{"id":13522,"date":"2023-03-31T10:10:00","date_gmt":"2023-03-31T08:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=13522"},"modified":"2023-04-07T22:05:39","modified_gmt":"2023-04-07T20:05:39","slug":"kawasser-besprechung-nach-den-gipfeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2023\/03\/31\/kawasser-besprechung-nach-den-gipfeln\/","title":{"rendered":"Nach den Gipfeln"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/kawasser-udo\/\">Udo Kawasser<\/a> liest Christoph Ransmayrs <em>Unter einem Zuckerhimmel. Balladen und Gedichte<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es ist ein merkw\u00fcrdiges Buch, das uns das Fr\u00fchjahrsprogramm des S.Fischer-Verlags beschert hat. Der helle kartonierte Einband weist es als neuesten Band von Christoph Ransmayrs \u201eSpielformen des Erz\u00e4hlens\u201c aus, eine Reihe, die er neben seinen gro\u00dfen Romanen als Experimentierfeld f\u00fcr kleinere Ver\u00f6ffentlichungen pflegt. Es ist immerhin schon der zw\u00f6lfte Titel nach vorangegangenen B\u00fcchern wie <em>Arznei gegen die Sterblichkei<\/em>t von 2019, das drei Reden versammelt, oder <em>Damen und Herren unter Wasser von <\/em>2014, einer Bildergeschichte mit Unterwasserfotografien von Manfred Wakolbinger.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:auto 39%\"><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Prominent und layouttechnisch perfekt platziert prangt eine Illustration von Anselm Kiefer auf dem Einband, ein t\u00fcrkisblauer Fleck auf wei\u00dfem Grund, der in seiner Form an Nordamerika erinnert und in einem den Wunsch ausl\u00f6st, mehr von diesen Bildern zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht das erste Mal, dass die seit zwanzig Jahren befreundeten K\u00fcnstler zusammenarbeiten. Schon 2014 hat Ransmayr in seiner Reihe den Band Der Ungeborene oder die Himmelsareale des Anselm Kiefer\u201c ver\u00f6ffentlicht. Im Zentrum standen damals seine ersten Besuche in La Ribote, einer stillgelegten Seidenfabrik in S\u00fcdfrankreich, die Kiefer bis heute als Atelier und Laboratorium dient. Angesprochen auf das Zustandekommen dieser Zusammenarbeit erz\u00e4hlte Ransmayr in der sonnt\u00e4glichen \u00d61-Gespr\u00e4chsreihe Intermezzo, dass ihn der K\u00fcnstler nach seinem neuesten Projekt gefragt habe, worauf er ihm das damalige Manuskript zusandte. Nachdem er zwei Monate lang kein Wort vom Maler geh\u00f6rt hatte, meinte er schon, dass dieser nichts mit den Texten habe anfangen k\u00f6nnen. Er staunte dann umso mehr, als ihm pl\u00f6tzlich ein Paket mit 120 Aquarellen mit Kiefers Bemerkung \u201eMach damit, was du willst\u201c geliefert wurde. Und so werden die dreizehn \u201eBalladen und Gedichte\u201c Ransmayrs von durchschnittlich acht Illustrationen begleitet, wodurch der Band auf stattliche 207 Seiten anw\u00e4chst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 S.Fischer<\/p>\n<\/div><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"320\" height=\"476\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Cover-Ransmayr-Christoph-Unter-einem-Zuckerhimmel.jpg\" alt=\"Cover Ransmayr Christoph Unter einem Zuckerhimmel\" class=\"wp-image-13523 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Cover-Ransmayr-Christoph-Unter-einem-Zuckerhimmel.jpg 320w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Cover-Ransmayr-Christoph-Unter-einem-Zuckerhimmel-202x300.jpg 202w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Cover-Ransmayr-Christoph-Unter-einem-Zuckerhimmel-101x150.jpg 101w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Cover-Ransmayr-Christoph-Unter-einem-Zuckerhimmel-20x30.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Cover-Ransmayr-Christoph-Unter-einem-Zuckerhimmel-32x48.jpg 32w\" sizes=\"(max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Um als ausgewiesener Prosaautor sein lyrisches Unternehmen zu rechtfertigen, hat Ransmayr ein Vorwort hinzugef\u00fcgt, in dem er erz\u00e4hlt, dass er als Kind die ersten \u201eErz\u00e4hlungen vor allem als Ges\u00e4nge\u201c von Mutter und Magd und sp\u00e4ter dann auch vom Gitarre spielenden Pfarrer geh\u00f6rt habe. Als der kleine Ransmayr dann mit dem Alphabet der Buchstabensuppe zu lesen lernte, fand er die Ges\u00e4nge in den B\u00fcchern wieder, was in ihm die \u00dcberzeugung reifen lie\u00df, \u201edas wohl Verse und gesungene Strophen die vollendete Form einer Geschichte sein mu\u00dften\u201c. Um \u00fcberzogenen Erwartungen vorzubeugen f\u00fcgt Ransmayr hinzu, dass er mit diesem Band nicht den Versuch mache, \u201ees gro\u00dfen Dichtern nachzutun oder gar zu ihnen aufzuschlie\u00dfen\u201c. Dass diese scheinbar ambitionslosen Texte, die nur \u201ein dankbarer Erinnerung\u201c an die ersten Geschichten seines Lebens geschrieben wurden, von einem der ber\u00fchmtesten Maler der Welt illustriert wurden, der daf\u00fcr bekannt ist Celans und Bachmanns Verse in seine Werke einflie\u00dfen zu lassen, ist nur eine der an Merkw\u00fcrdigkeiten reichen Publikation.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen ersten Vorgeschmack auf die Texte bekommen die Leser*innen auf der R\u00fcckseite des Einbands, wo das titelgebende Gedicht \u201eUnter einem Zuckerhimmel\u201c, das gleichzeitig das k\u00fcrzeste Gedicht des Bandes darstellt, abgedruckt ist.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Unter einem Zuckerhimmel\n\nWir spielen\nunter einem Zuckerhimmel\nKrieg,\n\nnennen flackernde\nStrohfeuer\nEwigkeit\n\nund jede Katastrophe\neinen Sieg.\n\nWas immer auf uns niederf\u00e4hrt:\nWir nehmen es gelassen,\nheiter\n\nund spielen\nund spielen weiter\nunter einem Zuckerhimmel Krieg.<\/pre>\n\n\n\n<p>Es handelt sich um einen der wenigen Texte im Band, dem man die Gattungsbezeichnung \u201eGedicht\u201c nicht absprechen kann, hat er doch eine verdichtete Form und arbeitet dazu noch mit Reimen (\u201eKrieg \u2013 Sieg\u201c oder \u201eheiter \u2013 weiter\u201c). Aber schauen wir viel lieber, weil ergiebiger, wer da aus welcher Position heraus spricht. Wenn nicht aus einer olympischen, so wird doch das Erdengeschehen aus einer stark \u00fcberh\u00f6hten Position wahrgenommen, sodass sich der von oben gesehene Wolkenhimmel wie Zuckerwatte darstellt. Und aus dieser Position wird dem abgehobenen Ich, das aus der Position des abgekl\u00e4rten Weisen in der Wir-Form spricht, erkennbar, dass die scheinbaren \u201eEwigkeiten\u201c der Menschen nur \u201eStrohfeuer\u201c und auch die \u201eKriege\u201c nur ein \u201eSpiel\u201c sind. Wenn diese Gleichung vor dem Hintergrund des brutalen Kriegs Russlands gegen die Ukraine schon etwas frivol wirkt, so macht der Vers \u201eWas immer auf uns niederf\u00e4hrt:\/ Wir nehmen es gelassen,\/ heiter\u201c fassungslos. Von welchem \u201eWir\u201c wird hier gesprochen? Von den Opfern des Kriegs? Oder von dem \u201eWir\u201c der Hausbesitzer \u00fcber dem Attersee? Oder ist mit dem &#8222;Wir&#8220; die Mediengesellschaft vor den Bildschirmen gemeint? Wenn ja, stimmt es dann wirklich, dass wir &#8222;gelassen&#8220; und &#8222;heiter&#8220; weiterspielen?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.21.55-1024x682.png\" alt=\"Illustration von Anselm Kiefer zu Christoph Ransmayrs Gedicht &quot;Odysseus&quot;\" class=\"wp-image-13528 lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.21.55-1024x682.png 1024w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.21.55-300x200.png 300w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.21.55-150x100.png 150w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.21.55-768x511.png 768w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.21.55-370x246.png 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.21.55-800x533.png 800w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.21.55-20x13.png 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.21.55-740x493.png 740w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.21.55-600x400.png 600w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.21.55-72x48.png 72w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>\u00a9  S.Fischer<\/p>\n\n\n\n<p>Doch \u00f6ffnen wir nun endlich den Gedichtband, wo uns als Erstes \u201eOdysseus\u201c entgegentritt, ein weiterer der vier k\u00fcrzeren Texte im Band, der ansonsten mehrseitige \u201eBalladen\u201c enth\u00e4lt und am Ende mit dem badenden Telemachos zum anf\u00e4nglichen Mythos zur\u00fcckkehrt. Der durchaus originelle Grundgedanke des Gedichts verbindet die Sehnsucht Odysseus\u2018 nach Ithaka mit dem durchaus autobiografischen Wunsch des kranken Ichs nach einem l\u00e4ngeren Spitalsaufenthalt wieder nach Hause entlassen zu werden, nicht ohne schon an die M\u00f6glichkeiten neuer Reisen zu denken.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Und so warte ich, \nder St\u00e4dteverw\u00fcster, der Listenreiche,\nim Morgenrot\nauf die letzte Pr\u00fcfung meines Blutes,\nauf meine Entlassungspapiere [\u2026] <\/pre>\n\n\n\n<p>Die homerischen Attribute des listenreichen St\u00e4dteverw\u00fcsters bilden einen witzigen Kontrast zur modernen Pedanterie der \u201eEntlassungspapiere\u201c, doch \u00fcberrascht die starke Identifikation mit dem weitgereisten mythischen Heros. Es ist ein Merkmal dieser Texte, dass sie immer wieder historische oder mythische Sprechmasken verwenden, worauf anscheinend auch Kiefer reagiert hat, der sich ein merkw\u00fcrdiges Spiel mit dem Namen des Autors erlaubt, den er mal als \u201eRansmayer\u201c, mal als \u201eRansmeyer\u201c verschriftlicht, einmal setzt er sogar nur den Vornamen \u201eChristoph\u201c. Ransmayr erkl\u00e4rt im oben zitierten Gespr\u00e4ch in \u00d61, dass Kiefer, mit dem er vom ersten Zusammentreffen an immer per Du war, durch den Namen durch diesen spielerischen Umgang zu einem fiktiven Element im Kieferschen Kosmos macht und so eben nicht mit dem konkreten Autor ident sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch wirken die ungebrochenen Sprechinstanzen in den Texten seltsam aus der Zeit gefallen, n\u00e4mlich vor allem in dem, was sie umtreibt. Als lebten wir am H\u00f6hepunkt der Romantik im 19.Jahrhundert geht es etwa in \u201eRuhest\u00e4tte unauffindbar\u201c um die Frage, ob sich nicht hoch \u00fcber dem Ionischen Meer die \u00dcberreste eines Heldengrabs \u201eaus schwarzem Marmor\u201c finden lie\u00dfen, in dem ein Held von Troja liegen solle. Aus dem 19. Jahrhundert scheint auch das in vielen Gedichten durchscheinende Entdecker-Ich zu stammen, das sich zu allen wei\u00dfen Flecken auf der Landkarte aufmachen will. Tats\u00e4chlich, und bei Ransmayr auch wenig \u00fcberraschend, zieht sich das Motiv des Reisens durch den ganzen Band und viele der l\u00e4ngeren Texte f\u00fchren an abgelegene Orte, mit Vorliebe auf Bergesgipfel wie in \u201eNachrichten aus der H\u00f6he\u201c, das so beginnt:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u00dcber das Spaltengewirr des Gletschers\nsieht der Fl\u00fcchtling\nWolkenschatten dahingleiten\nund die Wandfluchten emporsteigen,\nbis sie sich in einem blauschwarzen,\nmit Kumuluswolken beh\u00e4ngten Himmel verlieren.\nHier f\u00fchrt jeder Blick nur noch h\u00f6her:\n\naus der prunkenden Vegetation\nmit ihrem \u00dcberflu\u00df an D\u00fcften,\nins Gr\u00fcn gesprengten Farben und Bl\u00fctenformen\nhoch hinaus \u00fcber alle organische Pracht\nund durch seidig schimmernde Dunstbarrieren\nweiter in den blendenden \nalles \u00fcberstrahlenden Glanz des Eises,\ndas in seinen Kristallen den Sauerstoff,\ndas Aroma und die Atemluft\nvon Jahrtausenden bewahrt.<\/pre>\n\n\n\n<p>An diesen beiden Strophen zeigt sich exemplarisch, was f\u00fcr fast alle l\u00e4ngeren Texte gilt: Sie lassen sich ohne jeden Verlust in eine Prosaform \u00fcberf\u00fchren, aus dem einfachen Grund, dass sie Prosa sind und die Zeilenspr\u00fcnge und Strophenform dem Text nichts hinzuf\u00fcgen. Versuchen Sie Ransmayrs Ma\u00dfstab des Gesangs anzulegen und rezitieren Sie die Verse laut. Mir ist es trotz mehrfacher Versuche nicht gelungen, einen Rhythmus zu finden, denn es handelt sich hier um Beschreibungsprosa, die sich mit scheinbar lyrisch-exquisitem Vokabular schm\u00fcckt (\u201egesprengten\u201c, \u201ePracht\u201c, \u201eseidig schimmernd\u201c), aber dennoch im Klischee stecken bleibt. Und dass sich ein \u201eFl\u00fcchtling\u201c, \u00fcber dessen Fluchtgr\u00fcnde wir nichts N\u00e4heres erfahren, bei seinem Gang durchs Gebirge \u00e4sthetisch am \u201e\u00dcberflu\u00df an D\u00fcften\u201c und \u201eins Gr\u00fcn gesprengten Farben\u201c delektiert, scheint, \u00e4hnlich fragw\u00fcrdig wie der fr\u00fcher schon erw\u00e4hnte olympische Blick auf den Krieg unterm Zuckerhimmel. Es sei denn, man will in ihm einen Zivilisationsfl\u00fcchtling erkennen, der zum Himmelsst\u00fcrmer wird. L\u00e4sst man sich darauf ein, so kann man auf Zeilen sto\u00dfen, die einen an Ransmayrs Roman Die letzte Welt von 1988 und damit an Ovid erinnern (S.68):<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Sein Haar verw\u00e4chst mit den Schmelzwasserfurchen,\ndie N\u00e4gel seiner H\u00e4nde, seiner F\u00fc\u00dfe\nwerden zu Schiefer,\nseine Augen zu Basalt.<\/pre>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"621\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.27.50-1024x621.png\" alt=\"Illustration von Anselm Kiefer zu Christoph Ransmayrs Gedicht &quot;Unter einem Zuckerhimmel&quot;\" class=\"wp-image-13529 lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.27.50-1024x621.png 1024w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.27.50-300x182.png 300w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.27.50-150x91.png 150w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.27.50-768x466.png 768w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.27.50-370x224.png 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.27.50-800x485.png 800w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.27.50-20x12.png 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.27.50-740x449.png 740w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.27.50-600x364.png 600w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Bildschirmfoto-2023-03-29-um-19.27.50-79x48.png 79w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><meta http-equiv=\"content-type\" content=\"text\/html; charset=utf-8\"><\/meta>\u00a9 S.Fischer<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schluss des Gedichts schl\u00e4gt ein Thema an, das sp\u00e4ter auch in der \u201eBallade von der gl\u00fccklichen R\u00fcckkehr\u201c, ein Titel, der an Handke gemahnt, wieder auftaucht, n\u00e4mlich die Frage, was denn f\u00fcr den manisch Reisenden am Ende der ganzen Gipfelst\u00fcrmerei und der Erforschung der fernsten Ecken der Welt steht? F\u00fcr den Fl\u00fcchtling aus \u201eNachrichten aus der H\u00f6he\u201c ist es die R\u00fcckkehr aus den reinen H\u00f6hen \u201ein den Abgrund, [\u2026] zu den Menschen.\u201c, was f\u00fcr einen, der die Menschen scheut oder den Krieg erwartet, durchaus verst\u00e4ndlich ist. Dass dieser Weg zur\u00fcck wom\u00f6glich viel l\u00e4nger dauern k\u00f6nnte als alle Reisen bis ans Ende der Welt d\u00e4mmert dem Ich in der \u201eBallade von der gl\u00fccklichen R\u00fcckkehr\u201c: \u201eDer Weg zu den Menschen, zur\u00fcck ins Vertraute\/verzehrt noch gr\u00f6\u00dfere Kr\u00e4fte\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wenden wir uns nun den Aquarellen von Anselm Kiefer zu, die mehr als zwei Drittel des Bandes ausmachen, und der Frage, wie er mit den Texten im Medium der Malerei umgegangen ist. Der K\u00fcnstler, der in seinem Werk immer wieder gerne auf die Technik des Aquarells zur\u00fcckgreift, ist seiner bisherigen Praxis treu geblieben, insofern er wie fr\u00fcher bei Bachmann und Celan, die Gedichtzeilen handschriftlich ins Bild einf\u00fcgt. Er setzt die Zeilen, die sich nicht immer mit der Endfassung decken, in Farblandschaften, die in den meisten F\u00e4llen abstrakt bleiben und aus Farbflecken und walzenf\u00f6rmigen Gebilden bestehen. So bieten die Illustrationen zum Krankenhaustext des \u201eOdysseus\u201c blutrote Striche auf einem pergamentartigen Untergrund, der aussieht, als h\u00e4tte man zuvor ein Tier auf ihm ausgeweidet. Dabei w\u00e4re es interessant zu erfahren, mit welcher Technik Kiefer diese f\u00fcr Aquarell ungew\u00f6hnlich satinierten Farbfl\u00e4chen zustande bringt. Zwar stellt Kiefer gelegentlich \u00fcber die Farbe oder die Form einen Bezug zum Text her, etwa wenn in \u201eNachrichten auf der H\u00f6he\u201c die Verszeile \u201eaus der prunkenden Vegetation\u201c tats\u00e4chlich gr\u00fcn illustriert ist oder auf der Doppelseite davor schneebedeckte Gebirgsz\u00fcge zu erkennen sind. Solche Bl\u00e4tter bilden aber nicht die Regel. Es scheint vielmehr, dass Kiefer sich von den Texten zu malerischen Experimenten anregen lie\u00df, deren Ergebnisse die Betrachter*innen s\u00fcchtig machen k\u00f6nnen und f\u00fcr die allein sich die Anschaffung des Bandes lohnt. Allerdings sind die 60,- Euro, die man f\u00fcr das Buch berappen muss, ein stolzer Preis, f\u00fcr den man leicht einen gro\u00dfen Kiefer-Katalog bekommen k\u00f6nnte. So lobenswert es ist, dass Verlage die alte Tradition fortf\u00fchren, Lyrik von bedeutenden K\u00fcnstlern illustrieren zu lassen, w\u00fcrde sich der Rezensent w\u00fcnschen, dass dies bevorzugt mit Dichter*innen geschieht, die an ihre Gedichte die h\u00f6chsten Anspr\u00fcche stellen und diese dann auch erf\u00fcllen oder zumindest erfolgreich daran scheitern.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Christoph Ransmayr: <em>Unter einem Zuckerhimmel. Balladen und Gedichte. <\/em>S. Fischer, Frankfurt am Main, 2022. 208 Seiten. Euro 60,50,-<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besprechung: &#8222;Nach den Gipfeln&#8220; &#8211; Udo Kawasser liest Christoph Ransmayrs &#8222;Unter einem Zuckerhimmel. 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