{"id":2381,"date":"2020-08-30T21:27:45","date_gmt":"2020-08-30T19:27:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=2381"},"modified":"2020-10-23T11:32:26","modified_gmt":"2020-10-23T09:32:26","slug":"unkleinlich-grundsaetzlich-kleine-interpretation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2020\/08\/30\/unkleinlich-grundsaetzlich-kleine-interpretation\/","title":{"rendered":"unkleinlich grunds\u00e4tzlich. k(l)eine interpretation"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"has-text-color wp-block-heading\" style=\"color:#888888\"><\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"custom-small-subtitle wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/udo-kawasser\/\">Michael Hammerschmid<\/a> liest das Gedicht &#8222;Die Stunde lag bereit&#8220; des j\u00fcngst verstorbenen <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/astrid-nischkauer\/\">Alfred Kolleritsch<\/a><\/h4>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Die Stunde lag bereit,&nbsp;\nverriet voraus,&nbsp;\ndass es kein Entweichen gibt.&nbsp;\n&nbsp;\nDas ist das Spiel.&nbsp;\n&nbsp;\nEs spricht mit uns,&nbsp;\ndunkel und licht zugleich,&nbsp;\nUnverg\u00e4ngliches ohne Dauer.&nbsp;<\/pre>\n\n\n\n<p>Alfred Kolleritschs Gedichte sind keine Interpretationsgedichte. Man kann in ihnen vielmehr bestimmte Erfahrungen machen. Begriffe, die sie nahelegen, um sie zu beschreiben, wie beispielsweise \u201eParadox\u201c l\u00f6sen sich an ihnen auf und erhalten gleichzeitig in ihnen, durch sie konkrete Sprach\/Gestalt. Paradoxa kann man im Allgemeinen schnell herstellen. Doch schnell ist in diesen Gedichten nichts. Sie artikulieren vielmehr Widerstand gegen die Zeit, l\u00f6sen sich nicht in ihr auf, widerstehen ihr, und sch\u00e4len so ungekannte ihrer Eigenschaften heraus. Das italienische hermetische Gedicht k\u00f6nnte einem einfallen, das in \u00d6sterreich (bis auf beispielsweise Paul Celan, bei Gerhard Kofler in Spuren\u2026) wenig Aufnahme und Widerhall gefunden hat. Auch die Gedichte Alfred Kolleritschs verweigern sich. Aber sie lassen auch zu, und es entsteht Bewegung, Verh\u00e4ltnisse werden abgesteckt, Fragen und Antworten scheinen auf. Es ist ihr Schein, der sie sprechen l\u00e4sst. Jene Art des Scheins, von dem Peter Handke in seiner Maigeschichte \u201eDas zweite Schwert\u201c erz\u00e4hlt, einem Schein, der die Dinge verdeutlicht, nicht der oberfl\u00e4chliche Schein. \u201eDie Stunde lag bereit, \/ verriet voraus, \/ dass es kein Entweichen gibt.\u201c Wie eigenwillig dieses Entweichen statt \u201eEntkommen\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nah- und Weltenraum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt kein Entweichen. Hier k\u00f6nnte eine Exegese des Wortes und Gedichts ihren Ausgang nehmen. Aber das Gedicht braucht eine solche nicht. Die vielen Worte w\u00fcrden das Gedicht verdecken, die wenigen Worte des Gedichts widersprechen den vielen. Die Gedichte Alfred Kolleritschs sind in einem gro\u00dfen Zeit-Raum, Weltenraum, gedacht, unkleinlich grunds\u00e4tzlich. Sie sind aber ebenso im Nahraum verfasst, aus dieser Amplitude, der nahen Beschreibungsgenauigkeit, Bestandsaufnahme von Ereignis, Empfindung, Sprach &#8211; Un &#8211; M\u00f6glichkeit und den gro\u00dfen Bewegungen menschlicher Existenz \u2013 Leben Liebe Tod \u2013 sch\u00f6pfen sie ihre Notwendigkeit. Jede*r kennt die Ahnung der kommenden, \u201evorausverratenen\u201c Stunde, die Gewissheit. Welche ist es? In diesem Gedicht? Im Pr\u00e4teritum, in dem diese erste Strophe spricht (in den n\u00e4chsten dann ins Pr\u00e4sens wechselnd), liegt die Gewissheit und Erfahrung. Und die Gegens\u00e4tze beginnen zu arbeiten: Der vierte Vers, besser, der Mittelvers, spricht ihn aus und bringt auch Bewegung ins Gedicht. Er fungiert als Spiegel der beiden dreizeiligen Strophen \u00fcber und unter ihm, ausgel\u00f6st und frei. \u201eDas ist das Spiel\u201c und stimmt dem \u201ekein Entweichen\u201c zu, w\u00e4hrend es ihm schon widerspricht: Es schafft Spielraum und fasst doch zusammen, dass die Stunde ohne \u201eEntweichen\u201c eintreten wird. Um welches Spiel handelt es sich? Das Spiel von Leben und Tod?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine Ferne so nah sie auch sein mag<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Stunde\u201c ist ein mildes, altes, an Begegnung, Tod und Liebe erinnerndes Wort. Wenn etwas bereit liegt, mag man sich seiner, das frei zur Verf\u00fcgung steht, zum Gebrauch, zum Spiel wozu auch immer, annehmen, es annehmen. Auch dass von ihm die G\u00fcte ausgeht, seine Unausweichlichkeit im Voraus zu verraten\u2026 Oder steckt hierin nicht Ironie? Ein Schalk? Ein Zittern? \u201eEs spricht mit uns, \/ dunkel und licht zugleich, \/ Unverg\u00e4ngliches ohne Dauer.\u201c Hier verdichtet das Gedicht Paradoxa, \u201edunkel &amp; licht\u201c \u201eUnverg\u00e4ngliches ohne Dauer\u201c. Man kommt mit einer Wirklichkeit in Ber\u00fchrung, die unbekannt ist, nicht billig zu haben, gar nicht zu haben und doch im und als Gedicht erf\u00e4hrt man sie. Kein Begriff ist genug daf\u00fcr, darum gibt es das Gedicht als eine*n Andere*n, anderen Ausdruck. Und es gibt keinen anderen Weg, dies zu erfahren \u2013 oder vielleicht doch? \u2013 etwas Unvergleichliches ereignet sich. Wie die Erfahrung einer Ferne so nahe sie auch sein mag (in Anlehnung an W. Benjamin) \u2013 auratisch? Alfred Kolleritsch bringt es wieder ein in eine Literatur, die sich vom Auratischen schon lange verabschiedet zu haben scheint. Die den Schein schon weitgehend aufgegeben hat, jenen vorher erw\u00e4hnten. Und doch sind sie nicht hermetisch, wie man jetzt nach genauerer Lekt\u00fcre bemerkt. Sie schlie\u00dfen sich nicht g\u00e4nzlich ab, sind vielmehr dicht statt wasserdicht. \u201eEs spricht mit uns\u201c hei\u00dft es im Gedicht. Ein Dialog ist also im Gang. Wer ist es? Sicher, \u201eUnverg\u00e4ngliches ohne Dauer\u201c. Und doch nicht nur. Und was ist dieses \u201eUnverg\u00e4ngliche ohne Dauer\u201c? Essenz? Substanz? G\u00f6ttliches? Moment? In dieser Arbeit am \u00c4u\u00dfersten, an der Schwelle zwischen Immanenz und Transzendenz, erinnern die Gedichte an Samuel Becketts (Mirlitonnade, Fl\u00f6tent\u00f6ne) Weg am Rand und \u00fcber Grenzen hinaus. Und doch geht das \u201eUnverg\u00e4ngliche ohne Dauer\u201c in keinen anderen der vorgenannten Dinge und Begriffe auf. Ist etwas a\/Anderes (\u201eEs gibt den ungeheuren Anderen\u201c hei\u00dft Alfred Kolleritschs vorletzter Gedichtband). Geht auf das Andere zu, fordert es heraus. Darin liegt der Mut dieser Gedichte. Vielleicht doch noch ein Begriff? Immanente Transzendenz? Lieber zur\u00fcck zum Gedicht. Und sich st\u00f6ren lassen. Denn darin liegt die Kraft und Milde dieser Literatur.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>In memoriam<\/em>&nbsp;Alfred Kolleritsch, der am 29. Februar 2020 in seinem 89. Lebensjahr verstorben ist.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alfred Kolleritsch:&nbsp;&#8222;Die Stunde lag bereit&#8220;<\/strong> in: derselbe, <em>Die Nacht des Sehens<\/em>. Gedichte. Mit einer Nachbemerkung von Michael Kr\u00fcger. G\u00f6ttingen: Wallstein Verlag 2020, S 47. (= Edition Petrarca. Hg. v. Hubert Burda, Peter Hamm, Peter Handke, Alfred Kolleritsch und Michael Kr\u00fcger)&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Hammerschmid liest das Gedicht &#8222;Die Stunde lag bereit&#8220; von Alfred Kolleritsch.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2375,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[105,271],"tags":[235,139,173,236],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>unkleinlich grunds\u00e4tzlich. k(l)eine interpretation - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2020\/08\/30\/unkleinlich-grundsaetzlich-kleine-interpretation\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"unkleinlich grunds\u00e4tzlich. k(l)eine interpretation - 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