{"id":2060,"date":"2020-07-22T12:18:51","date_gmt":"2020-07-22T10:18:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=2060"},"modified":"2021-04-17T10:19:49","modified_gmt":"2021-04-17T08:19:49","slug":"wenn-alles-reisst-sich-aufloest-zerfaellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2020\/07\/22\/wenn-alles-reisst-sich-aufloest-zerfaellt\/","title":{"rendered":"wenn alles rei\u00dft, sich aufl\u00f6st, zerf\u00e4llt"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"has-text-color wp-block-heading\" style=\"color:#888888\"><\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"custom-small-subtitle wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/vasik-monika-2\/\" data-type=\"page\" data-id=\"1437\">Monika Vasik <\/a> liest neue Gedichte von <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/lipus-cvetka\/\" data-type=\"page\" data-id=\"2061\">Cvetka Lipu\u0161<\/a> <\/h4>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"374\" height=\"581\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Cover_Lipu\u0161_Komm-schn\u00fcren-wir-die-Knochen-kl.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2244 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Cover_Lipu\u0161_Komm-schn\u00fcren-wir-die-Knochen-kl.jpg 374w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Cover_Lipu\u0161_Komm-schn\u00fcren-wir-die-Knochen-kl-193x300.jpg 193w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Cover_Lipu\u0161_Komm-schn\u00fcren-wir-die-Knochen-kl-97x150.jpg 97w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Cover_Lipu\u0161_Komm-schn\u00fcren-wir-die-Knochen-kl-370x575.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Cover_Lipu\u0161_Komm-schn\u00fcren-wir-die-Knochen-kl-185x287.jpg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Cover_Lipu\u0161_Komm-schn\u00fcren-wir-die-Knochen-kl-20x31.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Cover_Lipu\u0161_Komm-schn\u00fcren-wir-die-Knochen-kl-31x48.jpg 31w\" sizes=\"(max-width: 374px) 100vw, 374px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>\u201eKomm, schn\u00fcren wir die Knochen\u201c ist der sechste Lyrikband, den die in Salzburg lebende K\u00e4rntner Slowenin Cvetka Lipu\u0161 in deutscher Sprache vorlegt. Das Original erschien bereits 2010 unter dem Titel \u201ePojdimo vezat kosti\u201c und wurde, wie ihre fr\u00fcheren B\u00fccher, von Klaus Detlef Olof \u00fcbertragen. Auffallend ist das nichtchronologische Erscheinen der \u00dcbersetzungen ihrer Werke. So ist ihr letzter, 2017 im Drava Verlag ver\u00f6ffentlichter Lyrikband \u201eWer wir sind, wenn wir sind\u201c, dessen slowenisches Original 2015 publiziert wurde, deutlich j\u00fcnger, als der nun vorliegende Band. Beide B\u00fccher allerdings umkreisen und stechen mitten hinein in dasselbe Thema: die Br\u00fcchigkeit der menschlichen Existenz und die Fragilit\u00e4t unserer K\u00f6rper und Seelen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der aktuelle Band ist gro\u00dfz\u00fcgig gestaltet. Die Gedichte sind auf der rechten Seite gedruckt, daneben k\u00f6nnten die slowenischen Originale stehen, doch die linken Seiten blieben frei, was Raum f\u00fcr Notizen schafft oder f\u00fcr ein Innehalten des Blicks bei der Lekt\u00fcre. Das Buch enth\u00e4lt eine Sammlung von Gedichtzyklen und Einzelgedichten, in deren Mittelpunkt oft ein lyrisches Ich steht, das manchmal ein Du oder Wir adressiert oder von einem Er erz\u00e4hlt. Dieses Ich ist in den meisten Texten deutlich als jenes einer Frau zu erkennen. Es konstatiert mit gleichsam sezierendem Blick Bedrohungen im Inneren des eigenen K\u00f6rpers, das Auseinanderdriften von Muskeln, Knochen, Nerven und anderen Organen, und sp\u00fcrt dem Aufruhr bis auf die Ebene der einzelnen Zelle nach.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group alignwide mb-30\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Copyright Otto M\u00fcller Verlag<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Das \u201ein Eile zur Passform zusammengest\u00fcckelte \/ Ich\u201c hat M\u00fche, sich als Einheit zu erhalten und \u201eden inneren Unfrieden\u201c zu verbergen. Es wird hin- und hergerissen zwischen Momenten \u201eges\u00e4umt \/ mit Erwartung\u201c, dem Fallen aus allen Wolken und Momenten des Blues, dem mit Sinnspr\u00fcchen nicht beizukommen ist, etwa dem<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Herunterbeten des Mantras \/ nur den Kopf hoch \/ nur immer den Kopf hoch<\/pre>\n\n\n\n<p>All dies verdichtet Lipu\u0161 in poetischen Beschreibungen und Auseinandersetzungen, oft auch Anrufungen, mal n\u00fcchtern und lakonisch, mal flapsig oder in hohem Ton, immer wieder ins Surreale gewendet, zuweilen m\u00e4rchenhaft und mit traum\u00e4hnlichen Sequenzen durchsetzt. Durch den melancholischen, gelegentlich ans Nihilistische r\u00fchrenden Grundklang t\u00f6nt sacht immer wieder trockener, ja geradezu spr\u00f6der Humor durch.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Titel \u201eKomm, schn\u00fcren wir die Knochen\u201c ist eine Anrufung. Das Ich richtet sich an eine andere Person, wei\u00df sich in seinem Lebenskampf also meist nicht allein und obendrein in einer Generationenfolge verortet. Im Buchtitel schwingt zudem die Redewendung mit, dass man nackt bis auf die Knochen sei, sich zumindest so f\u00fchle. Auch das Ende des Lebens wird mitgedacht<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><em>wenn ich eine Schicht tiefer \u00fcbersiedle, eine Schachtel<\/em>\n<em>Knochen ohne Herzschlag.<\/em><\/pre>\n\n\n\n<p>Das Wort \u201eschn\u00fcren\u201c wiederum kennen wir vom Binden der Schuhe. Es bedeutet, etwas zusammen- oder festbinden, hier eben (oder wenigstens noch) die Knochen, diese vielleicht nur mehr mit z\u00e4hem Willen und der gespannten Haut zusammenzuhalten. Es bezeichnet aber auch das langsame Laufen von F\u00fcchsen, W\u00f6lfen und Luchsen, die sich im sogenannten Schn\u00fcrgang bewegen und dabei, anders als Hunde, die Hinterl\u00e4ufe passgenau in den Abdruck der Vorderl\u00e4ufe setzen. In manchen Wander- und Volksliedern steht das Wort \u201eschn\u00fcren\u201c als Zeichen des Aufbruchs, etwa im Lied \u201eHeute wollen wir das R\u00e4nzlein schn\u00fcren\u201c, ein Aufbruch, der in den vorliegenden Gedichten immer wieder angestimmt wird. Den Buchtitel finden wir leicht ver\u00e4ndert (\u201eschn\u00fcren auch wir\u201c) in einem siebenteiligen Gedichtzyklus wieder, der u.a. Pr\u00e4gungen durch ein von Religion, Autorit\u00e4ten und mannigfaltigen, heute \u201eleicht ergrauten \/ \u00c4ngsten\u201c bestimmtes Aufwachsen verdichtet, die von Generation zu Generation irrlichtern:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Red nicht. Lass keinen Mucks von dir h\u00f6ren. Gib keinen\n<em>Ton von dir. Lass dich mit niemand auf einen Streit ein.<\/em>\n<em>Fang mit niemand eine Debatte an. ...<\/em><\/pre>\n\n\n\n<p>Das Ergebnis ist \u201edas H\u00e4mmern des Schweigens im Brustkorb\u201c, dem erl\u00f6sende Worte fehlen. Schon lange vor dem Erkennen, \u201edass du langsam au\u00dfer Gebrauch kommt\u201c, hat man verinnerlicht:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><em>... heutzutage zeigt man eine Wunde nicht her<\/em>\n<em>wie ein Kind, als Beweis, dass man schlimm dran ist.<\/em><\/pre>\n\n\n\n<p>Statt eigene Wunden oder unsere K\u00f6rperlichkeit sehen, sie gar zeigen zu wollen, machen wir uns zu einer Art Hologramm ohne Knochen, Fleisch und pochendes Blut, obwohl das \u201eNervengeflecht hysterisch fl\u00fcstert\u201c, wir alle H\u00e4nde voll zu tun haben, unsere Br\u00fcchigkeiten zu verdecken, und zuweilen sogar die Haut verzweifelnd anrufen \u201elike a prayer\u201c:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><em>Haut, die du den inneren<\/em>\n<em>Unfrieden verbirgst,<\/em>\n<em>halte die Meute der Organe, den Schwarm<\/em>\n<em>der Wirbel, das H\u00e4uflein der Zellen zusammen.<\/em><\/pre>\n\n\n\n<p>Manche fallen in einen Als-ob-Mechanismus, pflegen \u201edas rituelle Kopf-in-den-Sand-Stecken\u201c und das \u201eH\u00e4tscheln kleiner Laster\u201c, andere \u201everkleiden sich in eine Erscheinung \/ mit straffer Haut und freundlichem Blick\u201c, oder verdecken ihre Wunden durch ein gepflegtes \u00c4u\u00dferes, treiben Sport:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><em>In den Fitnessstudios rudern wir uns in eine j\u00fcngere Form,<\/em>\n<em>aber das Alter befummelt die Zellen;<\/em><\/pre>\n\n\n\n<p>Cvetka Lipu\u0161 jedoch ist Lyrikerin. Sie f\u00fchrt vor, dass K\u00f6rper und Geist nirgendwo Hilfe und Heilung finden werden, nicht in der schon existierenden Literatur<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><em>Geh mir nicht zu Rilke, wenn alles rei\u00dft, sich<\/em>\n<em>aufl\u00f6st, zerf\u00e4llt, wenn ...<\/em>\n<em>der K\u00f6rper auf das Gesetz der Schwerkraft pfeift,<\/em>\n<em>am liebsten den Sternen die Hand sch\u00fcttelte,<\/em>\n<em>bis zum Verkohlen. Lass das Buch in Ruhe, ...<\/em><\/pre>\n\n\n\n<p>und auch nicht in der Philosophie, etwa bei Martin Heidegger, den sie in einem \u201eHandbuch f\u00fcr das Sein\u201c direkt anspricht. F\u00fcr Lipu\u0161 gibt es Linderung nur durch ein Verstehen aus dem Eigenen heraus. Die Schriftstellerin glaubt an die Kraft des \u201eerl\u00f6senden\u201c Wortes, glaubt an die Macht der Sprache und der bedachtsamen Benennung wider das Schweigen. Manchmal wird Sprache Rettung, heimeliger Platz, dann wieder Flucht.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><em>Soll ich dir sagen, wie es ist, wenn ich mit<\/em>\n<em>hundertf\u00fcnfzig die Stunde gegen mich anrenne und<\/em>\n<em>mich dort ein abgenagter Knochen erwartet?<\/em>\n<em>&nbsp;<\/em>\n<em>Die Finger gleiten wie von selbst \u00fcber die<\/em>\n<em>Klaviatur der W\u00f6rter, auf der Suche nach der richtigen<\/em>\n<em>Lage f\u00fcr die entstandene Leere.<\/em><\/pre>\n\n\n\n<p>Im Zyklus \u201eDie Rinde der Bitte\u201c entwirft sie ein weiteres Bild, wenn es hei\u00dft: \u201eWie eine Spinne spinnst du die Worte\u201c. Wortnetze entstehen, die uns nicht nur mit anderen Menschen verbinden, sondern auch mit den Generationen vor uns, von denen wir unsere Sprachen erbten. Wie Spinnennetze legen sie sich um uns, werden zu einem Gewebe, das unsere geschn\u00fcrten Knochen zusammenh\u00e4lt, unsere Wunden verbindet, manche lindert, vielleicht vernarben l\u00e4sst. Oder aber, fl\u00fcstert uns Lipu\u0161 mittendrin schelmisch zu, sie werden zu Kraftnetzen wider die Unw\u00e4gbarkeiten des Lebens:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><em>Wie w\u00e4re es mit ein wenig Doping?<\/em>\n<em>Ein kleines Sonett oder zwei volle Reibelaute,<\/em>\n<em>die sich harmonisch nach Hause reimen.<\/em><\/pre>\n\n\n\n<p><strong>Cvetka Lipu\u0161 \u2013 Komm, schn\u00fcren wir die Knochen. Gedichte. \u00dcbertragen aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. Otto M\u00fcller Verlag, Salzburg-Wien 2019. 120 Seiten.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monika Vasik liest \u201eKomm, schn\u00fcren wir die Knochen\u201c von Cvetka Lipu\u0161 <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6429,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[107],"tags":[140,217,216],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>wenn alles rei\u00dft, sich aufl\u00f6st, zerf\u00e4llt - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2020\/07\/22\/wenn-alles-reisst-sich-aufloest-zerfaellt\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"wenn alles rei\u00dft, sich aufl\u00f6st, zerf\u00e4llt - 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