{"id":13178,"date":"2023-02-22T00:30:00","date_gmt":"2023-02-21T23:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=13178"},"modified":"2023-02-23T11:32:18","modified_gmt":"2023-02-23T10:32:18","slug":"hammerschmid-interpretation-pandemoniumsbazar-fiston-mwanza-mujila","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2023\/02\/22\/hammerschmid-interpretation-pandemoniumsbazar-fiston-mwanza-mujila\/","title":{"rendered":"Viele werden. Eine utopisch aufgeladene, elegische Widerstandhymne f\u00fcr die Fl\u00fcchtenden dieser Welt und einen Trompeter"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/hammerschmid-michael\/\">Michael Hammerschmid<\/a> liest <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/mwanza-mujila-fiston\/\">Fiston Mwanza Mujilas<\/a> <em>PANDEMONIUMSBASAR<\/em> <em>(f\u00fcr einen Trompeter)<\/em> aus dem Band <em>Kasala f\u00fcr meinen Kaku &amp; andere Gedichte<\/em><\/h3>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>PANDEMONIUMSBASAR\n<em>(f\u00fcr einen Trompeter)<\/em><\/strong>\n\nwir sind Dutzende\nHunderte und vielleicht sogar Tausende, die\ndiese Namen tragen\ndie gleichen Prothesen seit dem Zeitalter der behauenen Steine \ndie gleichen fast unaussprechlichen Schn\u00f6rkel\ndie gleichen Silben mit Zitronengeschmack\nsie verweisen, diese Namen, in entlegene Gegenden\nund zerlegte Geographien\nin die M\u00e4ander des kollektiven Ged\u00e4chtnisses\n\nNamen die\n- \u00e4hnlich dem Kreuz auf einem verlassenen Grab -\nanmuten wie Marktflecken, durchgeimpft im aberwitzigen Takt \nvon zweiundsechzig Bomben t\u00e4glich\nMarktflecken mit verkr\u00fcppelten H\u00e4usern\nim Keim erstickte Marktflecken\nhungernde Marktflecken\nvon Cholera getroffene und (ohne Vorwarnung)\nzur Friedhofsruhe reduzierte Marktflecken!\nMarktflecken mit verk\u00fcmmerten, blutleeren Tr\u00e4umen\nvom Paradies entw\u00f6hnt\nverunstaltete Marktflecken\neingedr\u00fcckte Marktflecken\ngeisterhafte Marktflecken\nohne Strom und Flie\u00dfendwasser\ndes lieben Gottes beraubt und den Dschihadisten ausgeliefert \nsowie anderen spinnerten K\u00e4mpfern\nohne Glauben oder Moral, die nichts anderes im Sinn haben \nals dem Leben die Fresse zu polieren\n\nwir sind viele in diesem pathetischen Schaust\u00fcck\nDutzende, Hunderte oder Millionen, die dasselbe Schicksal\nzur Schau tragen\n(einige von uns verschreiben sich dieser makabren \u00dcbung\nseit der psychedelischen Geburt dieser niederen Gefilde)\ndie Angst zu besiegen und fieberhaft zu versuchen\nmit allen Mitteln\n\u2013 auf die Gefahr hin dabei den eigenen Leichenm\u00fcll zu hinterlassen \u2013 \ndas \u00c4g\u00e4ische Meer zu \u00fcberwinden oder das andere namens \nMittelmeer\ndavon zu tr\u00e4umen die T\u00fcrkei, Ungarn, Slowenien\noder Sibirien zu durchqueren\nin der Hoffnung nach Frankreich vorzudringen oder bis zur\n    schwedischen Hauptstadt\nohne \u00fcberhaupt zu wissen, wo uns die Beine hintragen \nHauptsache andocken\n\nwir sind Hunderte\nmit Angst im Bauch\ndie K\u00f6rper mechanisch\nvon oben bis unten schimmelig\nmit nichts bekleidet und schleppen in dieser\nendlosen\nProzession mit, was von der Heimat \u00fcbrig ist: das Lied der \nPapageien, der abendliche Tanz, das L\u00e4cheln, der Duft vom Tee, \ndas Antlitz einer Mutter, das Fehlen eines Bruders ...\n\nzu Hunderten stehen wir an der T\u00fcr\nwir pochen und werden pochen, bis unsere Stimmen\nbei euch Geh\u00f6r finden\ndabei warten wir seit dem Hahnenschrei\ndass sich diese oder jene andere Stadt mit einer freundlichen Geste\n       hervorhebt\n\nzu Millionen sind wir in Griechenland geparkt\nabgestellt in Libyen oder ausgebremst in der T\u00fcrkei\ntragen den gleichen nach Guaven duftenden Firlefanz zur Schau \nden Blick in den Sternen\nentflammt f\u00fcr die Hoffnung\nentschlossen zu \u00fcberleben\nindem wir der Ersch\u00f6pfung trotzen und der Krankheit trotzen und\n    dem Durst\ntrotzen und der winterlichen K\u00e4lte trotzen, dem Unwetter,\n    den Schergen,\nder Anarchie und der Sonne trotzen\nbis wir unsere H\u00e4nde nicht mehr f\u00fchlen, den Gebrauch\ndes Geschlechts verlieren, der Augen, der Rede, der Nase\nund des linken Beins\nbis wir Halluzinationen entwickeln\nvon einer Welt ohne Kalaschnikows fantasieren\nunsere Tr\u00e4ume lautstark formulieren\nauf dass sie durch ihre Untersetzung den Wesen und den Dingen \nihre W\u00fcrde zur\u00fcckgeben\n\nweil wir durch Regen und Sonne laufen m\u00fcssen \ndurch Schnee und Schlamm\ndurch Einsamkeit und Hoffnung\nwird uns schwindelig\nund dadurch verlieren wir den Bezug\nzu den Maschinen und zu uns selbst\nwir wissen nicht mehr, wer wir sind\naus welchem Fleisch wir geknetet wurden\n  oder welchem Stammbaum wir entspringen\n  kurzum, was unsere Sitten waren und ob wir\n  schon immer Menschen gewesen sind\n\ndie Erde dreht sich nicht mehr um die Sonne\nsie stockt oder schaltet ab, je nachdem\nund die gestrigen R\u00e4ume werden rissig, so dass sie uns zum Exil\n    verdammen\nohne Wiederkehr\n\nfalls wir aus Versehen merken, dass wir\nin einer schweren, fast zerebralen\nUtopie leben\nhaben wir indes keine Ahnung, wie\nden Kopf aus dem Wasser exhumieren\ndenn es bed\u00fcrfte wom\u00f6glich einer maritimen Metapher\num dieser Verzweiflung die rechte Anatomie zu verleihen\nsagen wir so: wir sind kleine Fig\u00fcrchen inmitten einer st\u00fcrmischen\n     See\nsagen wir es nochmal so: das Wasser dringt uns schon in Mund,\n    Ohren und Nase\nsagen wir es nochmal so: der Schiffbruch ist offensichtlich gro\u00df\n\ndie Hunde stimmen somit ins Konzert ein\nkaum dass wir des nachts jaulen\ndoch aus dieser zur Regierungsform erhobenen Kakophonie\nerw\u00e4chst nichts Genie\u00dfbares\nalles zerbricht\nmit einem verheerenden Elan und wir, noch Millionen,\nsind auf der Suche\nnach einem Ort, um die letzten Worte niederzulegen\nin diesem Pandemoniumsbasar, der die Welt ist\n\n(aus<em> Kasala f\u00fcr meinen Kaku &amp; andere Gedichte <\/em>\n<em>\/ Kasala Pour Mon Kaku et autres po\u00e8mes.<\/em>\nAus dem Franz\u00f6sischen von Elisabeth M\u00fcller. \nRitter Verlag, Klagenfurt, 2022.) <\/pre>\n\n\n\n<p>Bereits der Titel des Gedichts \u201ePANDEMONIUMSBASAR\u201c von Fiston Mwanza Mujila l\u00e4dt zur Interpretation ein, denn es sind in ihm zwei Worte zusammengesetzt, die den Klang des Fremden und Dunklen auf suggestive Weise anschlagen. Das Wort \u201eBasar\u201c ist zwar durchaus gebr\u00e4uchlich, gleichzeitig schwingt in ihm seine persische Herkunft mit, es verleiht dem Titel einen orientalischen Klang. Das Wort \u201ePandemonium\u201c, weit weniger gel\u00e4ufig als jenes, ist John Miltons Versepos \u201eParadise Lost\u201c entnommen, wo es die Hauptstadt und das Zentrum der H\u00f6lle bezeichnet. Im Wortamalgam ergibt das Zusammenspiel von orientalischem Tauschhandel und Inferno ein d\u00fcster-aufgew\u00fchltes Anfangsbild, das in der \u00dcbersetzung Elisabeth M\u00fcllers auch mit dem franz\u00f6sischen Nebenklang des Wortes \u201ebazar\u201c (umgangssprachlich auch \u201eChaos\u201c, \u201eDurcheinander\u201c) korrespondiert.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Trompeter und EinMannOrchester<\/h4>\n\n\n\n<p>Werfen wir nun einen Blick auf den ungew\u00f6hnlichen Klammer-Zusatz des Titels, der das Gedicht einem Trompeter zueignet und es mit diesem Wink als Musikst\u00fcck ausweist. Dies nimmt freilich nicht Wunder, wenn man an Fiston Mwanza Mujilas zahlreiche Auftritte mit verschiedenen Musikerinnen und Musikern denkt und an seine gro\u00dfe Affinit\u00e4t zum Jazz und zu anderen Musikrichtungen. In dem im Gedichtband abgedruckten Interview bringt der Autor seine Position zur Verbindung von Musik und Literatur auf den Punkt, wenn er sagt: \u201eJeder Text ist eine musikalische Komposition.\u201c Und gleich darauf hei\u00dft es: \u201eWas mich angeht, so verwende ich die (franz\u00f6sische) Sprache, wie Max Roach sich seines Schlagzeugs bedient, Meskala seiner Trompete, Dudu Pukwana seines Saxophons, Bheki Msekuku seines Klaviers (\u2026)\u201c. Von hier aus erscheint es also durchaus folgerichtig, dass dieses Gedicht \u201eeinem Trompeter\u201c gewidmet ist. Wir h\u00e4tten freilich auch einfach das erste Kasala \u2013 eine afrikanische Form der Beschw\u00f6rung, des Lobpreises, der Anrufung \u2013 lesen k\u00f6nnen und w\u00e4ren auf eine Stelle gesto\u00dfen, die ebenso \u00fcber Musik und Literatur, dies freilich in Gedichtart spricht:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">ich habe beschlossen, das EinMannOrchester meines Schicksals zu sein \nich selbst am Schlagzeug: KENNY CLARKE\nich selbst an der Trompete: MASEKELA\nich selbst am Klavier: TAPSCOTT\nich selbst am Kontrabass: MINGUS\nich selbst am Saxophon: SANDERS\ndazu MAKEBAS begnadete Stimme \nund f\u00fcr meine Mutter MA\u2019NANGA und die Sterne vom Himmel zu tr\u00e4llern\ndie Unabh\u00e4ngigkeit Cha-Cha-Cha<\/pre>\n\n\n\n<p>Das Ich wird hier zum praktizierenden Musiker, der sich zugleich in seine liebsten Musiker*innen und ihre Musik verwandelt und mit seinem polyphonen \u201eEinMannOrchester\u201c nun sein Schicksal intonieren kann. Das Zitat stammt aus dem ersten Gedicht von \u201eKasala f\u00fcr meinen Kaku\u201c, und die Stelle l\u00e4dt sich programmatisch f\u00fcr den ganzen Gedichtband auf. Der eine Autor, der viele wird. Damit haben wir es bei Fiston Mwanza Mujila mit einer zentralen Eigenschaft seiner Dichtung zu tun, n\u00e4mlich mit ihrer Multitude, also einer Vielheit an Stimmen, Kl\u00e4ngen und Figurationen, die eben musikalisch, sozusagen einmannorchestrisch komponiert wird. Und einer Multitude begegnen wir nun auch gleich im Gedicht \u201ePANDEMONIUMSBASAR\u201c, die freilich noch ganz andere, nicht rein musikalische, sondern vor allem soziale Assonanzen ins Spiel bringt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u201ewir sind Dutzende\u201c<\/h4>\n\n\n\n<p>\u201ewir sind Dutzende \/ Hunderte und vielleicht sogar Tausende, die \/ diese Namen tragen\u201c, setzt das vierseitige Langgedicht ein, \u00fcbrigens eine Form, die in \u00d6sterreich selten geschrieben wird. Freilich haben ihr Ann Cotten oder Stefan Schmitzer, um nur zwei der bekannteren Autor*innen zu nennen, auch hier eine Schneise geschlagen, dennoch kommt sie bei Fiston Mwanza Mujila aus einer ganz anderen Tradition, einer m\u00fcndlichen, afrikanischen und auch frankophonen, und entfaltet eine ganz eigene Dynamik. Gleich begegnen wir an diesem Gedichtbeginn einem \u201eWir\u201c, und es definiert sich in seiner dreimal betonten Vielzahl \u201ewir sind Dutzende \/ Hunderte und vielleicht sogar Tausende\u201c. Dieses Wir hat also keinen bestimmten Begriff seiner eigenen Vielheit, es hat aber einen unbestimmten, eine Eigenschaft, die zun\u00e4chst an das diffuse Wir des (rechten) Populismus denken l\u00e4sst. Hier ist diese Unbestimmtheit freilich eine ganz andere, wie wir gleich sehen werden. Denn es handelt sich um keine gew\u00e4hlte, ideologisch zur Verundeutlichung und Manipulation eingesetzte, sondern um eine aus Not und Desorientierung entstandene Vagheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Vielen werden in den folgenden Zeilen dann \u00fcber die Qualit\u00e4t ihrer nicht genannten Namen charakterisiert: \u201ewir sind Dutzende (\u2026), die \/ diese Namen tragen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">die gleichen Prothesen seit dem Zeitalter der behauenen Steine \ndie gleichen fast unaussprechlichen Schn\u00f6rkel\ndie gleichen Silben mit Zitronengeschmack\nsie verweisen, diese Namen, in entlegene Gegenden \nund zerlegte Geographien \nin die M\u00e4ander des kollektiven Ged\u00e4chtnisse<\/pre>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Un-Gleichen und das \u201ediasporische Wir\u201c<\/h4>\n\n\n\n<p>Mit dieser Aufz\u00e4hlung \u2013 das Gedicht, wie viele andere in dem Band, entwickelt seine Dynamik, seine Gestik und seinen Drive nicht zuletzt aus der Aufz\u00e4hlung \u2013, mit dieser Aufz\u00e4hlung also wird dieses Wir \u00fcber die Arten seiner Namen charakterisiert. Sie werden als \u201eProthesen seit dem Zeitalter der behauenen Steine\u201c bezeichnet, als \u201edie gleichen fast unaussprechlichen Schn\u00f6rkel\u201c, als \u201edie gleichen Silben mit Zitronengeschmack\u201c. Die sinnlichen und aus sehr unterschiedlichen Bildspendern stammenden Metaphern reichern dieses Wir an, obwohl die Einzelnen einander \u00fcber diese unterschiedlichen Qualit\u00e4ten hinaus, die die Metaphern zum Ausdruck bringen, \u201egleichen\u201c. Es wird mithin ein Widerspruch formuliert, der zwischen der Sch\u00f6nheit der vielen unterschiedlichen Namen auf der einen Seite und dem Gleichsein im Sinne eines Gleichgemachtwerdens durch den Blick auf diese Vielen auf der anderen besteht. \u201esie verweisen, diese Namen, in entlegene Gegenden \/ und zerlegte Geographien \/ in die M\u00e4ander des kollektiven Ged\u00e4chtnisses\u201c, hei\u00dft es weiter. Beinahe theoretisch mutet diese Formulierung an, man k\u00f6nnte sie sich in einem Essay gut vorstellen. Die Inversion \u201ediese Namen\u201c ver\u00e4ndert freilich den Ton und r\u00fcckt ihn ins Poetische, ebenso die Genitivmetapher \u201eM\u00e4ander des kollektiven Ged\u00e4chtnisses\u201c. Ort (\u201eGegenden\u201c, \u201eGeographie\u201c) und kollektives Ged\u00e4chtnis werden hier ineinander geblendet, wodurch das \u201ediasporische Wir\u201c, wie man es nennen k\u00f6nnte, weiter an bildhafter Gestalt und Tiefe gewinnt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Geografien von Elend und Zerst\u00f6rung<\/h4>\n\n\n\n<p>Wir kommen zur n\u00e4chsten der insgesamt zehn Strophen des Gedichts, die wieder mit den \u201eNamen\u201c einsetzt und ein Bild der Zerst\u00f6rung und des Elends zeichnet: \u201eNamen, die \/ \u2013 \u00e4hnlich dem Kreuz auf einem verlassenen Grab \u2013 \/ anmuten wie Marktflecken, durchgeimpft im aberwitzigen Takt\u201c, beginnt diese Strophe, und die Marktflecken werden nun vielmals angesprochen. Wir streifen mit dem Wort Marktflecken den Titel, \u201eBasar\u201c, doch sind diese Markflecken komplett zerst\u00f6rt und ihre Menschen pauperisiert. Markt und Namen, also das Wir, werden miteinander verglichen und u.a. beschrieben als \u201eMarktflecken mit verkr\u00fcppelten H\u00e4usern \/ im Keim erstickte Marktflecken \/ hungernde Marktflecken (\u2026) geisterhafte Marktflecken \/ ohne Strom und Flie\u00dfendwasser \/ (\u2026) ohne Glauben oder Moral, die nichts anderes im Sinn haben \/ als dem Leben die Fresse zu polieren\u201c. Das Gedicht transportiert dieses Wir als eine Juxtaposition von Ort und Elend, von Namen und Namenlosigkeit, von Zerst\u00f6rung und nochmal (sic!) Zerst\u00f6rung. Denn der Nachdruck entsteht durch die variierte Wiederholung, strukturell-sprachlich, aber auch semantisch, indem dieser Vergleich des Wir mit der Geografie ein Bildfeuer des Elends zum Ausdruck bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ewir sind viele in diesem pathetischen Schaust\u00fcck\u201c, hei\u00dft es dann weiter, und es wird in dieser n\u00e4chsten Strophe nun klarer, von wem die Rede ist, n\u00e4mlich von jenen, die \u201edas \u00c4g\u00e4ische Meer\u201c oder \u201eandere namens \/ Mittelmeer\u201c zu \u00fcberwinden versuchen, um nach Europa zu gelangen. Der Ansatz des Gedichts besteht nun darin, diese selbst als Wir sprechen zu lassen, eine Art kollektive und vielf\u00e4ltige Stimme zu entwickeln und sich entfalten zu lassen. Wieder und wieder wird die Menge dieses Wir genannt: \u201ewir sind Hunderte \/ mit Angst im Bauch\u201c oder \u201ezu Hunderten stehen wir an der T\u00fcr\u201c oder \u201ezu Millionen sind wir in Griechenland geparkt \/ abgestellt in Libyen oder ausgebremst in der T\u00fcrkei\u201c. Mit diesen Formulierungen nimmt das Gedicht die diffuse Angst vor den Fremden auf, wie sie in Europa so oft erzeugt und funktionalisiert wird, verwandelt sie aber auch zum Mittel potenzieller und tats\u00e4chlicher St\u00e4rke und potenziellen und tats\u00e4chlichen Widerstandes gegen die Angsthaber aus ganz anderen Gr\u00fcnden, n\u00e4mlich die Machthaber der L\u00e4nder, in denen diese vielen ihre Zukunft suchen. \u201e (\u2026) wir pochen und werden pochen, bis unsere Stimmen \/ bei euch Geh\u00f6r finden\u201c, hei\u00dft es etwa. Aber auch: \u201eund schleppen in dieser \/ endlosen \/ Prozession mit, was von der Heimat \u00fcbrig ist: das Lied der \/ Papageien, der abendliche Tanz, das L\u00e4cheln, der Duft vom Tee, das Antlitz einer Mutter, das Fehlen eines Bruders (\u2026)\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ohnmacht und Gegenkraft, die notwendige Lautst\u00e4rke und die Frage der W\u00fcrde<\/h4>\n\n\n\n<p>Fiston Mwanza Mujilas Gedicht ist aus Widerspr\u00fcchen gemacht, die die Gleichzeitigkeit verschiedener Wirklichkeiten artikulieren. Einerseits wird die komplette Verelendung dieser Menschen benannt: \u201ewir sind Hunderte \/ mit Angst im Bauch \/ die K\u00f6rper mechanisch \/ von oben bis unten schimmelig \/ mit nichts bekleidet\u201c, andererseits ihre Kraft:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">indem wir der Ersch\u00f6pfung trotzen und der Krankheit trotzen und \n     dem Durst\ntrotzen (\u2026) \nbis wir Halluzinationen entwickeln\nvon einer Welt ohne Kalaschnikows fantasieren\nunsere Tr\u00e4ume lautstark formulieren\nauf dass sie durch ihre Untersetzung den Wesen und den Dingen\nihre W\u00fcrde zur\u00fcckgeben<\/pre>\n\n\n\n<p>Hier entpuppt sich dieses Gedicht als utopisch aufgeladene, elegische Widerstandshymne auf die Elenden und Fl\u00fcchtenden dieser Welt, die nach Europa kommen und deren innerer Auftrag, wenn man so sagen kann, darin besteht, W\u00fcrde zur\u00fcckzugeben. Wohlgemerkt, nicht W\u00fcrde zur\u00fcckzubekommen, passiv, sondern aktiv, diese zur\u00fcckzugeben. An dieser Stelle k\u00f6nnte man diesen Auftrag im Gedicht des von der Demokratischen Republik Kongo 2007 nach Europa ausgewanderten Dichters Fiston Mwanza Mujila erf\u00fcllt sehen. Und das Gedicht formuliert diesen Traum selbst auch lautstark. Denkt man an Fiston Mwanza Mujilas Performances, so l\u00e4dt sich diese Lautst\u00e4rke ganz konkret mit einer Auff\u00fchrungspraxis und Wirklichkeit auf. Denn seine Rezitationen sind oft \u00e4u\u00dferst laut, und dieses Recht auf lauten und deutlichen Ausdruck l\u00e4sst sie noch einmal anders leuchten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Bittere Entfremdung und die (potenzielle) Rolle von Zufall und Metapher<\/h4>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chste Strophe thematisiert die Entfremdung, die das Elend, der Hunger, die K\u00e4lte und die grausamen Bedingungen auf der Flucht als Preis von den Fl\u00fcchtenden einfordert:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">weil wir durch Regen und Sonne laufen m\u00fcssen\ndurch Schnee und Schlamm \n(\u2026) \nverlieren wir den Bezug\nzu den Maschinen und zu uns selbst\nwir wissen nicht mehr, wer wir sind<\/pre>\n\n\n\n<p>In dieser Passage wird die Zerst\u00f6rung der Identit\u00e4t durch Flucht bedr\u00e4ngend deutlich. Es ist eine der bittersten Stellen des Poems, da sie zeigt, wie schwer die Entfremdung wiegt, indem sie die Menschen ihres Selbstbezugs beraubt und ihnen so die M\u00f6glichkeit nimmt, sich als autonome, sich selbst definierende und erkennende Subjekte wahrzunehmen. Nur der Zufall scheint ein Fenster zur Selbsterkenntnis offenzulassen:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">falls wir aus Versehen merken, dass wir\nin einer schweren, fast zerebralen\nUtopie leben\nhaben wir indes keine Ahnung, wie\nden Kopf aus dem Wasser exhumieren<\/pre>\n\n\n\n<p>Doch ist auch diese Formulierung schmerzhaft und abgr\u00fcndig, denn der Tod spricht hier mit. Als Leser*in muss man sp\u00e4testens jetzt begriffen haben, dass es sich tats\u00e4chlich um die Beschreibung des Zentrums der H\u00f6lle auf Erden handelt. Und es ist allein die Ambivalenz im Paradox des Sich selbst-Exhumierens, das hier so faktisch unm\u00f6glich wie r\u00e4tselhaft vielleicht doch m\u00f6glich erscheint, mit der das Gedicht an dieser Stelle gleichsam \u2013 zumindest ins Sprachliche &#8211; transzendiert. Denn in der folgenden Passage wird die Metapher, auch wenn nur in einem doppelten Konjunktiv, f\u00fcr einen kurzen Moment als Befreiungs- und Hoffnungsmittel angesprochen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">denn es bed\u00fcrfte wom\u00f6glich einer maritimen Metapher\num dieser Verzweiflung die rechte Anatomie zu verleihen\nsagen wir so: wir sind kleine Fig\u00fcrchen inmitten einer st\u00fcrmischen \n     See\nsagen wir es nochmal so: das Wasser dringt uns schon in den Mund, \n     Ohren und Nase\nsagen wir es nochmal so: der Schiffbruch ist offensichtlich gro\u00df<\/pre>\n\n\n\n<p>Dreimal wird es also gesagt, drei Bilder fassen den Status quo zusammen. Es geht in dieser Conclusio um nichts weniger als um die Benennung des Todes durch die grausamen und unmenschlichen Bedingungen auf der Flucht. Das Gedicht endet nicht hoffnungsvoller als mit der oben kurz aufflackernden Metapher.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">die Hunde stimmen somit ins konzert ein \nkaum dass wir des nachts jaulen \ndoch aus dieser zur Regierungsform erhobenen Kakophonie \nerw\u00e4chst nichts Genie\u00dfbares \nalles zerbricht \nmit einem verheerenden Elan und wir, noch Millionen, \nsind auf der Suche \nnach einem Ort, um die letzten Worte niederzulegen \nin diesem Pandemoniumsbasar, der die Welt ist<\/pre>\n\n\n\n<p>Alles l\u00e4uft hier auf den dunklen Gehalt des Titel zu. \u201ealles zerbricht\u201c, das Fazit ist so desillusionierend wie die Tatsache der von Woche zu Woche auf der Flucht strandenden, verelendenden, umkommenden, ertrinkenden Menschen. Das Gedicht \u00e4u\u00dfert Solidarit\u00e4t mit diesen Menschen. Es variiert sein Thema der Multitude, der Vielheit jenseits der scheinbar \u201eeurop\u00e4ischen\u201c Einheit, und es gibt die Stimme der Trompete, die die Europ\u00e4er im Mittelalter vom Orient \u00fcbernommen haben und die in der Musikgeschichte oft zu einer Stimme von gro\u00dfen Kr\u00e4ften und M\u00e4chten wurde wie beispielsweise bei Mozart, dessen Don Giovanni auf seiner H\u00f6llenfahrt bekanntlich von Fanfaren begleitet wird.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Fiston Mwanza Mujila: <a href=\"https:\/\/www.ritterbooks.com\/produkt\/kasala-fuer-meinen-kaku-kasala-pour-mon-kaku\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Kasala f\u00fcr meinen Kaku &amp; andere Gedichte \/ Kasala Pour Mon Kaku et autres po\u00e8mes. <\/em><\/a>Aus dem Franz\u00f6sischen von Elisabeth M\u00fcller. Mit einem Interview des Autors von Antoine Wauters. Ritter Verlag, Klagenfurt, 2022. 176 Seiten. \u20ac 23,\u2013<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine<\/strong> <strong>Besprechung von <strong><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/streitler-kastberger-nicole\/\">Nicole Streitler-Kastberger<\/a><\/strong> zu <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/mwanza-mujila-fiston\/\">Fiston Mwanza Mujilas<\/a> <a href=\"https:\/\/www.ritterbooks.com\/produkt\/kasala-fuer-meinen-kaku-kasala-pour-mon-kaku\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Kasala f\u00fcr meinen Kaku &amp; andere Gedichte<\/em><\/a> finden Sie <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2023\/01\/17\/besprechung-streitler-kastberger-selbstbildnis-mit-urgrossvater\/\">hier<\/a>. <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Hammerschmid liest Fiston Mwanza Mujilas &#8222;PANDEMONIUMSBASAR (f\u00fcr einen Trompeter)&#8220; aus dem Band &#8222;Kasala f\u00fcr meinen Kaku &#038; andere Gedichte&#8220; f\u00fcr die Poesiegalerie <\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":12720,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[105,271],"tags":[516,173],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Viele werden. 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