{"id":2407,"date":"2020-09-10T03:24:33","date_gmt":"2020-09-10T01:24:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=2407"},"modified":"2020-09-10T13:58:59","modified_gmt":"2020-09-10T11:58:59","slug":"blindsee-wildsee-lichtsee-verwandelter-schlaf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2020\/09\/10\/blindsee-wildsee-lichtsee-verwandelter-schlaf\/","title":{"rendered":"Blindsee, Wildsee, Lichtsee: Verwandelter Schlaf"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"custom-small-subtitle wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/hammerschmid-michael\/\">Michael Hammerschmid<\/a>  liest den Gedichtband <em>See&#8217;len<\/em> von <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/rainer-angelika\/\">Angelika Rainer<\/a><\/h4>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"746\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Cover-Rainer-Angelika-Seelen-1-746x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2480 lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Cover-Rainer-Angelika-Seelen-1-746x1024.jpg 746w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Cover-Rainer-Angelika-Seelen-1-219x300.jpg 219w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Cover-Rainer-Angelika-Seelen-1-109x150.jpg 109w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Cover-Rainer-Angelika-Seelen-1-370x508.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Cover-Rainer-Angelika-Seelen-1-185x254.jpg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Cover-Rainer-Angelika-Seelen-1-740x1016.jpg 740w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Cover-Rainer-Angelika-Seelen-1-20x27.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Cover-Rainer-Angelika-Seelen-1-400x549.jpg 400w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Cover-Rainer-Angelika-Seelen-1-35x48.jpg 35w\" sizes=\"(max-width: 746px) 100vw, 746px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-drop-cap\">Breitzeilige, erz\u00e4hlende Gedichte sind es, die Angelika Rainer in \u201eSee\u2019len\u201c vorlegt. In unterschiedliche Stophungen gegliedert. Was sie zum Schwingen bringt, ist der Ton und die Worte, die in die Texte eingewirkt sind. Ungewohnt ist dieser Ton, mit der n\u00f6tigen Fremde ausgestattet, um staunen und fragen zu k\u00f6nnen. Die Gedichte sind auf dem Weg.\u201c Im ersten Teil des Gedichtbandes \u201eZehn Seen\u201c unterwegs im Gebirge und seinen Falten, Gruben, L\u00f6chern, den Seen, See\u2019len, das Wort f\u00fcr namenlose kleine Seen, die entstehen und vergehen, und in den Tiefen von pers\u00f6nlicher und kollektiver Erinnerung. Jeder See eine Begegnung mit einer anderen Geschichte. Die Seen hei\u00dfen unter anderem BLINDSEE, WILDSEE, MICHIGANSEE, SILBERSEE und LICHTSEE, aber auch SEE IN DER WERKSTATT MEINES VATERS, letzteres Gedicht geht von einem staubigen See-Gem\u00e4lde aus, das der Vater, ein Tischler, einmal einem Maler an der T\u00fcr um vierhundert abgekauft hat (S. 27).&nbsp;&nbsp;Die Seen sind spiegelnd und geheimnisvoll, was in ihnen und am Weg zu ihnen zu ergr\u00fcnden ist, ist dabei allerdings nicht weniger als alles, das, was ist und war, und was in der Poesie wird. Im Grunde sind die Gedichte Angelika Rainers poetische Forschungen am \u00c4u\u00dferen und im Inneren der Erscheinungen. Ein ph\u00e4nomenologischer Zug kommt in ihnen zur Wirkung. Sie gleichen einer kleinen Ph\u00e4nomenologie der See\u2019len, einer Seelenkunde dessen, was sichtbar und unsichtbar ist.&nbsp;<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group alignwide mb-30\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Copyright Haymon Verlag<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Hirtent\u00e4schchen, Schingelgras und Schneebeeren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dass der Weg zu ihnen mit ins Bild der Gedichte gesetzt wird, macht sie zug\u00e4nglich, gibt ihnen eine wache Allt\u00e4glichkeit. Fast m\u00f6chte man an Dantes Weg in der <em>Commedia<\/em> denken. Das erste titelgebende Gedicht setzt ein mit \u201eDer Weg war lang, schmal, mehr Rinne als Weg, wir konnten nur \/ einen vor den anderen Fu\u00df setzen.\u201c (S. 9) Wir gehen mit. Das \u201ewir\u201c des Gedichts ist ganz allt\u00e4glich und doch entfaltet sich die Gedichterz\u00e4hlung erst in der Amalgamierung verschiedener Wissensfundi. Da ist zum einen die gro\u00dfe Wortgenauigkeit, die wie anfangs angedeutet, den konkreten Raum bezeichnet. Wir begegnen etwa in diesem ersten Gedicht dem \u201eKummseggenrasen\u201c (S. 9), \u201eDaphnien, Kiemenw\u00fcrmchen, Stille, Erbensmuscheln oder nichts?\u201c Hier wird deutlich, wie Angelika Rainer verschr\u00e4nkt, kombiniert, das poetische Potential der Worte n\u00fctzt. Dann tauchen wieder in Aufz\u00e4hlung noch \u201eFischkutter, Hirtent\u00e4schchen, Schingelgras und Schneebeeren\u201c auf. Diese Worte bringen die Gedichte zum Leuchten, phosphoreszieren im Textfluss. Zugesellt sind den Fundst\u00fccken der wachen Augen und gewussten Worte, Geschichten wie Sagen, M\u00e4rchen und Mythen. Erst das Zusammentreffen der verschiedenen Wissens- und Erfahrungsfundi gibt die Poesie der Gedichte frei. Ein Hauch von altert\u00fcmlicher Sprache und Zauberei wandert als Grundstimmung durch die Gedichte, die sich mit der unverstellten Beschreibung in der Situation des entdeckenden Ichs nicht spie\u00dft. Hier zwei Beispiele f\u00fcr den \u201ealtert\u00fcmlichen\u201c Ton: \u201eUngesehen darf er sich nie meinen, der Mensch.\u201c (S. 9), oder \u201eEinst hat es hier kein Wasser gegeben, aber Eidelsteine, Himbeeren und \/ Pilze.\u201c (Ebda.) Wir sind in der Sage, \u201eDie Fremden sollten nicht mit der Hirten Hab und Gut von dannen ziehen.\u201c (Ebda.), sie f\u00fcgt sich in die Erz\u00e4hlung des Sees, der See\u2019le ein. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welten begreifen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dabei entsteht ein Nebeneinander, aber auch ein Zusammenflie\u00dfen der unterschiedlichen Arten, Welt\/en zu begreifen. Die Textur der Gedichte bleibt gleichzeitig offen, atmet, nimmt auf und an, und geht weiter, sodass die meist mehrteiligen Gedichte im Zyklus eine fragmentarische Erz\u00e4hlung ergeben, so wie jedes einzelne Gedichte etwas von einem Fragment hat. Das Ger\u00fcst der Gedichte wird aber vor allem durch das Beschreiben und Benennen erstellt, wobei alles an jeder Stelle ins Metaphorische, auch Imagin\u00e4re ausschlagen kann. \u201eIn einer erdigen oder felsigen Wanne, in einer Falte der Erde ist der See \/ ausgebreitet. \/ An seinen Ufern, in den Lidwinkeln des Auges lagern Schlafsand, \/ Augensteine, verwandelter Schlaf, Gestalt gewordener Traum.\u201c (S. 14) An einer Passage wie dieser aus dem Gedicht \u201eAUGE GOTTES\u201c l\u00e4sst sich gut ersehen, wie die Beschreibung in die metaphorische Traumbeschreibung j\u00e4h \u00fcbergehen kann; sie lassen sich voneinander nicht trennen. Und doch ist die forschend, detailgenaue Aufmerksamkeit des Ich stets zugegen, sodass das Erfahrene, das zu Erfahrene nicht ins Nebul\u00f6se absinkt und dort verschwindet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Unbeantwortbare Fragen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einen besonderen Reiz der poetischen Recherche Angelika Rainers, einer derzeit noch weitgehend Unbekannten auf der Landkarte der Gegenwartslyrik, liegt im Fragemodus der Gedichte. \u201eMacht man, je l\u00e4nger das Leben dauert, die Augen mehr und mehr zu &#8211; \/ so wie die Sonne die Sterne langsam verschlingt, tageweise, um eine \/ Fingerbreite nur, oder gar nur eine halbe, bis der Stern verschwunden ist?\u201c wird einmal gefragt, oder aus Seite 15:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Gibt es die blinden, nicht erreichbaren Gr\u00fcnde? \nWo halten sich Ersch\u00fctterung und Kr\u00e4nkung auf? M\u00fcssen sie sich aufhalten?      Werden sie tats\u00e4chlich in den Tiefen bewahrt und m\u00fcssen nur angerie-\nben werden wie Eukalyptush\u00fctchen, die nach Jahren noch zu duften \nbeginnen? \n<\/pre>\n\n\n\n<p>Es sind die &#8211; scheinbar?, wahrscheinlich?, sicher? &#8211; unbeantwortbaren Fragen, die aufgeworfen werden, ja aufgeworfen werden m\u00fcssen. Man soll es sich nicht leicht machen, bedeuten sie. Man muss wissen wollen, die Gedichte wollen es! An dieser Stelle zeigt sich auch sch\u00f6n, wie konkretes Natur-Wissen einflie\u00dft und jeden Verdacht auf oberfl\u00e4chlich philosophisches Geschnurre zur Seite wischt: Das muss man schon wissen, dass Eukalpytush\u00fctchen nach Jahren noch zu duften beginnen, um es aufschreiben zu k\u00f6nnen. Und es verwundert dennoch nicht, dass die Dinge und Erscheinungen selbst Auskunft geben k\u00f6nnen, da sie nicht in die Logik einer Wissenschaft, einer einzelnen Wahrnehmungsweise eingesperrt werden. Der Anfang von MICHIGANSEE (S.21): <\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Das B\u00e4chlein wird gestaut zum&nbsp;<em>See inmitten von B\u00e4umen<\/em>. \nDer See erz\u00e4hlt von \n\nTaupunkt und Goldglanz \nWasseradern und Aderl\u00e4ssen \nUfers\u00e4umen und Wetterb\u00e4umen \nReif und Weiden \nBlutegeln und Blutschnee* <\/pre>\n\n\n\n<p>Und wir erfahren am Seitenende: *roter Schnee, es hat vom Roten Turm herab gestaubt, oder Gr\u00fcnalgen haben den Sommer \u00fcberdauernden Schnee rot eingef\u00e4rbt.\u201c, wobei wir wieder bei der Genauigkeit sind. Erinnerung, pers\u00f6nliche Erinnerung, Erkl\u00e4rung, Beschreibung, Fachwissen, Fragen, die schon erw\u00e4hten Legenden, Geschichten, sie alle erz\u00e4hlen mit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zwischen den Gattungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist diese Vielfalt, die die Gedichte Angelika Rainers, von der Einfalt mancher Mode, Gedichte zu machen, unterscheidet; sie aber dabei auch zu Schwellenwesen macht, zwischen den Genres, zwischen den Modellen, Welt\/en zu begreifen. Poesie. Die beiden Folgezyklen im Gedichtband, zusammengefasst unter dem Titel \u201eNARZISS UND ECHO\u201c, die die zweite H\u00e4lfte des Buches ausmachen, nehmen das See(le)n-Spiegelmotiv auf und deklinieren es im Innenraum des Mythos. Abeschlossen wird der Band mit dem Gedicht \u201eVON DER SEELE \/ oder \/ Kleine Wonnen, aus denen die Sorge lugt\u201c, das sich noch einmal der gro\u00dfen Fragen annimmt, und doch weiterhin im einfachen N\u00e4chsten ansetzt: \u201eEinmal, ich war noch ein Kind, sah ich die von mir selbst aus grauer \/ Wolle gestrickte M\u00fctze mit roter Zopfbord\u00fcre auf einem anderen Kopf: \/ Da hatte die M\u00fctze pl\u00f6tzlich eine Seele bekommen.\u201c Und weiter hei\u00dft es, von dieser lyrischen Prosa ins gleichso Lyrische wie Schalkhafte wechselnd (S.79): <\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Wir vernehmen\nder Seele Fragen, der Seele Graben, \nder Seele Zwist, der Seele List \nder Seele Zittern, der Seele Wittern \nundsoweiter. <\/pre>\n\n\n\n<p>Und dann geht es ganz anders weiter, von \u201eWir sehen es nicht. Es aber sieht uns.\u201c (S. 80) bis \u201eEs taut, es schneit Silber.\u201c (S. 82) und das ist nur der drittletzte Vers des Gedichts, der hier neugierig auf all die anderen Verse machen soll, womit dieser ungew\u00f6hnliche Gedichtband herzlich empfohlen sei.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Angelika Rainer:&nbsp;<em>See\u2019len<\/em>. Innsbruck &#8211; Wien: Haymon 2018.&nbsp;84 Seiten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> <strong>Angelika Rainer liest aus &#8222;See&#8217;len&#8220; beim Internationalen Lyrik-Festival &#8222;Dichterloh&#8220; in der Alten Schmiede gemeinsam mit Klaus Merz und Kurt Aebli am 19. J\u00e4nner 2021 (19h).<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Hammerschmid liest den Gedichtband &#8222;Seelen&#8220; von Angelika Rainer<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2471,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[107],"tags":[246,140,173],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Blindsee, Wildsee, Lichtsee: Verwandelter Schlaf - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2020\/09\/10\/blindsee-wildsee-lichtsee-verwandelter-schlaf\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Blindsee, Wildsee, Lichtsee: Verwandelter Schlaf - 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