{"id":1391,"date":"2020-07-18T13:27:06","date_gmt":"2020-07-18T11:27:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=1391"},"modified":"2020-12-30T18:28:16","modified_gmt":"2020-12-30T17:28:16","slug":"doch-dann-werde-ich-erstens-stur-und-zweitens-wuetend-neu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2020\/07\/18\/doch-dann-werde-ich-erstens-stur-und-zweitens-wuetend-neu\/","title":{"rendered":"&#8222;Doch dann werde ich erstens stur und zweitens w\u00fctend&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<h3 class=\"has-text-color wp-block-heading\" style=\"color:#888888\"><\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"custom-small-subtitle wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/udo-kawasser\/\">Judith <\/a><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/pfeifer-judith-nika\/\" data-type=\"page\" data-id=\"1406\">Nika<\/a><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/udo-kawasser\/\"> Pfeifer<\/a> im Gespr\u00e4ch mit  <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/kawasser-udo\/\" data-type=\"page\" data-id=\"1420\">Udo Kawasser<\/a> \u00fcber Kreativit\u00e4t und Prekariat<\/h4>\n\n\n\n<p><strong>Wie w\u00fcrdest du deine k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit mit wenigen Worten beschreiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Puh, das ist gar nicht so einfach&#8230; Ich habe das Gef\u00fchl, ich habe Ideen, unglaublich viele Ideen und schaue dann, was davon und wie ich das umsetzen kann, in welcher Form auch immer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>W\u00e4re&nbsp;<em>Dichterin<\/em>&nbsp;eine Bezeichnung, die deine T\u00e4tigkeit beschreibt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man so will, ist einer meiner H\u00fcte&nbsp;<em>Dichterin<\/em>&nbsp;und ein weiterer ganz allgemein&nbsp;<em>K\u00fcnstlerin<\/em>. Ich mache ab und zu kurze Videos, Radioarbeiten, zeichne Comics. Eigentlich dreht sich alles ums Schreiben, das dann andere Formen annehmen kann. Etwa wenn ich einen Auftrag vom Literaturhaus Wien bekomme und einen Beitrag zu einer Ausstellung schreibe oder auf eine Anfrage hin eine Performance in den Sophiensaelen in Berlin zur&nbsp;<em>Verschw\u00f6rung der Idioten<\/em>&nbsp;konzipiere. Ich \u00fcberlege, wie sich das, was mich interessiert, umsetzen lie\u00dfe, frage mich, welche Gestalt etwas annehmen kann. Wird es etwas Radiophones, wird es etwas Auditives, wird es etwas Bildhaftes, wird es etwas Performatives? Die Gestalt kann sehr variieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Deine k\u00fcnstlerische Vielseitigkeit hat ja handfeste biographische Gr\u00fcnde. Du bist \u00fcber den FM4 Protestsongcontest zuerst einmal in die Musik eingestiegen und hattest \u00fcber Jahre eine Band mit dem Namen&nbsp;<em>Maronif<\/em>. Wie kamst du dann zur Literatur?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem sich die Band aufgel\u00f6st hatte, h\u00f6rte ich von der&nbsp;<em>schule f\u00fcr dichtung<\/em>-Klasse \u201eOrpheus in Eurydike\u201c von Ernst Molden und Augusta Laar und dachte, vielleicht geht es ja anders weiter und mache was mit Musik und Text, aber ohne zu singen. Oder singe doch ein bisschen \u2013 so landete ich in Ernst Moldens Songklasse. Aber was die M\u00fcnchnerin Augusta Laar in ihrer Dichtungsklasse tat, hat mir auch total gut gefallen, sodass ich am Schluss bei beiden mitmachte. So bin ich \u00fcber die fantastische Augusta Laar zu den Gedichten gekommen. Zuerst dachte ich mir,<em> well<\/em>, Dichter ist kein Job. Wer wird schon Dichter? Die meisten sind tot und man h\u00f6rt auch sonst wenig von ihnen. Ich fand es aber so cool, dass es Augusta gibt, die als Dichterin und K\u00fcnstlerin lebt und die ein gro\u00dfes Vorbild ist und die meinte: \u201eNa klar geht das, mach einfach.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und geht das?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, es ist eine sehr kreative und freie Art zu leben und zu arbeiten. Leben und Arbeiten lassen sich nicht trennen. Man hat keine Wochenenden, keinen Urlaub, kein Urlaubsgeld, kaum Aussicht auf eine Rente\/Pension. Nach Augustas &amp; Ernsts Klasse habe ich neben weiteren&nbsp;<em>schule f\u00fcr dichtung<\/em>-Klassen dann auch Seminare am&nbsp;<em>Institut f\u00fcr Sprachkunst<\/em>&nbsp;belegt und die&nbsp;<em>Leondinger Akademie f\u00fcr Literatur<\/em>&nbsp;absolviert, dabei ganz famose Autor*innen kennengelernt, die \u00fcber ihr Schreiben &amp; Wirken neue Welten entwerfen. Das waren und sind bis heute unglaublich wichtige Begegnungen und Erfahrungen f\u00fcr mich. Meine Arbeit, mein Tun ist mein Leben. Und das ist unglaublich reich, bunt, divers, voller spannender Facetten und sehr prek\u00e4r. Eigentlich super-prek\u00e4r. Doch ich habe gelernt, die Freiheiten zu sch\u00e4tzen, die es trotz aller Begrenzungen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Freiheiten sind das?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das spielt sich vor allem im Kopf ab und vielleicht sind es auch eingebildete Freiheiten. Wann immer ich angestellt war \u2013 auch wenn ich dabei sehr gute Erfahrungen gemacht habe \u2013 begleitete mich das Gef\u00fchl, dass ich nicht ganz bei mir bin, dass ich fremdbestimmt bin. Und das ist die Freiheit an meinem Tun, n\u00e4mlich dass ich bis zu einem gewissen Grad wei\u00df, warum ich etwas mache. Ich kann w\u00e4hlen, mit wem ich zusammenarbeite, und sollte das auch im Prozess zu toll werden, was mir zum Gl\u00fcck noch nie passierte, wei\u00df ich, dass es nur tempor\u00e4r ist. Das macht die gemeinsame Zusammenarbeit und geteilte Zeit auch so wertvoll. Man lernt extrem viel von anderen. Ich kenne viele Dichterinnen und Dichter, die Null Geld haben und bei denen ich mich frage, wovon sie \u00fcberhaupt leben. Doch unter den Prek\u00e4ren gibt es eine ganz starke Solidarit\u00e4t und einen Zusammenhalt, weil wir alle wissen, wie arg es ist, so zu leben. Das ist auch eine Form von Widerstand, weil es etwas gibt, das wichtiger ist als dieses System. Mir sind andere Dinge wichtig geworden und ich denke nicht, dass ich mir da etwas sch\u00f6nrede. <\/p>\n\n\n\n<p>Es dreht sich st\u00e4ndig darum, wer bekommt wieviel, welche Art der T\u00e4tigkeit hat welchen Stellenwert in unserer Gesellschaft und wird wie belohnt. Neid, Missgunst, Jammern halten einen immer in einer Art Opferrolle und Mangeldenken. Dabei sind Geld und Arbeit schon lange entkoppelt. Es geht auch um die innere Freiheit und darum, das Selbstvertrauen zu haben, das was einem wichtig ist, zu leben. Auch anders zu denken, aus dieser K\u00fcnstler-sind-arm-Rolle auszusteigen. Es ist so viel komplexer.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und was ist wichtig?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt jetzt vielleicht kitschig: Begegnungen. Eine Wertsch\u00e4tzung von Dingen, die jenseits des Monet\u00e4ren liegen, die auch komplett abseitig, flapsig, humorvoll sein k\u00f6nnen. Das Sch\u00f6ne, das in allem steckt, zelebrieren, das, was das Leben ausmacht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"http:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_0933-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-797 lazyload\" width=\"768\" height=\"1024\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_0933-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_0933-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_0933-370x493.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_0933-185x247.jpg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_0933-740x987.jpg 740w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_0933-20x27.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_0933-400x533.jpg 400w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_0933-600x800.jpg 600w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG_0933-36x48.jpg 36w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption>&#8222;Mein Leben ist unglaublich reich, bunt, voller Facetten und sehr prek\u00e4r. Eigentlich super-prek\u00e4r.&#8220;<br> Judith Nika Pfeifer beim Interview im Wiener Caf\u00e9 Sperl<br>\u00a9Foto: poesiegalerie<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Inwiefern ist das Leben f\u00fcr dich prek\u00e4r?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Naja, wenn man etwa nicht wei\u00df, wie man \u00fcberleben soll, was am Ende des n\u00e4chsten Monats passiert. Ob wieder Geld reinkommt oder nicht. Ob man auf der Stra\u00dfe steht, ob man Geld zum Essen hat. Wie man bzw. ob man, die Miete bezahlen kann&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und diese Situation trifft \u00f6fter bei dir ein?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das passiert \u00f6fters. Doch dann werde ich erstens stur und zweitens w\u00fctend und denke mir, ich habe es bisher geschafft und es wird weitergehen. Das gibt mir Kraft. Denn ich wei\u00df genau, was ich will, n\u00e4mlich das machen und so leben, wie ich es jetzt tue. Ich arbeite enorm viel, habe keine Wochenenden, keine Ferien, komme dennoch durch die Welt. Wie gesagt, ist Arbeiten und Leben miteinander verbunden. Das ich wei\u00df, wie es sich anf\u00fchlt, wenn man fremdbestimmt ist. Und dort will ich nicht mehr hin. Auch wenn es eine Illusion ist, weil wir ja ohnehin alle immer zugleich selbst-&nbsp;<em>und<\/em>&nbsp;fremdbestimmt sind. Bei allen Einschr\u00e4nkungen f\u00fchle ich mich sehr reich und vom Leben beschenkt, habe das gro\u00dfe Gl\u00fcck, Arbeits- und Projektstipendien bekommen zu haben. Es geht mir also gut. Auch wenn es sehr anstrengend ist, diese Art zu leben bringt einen dazu, im Hier &amp; Jetzt zu leben. Und man fragt sich: Was schneit wohl als n\u00e4chstes Wunder in mein Leben? <em>By the way<\/em>: Das Durchschnittsalter von Autor*innen liegt bei 63 Jahren. Oder waren es Journalist*innen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie geht frau damit um, wenn monatlich nur ein paar Hundert Euro hereinkommen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Less is more<\/em>&nbsp;ist eine wichtige, auch sehr befreiende Grundhaltung und zu wissen, wo die eigenen Grenzen sind. Es gibt verschiedene Wege des Umgangs. Einer w\u00e4re, das Konto aufzuf\u00fcllen, bevor man sich wieder in ein Abenteuer oder Projekt st\u00fcrzt und schaut, wie lange es sich ausgeht. Dann muss man halt wieder von vorne beginnen. Andererseits gibt es Leute, die auf Nummer sicher gehen und einen Basisjob haben, etwa bei einer Nachrichtenagentur wie Sonja Harter. Auch Monika Rinck war lange bei einem Radiosender angestellt. Und dann gibt es Spielernaturen, die versuchen, von Stipendien zu leben und immer wieder vor dem Abgrund stehen, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Anderen wiederum gibt eine Anstellung, vielleicht auch eine halbe Stelle die n\u00f6tige Freiheit und Sicherheit, ihre Kunst zu machen. Es gibt so viele unterschiedliche Strategien und Wege wie es Lyriker*innen bzw. K\u00fcnstler*innen gibt. Und: Es gibt ja auch materiell und sonstwie reiche Menschen unter ihnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie findest du es, dass du nicht vom Verkauf deiner Texte leben kannst?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist gut, diese Frage zu stellen, weil es eigentlich als \u201eNormalzustand\u201c angenommen wird. Ich denke, dass die Gesellschaft das, was Lyrikerinnen und Lyriker machen, meist als Liebhaberei oder Hobby ansieht. Das ist auch kein neues Ph\u00e4nomen. F\u00fcr mich hingegen ist das ganz klar ein Beruf, weil es Arbeit ist, auch wenn sie Spa\u00df macht. Es ist sehr hart, in diesem Beruf zu bestehen, zu \u00fcberleben. Ich wei\u00df, dass andere, ja dass ganze Branchen von K\u00fcnstler*innen leben. Und auf deren Schaffen angewiesen sind Festspiele, Literaturh\u00e4user, Verlage, die uns ver\u00f6ffentlichen. So gesehen bekommen Verlage Verlagsf\u00f6rderung, weil es Menschen gibt, die schreiben. W\u00fcrden wir nichts schaffen, g\u00e4be es den Verlag nicht. Und auch oder gerade weil ich wei\u00df, dass es auch f\u00fcr Verlage, vor allem Lyrikverlage ganz sch\u00f6n hart ist, zu \u00fcberleben, f\u00fchle ich mich trotz aller finanzieller Einschr\u00e4nkungen beschenkt, dass meine Texte ver\u00f6ffentlicht werden. Vieles h\u00e4ngt auch von der Bereitschaft oder F\u00e4higkeit oder vom Wissen ab, wie man sich vermarktet. Und von der Realit\u00e4t, dass etwa Gagen von Festivals oder Honorare von Workshops im Vergleich zu Buchverk\u00e4ufen einfach den Hauptteil an den Einnahmen ausmachen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>K\u00f6nntest du dir vorstellen, das Schreiben aufzugeben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das geht gar nicht. (<em>Lacht<\/em>) Ich k\u00f6nnte es gar nicht aufgeben. Das wei\u00df ich ganz sicher. Das Schreiben ist so sehr mit meinem Leben und Sein verbunden, dass ich keinen Sinn mehr h\u00e4tte, wenn ich es aufgeben w\u00fcrde. Es ist mein Leben, der Grund, warum ich auf der Welt bin. Ich habe nicht das Gef\u00fchl, dass ich mir aussuchen k\u00f6nnte, wie ich bin. Oder nur bis zu einem gewissen Grad.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und wie steht es mit der Aufmerksamkeit f\u00fcr deine Kunst?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Literaturbetrieb steht die Lyrik am unteren Ende der Aufmerksamkeitsskala. So l\u00e4uft die Welt, der Betrieb sehnt sich nach Neuem, nach dem neuen Roman\u2026 In Sachen Lyrik f\u00fchle ich mich supergut aufgehoben, kenne unglaublich spannende Leute, die selbst organisiert coole Sachen machen und durch ihr Tun und Schreiben die Welt erweitern. Insgesamt habe ich das Gef\u00fchl, dass die Lyrik wieder sichtbarer ist. Es gibt einen Lyrikboom, viele kleine, aber sehr feine Festivals, engagierte und r\u00fchrige (Indie) Verlage, mehr und mehr Lyrikmagazine, auch online\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In \u00d6sterreich?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch in \u00d6sterreich, aber vor allem in Deutschland und im angloamerikanischen Raum, Festivals, Leseb\u00fchnen, Poetry Open Mics und community-organisierte Events. In Indien, wo ich vergangenes Jahr mit einer Residency vom Goethe Institut war, gibt es kaum, so gut wie gar keine staatlichen F\u00f6rderungen f\u00fcr K\u00fcnstler*innen und dennoch haben sie eine erstaunlich lebendige Szene. Auch in den USA funktioniert es \u00fcber andere Strukturen, viel l\u00e4uft \u00fcber sehr engagierte Einzelpersonen, \u00fcber Stiftungen. Das ist eine tolle Entwicklung, auch wenn der Literaturbetrieb etwas starr ist, einer, der vor allem auf den Roman fokussiert und stark \u00fcber Marketing funktioniert: Da kommt ein Buch raus, das Schema F erf\u00fcllt \u2013 das ist f\u00fcr mich eher unspannend,&nbsp;weil meist wenig risikofreudig, kaum bis gar nicht&nbsp;experimentell.&nbsp;Ich f\u00fchle mich dann so, als ob ich Schablonen lese, sp\u00fcre die Absicht.&nbsp;&nbsp;Verlage sagen oft, sie w\u00fcssten, was Leser*innen wollen. Und das Bescheuerte ist: Wenn man \u201ewei\u00df\u201c, was \u201egew\u00fcnscht\u201c wird, gibt es auch keinen Wunsch oder Mut zur Weiterentwicklung von Formen. Da springen viele Verlage nicht wirklich an. Lesen Lesende zwangsl\u00e4ufig das, was Verlage ver\u00f6ffentlichen oder ver\u00f6ffentlichen Verlage das, was sich die Lesenden vermeintlich w\u00fcnschen? Und wie positioniert man sich als Schreibende in diesem Feld? Ich sehe da schon eine nachhallende und homogenisierende Wirkung. Wie kommen wir aus unseren literaturbetrieblichen Echokammern heraus? Buchm\u00e4rkte funktionieren auch je nach Sprachraum und Land sehr unterschiedlich. Finnland ist, was ich geh\u00f6rt habe, sehr offen f\u00fcr experimentellere Literatur und Lyrik.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie w\u00fcrdest du deine Literatur beschreiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Woran ich interessiert bin, ist im Grunde genommen, M\u00f6glichkeiten zu finden, etwas neu und anders zu sehen, einzugreifen, etwas zu \u00e4ndern, zu vermitteln, zu verbinden: Menschen, Geschichten, auch, um mich zu positionieren und neu, anders auszudr\u00fccken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe einen sehr breiten Poesiebegriff, halte mich gerne an H.C. Artmann, der 1953 in seiner&nbsp;<em>Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes<\/em>&nbsp;meint, \u201edass man Dichter sein kann, ohne auch irgend jemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben\u201c. An Ide Hintze, Dichter, Mitgr\u00fcnder und langj\u00e4hriger Leiter der&nbsp;<em>schule f\u00fcr dichtung<\/em>, der die sehr ausdrucksstarke Mimik von Pierluigi Collina, einem italienischen Schiedsrichter als \u201eGesichtspoesie\u201c bezeichnete. F\u00fcr mich ist Poesie die Kunstform von Sprache und von vornherein mehrmedial ausgestattet. Spannende Impulse kommen aus der digitalen Welt, etwa was J\u00f6rg Piringer macht oder Heike Fiedler, Marc Matter oder im Analogen Cia Rinne, weitere Impulse kommen aus der Musik: Saul Willliams, Kate Tempest, \u00fcber Audio-Video-Techniken, \u00fcber Remixes, Sampling, Morphing oder Cut-up, eine Technik, die bereits in den 1920er Jahren von Tristan Tzara in dem kurzen Text&nbsp;<em>To Make a Dadaist Poem<\/em>&nbsp;vorgestellt wurde und sp\u00e4ter bei den Beat Poets zur Bl\u00fcte kommt. \u00dcber diese Techniken wird das Wort, auch das gedruckte, bereichert, erweitert, neu abgemischt und anders, frisch zug\u00e4nglich gemacht. Ich sehe das als eine wunderbare Erweiterung der poetischen Ausdrucksm\u00f6glichkeiten \u2013 als eine Art&nbsp;<em>interface between page and stage<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vielen herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group alignwide mb-30 is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-group__inner-container\"><\/div><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Judith Nika Pfeifer im Gespr\u00e4ch mit Udo Kawasser \u00fcber Kreativit\u00e4t und Prekariat<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2177,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[108],"tags":[147,143,146],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>&quot;Doch dann werde ich erstens stur und zweitens w\u00fctend&quot; - 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