{"id":23868,"date":"2026-01-23T07:00:00","date_gmt":"2026-01-23T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=23868"},"modified":"2026-01-20T11:31:25","modified_gmt":"2026-01-20T10:31:25","slug":"krcmarova-besprechungschreiben-im-schatten-der-machtlosigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2026\/01\/23\/krcmarova-besprechungschreiben-im-schatten-der-machtlosigkeit\/","title":{"rendered":"Schreiben im Schatten der Machtlosigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/krcmarova-rhea\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Rhea Krcm\u00e1rov\u00e1<\/a> liest <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/schmall-christopher\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Christopher Schmalls<\/a>\u00a0<em>gegenstandslos<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>\u201eKOMM, ERZ\u00c4HL VOM KRIEG, VON DEM DU NICHTS ERZ\u00c4HLEN KANNST! KOMM, ERZ\u00c4HL VOM KRIEG. SAG NUR ICH DAS VON MIR SELBST? SAG NUR ICH DAS?\u201c<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:40% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"200\" height=\"257\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/cover-Schmall-Christopher-22gegenstandslos22.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-23014 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/cover-Schmall-Christopher-22gegenstandslos22.jpeg 200w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/cover-Schmall-Christopher-22gegenstandslos22-117x150.jpeg 117w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/cover-Schmall-Christopher-22gegenstandslos22-20x26.jpeg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/cover-Schmall-Christopher-22gegenstandslos22-37x48.jpeg 37w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Die ersten Zeilen, die man von Christopher Schmalls Gedichtband liest, stehen nicht im Buchinneren, sondern sind in Blockbuchstaben auf die R\u00fcckseite gedruckt. Dicht an dicht \u00fcber in sich verlaufenden Farbstreifen werfen sie Fragen auf, die sich durch das gesamte Buch ziehen: Bedeutet Schweigen Mitt\u00e4terschaft?\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Cover \u00a9 fabrik transit<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Ist es die Verantwortung als Dichter, etwas zu sagen und Stellung zu beziehen? Muss Content kreiert werden auf Gedeih und Verderb?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor widmet sich diesen Fragen ausf\u00fchrlich und formell divers. Laut Verlag handelt es sich bei&nbsp;<em>gegenstandslos<\/em>&nbsp;um eine \u201eSammlung von 77 politischen, philosophischen Gedichten, die in Form und L\u00e4nge variieren, vom Einzeiler bis zum mehrseitigen Zyklus\u201c. Schmalls Gedichte thematisieren Krieg, Umweltzerst\u00f6rung, Konsum, Heimat, NS-Zeit, Glaube, Psyche und Identit\u00e4t.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Christopher Schmall, 1993 in Salzburg geboren (und laut seiner Homepage im Brotberuf Leiter der Mitarbeiterkantine der Salzburger Festspiele), beschreibt das Buch auf seiner Homepage folgenderma\u00dfen: \u201eIn meinem zweiten Gedichtband werde ich explizit, nehme mir kein Blatt vor den Mund, nenne die Dinge beim Namen. Durchwegs politische und philosophische.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gegenstandslos enth\u00e4lt auf 180 Seiten viel, sehr viel: Wortspiele, konkrete Poesie, typographische Experimente, Alliterationen, Listen, Aphorismen, Texte an der Grenze zu Prosa. Das ist ein sehr ambitioniertes Vorhaben, das in sich auch ein Scheitern riskiert, \u00fcber weite Strecken aber gelingt. Die klein geschriebenen, oft anderen Autorinnen und Autoren gewidmeten Gedichte verzichten gro\u00dfteils auf Satzzeichen, was ihnen in all ihrer F\u00fclle und Diversit\u00e4t etwas Verbindendes gibt.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><em>adern  \r\n\r\n\u201eWenn es\r\ngenug ist, Liebling, bin ich dann tot?\u201c\r\n\u2013 Brita Steinwendtner\r\n\r\nwie viel\r\nblut braucht es, um zu vergessen?\r\nwie viel\r\nvergessen stockt in unserem blut?\r\nwie viel\r\nvergessenes blut schreckt uns\r\nin grund\r\nund boden?\r<\/em><\/pre>\n\n\n\n<p>Sehr grob gesagt lassen sich Christopher Schmalls Gedichte in zwei Arten einteilen, k\u00fcrzere, verknappte und l\u00e4ngere, wucherndere. Die knapperen Gedichte wie \u201eadern\u201c scheinen pr\u00e4ziser gearbeitet, umfangen einen einzelnen Gedanken, graben ihn aus und reduzieren ihn auf seine Essenz. Einige der Gedichte lesen sich eher wie Aphorismen. \u201ealle wege f\u00fchren nach auschwitz\u201c ist ein wenig platt, \u201ebelanglos ist alles, was uns nicht zu interessieren hat\u201c tr\u00e4gt einen interessanten Gedanken in sich.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Lust an Listen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>In Zeiten von Informations\u00fcberf\u00fclle und allgemeinem Chaos w\u00e4chst der Wunsch nach Ordnung, nach \u00dcbersicht. Vielleicht war das die Motivation hinter den Listen-Gedichten in\u00a0<em>gegenstandslos<\/em>. Diese Aufz\u00e4hl-Zeilen fangen Gedanken und Aspekte ein, geben ihnen den Anschein einer Ordnung, vielleicht auch etwas wie eine Hierarchie. \u201e23 s\u00e4tze f\u00fcr wien\u201c ordnet Zeilen einer Fantasie-Geografie zu, erweitert das Stadtbild um Gedanken und S\u00e4tze, die sich den realen Bezirken nicht oder vielleicht doch zuordnen lassen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">1 erinnern \u2013 nicht wehr nicht meniger\r\n2 schl\u00e4gt ein ins zentrum des zweifels: das gl\u00fcck des\r\nm\u00f6glichen\r\n3 maria, hilf mir zu tanzen\r\n4 nicht sich kasteien, nicht sich verbieten, nicht sich\r\nrichten\r\n5 auch der marder liebt und lacht\r\n6 k\u00fcndet vom langsamen sch\u00e4len und sch\u00e4rfen, wer\r\nn\u00e4chtens fassadenreliefs und zitternden fenstern lauscht\r\n7 im stra\u00dfennetz eingefangen: lichtlaich, fetzen von\r\nleben\r\n(\u2026)\r<\/pre>\n\n\n\n<p>Im Elfriede Gerstl zugedachten (und vom Vortrag ihres Texts \u201eIch gebrauche also bin ich \u2013 21 Substitutionen\u201c inspirierten) Gedicht \u201eheimatlos: 25 einb\u00fcrgerungen\u201c arbeitet sich Christopher Schmall am Konzept der Heimat ab, spielt mit Spr\u00fcchen und Sprichw\u00f6rtern, bricht und hinterfragt sie, stellt sie in einen neuen Kontext.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">1 alle heimat ist schwer\r\n2 eine heimat w\u00e4scht die andere\r\n3 die heimat heiligt die mittel\r\n4 heimat ist eine br\u00fccke\r\n5 heimat verdirbt den charakter\r\n6 die heimat sah in den spiegel und erkannte sich\r\n7 mein name ist heimat, ich wei\u00df von nichts\r\n(\u2026)\r<\/pre>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u00dcberf\u00fclle, ungeordnet<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Andere Gedichte verzichten auf den Versuch einer (Ein-)Ordnung, breiten sich \u00fcber mehrere Seiten aus, wobei bei manchen (wie \u201edurchs Tal (mit Christine Lavant\u201c)) nicht klar ist, ob es sich um ein einziges Gedicht handelt oder um eine Art Zyklus. Viele der langen Gedichte haben etwas Fragementarisches, wirken wie eine Sammlung von Gedanken, Assoziationen. Wollte der Autor damit den mentalen \u00dcberflutungszustand der (medialen) Welt durch diese Gedichte abbilden? Zum Teil bekommt man den Eindruck, dass manche Texte zu viel wollen, sie wirken fast wie Gedankensammlungen, die m\u00f6glichst viele Aspekte einfangen wollen, und weniger wie fertig \u201eVerdichtetes\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>So enth\u00e4lt das Gedicht \u201eTag der Fahnen\u201c auf drei Seiten Wortspiele und Bundeshymnen-Fragmente, Dialektzeilen, Wortvariationsaufz\u00e4hlungen und Bedeutungsverschiebungen und l\u00e4sst so die Frage zu, ob der Text nicht etwas gewonnen h\u00e4tte, wenn er nicht in einem gro\u00dfen St\u00fcck, sondern als in seine Teile herabgebrochener Zyklus pr\u00e4sentiert worden w\u00e4re. Auch andere Gedichte h\u00e4tten von einer K\u00fcrzung bzw. Aufteilung profitieren k\u00f6nnen. \u201emutschuld\u201c wirkt ein wenig zu lang, wie eine Liste an Assoziationen, die dem Autor eingefallen sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zumindest begn\u00fcgt Christopher Schmall sich nicht nur damit, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, er sucht auch die Verbindung zum Pers\u00f6nlichen. Ein lyrisches Ich bzw. Du loten in Gedichten wie \u201eherrschaft\u201c und \u201edas darftst du nicht\u201c aus, wie das Leben in einer martialisch kapitalistisch-konservativen Gesellschaft sich auf die Psyche des Individuums auswirken kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Prinzipiell kann man sagen, dass der Autor sich nicht nur inhaltlich an den von ihm erw\u00e4hnten Themen abarbeitet, sondern auch formal experimentiert und sich der ungezwungenen, ungez\u00fcgelten Lust am Sprachspielerischen hingibt. Das funktioniert nicht in jedem Gedicht. Die Phrase \u201egefickt eingesch\u00e4delt\u201c etwa im ersten Text l\u00e4sst zumindest \u00e4ltere Semester an den \u201eKentucky schreit ficken\u201c-Running-Gag aus der 1990er-Jahre-Show \u201eRTL Samstag Nacht\u201c denken und nimmt dem sich intensiv mit Ausbeutung auseinandersetzenden Text etwas die Ernsthaftigkeit. Im Christine Lavant gewidmeten Gedicht \u201edurchs Tal\u201c spie\u00dft es sich sprachlich, wenn innerhalb weniger Zeilen betulich-altmodische Worte wie \u201etraulich\u201c und \u201eknechtschaft\u201c etwas unmotiviert auf \u201emodegedopt\u201c und \u201ehumankapital\u201c treffen. In anderen Gedichten wie \u201ekatharsis\u201c funktioniert das sprachlich \u00dcberbordende besser, auch weil es konzeptuell eher zum Inhalt passt.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">ich gie\u00dfe november \/ nicht nur n icht\r\nimmer nicht zerrworte schein \/\r\nu fer(n)stand \/ gut m\u00f6glich \/ an\r\nfangen verbiegen \/ in uns \/ und den\r\ntr\u00e4nen so sehr \/ m\u00e4 andern und\r\nstr\u00f6men m\u00e4andern und str\u00f6me n \/ \u00f6fter\r\nverlieren \/ auch unger\u00fchr \/ t \/ erb\r\nrechen gedichte \/ schweigen \/ dein ende\r<\/pre>\n\n\n\n<p><strong>Anmerkungen, leicht \u00fcberbordend<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Den Gedichten folgt ein zw\u00f6lfseitiger Anhang (\u201eAnmerkungen und Quellenverzeichnis\u201c), in dem Christopher Schmall nicht nur Bez\u00fcge und Phrasen einzelner Gedichte erkl\u00e4rt, sondern auch manche Gedichte recht ausf\u00fchrlich kommentiert und erkl\u00e4rt. Zum Teil er\u00f6ffnen die Erkl\u00e4rungen tiefere Interpretationsr\u00e4ume, bei manchen Gedichten stellt sich aber die Frage, ob sie eine so ausf\u00fchrliche Erl\u00e4uterung \u00fcberhaupt brauchen. Etwa wenn der (mit einem Mann verheiratete) Autor die Motivation hinter seinem Gedicht \u201ewertlos\u201c preisgibt, in dem er sich mit heimischer und weltweiter Homophobie auseinandersetzt. Die menschliche und pers\u00f6nliche Betroffenheit des Autors sp\u00fcrt man aber schon beim Lesen des Gedichts, das keine weitere Ausf\u00fchrung braucht \u2013 der Autor kann der Macht seiner Worte, seiner Dichtung vertrauen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Christopher Schmall: <a href=\"https:\/\/fabriktransit.net\/gegenstandslos.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">gegenstandslos.<\/a> fabrik.transit, Wien, 2025. 172 Seiten, Euro 18,\u2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besprechung: &#8222;Schreiben im Schatten der Machtlosigkeit&#8220;-Rhea Krcm\u00e1rov\u00e1 liest Christopher Schmalls gegenstandslos<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":23014,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[107],"tags":[684,254],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - 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