{"id":17727,"date":"2024-03-04T08:00:00","date_gmt":"2024-03-04T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=17727"},"modified":"2024-03-04T15:59:13","modified_gmt":"2024-03-04T14:59:13","slug":"ebner-besprechung-krendlesberger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2024\/03\/04\/ebner-besprechung-krendlesberger\/","title":{"rendered":"Bilder einer Ausstellung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/ebner-klaus\/\">Klaus Ebner<\/a> liest Annett Krendlesbergers <em>DALIEGENDE. UNBEWEGT<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Eine Kunstausstellung im Belvedere von Wiener K\u00fcnstlerinnen, die zwischen 1900 und 1938 wirkten und es damals schwer hatten, sich in einer m\u00e4nnlich dominierten Kunstwelt durchzusetzen, inspirierte Annett Krendlesberger zu ihrem Buch, das bei fabrik.transit erschien. Mehr als zwanzig der pr\u00e4sentierten Exponate, Gem\u00e4lde und Skulpturen tauchen direkt oder indirekt im Text auf, der sich gewisserma\u00dfen zwischen Lyrik und Prosa bewegt. Leser*innen finden ganz typische Gedichte ebenso vor wie Prosagedichte und rhythmische Prosa, die als Flie\u00dftext im linksb\u00fcndigen Flattersatz gesetzt ist.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:36% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"682\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/cover-krendlesberger-annett-fabrik-transit--682x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17728 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/cover-krendlesberger-annett-fabrik-transit--682x1024.jpg 682w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/cover-krendlesberger-annett-fabrik-transit--200x300.jpg 200w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/cover-krendlesberger-annett-fabrik-transit--100x150.jpg 100w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/cover-krendlesberger-annett-fabrik-transit--370x556.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/cover-krendlesberger-annett-fabrik-transit--20x30.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/cover-krendlesberger-annett-fabrik-transit--600x902.jpg 600w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/cover-krendlesberger-annett-fabrik-transit--32x48.jpg 32w\" sizes=\"(max-width: 682px) 100vw, 682px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Annett Krendlesberger wurde 1967 in Wien geboren. Sie studierte Philosophie, Theaterwissenschaft und Betriebswirtschaft und lebt heute als freie Autorin. Auch ihre bisherigen Publikationen, meist als Prosa oder Prosast\u00fccke kategorisiert, tendieren f\u00fcr mein Gef\u00fchl sehr stark ins Lyrische.<\/p>\n\n\n\n<p>Cover \u00a9 Verlag fabrik.transit<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Die im Buch enthaltenen Texte, deren L\u00e4nge zwischen wenigen Zeilen und mehreren Seiten variiert, k\u00f6nnen einzeln gelesen werden, ergeben indes zusammen eine Art durchgehende Erz\u00e4hlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grundfabel ist einfach erkl\u00e4rt: Es geht um eine kranke Frau, die bettl\u00e4gerig ist und offensichtlich nicht mehr kommunizieren kann, m\u00f6glicherweise sogar im Koma dahind\u00e4mmert. Sie wird mit dem Namen Eva bedacht. Die Erz\u00e4hlerin versucht Kontakt aufzunehmen, tut das in Sprachbildern, die einen Bezug zu den Gem\u00e4lden und Skulpturen der Kunstschau im Belvedere herstellen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong><em>DU MACHST DIE AUGEN AUF<\/em><\/strong>\n\nund siehst Schwarz, sage ich;\nstell dir vor, du machst die Augen auf und siehst\nunz\u00e4hlige glei\u00dfende Nadelspitzen, ein\nNadelspitzenkissen aus Samt;\nund du denkst noch, das bleibt nicht so,\ndieses Nadelspitzenkissensehen, (Mund auf!)\nNachttrinken, Nachtsandsamtsandtrinken (trink!),\ndu ertrinkst im Samtsandmoor;\nund du denkst, du bist gar nicht wach,\n(\u2026)\n\natmest flach, atmest innerlich.\nDas Leintuch, vom Speichel nass.\n(\u2026)<\/pre>\n\n\n\n<p>Das lyrische Ich, die Erz\u00e4hlerin, kommt in die Wohnung der Bettl\u00e4gerigen und setzt sich zu ihr. Dort trifft sie regelm\u00e4\u00dfig Irina an, eine Pflegerin oder Verwandte, mit der sie sich austauscht und von der sie etwaige Ver\u00e4nderungen im Zustand der Kranken erf\u00e4hrt. Dass die Erz\u00e4hlerin bei der Ankunft ihre Schuhe neben jene Irinas stellt, mutet wie ein Ritual an. Birgit Schwaner erl\u00e4utert im Nachwort des Buches, dass mit den Schuhen symbolisch der Alltag abgestreift wird und die gesamte Au\u00dfenwelt drau\u00dfen bleibt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Rhythmik der Sprache<\/h4>\n\n\n\n<p>Insbesondere die l\u00e4ngeren St\u00fccke m\u00f6gen zu einem schnellen Lesen verleiten, wie man es bei Prosa gewohnt ist. Doch diese Texte entziehen sich einer raschen Lekt\u00fcre. Oft sind sie auf den ersten Blick nicht oder nur schwer erfassbar, und nur jene, die sich Zeit nehmen, dringen in die farbkr\u00e4ftigen Bilder ein, die Krendlesberger setzt, goutieren vereinzelte Wortsch\u00f6pfungen (\u201eSamtsandmoor\u201c!) und finden Eingang in den Rhythmus von Krendlesbergers Sprache. Ich sehe das ganze Buch als einen gro\u00dfen, rhythmischen Text, fast ein Epos, das zwar keine Reime anbietet, aber Leser*innen in ein geradezu t\u00e4nzelndes und emotional ber\u00fchrendes, mitunter sogar m\u00e4rchenhaft wirkendes Abenteuer lockt.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><em><strong>ZWEI V\u00d6GEL<\/strong><\/em>\n\nsage ich zu Irina. Sie sind mir zugeflogen.\nIch bin vor ihrem K\u00e4fig gesessen und habe ihnen\nzugesehen, wie sie da herumgeh\u00fcpft sind auf ihren\nSt\u00e4ben, aufgeplustert, von einer Seite zur anderen,\nwie sie, jedes f\u00fcr sich auf seinem Stab, dem\nanderen gegen\u00fcber, mit ihren Spiegeln gesprochen\nhaben, mit ihren Spiegelbildern.\n\nZwei V\u00f6gel. Zwei Spiegel.<\/pre>\n\n\n\n<p>Inspiriert durch ein Gem\u00e4lde mutieren die beiden V\u00f6gel zu einer kleinen Geschichte. Die Erz\u00e4hlerin spricht von der Voliere, davon, dass sie die V\u00f6gel herausnehmen musste, weil sie der ge\u00f6ffneten K\u00e4figt\u00fcr misstrauten. Die Rede ist von Freiheit, die erlernt werden muss, von Selbst\u00e4ndigkeit und davon, wie man in Gesellschaft kommuniziert. Und es geht um das Ende, um den Verlust eines Partners, personifiziert durch das Erleben des Federviehs:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Wenn einer stirbt,\n bleibt der andere allein.\nMan m\u00fcsse einen zweiten kaufen. Du musst.\nDas Alleinsein f\u00fcr den zur\u00fcckgebliebenen w\u00e4re\nschrecklich.\nF\u00fcttern. Saubermachen. F\u00fcttern. Jahrelang.\nJahrzehnte. Es w\u00e4re ein Wunder, st\u00fcrben beide\nzugleich. Den Verlust eines Gef\u00e4hrten, einer\nGef\u00e4hrtin m\u00fcsse man ersetzen.\n\n(\u2026)\n\nIch h\u00e4tte sein Leid nicht gelindert, sage ich zu\nIrina. Ich h\u00e4tte ihn nicht besucht.<\/pre>\n\n\n\n<p>Querverweise, Analogien und zarte Symbolik sind typisch f\u00fcr die Lyrik und die Prosagedichte in diesem Buch. Annett Krendlesberger bedient sich mehrerer Ebenen, verkn\u00fcpft diese miteinander und l\u00e4sst gleichzeitig so viel Freiraum, dass Leser*innen in geradezu endlose Tiefen vorsto\u00dfen und sich ein eigenes Bild machen m\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die \u00dcberleitung zur Kunst<\/h4>\n\n\n\n<p>Der Name Eva, den die Erz\u00e4hlerin gleich am Beginn der Kranken dezidiert zuordnet (\u201eEva, ich werde sie Eva nennen\u201c), ist eine Referenz auf die Skulptur \u201eEva\u201c von Teresa Feodorowna Ries von 1909, die in der Belvedere-Ausstellung zu sehen war. Doch was bedeutet dieser Name? Eva ist doch wohl der Urname der Frau, vertraut aus der biblischen Sch\u00f6pfungsgeschichte, aber ein Wort, das laut Etymologen noch viel \u00e4lter ist und in dieser Form sogar in sumerischen Sch\u00f6pfungsmythen vorkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kranke, die sich weder r\u00fchren noch sprechen kann und wortlos dahinsiecht, wird von den Worten, den in Worte gefassten Bildern der Erz\u00e4hlerin eingeh\u00fcllt. Eine Frau, wohl am Ende ihres Lebens, vom anf\u00e4nglichen Embryo in eine gekr\u00fcmmte Embryonalhaltung zur\u00fcckgekehrt, bed\u00fcrftig und anspruchslos, still und wom\u00f6glich gar nicht mehr empf\u00e4nglich f\u00fcr den Wortreichtum, der ihr geboten wird. Die bildhafte Vermittlung der Worte mag auch eine Art Selbsttherapie der Erz\u00e4hlerin sein \u2013 Auslegungen dieser Art halte ich f\u00fcr absolut denkbar, da sie mich an (pers\u00f6nlich erlebte) Szenerien erinnern, bei denen eine Tochter oder ein Sohn wochenlang am Bett der sterbenden Mutter ausharrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der Position der Kranken evoziert die Erz\u00e4hlerin Ries\u2019 Skulptur, die ebenfalls mit angewinkelten Gliedma\u00dfen auf der Seite liegt, und einen Ausstellungsbesuch, bei dem ein m\u00e4nnlicher Besucher um dieses Kunstwerk herumstreicht, eine direkte Betrachtung aber eher vermeidet, wom\u00f6glich von der hilfsbed\u00fcrftigen Haltung der Marmorfrau in Verlegenheit gebracht wird.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">und wie er ohne innezuhalten weitergeht, dicht\nan ihr vor\u00fcber, mit gesenktem Kopf, nicht lesend,\nkeinen Katalog in H\u00e4nden oder dergleichen (bist\nes nicht wert, bist das nicht wert), unver\u00e4nderten\nSchritts, an der Leidenden vor\u00fcber, an einer\nKranken oder Verletzten, Bed\u00fcrftigen, ja, als w\u00e4re\nda eine, und er w\u00e4r in der Pflicht, bed\u00fcrftig sei\ngenau das richtige Wort, be-d\u00fcrf-tig (du, du, sag\u2019s!);\n(\u2026)<\/pre>\n\n\n\n<p>Verlegenheit als Reaktion auf die Daliegende, m\u00f6glicherweise das Aufkommen eines Schuldgef\u00fchls. Die Zeit von 1900 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war keineswegs von Geschlechtergleichberechtigung oder Chancengleichheit gepr\u00e4gt. Die meisten Frauen waren von M\u00e4nnern abh\u00e4ngig, und jene, die sich k\u00fcnstlerisch freizuspielen vermochten, galten in der Gesellschaft als verdorben und schlecht. Ist diese l\u00e4ngst vergangene Vorstellung transponierbar auf die heutige Zeit? Die Beschreibung des z\u00f6gernden Besuchers scheint es anzudeuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Buches sind beispielhaft f\u00fcnf der Ausstellungsexponate im Farbdruck abgebildet. Beispielhaft deshalb, weil nur bei diesen das Urheberrecht bereits abgelaufen ist und sie somit gemeinfrei sind. Alle Gem\u00e4lde und Skulpturen, auf die Krendlesberger sich bezieht, sind jedoch im Anhang angef\u00fchrt und er\u00f6ffnen Interessierten die M\u00f6glichkeit weiterzuforschen. Kunstwerke von Frauen, die der Wiener Moderne zugerechnet werden, aber einer breiteren \u00d6ffentlichkeit meist kaum bekannt sind. Ein Tipp: Auch im Internet findet sich die eine oder andere Abbildung \u2026<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Annett<\/strong> <strong>Krendlesberger<\/strong>: <em><a href=\"https:\/\/www.fabriktransit.net\/daliegende-unbewegt.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">DALIEGENDE. UNBEWEGT. <\/a><\/em>Nachwort von Birgit Schwaner. fabrik.transit, Wien, 2023. 160 Seiten. Euro 22,\u2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besprechung: &#8222;Bilder einer Ausstellung&#8220; &#8211; Klaus Ebner liest Annett Krendlesbergers &#8222;DALIEGENDE. 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