{"id":12124,"date":"2022-11-21T10:00:00","date_gmt":"2022-11-21T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=12124"},"modified":"2023-03-13T09:56:18","modified_gmt":"2023-03-13T08:56:18","slug":"schmitzer-solekt-im-kraut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2022\/11\/21\/schmitzer-solekt-im-kraut\/","title":{"rendered":"Im Kraut"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/schmitzer-stefan-2\/\">Stefan Schmitzer <\/a>liest Ovids <em>Metamorphosen<\/em> <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst die fesche Scylla am Strand. Sie<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\t(\u2026) frischt (\u2026) im umfriedeten Wasser die Glieder.\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Dann Auftritt Glaucus, fischschw\u00e4nziger Meeresgott,<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\tgebannt von Verlangen beim Anblick der Jungfrau,\n<\/pre>\n\n\n\n<p>aber sie will nat\u00fcrlich nicht und l\u00e4uft ihm \u00fcber die Felsen hin davon, w\u00e4hrend er vergeblich hintendrein schwimmt. Am Ende einer Landzunge stellt er sie, und sie gestattet zumindest, dass er ihr seine Herkunft erz\u00e4hlt. Die geht so: Er war fr\u00fcher ein sterblicher Mensch, ein Fischer, bis es ihm einmal geschah, dass er den Fang aus seinen Netzen auf einer gut versteckten Wiese auslegte, und die toten Fische, da sie das Gr\u00fcn ber\u00fchrten, ihm davonsprangen, wiederbelebt, zur\u00fcck ins Meer. Das Kraut, das so etwas bewirkt, musste er nun nat\u00fcrlich selber kosten. Sogleich verwandelte es ihn. (Merkw\u00fcrdig, dass er auf Anhieb wei\u00df, es sei gerade das Kraut, und nicht z.B. die Stellung der Gestirne, eine vers\u00e4umte Opfergabe oder sonstwas). &#8222;Erde, leb wohl&#8220;, ruft er noch aus,<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\ttauchte den Leib in die Fluten[,]\n<\/pre>\n\n\n\n<p>und findet sich wiedergeboren als Fabelwesen. Es folgen noch Unterwasser-Advent\u00fcren. Scylla ist davon wenig beeindruckt bzw. wohl vor allem abgesto\u00dfen vom fischigen Unterleib und zieht sich zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Wir merken uns insbesondere:<em> Das Kraut.<\/em><br><br>Glaucus schwimmt nun nach der Insel \u00c4\u00e4a, wo die Zauberin Zirze wohnt, Sachverst\u00e4ndige f\u00fcr Verwandlungs-, Liebes- und wiederum Kr\u00e4uterdinge. Sie soll ein Etwas wirken, um Scylla f\u00fcr ihn zu, nun ja, bezirzen. Zirze ihrerseits aber will Glaucus f\u00fcr sich, samt Fischschwanz, doch vergeblich:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">(\u2026) \"Es wachsen\t\nB\u00e4ume im Meere zuvor und Algen auf den Gipfeln der Berge,\nehe mein Lieben sich wandelt, solange Scylla mir heil ist.\"\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Im Nachhinein betrachtet: ungl\u00fcckliche Wortwahl. Wir aber merken uns: Das Bild vom vertauschten Wachstum der B\u00e4ume und Algen.<br>Zirze, zur\u00fcckgewiesen, hilft nun zum Schein dem Wassermann. Sehr wohl braut sie aus Kr\u00e4utern einen magischen Badezusatz, mit dem sie in der Lieblingsbadebucht der Scylla verseucht \u2013 doch was der bewirkt, ist mitnichten der bestellte Liebeszauber, sondern die Verwandlung von Scyllas Unterleib in eine Menge von<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">bellenden Greuelgesch\u00f6pfen.\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Obwohl Scylla nun durchaus nicht mehr &#8222;heil ist&#8220;, wie in seiner Bedingung ausgedr\u00fcckt, will Glaucus noch immer nicht mit Zirze schmusen. Im Gegenteil: er<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">floh die Vereinung mit Circe,\n<\/pre>\n\n\n\n<p>die ihrerseits unerh\u00f6rt-traurig heimfliegt (schwimmt? rudert?). Scylla bleibt an Ort und Stelle zur\u00fcck, schmiedet Rachepl\u00e4ne und wird, viel sp\u00e4ter, andere Geschichte, von den G\u00f6ttern zu Stein verwandelt.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Das Riff noch meidet der Seemann.\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Diese Episode bildet das Ende des dreizehnten und den Beginn des vierzehnten Buchs der Metamorphosen von Ovid. Auff\u00e4llig ist die selbstverst\u00e4ndliche Beziehung von Wiesenkr\u00e4utern und Unterseeischem. Es geschieht zweimal, dass die blo\u00dfe Ber\u00fchrung eines Krauts den Unterleib von einem Menschen in etwas Fischiges verwandelt, zuerst bei Glaucus, dann Scylla. Es scheint sich um das gleiche Kraut zu handeln, das zum Einsatz kommt. Blo\u00df ist seine Wirkung einmal naturw\u00fcchsig und &#8222;wunderbar&#8220; \u2013 wir bestaunen den einzelnen, irgendwie noch tolerabler Fischschwanz, dessen sch\u00f6n funkelnde Schuppen gar Erw\u00e4hnung im Text finden \u2013 und beim zweiten Mal nur noch gruselig und alien. Wo ein Nymphen-Hintern war, da werden viele Unterwasser-Unget\u00fcme. Der Unterschied erkl\u00e4rt sich durch die Bosheit Zirzes, die ja gerade nicht erreichen will, dass Scylla und Glaucus als pl\u00f6tzlich Gleichartige sich in die Arme fallen \u2026 Oder ist da eine Moral von der Geschichte \u00fcber die Schlechtigkeit von Technologie eingebaut?<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:auto 40%\"><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Anyway: Ungef\u00e4hr in der Mitte zwischen die beiden Instanzen von [(Kraut) -&gt; (Fisch)] h\u00e4ngt der Ausruf von Glaucus, wonach eher Algen auf Bergen wachsen, und B\u00e4ume im Meer, als dass er mit Zirzen usw. Ich lese diese Stelle als das Scharnier zwischen den beiden Verwandlungsszenen. Und denke mir, angesichts der Zusammengeh\u00f6rigkeit von Wiesenkraut und Meeresglitschigkeit in der Geschichte, die ja irgendwo herkommen muss, dass in jenem Ausruf eine Fr\u00fchform, eine Steinzeit-Ritualform vielleicht, eine Halluzinationsform des erz\u00e4hlten Geschehens abgebildet ist.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Stefan Schmitzer<\/p>\n<\/div><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"759\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Schmitzer-Foto-Ovid-Metamorphosen-Solekt-22-759x1024.jpg\" alt=\"Schmitzer Foto Ovid Metamorphosen Solekt 22\" class=\"wp-image-12128 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Schmitzer-Foto-Ovid-Metamorphosen-Solekt-22-759x1024.jpg 759w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Schmitzer-Foto-Ovid-Metamorphosen-Solekt-22-222x300.jpg 222w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Schmitzer-Foto-Ovid-Metamorphosen-Solekt-22-111x150.jpg 111w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Schmitzer-Foto-Ovid-Metamorphosen-Solekt-22-370x499.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Schmitzer-Foto-Ovid-Metamorphosen-Solekt-22-185x250.jpg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Schmitzer-Foto-Ovid-Metamorphosen-Solekt-22-740x998.jpg 740w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Schmitzer-Foto-Ovid-Metamorphosen-Solekt-22-20x27.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Schmitzer-Foto-Ovid-Metamorphosen-Solekt-22-400x539.jpg 400w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Schmitzer-Foto-Ovid-Metamorphosen-Solekt-22-36x48.jpg 36w\" sizes=\"(max-width: 759px) 100vw, 759px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><br>Stellen wir uns einen Priester vor, der einen Baum, oder eben ein ganz bestimmtes Zauberkraut, rituell und feierlich von der Ziegenweide droben am Berg hinunter zum Strand tr\u00e4gt und im Meer versenkt, und dann, wie er vom selben Ort ein B\u00fcschel (sagt man B\u00fcschel?) Algen, Muscheln, Meeresschlatz nimmt und auf den Berg hinaufbringt. (Wo kann das gewesen sein? \u2013 Auf Delos, wo in attischer Zeit ein Orakel des Glaucus stand.) Oder nicht mal priesterlich \u2013 vielleicht auch nur ein jahreszeitlicher Hirtenzauber? Eine heruntergekommene Geste der notwendigen Zusammenarbeit chalkolithischer Fischer und Hirten miteinander? Und zu solchem wandelbaren Gemeinschafts-Zinnober verschiedene Versionen der Geschichte. Versionen, die gut ausgehen \u2013 wo keine Zirze vorkommt, wo Glaucus und Scylla am Ende gleichf\u00f6rmig, beide mit einzelnem Fischschwanz, davonschwimmen, Hand in Hand in den Sonnenuntergang \u2026 Oder eine Version, in denen sich Glaucus verwandelt und Scylla nicht \u2026 M\u00fcndliche Versionen, in die sich Fisch- und Kr\u00e4uterwissen einflechten l\u00e4sst, Kataloge von essbaren und ungenie\u00dfbaren Sachen \u2026 Eine Version, in der die zwei Verwandlungen ihren Goldmarie-Pechmarie-Charakter betonen \u2013 was macht der eine richtig, das die andere falsch macht? Ist es am Ende eine Erz\u00e4hlung von &#8222;nat\u00fcrlichen Unterschieden&#8220; zwischen Mann und Frau? Patriarchale Ideologie? &#8222;M\u00e4dels, bleibt besser an Land \u2026&#8220; (Ganz geschwiegen von dem unvorteilhaft einfach zu deutenden Umstand, dass \u2013 zumindest in der niedergeschriebenen Version \u2013 der Zauber-Unterleib des Kerls ein funkelnder Zauberschwanz ist, der Zauber-Unterleib der Frau aber eine chaotische Menge verschlingender Gruselm\u00e4uler \u2026)<\/p>\n\n\n\n<p><br>Man merkt vielleicht: ich habe die Textstelle ein wenig zu oft gelesen; sie begleitet mich durch diesen Sommer 2022, und zwar genau, weil die Beziehung von Kraut und Meer mir so \u00fcberhaupt nicht einleuchtet. Die &#8222;Erkl\u00e4rung&#8220; steht nicht im Text, so oft ich ihn anschaue. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit der Setzung mag dem sp\u00e4tantiken Publikum Ovids gel\u00e4ufig gewesen sein (weil man z. B. irgendeine volksmedizinische Anwendung vor Augen hatte), oder so v\u00f6llig ungel\u00e4ufig wie mir heute \u2013 sie l\u00e4dt jedenfalls, s.o., zum Halluzinieren ein.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Auch denkbar ist freilich, dass die Resonanz der Textstelle eher von meinem bestehenden Unwillen herr\u00fchrt, bei der Hitze mit ans Meer zu fahren.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:26% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"314\" height=\"499\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/cover-ovid-metamorphosen-.jpg\" alt=\"cover ovid metamorphosen\" class=\"wp-image-12131 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/cover-ovid-metamorphosen-.jpg 314w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/cover-ovid-metamorphosen--189x300.jpg 189w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/cover-ovid-metamorphosen--94x150.jpg 94w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/cover-ovid-metamorphosen--185x294.jpg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/cover-ovid-metamorphosen--20x32.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/cover-ovid-metamorphosen--30x48.jpg 30w\" sizes=\"(max-width: 314px) 100vw, 314px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-medium-font-size\">\u200eOvid. Metamorphosen, dtv Verlag, 1999, 496 Seiten, Euro 29,- <\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan Schmitzer liest Ovids Metamorphosen  als Sommerlekt\u00fcre 2022 f\u00fcr die Poesiegalerie <\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":12129,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[467,526],"tags":[466,152],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Im Kraut - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Stefan Schmitzer liest Ovids Metamorphosen als Sommerlekt\u00fcre 2022 f\u00fcr die Poesiegalerie\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2022\/11\/21\/schmitzer-solekt-im-kraut\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Im Kraut - 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