{"id":15304,"date":"2023-09-11T08:00:00","date_gmt":"2023-09-11T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=15304"},"modified":"2023-08-31T18:00:52","modified_gmt":"2023-08-31T16:00:52","slug":"meschik-sommerlekture-roth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2023\/09\/11\/meschik-sommerlekture-roth\/","title":{"rendered":"So deutsch, dass es schon fast wieder geht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/meschik-lukas\/\">Lukas Meschik<\/a> liest Eugen Roths <em>S\u00e4mtliche Menschen <\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Bis vor wenigen Wochen war mir der Name Eugen Roth v\u00f6llig unbekannt. Es mag daran liegen, dass er in \u00d6sterreich \u2013 wie man so sagt \u2013 keine gro\u00dfe Nummer ist, oder an etwas Banalem wie meiner Ignoranz und den Zuf\u00e4llen des Lebens. In Deutschland, so habe ich mitbekommen, ist der Lyriker Eugen Roth ein Held und Topseller, und seine humoristischen Verse sind nach meinem Empfinden auch sehr deutsch. (In einem meiner eigenen Gedichte hei\u00dft es wo: <em>Etwas oder jemand ist so deutsch \/ Dass es schon fast wieder geht.<\/em> Ich meine das selbstverst\u00e4ndlich als augenzwinkernde Liebeserkl\u00e4rung.)<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:37% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Sommerlektueren-2023-Lukas-Meschik-Eugen-Roth-kopia-500x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15308 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Sommerlektueren-2023-Lukas-Meschik-Eugen-Roth-kopia-500x1024.jpg 500w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Sommerlektueren-2023-Lukas-Meschik-Eugen-Roth-kopia-147x300.jpg 147w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Sommerlektueren-2023-Lukas-Meschik-Eugen-Roth-kopia-73x150.jpg 73w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Sommerlektueren-2023-Lukas-Meschik-Eugen-Roth-kopia-370x757.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Sommerlektueren-2023-Lukas-Meschik-Eugen-Roth-kopia-20x41.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Sommerlektueren-2023-Lukas-Meschik-Eugen-Roth-kopia-23x48.jpg 23w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Geboren 1895 in M\u00fcnchen, gestorben 1976 ebendort, hat Roth beide Weltkriege \u00fcberstanden, im Ersten wurde er schwer verwundet, im Zweiten eingezogen und zur Truppenbetreuung auf Lesereise geschickt. (Aber genug der Biographie. Der Roman seines Lebens sollte unbedingt geschrieben werden, Freiwillige vor!) Es sei blo\u00df noch erw\u00e4hnt, dass seine B\u00fccher hunderttausendfach verkauft wurden, sein 1935 erschienener Erstling erreichte eine Auflage von knapp einer halben Million St\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Foto \u00a9 Lukas Meschik <\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist es nur folgerichtig, dass jemand, der ins Herz der Finsternis blickt, als letzte Waffe einen garstigen Humor dagegen auff\u00e4hrt. Jedenfalls hat Roth allen vorstellbaren und noch mehr unvorstellbaren Schrecken erlebt, Kriegsgr\u00e4uel und Hunger und Not, er wei\u00df, was Menschen einander antun und was sie aushalten k\u00f6nnen, und dass es irgendwie trotzdem immer weitergeht. Er hat die Menschen durchschaut und etwas \u00fcber sie zu sagen, seine wichtigsten Gedichtb\u00e4nde hei\u00dfen also <em>Ein Mensch, Mensch und Unmensch<\/em> und <em>Der letzte Mensch<\/em>. Versammelt ist diese Trilogie des Menschseins im gewitzt betitelten <em>S\u00e4mtliche Menschen<\/em>, das mir in der Sommermitte ganz zuf\u00e4llig in Deutschland (Hessen) empfohlen wurde, und zwar von einer griechischen Regieassistentin, die damit ihren Wortschatz aufpolierte \u2013 beim Erz\u00e4hlen von ihrem deutschsprachigen Lieblingsautor blitzte in ihren Augen die gute Laune auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich las die knapp dreihundert unterhaltsamen Seiten in Windeseile, ein Buch-Binge, wie man ihn nur vollzieht, wenn das Geschriebene einen selbst meint. Hier endlich eine kleine Kostprobe:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><em>Brotlose K\u00fcnste<\/em>\nEin Mensch treibt eine rare Kunst,\nVon der kaum wer hat einen Dunst.\nDer Welt drum scheint sie zu geringe,\nAls da\u00df, selbst wenn nach Brot sie ginge,\nSie dieses Brot sich k\u00f6nnt erwerben \u2013\nDoch Gott l\u00e4sst diese Kunst nicht sterben.\nNie k\u00f6nnt sie ihren Meister n\u00e4hren,\nW\u00fcrd der sie nicht die J\u00fcnger lehren,\nDie, selber brotlos, wiederum\nBeibringen sie den J\u00fcngsten drum.\nSo brennt die Kunst als ewiges Licht,\nDurch fortgesetzten Unterricht.\n\n(S. 102)<\/pre>\n\n\n\n<p>Ich dachte beim Lesen sofort an die in sich geschlossenen Systeme der Schauspiel- und Musikschulen, neuerdings auch vermehrt der Schreibschulen, wo die Dozenten ihre Nachfolger ausbilden und der Au\u00dfenstehende sich fragt, wie viel echte Welt da beim L\u00fcften noch hereinweht, wer sich mit dem, was er da unterrichtet, in freier Wildbahn tats\u00e4chlich beweisen musste. Ganz viele dieser jahrzehntealten Gedichte behalten eine Frische, indem sie genau den Sweet Spot zwischen konkret und allgemeing\u00fcltig erwischen, also eine Situation oder eine Figur beschreiben, der wir selbst einen Handlungsort oder ein Gesicht aufmalen.<\/p>\n\n\n\n<p>Roths Gedichte beginnen allesamt mit der Anhebung \u201eEin Mensch\u201c, Eigennamen sucht man vergeblich. Erstaunlicherweise nutzt sich diese formelhafte Rahmung nicht ab, sondern entwickelt einen heimeligen Sog. Ein Mensch spricht fern, ein Mensch glaubt, ein Mensch sitzt da \u2013 im Kopf des Lesers verwandeln sie sich in den eigenen Bruder, die eigene Freundin, in einen selbst. Immer wieder musste ich Gedichte mit dem Handy abfotografieren und jemandem zur Erheiterung schicken. Hat zum Beispiel jemals jemand das Ph\u00e4nomen der Teuerung und der Shrinkflation so pr\u00e4zise auf den Punkt gebracht? \u2013 und auch so, dass man nicht verzweifelt, sondern in bitteres Lachen verf\u00e4llt:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><em>Entwicklung<\/em>\nEin Mensch kriegt\u2019 einst (und fands zu teuer!)\nEin wahres Schnitzel-Ungeheuer.\nDann wards allm\u00e4hlich immer kleiner,\nDann zahlte zwei Mark er statt einer.\nDann schrumpfte neuerdings es stark.\nDann wieder stieg es auf drei Mark.\nDann wars nur noch ein Gaumenkitzel.\nDann kostete vier Mark dies Schnitzel.\nDas Wechselspiel geht immer schneller:\nF\u00fcnf Mark f\u00fcr beinah leeren Teller.\nVon Wirtschaftswunder-Schmus umgaukelt,\nWird es dem Nichts so zugeschaukelt.\nZuletzt \u2013 der Himmel m\u00f6g uns schonen! \u2013\nGibts wieder gar keins \u2013 f\u00fcr Millionen!\n\n(S. 255)<\/pre>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen bedenken, dass wir derzeit bei allen Beschwernissen, die auch mir vertraut sind, ja insgeheim eine Pimperl-Krise erleben, verglichen zum Beispiel mit der deutschen Inflation von 1914 bis 1923, einer der radikalsten Geldentwertungen in einer gro\u00dfen Industrienation, da braucht es dann schon mal einen \u201e100 Billionen Mark-Schein\u201c. (Billion mit B, also eintausend Milliarden oder eine Million Millionen. Da wird mir vor lauter Nullen ganz schwindlig.) In welche Katastrophen wirtschaftliche Schieflagen solchen Ausma\u00dfes m\u00fcnden, steht als dunkle Kapitel in den Geschichtsb\u00fcchern. Es grenzt an ein Wunder, dass Eugen Roth solchen Vorg\u00e4ngen, die er am eigenen Leib erfahren musste, derartige Zeilen abgewinnen konnte. Ich glaube, es gibt ein Lachen, das nur lacht, wer nichts mehr verlieren kann; es stellt sich dort ein, wo man vor Kummer eigentlich tot umfallen sollte. Wir kennen es nicht, und lernen es hoffentlich niemals kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gedichte sind sehr streng gearbeitet, fast zw\u00e4ngerlisch \u2013 das meinte ich anfangs mit \u201edeutsch\u201c. Das Versma\u00df wird ganz genau eingehalten, \u00fcbergenau, dass einem phasenweise die Luft knapp wird. Roth verlie\u00df sich auf diese Strenge, um dem Wahnsinn des Daseins eine Form geben zu k\u00f6nnen. Ohne strenge Form w\u00fcrden wir den Verstand verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>In vielen Texten geht es um Menschen, denen ein Missgeschick passiert, auch um die \u00c4rgernisse des Reisens und der Technik (ob es wie fr\u00fcher ein Fernsprecher war oder wir uns jetzt mit unseren Smartphones herumschlagen, ist zweitrangig, das zwischenmenschliche Element und die \u00c4rgernisse bleiben im Kern die gleichen), oft beobachten wir Zukurzgekommene und \u00dcbersehene, traurige Helden des Alltags, die ihren Frust in sich hineinfressen. Hier erkenne ich mich so gut wieder, dass ich mich vor Schadenfreude und Selbsterkenntnis zerkugle. Eugen Roth schreibt \u00fcber Menschen in allen Facetten und Schattierungen der Entfremdung \u2013 seine Gedichte seien all jenen empfohlen, die sich selbst als Vertreter der Spezies Mensch erkennen und hin und wieder lustvoll damit hadern.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dfen m\u00f6chte ich mit einer luziden Analyse diverser Gerichtsverfahren, die handelnden Personen soll bitte jeder nach Geschmack selbst einf\u00fcgen, ob nun BUWOG- oder BAWAG-Aff\u00e4re, Causa Grasser oder Wirecard-Prozess. Eugen Roth liefert uns die launige Schablone:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><em>Einsicht<\/em>\nEin Mensch beweist uns klipp und klar,\nDa\u00df er es eigentlich nicht war.\nEin andrer Mensch mit Nachdruck spricht:\nWer es auch sei \u2013 ich war es nicht!\nEin dritter l\u00e4\u00dft uns etwas lesen,\nWo drin steht, da\u00df ers nicht gewesen.\nEin vierter weist es weit von sich:\nWie? sagt er, was? Am Ende ich?\nEin f\u00fcnfter \u00fcberzeugt uns scharf,\nDa\u00df man an ihn nicht denken darf.\nEin sechster spielt den Ehrenmann,\nDer es gewesen nicht sein kann.\nEin siebter \u2013 kurz, wir sehens ein,\nKein Mensch will es gewesen sein.\nDie Wahrheit ist in diesem Falle:\nMehr oder minder warn wirs alle!\n\n(S. 123)<\/pre>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:25% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"278\" height=\"358\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/ARTK_CT0_9783446240377_0001.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15310 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/ARTK_CT0_9783446240377_0001.jpg 278w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/ARTK_CT0_9783446240377_0001-233x300.jpg 233w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/ARTK_CT0_9783446240377_0001-116x150.jpg 116w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/ARTK_CT0_9783446240377_0001-20x26.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/ARTK_CT0_9783446240377_0001-37x48.jpg 37w\" sizes=\"(max-width: 278px) 100vw, 278px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Eugen Roth<\/strong>: <em>S\u00e4mtliche Menschen<\/em>, Carl Hanser Verlag, 1983, 2006, 2012. <\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sommerlekt\u00fcre: &#8222;So deutsch, dass es schon fast wieder geht&#8220; &#8211; Lukas Meschik liest Eugen Roths &#8222;S\u00e4mtliche Menschen&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":15308,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[467,538],"tags":[252],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - 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