{"id":15900,"date":"2023-10-31T09:00:00","date_gmt":"2023-10-31T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=15900"},"modified":"2023-10-23T23:29:22","modified_gmt":"2023-10-23T21:29:22","slug":"besprechung-peer-merz-miniaturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2023\/10\/31\/besprechung-peer-merz-miniaturen\/","title":{"rendered":"Miniaturen mit epischem Echo"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/peer-alexander\/\">Alexander Peer<\/a> liest Klaus Merz\u2019 <em>Noch Licht im Haus<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Lyrikb\u00e4nde sind immer \u00f6fter Sammlungen unterschiedlicher Textarten. Sie gruppieren zudem manchmal Arbeiten aus verschiedenen Phasen. Oft vereinen sie deshalb scheinbar Unvereinbares. Dieses Vorgehen trifft auch auf Klaus Merz\u2019 neuen Band zu. Noch Licht im Haus ist ein wehm\u00fctiger Titel. Obwohl sich hier einer der Einsicht versichert, dass der Geist leuchtet, so gen\u00fcgt das Wort \u201enoch\u201c, um zu wissen, dass die verbliebene Brenndauer dieser poetischen Gl\u00fchbirne bescheiden zu sein droht.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:43% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"624\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/cover-merz-klaus-noch-licht-im-haus--624x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15901 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/cover-merz-klaus-noch-licht-im-haus--624x1024.jpg 624w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/cover-merz-klaus-noch-licht-im-haus--183x300.jpg 183w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/cover-merz-klaus-noch-licht-im-haus--91x150.jpg 91w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/cover-merz-klaus-noch-licht-im-haus--370x607.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/cover-merz-klaus-noch-licht-im-haus--20x33.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/cover-merz-klaus-noch-licht-im-haus--600x984.jpg 600w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/cover-merz-klaus-noch-licht-im-haus--29x48.jpg 29w\" sizes=\"(max-width: 624px) 100vw, 624px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Das ist allzu verst\u00e4ndlich. Schlie\u00dflich ist Merz 1945 in Aarau geboren. Zwar wei\u00df niemand, ob und wie viele B\u00fccher er noch verfassen wird k\u00f6nnen, aber dieses hohe Alter ist unvermeidbar mit der dr\u00e4uenden Ahnung verbunden, dieses k\u00f6nnte das letzte sein. Zugleich schwingt eine Selbstironie mit, nicht nur im Titel, auch einzelne Texte des Bandes f\u00fchren scherzhafte und milde melancholische Salti vor, mit welchen dem Unausweichlichen akrobatisch ausgewichen wird. Zumindest gedanklich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Cover \u00a9 Haymon <\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Lyrische Prosa und prosaische Lyrik<\/h4>\n\n\n\n<p>Der vielfach \u00fcbersetzte und mehrmals ausgezeichnete Schweizer versammelt auf den ersten Blick voneinander komplett separierte Textpakete. Die \u00dcberschriften der insgesamt sechs Kapitel lauten: \u201eAm Schauplatz I\u201c, \u201eAus Hannover\u201c, \u201eZwischenstand (1767\/2022)\u201c, \u201eStimmen von nebenan\u201c, \u201eAus Bildern gelesen\u201c sowie \u201eAm Schauplatz II\u201c. Kapitel zwei und vier beinhalten Prosaminiaturen. Auch die Lyrik ist eine \u00fcber weite Strecken erz\u00e4hlende. Wiederkehrende Motive sind dabei die Beziehung zur bildenden Kunst wie zum Schreiben. Die Verzahnung beider Disziplinen zeigt sich an einigen Passagen und animiert dazu, in diesen Motiven die konzeptionelle Verbundenheit des gesamten Bandes zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>Museum III<\/strong>\n\nDie Hand entzieht sich\nder Schrift, die Bilder\nverschlie\u00dfen sich.\n\nBis ein blinder Fleck\nunverwechselbar\nzu uns spricht.<\/pre>\n\n\n\n<p>Das spendet auch jenen Hoffnung, die an einer Schreibblockade leiden. Mit dem Schreiben \u00f6ffnet sich die Wahrnehmung und wird mit Bildern gespeist \u2013 es ist ein Hin und Her. Fehlt das allerdings, dann braucht es eine Irritation. Der blinde Fleck ist eben keiner mehr, wenn er sich bemerkbar macht. Visuelles l\u00f6st Sprachliches aus und umgekehrt. Hier werden Metapher und Buchst\u00e4blichkeit eins, denn die Blindheit meint nicht nur das geistige Unverm\u00f6gen oder die vorbildliche Leistung des Verdr\u00e4ngens, welches die Metapher \u201eblinder Fleck\u201c bedeutet. Ist der Fleck aber au\u00dferhalb des Sichtfeldes, muss er erst wieder in den Bannkreis des Beobachtens geraten \u2013 er kann so ganz unmetaphorisch ein blinder Fleck sein. Wird er begriffen oder sichtbar, entfaltet sich ein neues Schreiben. Die wiederkehrende Befragung der Rolle des Schreibens findet sich sowohl in nachdenklicher wie kabarettistischer Betonung.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>Auf dem Luftweg<\/strong>\n\nEin Leben lang\nschrieb er sich Boden\nunter die F\u00fc\u00dfe.\n\nDann legte er den Stift\nbeiseite und \u00fcberlie\u00df sich,\ndie Arme ausgebreitet,\ndem freien Fall.<\/pre>\n\n\n\n<p>Welche Rolle spielt die Literatur, wenn es darum geht, Pl\u00e4ne zu verwirklichen? Hier ist ganz offensichtlich ein Wandel vollzogen. Das \u00dcberschreiten der vorgefassten Erwartung und damit auch die Entgrenzung dessen, was die Literatur zu leisten habe, verdeutlichen sich. Es sind eine Reihe von existenzialistischen Befunden, die hier zueinander finden, und alle bekennen auch dies: Noch Licht im Haus!<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Spielarten der Obachlosigkeit<\/h4>\n\n\n\n<p>Der Atheismus tritt als Filmregisseur auf, der durch Abwesenheit gl\u00e4nzt. In die ewige Frage, ob unser Leben einem Drehbuch unterliegt und ein gr\u00f6\u00dferer Produzent die Verantwortung f\u00fcr unser Tun \u00fcbernimmt, m\u00fcndet die theologische Spekulation. F\u00fcr wen spielen wir \u00fcberhaupt, fragt das nachstehende Gedicht. Aber wir k\u00f6nnen nicht anders \u2013 schlie\u00dflich l\u00e4uft die Kamera:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>Am Drehort<\/strong>\n\nSchauplatz Leben:\nKlappe, die erste!\nUnd einzige.\n\nLeer dreht\nder Regiestuhl neben\nder laufenden Kamera.<\/pre>\n\n\n\n<p>Diese Strategie der Verbildlichung verfolgen einige Arbeiten. Sie zeigen einerseits eine fatalistische Situation und pl\u00e4dieren gleichzeitig daf\u00fcr, sich durch die \u00dcbertragung in eine andere Bildsprache mit diesen Tatsachen auszus\u00f6hnen. Denn die Leistung einer Metapher tr\u00e4gt manchmal auch zur Gewichtsreduktion bei. Die bedr\u00fcckende Erkenntnis ist so auf eine Di\u00e4t gesetzt und verliert ein paar Kilogramm ihrer Wucht. Es sind einfache und zugleich starke Bilder, die daf\u00fcr aufgeboten werden.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>Expos\u00e9<\/strong>\n\nAuf der B\u00fchne\nein offenes Grab.\n\nDaneben der Eimer f\u00fcr\ndie nassen Taschent\u00fccher.\n\nDer Rest des Abends\nergibt sich von selbst.<\/pre>\n\n\n\n<p>Vielleicht h\u00e4tte man auf die letzten beiden Zeilen verzichten k\u00f6nnen. Es gibt ein ber\u00fchmtes Beispiel von Ernest Hemingway f\u00fcr ein Miniatur-Epos: \u201e<em>For sale, baby shoes, never worn.<\/em>\u201c Sechs W\u00f6rter gen\u00fcgen vollkommen, um eine epische Dimension zu bewirken. Unweigerlich sind wir gen\u00f6tigt, uns zu fragen, was mit dem Baby passiert ist? Wir k\u00f6nnen gar nicht anders, als etwas Furchtbares zu denken! Da wir es aber nicht wissen, nagt diese mutma\u00dfliche Trag\u00f6die noch mehr an uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl oft Tragisches anklingt, schreibt Merz aber keine Trag\u00f6dien. Seine Texte wirken ernst, aber nicht aussichtslos. In einigen Gedichten ist dieser Ernst ganz besonders sch\u00f6n, fast umfassend ausgedr\u00fcckt:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>Gezeiten<\/strong>\n\nWellen verebben am Strand,\ndie Muschelr\u00fccken leuchten.\n\nUnd die Stromschl\u00e4ge,\ndeiner Mutter verabreicht\nvor Zeiten, sie branden\n\ngegen die eigene\nSchl\u00e4fenwand.<\/pre>\n\n\n\n<p>Eine solche Familienaufstellung bezieht die Natur ein und vermisst das einzelne Leben innerhalb eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen. So wird eine Beobachtung von beil\u00e4ufigen Ereignissen zum poetischen Moment, und gleichzeitig verkn\u00fcpft sich die \u00e4u\u00dfere Natur mit der inneren. Es pocht an den Schl\u00e4fen in einem gerade richtigen Tempo.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Merz versammelt unaufdringliche Gedichte, die gerade deshalb wirken. Die Textsammlung \u201eAus Hannover\u201c allerdings st\u00f6rt diese Einpr\u00e4gsamkeit, denn diese manchmal doch gew\u00f6hnlichen Miniaturen f\u00fchren eher weg von dieser Schule empfindsamen Beobachtens. Sicherlich ist der Wunsch stark, Texte, an welchen man h\u00e4ngt, ver\u00f6ffentlicht zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass es keine andere Form f\u00fcr derart kurze Arbeiten gibt. Ich h\u00e4tte sie nicht in den Band genommen, zu sehr lenken sie ab vom Sch\u00f6nen und \u00dcberraschenden. Vor allem, da hier eschatologische und ontologische Ideen ineinander greifen und so schlicht wie wahr unsere Existenz vermessen:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>Dreifelderwirtschaft<\/strong>\n\nAm Anfang das Wort.\nDann sein behutsames\nAusbuchstabieren. Lesend.\nSchreibend. Schweigend.\nZwischen Sehnsucht und\nErinnerung das zarte Grau\ndes brachen Tages.<\/pre>\n\n\n\n<p>Wom\u00f6glich bitte ich die mir Nachfolgenden, diesen Text als meine Grabinschrift zu verwenden. Sind wir Schreibenden nicht alle angesprochen in diesem Befund? Das Feld, das wir bestellen, scheint manchmal wenig Fr\u00fcchte zu versprechen. Doch wir bleiben dabei, es zu beackern. Eventuell m\u00fcssen wir dann \u2013 wie Merz mit dem Zitieren der Nabokov-Autobiografie (\u201eErinnerung, sprich\u201c, 1951) in dem titelgebenden Gedicht, das sich um die geistige Einheit sorgt \u2013 klar erkennen, dass wir die Fr\u00fcchte schon w\u00e4hrend des S\u00e4ens geerntet haben und nicht erst sp\u00e4ter:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>Noch Licht im Haus<\/strong>\n\nSah ihn durchs Fenster,\nden hageren Mann,\ner stand vor seinen B\u00fccher-\nregalen. Als st\u00fcnde er\nvor einer Urnenwand:\n\n<em>Sprich, Erinnerung, sprich!<\/em><\/pre>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Klaus Merz:<\/strong> <em><a href=\"https:\/\/www.haymonverlag.at\/produkt\/noch-licht-im-haus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Noch Licht im Haus<\/a><\/em>. Haymon Verlag, Innsbruck, 2023. 112 Seiten. Euro 22,90 <br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besprechung: &#8222;Miniaturen mit epischem Echo&#8220; &#8211; Alexander Peer liest Klaus Merz\u2019 &#8222;Noch Licht im Haus&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":15901,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[107],"tags":[274],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Miniaturen mit epischem Echo - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Besprechung: &quot;Miniaturen mit epischem Echo&quot; - Alexander Peer liest Klaus Merz\u2019 &quot;Noch Licht im Haus&quot;\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2023\/10\/31\/besprechung-peer-merz-miniaturen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Miniaturen mit epischem Echo - 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