{"id":17997,"date":"2024-04-17T13:10:05","date_gmt":"2024-04-17T11:10:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=17997"},"modified":"2024-04-17T13:15:42","modified_gmt":"2024-04-17T11:15:42","slug":"streitler-kastberger-besprechung-godler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2024\/04\/17\/streitler-kastberger-besprechung-godler\/","title":{"rendered":"Blaue Himbeeren"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/streitler-kastberger-nicole\/\">Nicole Streitler-Kastberger<\/a> liest <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/godler-katharina-ingrid\/\">Katharina Ingrid <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/godler-katharina-ingrid\/\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/godler-katharina-ingrid\/\"><\/a>Godlers<\/a> <em>Die Filmstadt am Rande der Kindheit<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die Kindheit ist ein reiches Reservoir f\u00fcr die Dichtung. Man braucht nur auf Prousts Madeleine-Erlebnis verweisen, um deutlich zu machen, dass Erinnerung oft \u00fcber Geschm\u00e4cker und Ger\u00fcche verl\u00e4uft. Die \u201eaufsteigenden Erinnerungen\u201c (Heimito von Doderer) pr\u00e4gen die Dichtung \u00fcber Kindheit. Auch Farben und haptische Objekte bev\u00f6lkern das Arsenal an Kindheits-Bildern. So auch in Katharina Ingrid Godlers Gedichtband mit dem sch\u00f6nen Titel <em>Die Filmstadt am Rande der Kindheit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:36% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"409\" height=\"670\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/cover-godler-Die-Filmstadt-am-Rande-der-Kindheit.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-17998 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/cover-godler-Die-Filmstadt-am-Rande-der-Kindheit.jpg 409w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/cover-godler-Die-Filmstadt-am-Rande-der-Kindheit-183x300.jpg 183w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/cover-godler-Die-Filmstadt-am-Rande-der-Kindheit-92x150.jpg 92w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/cover-godler-Die-Filmstadt-am-Rande-der-Kindheit-370x606.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/cover-godler-Die-Filmstadt-am-Rande-der-Kindheit-20x33.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/cover-godler-Die-Filmstadt-am-Rande-der-Kindheit-29x48.jpg 29w\" sizes=\"(max-width: 409px) 100vw, 409px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Mit diesem schreibt sich Katharina Ingrid Godler in einen Diskurs ein, der die Kindheit in lyrischer Form verarbeiten will, wobei sie allerdings vor allem mit Bildern der Natur beeindruckt. Die Autorin wurde 1991 in Wien geboren, wo sie auch aufgewachsen ist und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert hat. <\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:15px\">Cover \u00a9 Limbus Verlag <\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Sie hat zu Ilse Aichinger, Thomas Bernhard, Karl Kraus und Robert Musil geforscht. Im Standard hatte sie eine Kolumne mit dem Titel <em>Die Frau ohne Eigenschaften<\/em>, was Musil-Liebhaber:innen freuen d\u00fcrfte. Heute lebt sie als Autorin und Journalistin in Klagenfurt. Der vorliegende Gedichtband ist ihre erste selbstst\u00e4ndige Publikation. Die Arbeit an dem vorliegenden Band wurde mit dem Christine-Lavant-Lyrik-Stipendium des Landes K\u00e4rnten gef\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Formale Vielfalt<\/h4>\n\n\n\n<p>Und das ist gut so. Denn die Gedichte Godlers schlagen einen durchaus eigenst\u00e4ndigen Ton an. Der Gedichtband ist in drei Abschnitte unterteilt: \u201eDie Frau mit der Bienenhaut\u201c, \u201eDie Filmstadt am Rande der Kindheit\u201c und \u201eDer Bauch hat zu tun\u201c. Diese drei Abschnitte unterscheiden sich nicht nur thematisch, sondern vor allem auch formal. \u00dcberwiegen im ersten Teil klassische Formen wie Terzinen, Vier- und F\u00fcnfzeiler, auch ein Sonett findet sich, so ist der mittlere Teil, der thematisch der spannendste ist, formal unabh\u00e4ngiger, w\u00e4hrend der dritte Teil durchg\u00e4ngig in Dreizeilern gehalten ist. Wobei man dazusagen muss, dass sich Godler an keinerlei Reimschemata h\u00e4lt, sodass die tradierten Formen nur noch lose anzitiert werden. Die Gedichte zeichnen sich \u00fcberdies durch ein einfaches Vokabular aus. Selten greift Godler zu rhetorischen Mitteln wie Alliterationen oder Binnenreimen. Doch die Kombination von einzelnen W\u00f6rtern folgt \u00f6fters dem Assoziativen statt dem semantischen Gehalt. H\u00e4ufig finden sich ungew\u00f6hnliche Komposita, in denen fremde Bildbereiche metaphorisch zusammengespannt werden. Gelegentlich setzt sie auch starke Bilder ein wie jenes von den \u201eblauen Himbeeren\u201c. \u00dcberhaupt spielt Farbe in den Gedichten Godlers eine wichtige Rolle. Sie evozieren syn\u00e4sthetische Wahrnehmungen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Themenkreise<\/h4>\n\n\n\n<p>Thematisch sind neben der Kindheit im Mittelteil auch Jahreszeiten, Natur und Reisen wichtig. Ein sehr sch\u00f6nes Naturgedicht ist gleich das erste des Bandes mit dem Titel \u201eHahn und Birkenmilch\u201c, in dem Bilder wie \u201eLeint\u00fccher im Wind\u201c oder \u201eMilch in der Birke\u201c und deren \u201epelzige K\u00f6pfchen\u201c aufhorchen lassen. Nur wer einmal in einem Garten gelebt hat, kann solche Naturbeobachtungen nachvollziehen, wei\u00df, wie Pflanzen (und Tiere) die eigene Wahrnehmung schulen und f\u00fcr besondere Momente sorgen: \u201eAtemz\u00fcge eines Sommertags\u201c hei\u00dft ein zentrales Kapitel in Musils Roman <em>Der Mann ohne Eigenschaften <\/em>und solche Atemz\u00fcge von Sommertagen, aber nat\u00fcrlich auch von Herbst- und Wintertagen finden sich zuhauf in Godlers Lyrikband. Ein Beispiel, das das Gesagte veranschaulichen soll, ist das Gedicht \u201eKalter Hund\u201c:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Ein Seufzen der T\u00fcr\nNicht wie das Atmen\neines alten Herren\n\nEin T\u00f6nen wie der\nRuf eines K\u00e4uzchens\nim Vormorgendlichen\n\nDas Blumenmuster\nanders als Flugzeug\nund Vogelpaarschatten\n\nSie schlagen ab und\nlanden getrost an der\nSchattenwand. Kugeln\nwie ein Katzenmund\ndie Zottelhundtr\u00e4gheit\n\nDas Ofenlodern\ndann sanft wie ein Bach\nm\u00e4anderndes Knistern\n\nSonnenaufmerksam\nerst wenn sie in den\nH\u00e4userblockfenstern steht\n\nWenn der Blick ins Buch\nerstarrt und m\u00fcrb auf\nUnerl\u00e4ssliches f\u00e4llt<\/pre>\n\n\n\n<p>\u201eZottelhundtr\u00e4gheit\u201c und \u201esonnenaufmerksam\u201c sind solche Neologismen, Komposita des Unerh\u00f6rten, Ungeh\u00f6rten, die Dichtung zu einem sprachlichen Erlebnis werden lassen. Ein Schl\u00fcsseltext ist f\u00fcr mich das Gedicht \u201eDie Frau mit der Bienenhaut\u201c, das auch dem ersten Teil des Bandes den Titel verleiht:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Nach dem Familienbesuch\nsitzt sie in seinem Garten\nund wartet, dass Ruhe einkehrt\n\nSie sehnt sich nach der eigenen\nSinnlichkeit und nach dem Wohl\nauf ihrer zarten Bienenhaut\n\nInnerlich zerrei\u00dfen sie die\nBilder der Kindheit und die\nGespr\u00e4che der letzten Tage\n\nSie arbeiten nach, ersch\u00f6pfen\nDoch sie wei\u00df, dass bald wieder\nder Zauber in ihr wohnen wird\n\nSie wird wieder sehen k\u00f6nnen\nwie sich das wilde Weinblatt\nin der Herbstsonne einigelt\n\nSie wird wieder h\u00f6ren k\u00f6nnen\nwie schnell sich das Windrad dreht\nsobald die V\u00f6gel fortreisen\n\nSie wird wieder riechen k\u00f6nnen\nwie sich das Bratenfett mit\ndem verbrannten Buchenholz mischt<\/pre>\n\n\n\n<p>Wieder sehen, h\u00f6ren und riechen k\u00f6nnen, das ist f\u00fcr den Lyriker und die Lyrikerin essenziell. Sehr sch\u00f6n paart Godler in dem Gedicht die existenzielle Einsamkeit des Dichters mit der Ablenkung, die gr\u00f6\u00dfere Gesellschaften, vor allem Familienbesuche, mit sich bringen. Nur wer der Familie und der Gesellschaft entkommt (auch wenn es kein Au\u00dferhalb der Gesellschaft gibt, wie Bachmann glaubhaft vermittelt hat), kann empf\u00e4nglich und \u201eapperzipierend\u201c (Doderer) werden und damit schreibend die Welt erkunden.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Kindheit: ein Erinnerungsreservoir<\/h4>\n\n\n\n<p>In dem Gedicht \u201eKlangtapete einer Kindheit\u201c erkundet Godler die klanglichen Aspekte des Kindseins. Da sind abwechselnd \u201eKauz\u201c und \u201eT\u00e4ubchen\u201c zu vernehmen, \u201eDas Rotkehlchen \/ vom Nachbarhof \/ wasserm\u00e4andert\u201c, jemand streicht eine Wand. Kindheit hei\u00dft F\u00fclle der Wahrnehmungen, denen Godler in ihren Texten nachsp\u00fcrt: \u201eBrettspiele und \/ Rummy. Platz neben \/ der Gro\u00dfmutter \/ mit den Ohrenclips\u201c. Wer kennt sie nicht, diese Nachmittage bei den Gro\u00dfeltern, an denen die Zeit im besten Sinne mit Spielen vertrieben wurde. Sehr sch\u00f6n auch \u201eDas Kastanienlicht in den Flechtm\u00e4hnen\u201c, in dem das vor allem bei M\u00e4dchen beliebte Reiten beleuchtet wird. Oder das titelgebende Gedicht \u201eDie Filmstadt am Rande der Kindheit\u201c:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Frischer Duft vom Erdenlaub\nGegrautes Himmelmeer\nDas Vogelpaar tschilpt\nin den Schl\u00f6ssern\n\nUnd das Pferd vom Reitstall Knoll\nim gr\u00fcnged\u00fcngten Feld\nBuchweizenbl\u00fcten\nund Kleeerde\n\nErinnern an die Filmstadt\nim Kurpark Oberlaa\nMaronischalen\nin der Tasche<\/pre>\n\n\n\n<p>Jedes Wort steht hier an der richtigen Stelle. Bilder wie das \u201egegraute Himmelmeer\u201c oder die \u201eMaronischalen \/ in der Tasche\u201c bannen den Herbst in wenigen Worten. Man muss sich Zeit nehmen f\u00fcr die Texte von Godler und genau hinschauen, dann wird man \u00fcberrascht von so mancher Sch\u00f6nheit. An einer Stelle (im Gedicht \u201eSchulbeginn mit schwerroten Hollerdolden\u201c) klingt H\u00f6lderlins \u201eH\u00e4lfte des Lebens\u201c an. Mit solchen intertextuellen Verweisen spart Godler. Doch sie sind da und verleihen den Texten eine zus\u00e4tzliche Ebene. Ein Gedichtband, der nicht mit Sprache prunkt oder sich in gro\u00dfe Abstraktionen verliert, doch einer, der die Worte behutsam setzt und Natur und Menschsein, vor allem Kindsein, in einer unpr\u00e4tenti\u00f6sen Sprache erkundet.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/godler-katharina-ingrid\/\">Katharina Ingrid Godler<\/a><\/strong>: <em><a href=\"https:\/\/www.limbusverlag.at\/index.php\/filmstadt-am-rande-der-kindheit\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Die Filmstadt am Rande der Kindheit.<\/a><\/em> Gedichte. Limbus, Innsbruck\u2013Wien, 2023. 96 Seiten. Euro 15,\u2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besprechung: &#8222;Blaue Himbeeren&#8220; &#8211; Nicole Streitler-Kastberger liest Ingrid Katharina Godlers &#8222;Die Filmstadt am Rande der Kindheit&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":17998,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,107],"tags":[203,514],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Blaue Himbeeren - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Besprechung: &quot;Blaue Himbeeren&quot; - Nicole Streitler-Kastberger liest Katharina Ingrid Godlers &quot;Die Filmstadt am Rande der Kindheit&quot;\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2024\/04\/17\/streitler-kastberger-besprechung-godler\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Blaue Himbeeren - 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