{"id":15029,"date":"2023-07-26T10:00:00","date_gmt":"2023-07-26T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=15029"},"modified":"2023-08-01T12:35:16","modified_gmt":"2023-08-01T10:35:16","slug":"peer-besprechung-epitaph-mit-echo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2023\/07\/26\/peer-besprechung-epitaph-mit-echo\/","title":{"rendered":"Epitaph mit Echo"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/peer-alexander\/\">Alexander Peer<\/a> liest Hugo Ramneks <em>Die l\u00e4ngste Nacht<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Eine Collage der Abschiede erwartet Lesende beim Aufschlagen von Hugo Ramneks <em>Die l\u00e4ngste Nacht<\/em>. Selten tritt der Tod derart dominant in einem Band auf, ohne dabei ins Morbide abzugleiten. Dabei ist mehrmals von Krankheiten die poetische Rede. Auch das sukzessive Verschwinden mit dem \u00c4lterwerden, das der Autor plastisch vor Augen f\u00fchrt, l\u00e4sst den Wunsch verstehen, dass es endlich vorbei sein m\u00f6ge. Die lakonische Tonalit\u00e4t vermeidet jedoch jedes hohle Pathos und damit Fallstricke, die mit dem Themenkomplex der Endlichkeit verbunden sind.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:27% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"610\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Cover-Ramnek-Hugo-die-laengste-Nacht--610x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15030 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Cover-Ramnek-Hugo-die-laengste-Nacht--610x1024.jpg 610w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Cover-Ramnek-Hugo-die-laengste-Nacht--179x300.jpg 179w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Cover-Ramnek-Hugo-die-laengste-Nacht--89x150.jpg 89w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Cover-Ramnek-Hugo-die-laengste-Nacht--370x621.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Cover-Ramnek-Hugo-die-laengste-Nacht--20x34.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Cover-Ramnek-Hugo-die-laengste-Nacht--600x1007.jpg 600w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Cover-Ramnek-Hugo-die-laengste-Nacht--29x48.jpg 29w\" sizes=\"(max-width: 610px) 100vw, 610px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Ferner ist der Blick auf die Zur\u00fcckgelassenen gerichtet. Es ist oft ein Kind, das Eltern loslassen muss. Wie schwer es ihm f\u00e4llt, ja wie unm\u00f6glich dies erscheint, zeigen selbst minimalistische Feststellungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Cover \u00a9 Wieser Verlag<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p> So besteht das Gedicht \u201eZeichen II\u201c nur aus diesem Hinweis: \u201eUnd unter  dem T\u00fcrspalt \/ Kein Licht\u201c. Das Zimmer dient mehrfach im Buch als  Sinnbild einer grundlegenden Ver\u00e4nderung im famili\u00e4ren Haushalt.  \u201eElegische Fl\u00fcchtigkeiten\u201c hei\u00dft es im Untertitel zu diesem Poesiealbum  der Verg\u00e4nglichkeit. Der scheinbare Gegensatz wird mit der zitierten  Miniatur offenbar. Selbst das beil\u00e4ufige Detail verweist auf das ganze  Leben, das abhanden gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Verschwundene Verbindungen<\/h4>\n\n\n\n<p>Im Zentrum stehen Vater und Mutter, aber es ist ein Ensemble an Verabschiedungen, welches Ramnek hier auf die B\u00fchne bittet. Darunter auch den Schweizer Autor J\u00fcrg Amann, der 2013 verstorben ist. So entsteht ein literarischer Friedhof jener Verwandten und Bekannten, mit welchen der Autor im Nahverh\u00e4ltnis war. Dem Leitmotiv des Sterbens Nuancen abzuringen tut aber Not. Das wei\u00df der in Z\u00fcrich lebende Schriftsteller und Lehrer. Er arrangiert deshalb nachdenkliche wie geradezu ironische Vermessungen des Unausweichlichen. Im Text \u201eMaturatreffen\u201c liest sich diese Endzeitfixierung wohltuend vergn\u00fcglich.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse has-text-align-center\">Klassentreffen des Sohnes\nWen triffts als Ersten?\n\nKlassentreffen des Vaters\nWen triffts als N\u00e4chsten?\n\nKlassentreffen des Gro\u00dfvaters\nKeiner mehr zu treffen<\/pre>\n\n\n\n<p>Diese Sentenzen zielen auf den kathartischen Witz, der meist aufgeht. Mancher Kalauer h\u00e4tte nicht sein m\u00fcssen, wenn es etwa im Gedicht \u201eSchnitt\u201c hei\u00dft: \u201eSie lag nicht im Sterben \/ Sie starb im Liegen\u201c. Denn gerade die gleichzeitige N\u00e4he wie Distanz von Kindern und ihren Eltern schaffen in diesem Band zarte Ber\u00fchrungen, da st\u00f6ren Bl\u00f6deleien. Das Motiv der Trennung wird zum Beispiel in einem Text anhand der Fensterscheibe deutlich. Der einerseits begrenzte Ausschnitt, der die Sichtbarkeit des jeweils anderen konzentriert und andererseits als Material die Unerreichbarkeit betont. Das Fenster im doppelten Wortsinn ein durchschaubares Motiv der Unnahbarkeit. Noch gravierender ist die Distanz im Erkennen einer Generationenzugeh\u00f6rigkeit sp\u00fcrbar:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse has-text-align-center\"><strong>Statt<\/strong>\n\nMutter erz\u00e4hlt von fr\u00fcher\nDas Vergangene ist\nIhre Gegenwart\nSeine findet in\nIhrer Gegenwart\nNicht statt\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Es ist die ewige Geschichte von Nachkommenden, die immer woanders sind als die Vorfahren. Dabei f\u00e4llt der mittlerweile erwachsene Sohn gerade im Abschiednehmen, wo die Alten wie Kinder werden, in sein Kindsein zur\u00fcck. Im \u201eMamakuchen\u201c ist die phonetische Fehlleistung hinsichtlich des Marmorkuchens ein Ausdruck kindlichen Verbundenseins und ein Liebesbeweis, der vielen vertraut sein d\u00fcrfte. Beim Erinnern verwandelt sich der Erwachsene in das Kind von einst. Der Zur\u00fcckbleibende vermisst die Palatschinken der Mutter, die er als \u201eEin anderes s\u00fc\u00dfes Wort \/ F\u00fcr Mama\u201c versteht. Da reicht es nicht, in das n\u00e4chste Restaurant zu gehen, um welche zu bestellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine Dingwelt, die eng mit famili\u00e4rer Geborgenheit verkn\u00fcpft ist. Deshalb ist es nur folgerichtig, wenn im Gedicht \u201eErbschaft\u201c das Bekenntnis formuliert wird, dass das Kind die Erinnerungen der Mutter in seine eigenen aufnimmt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Anwesenheit der Abwesenden<\/h4>\n\n\n\n<p>Die manchmal lapidaren Beobachtungen helfen, die Schwere des Themas auszuhalten. Es ist zwar eine allgemeine Wahrnehmung, dass mit den Menschen auch deren M\u00f6bel und pers\u00f6nliche Kostbarkeiten aus den H\u00e4usern verschwinden, weil diese fr\u00fcher oder sp\u00e4ter verkauft oder verschenkt werden. Doch diese Beobachtung findet in einer verdichteten Form im Gedicht \u201eZeichen an der Wand\u201c ihren eigenen Ausdruck:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse has-text-align-center\">Im Schlafzimmer der Eltern h\u00e4ngen\nIn Schattenrahmen\nAn L\u00f6chern ohne Nagel\nBilder ohne Bilder an der leeren Wand<\/pre>\n\n\n\n<p>Die Bilder sind in aller Regel konkret und aus einem Motiv-Bereich gesch\u00f6pft, sie sind nicht verwoben mit anderen Bez\u00fcgen, sondern fokussieren auf eine bestimmte Leseweise. Eine anregende Ausnahme ist das Gedicht \u201eTodesanzeige\u201c. Hier vermengen sich Motive aus verschiedenen Bereichen und erh\u00f6hen so die poetische Spannung, auch leisten sie eine Einladung, vorgefertigte Interpretationen zu meiden, um eigene Bilder zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse has-text-align-center\">Letzte Schwimmz\u00fcge im September\nErste Herbstbl\u00e4tter auf dem See\nDie Spitzen aufgedreht\nWie der Bug von Wikingerschiffen\nZur selben Zeit (was er nicht wei\u00df)\nDie letzten Atemz\u00fcge seines Schwiegervaters\nDuchs gekippte Fenster im Sterbezimmer\nDieselbe Nachsommerluft\nDie die leichte Flotte auf den See\nHinaustreibt<\/pre>\n\n\n\n<p>Es ist ein wiederkehrendes Merkmal der dramatisierenden Verdichtung, wenn der Gegensatz von Vitalit\u00e4t und Sterben anschaulich wird. In diesem Gedicht nimmt aber das Bild des auf die See Treibens auch den Verstorbenen auf. Denn es war Praxis, dass Wikinger ihre Toten in Steingr\u00e4bern mit Bootsform bestatteten. Oder sie w\u00e4hlten gleich ein Boot als Sarg. Die offene See markiert zudem den \u00dcbergang vom Leben zum Tod, und das Element des Wassers steht in so vielen Kulturen \u2013 ungepr\u00fcft m\u00f6chte ich behaupten, in allen \u2013 f\u00fcr beides. Der Bug des Wikingerschiffs ist damit nicht nur eine visuelle Assoziation, sondern auch eine mythologische.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die visuelle Erscheinung des Gedichts<\/h4>\n\n\n\n<p>Solcherart konditioniert auf Motive des Sterbens, erscheinen die Gedichte in ihrer zentriert layoutierten Form mehr und mehr wie Gef\u00e4\u00dfe, die ein St\u00fcck Leben in sich tragen. Sind es Urnen, die Ramnek hier versammelt? Auf jeden Fall r\u00fcckt die Aussage in den Mittelpunkt, das Gedicht n\u00e4hert sich der Identit\u00e4t eines Psalms und kann als Gebet oder Abschiedszeremonie verstanden werden. In seinem titelgebenden Gedicht \u201e21. Dezember\u201c fallen faktische wie symbolische Aussage zusammen:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse has-text-align-center\">Nach dem kurzen Tag\nStirbt der Vater\nIn die l\u00e4ngste Nacht<\/pre>\n\n\n\n<p>Es ist dieses Echo, das viele Gedichte ausl\u00f6sen. Ein ungew\u00f6hnliches stilles Echo. Wenn der Mutter attestiert wird, dass sie in der allergr\u00f6\u00dften Stille daliegt ohne H\u00f6rger\u00e4t, dann zeigt sich die Nacktheit des Menschen noch einmal anders. Befreit von den Prothesen kehrt der Mensch in seine Unvollkommenheit zur\u00fcck, doch sie wird nicht mehr als Makel wahrgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese \u201eFl\u00fcchtigkeiten\u201c erz\u00e4hlen viel. Der Band ist gut konzipiert. Allerdings ist er wirklich schmal geraten, denn Zwischentitel und Trennseiten sorgen daf\u00fcr, dass einige nicht oder kaum bedruckte Seiten zu finden sind. Das ist schade, denn dieser eigene Todesartenzyklus, der nat\u00fcrlich ganz anders geraten ist als jener von Ingeborg Bachmann, die \u00fcbrigens wie Hugo Ramnek in Klagenfurt das Weltenspiel begann, h\u00e4tte ruhig ein paar Gedichte mehr aufnehmen k\u00f6nnen. Zumal auch der Preis f\u00fcr diesen poetischen Grabstein \u2013 insbesondere wenn ich an die bibliophilen Sch\u00e4tze der Reihe \u201eEuropa erlesen\u201c denke, die allesamt 15 Euro kosten \u2013 \u00fcberh\u00f6ht ist.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Hugo Ramnek<\/strong>:<a href=\"https:\/\/www.wieser-verlag.com\/buch\/die-laengste-nacht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"> <\/a><em><a href=\"https:\/\/www.wieser-verlag.com\/buch\/die-laengste-nacht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Die l\u00e4ngste Nacht. Elegische Fl\u00fcchtigkeiten.<\/a> <\/em>Wieser Verlag, Klagenfurt\/Celovec, 2022. 95 Seiten. Euro 21,\u2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besprechung: &#8222;Epitaph mit Echo&#8220; &#8211; Alexander Peer liest Hugo Ramneks &#8222;Die l\u00e4ngste Nacht&#8220; erschienen im Wieser Verlag f\u00fcr die Poesiegalerie<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":15030,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[107],"tags":[274],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Epitaph mit Echo - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Besprechung: &quot;Epitaph mit Echo&quot; - Alexander Peer liest Hugo Ramneks &quot;Die l\u00e4ngste Nacht&quot; erschienen im Wieser Verlag f\u00fcr die Poesiegalerie\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2023\/07\/26\/peer-besprechung-epitaph-mit-echo\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Epitaph mit Echo - 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