstin Breitenfellner<\/a> geht es systematisch an und liest <\/strong><br><strong>Jochen Strobels <em>Ged<\/em><\/strong><em><strong>ichtanalyse. Eine Einf\u00fchrung.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Vor drei\u00dfig Jahren schloss ich mein Studium mit dem Magistertitel ab. Als ich anfing zu studieren, gab es noch keine Literaturschulen. Wer Germanistik studierte, wollte entweder in den Schuldienst oder an der Universit\u00e4t bleiben, in einen Verlag oder eine Zeitung. Oder selbst schreiben. Ich hatte vor, Romanautorin zu werden. Und war erstaunt, als ich nach einer gewissen Latenzphase, in der der Wunsch in der Luft hing und nicht und nicht Wirklichkeit werden wollte, anfing, Gedichte zu schreiben. Vielleicht w\u00fcrde das nur eine vor\u00fcbergehende Phase sein, \u00fcberlegte ich. Eigentlich war ich mir dessen beinahe sicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber als ich dann, zehn Jahre sp\u00e4ter, meinen ersten Roman ver\u00f6ffentlichte, ging das Gedichteschreiben weiter. Mit zun\u00e4chst gro\u00dfen Pausen, zwischen denen keine einzige Zeile zu greifen war \u2013 meine Gedichte beginnen meistens damit, dass mir, oft beim Aufwachen, eine erste oder auch zweite Zeile erscheint. Doch je mehr Romane ich schrieb, desto \u00f6fter stellten sich auch Gedichte ein. Ein R\u00e4tsel, dachte ich, bis ich mich daran erinnerte, dass meine Liebe zur Literatur eigentlich mit Gedichten begonnen hatte, mit Gedichten, die ich wieder und wieder las, weil sie mich zu Tr\u00e4nen r\u00fchrten, gerade weil ich sie nie zur G\u00e4nze verstehen konnte. Hugo von Hofmannsthal, Georg Trakl, Ingeborg Bachmann, Else Lasker-Sch\u00fcler hatten mich, vermittelt durch die Begeisterung von Lehrern und Professoren, ergriffen und ihre Kunst nie wieder losgelassen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:46% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1005\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Literaturanalyse-am-Wolfgangsee-1-1005x1024.jpg\" alt=\"Jochen Strobels Buch &quot;Gedichtanalyse. Eine Einf\u00fchrung&quot; am Ufer des Wolfgangsees auf einem Foto von Kirstin Breitenfellner\" class=\"wp-image-11058 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Literaturanalyse-am-Wolfgangsee-1-1005x1024.jpg 1005w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Literaturanalyse-am-Wolfgangsee-1-295x300.jpg 295w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Literaturanalyse-am-Wolfgangsee-1-147x150.jpg 147w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Literaturanalyse-am-Wolfgangsee-1-768x782.jpg 768w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Literaturanalyse-am-Wolfgangsee-1-370x377.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Literaturanalyse-am-Wolfgangsee-1-800x815.jpg 800w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Literaturanalyse-am-Wolfgangsee-1-20x20.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Literaturanalyse-am-Wolfgangsee-1-185x188.jpg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Literaturanalyse-am-Wolfgangsee-1-740x754.jpg 740w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Literaturanalyse-am-Wolfgangsee-1-400x407.jpg 400w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Literaturanalyse-am-Wolfgangsee-1-47x48.jpg 47w\" sizes=\"(max-width: 1005px) 100vw, 1005px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Das Studium an der Universit\u00e4t Heidelberg in den 1980er Jahren war so frei, wie man es sich heute kaum mehr vorstellen kann. Man besuchte die Vorlesungen, die einen ansprachen. Pr\u00fcfungen musste man dar\u00fcber nicht ablegen, schlie\u00dflich studierte man das Fach ja freiwillig. Interesse wurde deswegen vorausgesetzt. Auch in den Seminaren setzte niemand auf Systematik, ich selbst schon gar nicht. Im Mittelpunkt stand das Kunstwerk. Wir nahmen ein Gedicht und interpretierten es gemeinsam zwei Stunden lang. W\u00e4hrenddessen lernte man von dem, was die Erfahreneren beitrugen. Auch auf diese Weise gelangt man zu Wissen. In dieses hatte ich immer vertraut. Beim Schreiben und beim Interpretieren von Romanen und Gedichten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 Kirstin Breitenfellner<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Aber warum nicht auch einmal systematisch an etwas herangehen, dachte ich, als ich die Betreuung von Lyrikrezensionen f\u00fcr die Poesiegalerie \u00fcbernahm. Zum ersten Mal im Leben reizte es mich, eine Gesamtschau bzw. Einf\u00fchrung zur Hand zu nehmen. Ich entschied mich f\u00fcr Jochen Strobels \u201eGedichtanalyse. Eine Einf\u00fchrung\u201c, Band 59 der Grundlagen der Germanistik aus dem Erich Schmidt Verlag, erschienen mehr als zwanzig Jahre, nachdem ich die Universit\u00e4t verlassen hatte. Ich las sie im Garten und am See, im Caf\u00e9 und im Bett. Und siehe da: Sie war beinahe nie langweilig. Im Gegenteil. Sich die ganze Bandbreite dessen, was Lyrik vermag, sowie das vorhandene Instrumentarium, mit dem man ihre Ambiguit\u00e4ten wenn nicht fassen, so doch abstecken oder einkreisen kann, vor Augen f\u00fchren zu lassen, weckt Assoziationen und Erinnerungen, Neugier und Ideen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das beginnt mit der Relekt\u00fcre von bekannten Lyrikdefinitionen wie der von Ezra Pound: \u201eGro\u00dfe Literatur ist einfach Sprache, die bis zur Grenze des M\u00f6glichen mit Sinn geladen ist. Dichten = condensare.\u201c Oder von G\u00fcnther Eich: \u201eLyrik ist \u00fcberfl\u00fcssig, unn\u00fctz, wirkungslos. Das legitimiert sie in einer utilitaristischen Welt. Lyrik spricht nicht die Sprache der Macht \u2013 das ist ihr verborgener Sprengstoff.\u201c Oder Gottfried Benn: \u201eEin Gedicht entsteht \u00fcberhaupt sehr selten \u2013 ein Gedicht wird gemacht.\u201c So wie bei mir selbst, wenn die ersten beiden Zeilen erst einmal da sind. Der Rest ist Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Traditionelle Lyrik mit ihren klaren Formen und wohlbekannten Inhalten macht es den Interpretinnen und Interpreten noch vergleichsweise leicht, deswegen kreisen die Reflexionen von Strobel vor allem um moderne Lyrik, die aufgrund ihres Hangs zur Uneindeutigkeit und ihres Potentials zur Verst\u00f6rung f\u00fcr viele so unnahbar scheint. Tatsache ist, dass sogar viele Literaturkritiker keine Lyrik lesen, geschweige denn rezensieren. Dabei sind Gedichte doch so kurz? Warum werden sie in unserer schnelllebigen Zeit dennoch immer weniger rezipiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Lyrik sei eine elit\u00e4re Angelegenheit, meint Strobel. Das liege an ihrer K\u00fcnstlichkeit, Bewusstheit und kritische Kontrolle sowie einer fortlaufenden Reflexion des eigenen Entstehungsprozesses. Ihre Anspielungen und Verfremdungen erforderten viel Vorwissen \u2013 sowie die Mu\u00dfe, sich auf ihre \u201eUnverst\u00e4ndlichkeit\u201c einzulassen. Man denkt an Immanuel Kants Begriff des \u201efreien Spiels der Einbildungskraft\u201c f\u00fcr dieses zum Scheitern verurteilte Sinnergreifenwollen, das dennoch Lust verschafft. Strobel erinnert bei seinen vielen Definitionsversuchen auch an die Formel von Georg Wilhelm Hegel, der das Geheimnis der Lyrik mit dem Begriff der \u201eSubjektivit\u00e4t mit reflektorischer Distanz\u201c einzufangen versuchte, die, wie Strobel meint, auch noch auf die zeitgen\u00f6ssische Lyrikproduktion zutrifft.<\/p>\n\n\n\n<p>In jedem Kapitel analysiert Strobel beispielhaft Texte, die meisten sollten Lyrikversierten bekannt sein, und es ist sch\u00f6n, auf solche Weise alten Freunden wieder zu begegnen, wie etwa Hofmannsthals \u201eVorfr\u00fchling\u201c, Trakls \u201eGrodek\u201c oder Bachmanns \u201eDie gestundete Zeit\u201c. Aber auch Entdeckungen sind dabei, wie etwa die sorbisch-deutsche Lyrikerin R\u00f3\u017ea Doma\u0161cyna. Der Germanist w\u00fcrdigt den Zug von Lyrik zur Intermedialit\u00e4t und den intuitiven Anteil der Gedichtlekt\u00fcre. Er analysiert ihre Tendenz zum magischen Denken: die Postulierung von Koh\u00e4renz bei wahrscheinlicher Kontingenz, sprich die Herstellung von Zusammenhang, wo keiner besteht. Und er betet die wichtigsten Gedicht- und Versformen durch. Theorie und Praxis halten sich in dieser Einf\u00fchrung gut die Waage. Aber auch das Verstehenwollen und die Ermunterung (seines eigentlich studentischen Zielpublikums) zum Stehenlassen von Ambivalenzen. Sein Buch vermag damit zum Interpretieren von Gedichten zu animieren. Aber auch dazu, die Theorie wieder hinter sich zu lassen \u2013 und wieder selbst Gedichte zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:76px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:22% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"343\" height=\"500\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Strobel-Gedichtanalyse.jpg\" alt=\"Cover von Jochen Strobel: &quot;Gedichtanalyse. Eine Einf\u00fchrung&quot; aus dem Erich Schmidt Verlag, 2015\" class=\"wp-image-11045 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Strobel-Gedichtanalyse.jpg 343w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Strobel-Gedichtanalyse-206x300.jpg 206w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Strobel-Gedichtanalyse-103x150.jpg 103w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Strobel-Gedichtanalyse-185x270.jpg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Strobel-Gedichtanalyse-20x29.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Cover-Strobel-Gedichtanalyse-33x48.jpg 33w\" sizes=\"(max-width: 343px) 100vw, 343px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-medium-font-size\">Jochen Strobel: <a href=\"https:\/\/www.esv.info\/978-3-503-15599-6\">Gedichtanalyse. Eine Einf\u00fchrung.<\/a> Erich Schmidt Verlag, 2015. 348 Seiten, Euro 20,50<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kirstin Breitenfellner schreibt \u00fcber &#8222;Gedichtanalyse. Eine Einf\u00fchrung&#8220; des Autors Jochen Strobel als Sommerlekt\u00fcre 2022<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":11137,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[467,526],"tags":[248],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Ambivalent, magisch, selbstreflexiv und elit\u00e4r - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Kirstin Breitenfellner liest Jochen Strobels &quot;Gedichtanalyse. 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