{"id":24130,"date":"2026-04-12T07:00:00","date_gmt":"2026-04-12T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=24130"},"modified":"2026-04-09T17:26:28","modified_gmt":"2026-04-09T15:26:28","slug":"peer-besprechung-zwischen-karst-und-meer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2026\/04\/12\/peer-besprechung-zwischen-karst-und-meer\/","title":{"rendered":"Zwischen Karst und Meer"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/peer-alexander\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Alexander Peer<\/a> liest Georg Bydlinskis <em>Triestiner Mosaik<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:34% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"653\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/IMG_0234-653x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-24135 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/IMG_0234-653x1024.jpeg 653w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/IMG_0234-191x300.jpeg 191w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/IMG_0234-96x150.jpeg 96w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/IMG_0234-370x580.jpeg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/IMG_0234-20x31.jpeg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/IMG_0234-600x941.jpeg 600w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/IMG_0234-31x48.jpeg 31w\" sizes=\"(max-width: 653px) 100vw, 653px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Der Gedichtband hei\u00dft einen buchst\u00e4blich dreisprachig willkommen: \u201eTriest! Trieste! Trst!\u201c In den Sprachen, die hier \u00fcber Jahrhunderte das Zusammenleben gepr\u00e4gt und sp\u00e4ter auch verhindert haben: Deutsch, Italienisch und Slowenisch. Als Stadt durch die Blockbildung der Superm\u00e4chte und die Teilung Europas im Kalten Krieg in eine Sackgasse geraten, d\u00fcmpelte Triest lange vor sich hin, bis es mit dem Fallen des Eisernen Vorhangs stark in den Blickpunkt geriet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Cover \u00a9 Literaturedition Nieder\u00f6sterreich<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>In <em>Triestiner Mosaik<\/em> erscheint die Stadt als Angebetete, der sich der Minnes\u00e4nger Georg Bydlinski z\u00e4rtlich zuwendet. Er will sich beim Schreiben jedoch auch \u00fcber seine Zuwendung Klarheit verschaffen, erkundet sie und befragt zuweilen sein Umherschweifen entlang der Mole oder durch die Gr\u00fcnderzeitviertel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste von vier Kapiteln hat der in M\u00f6dling lebende Autor \u201eIm Unterwegssein daheim\u201c genannt. Eine Formel, die den Nomaden bezeichnet. Hier versammeln sich die titelgebenden Triestiner Mosaike. W\u00e4hrend das einzelne Gedicht ganz nah an eine Facette der Stadt heranzoomt, entsteht wie bei einem Mosaik allm\u00e4hlich ein Gesamtbild. Jedes Gedicht fokussiert auf ein bestimmtes Detail. Das Ensemble sucht auf diese Weise den zwischen Karst und Meer eingepferchten Ort zu vermessen. Wobei der Autor diesem leicht zu imaginierenden Anspruch mit dem letzten Gedicht \u2013 das zugleich das ganze vierte Kapitel repr\u00e4sentiert \u2013 widerspricht. Um das Dilemma im \u201eTriestiner Epigramm\u201c auf den Punkt zu bringen, nutzt er ein \u00fcberzeugendes paradoxes Homonym: \u201eEs ist vermessen \/ Triest zu vermessen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Lyrischer Stadtf\u00fchrer<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Wer die Umschlagklappe auffaltet, entdeckt tats\u00e4chlich einen Stadtplan, wie man ihn aus klassischen Reisef\u00fchrern kennt. Hier sind einzelne Orte mit wei\u00dfen Punkten versehen. Sie stellen jene Pl\u00e4tze dar, die dem in M\u00f6dling lebenden Lyriker und Kinderbuchautor einen Impuls f\u00fcr Gedichte geboten haben. Das schmale B\u00e4ndchen ist deshalb auch ein lyrisch fokussierter Stadtf\u00fchrer, der sich mehrfach mit der Spannung von Vergangenheit und Gegenwart befasst.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>Belagerung<\/strong>\n\nZwei Kreuzfahrtriesen\nhaben den historischen Hafen\nerobert\n\nLinks und rechts flankieren sie\ndas Geb\u00e4ude der Stazione Marittima\n\u00fcberragen es weit\n\nstufen es herab zu Spielzeug:\nh\u00fcbscher Tand\naus vergangener Zeit\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Das Urteil ist vergleichsweise milde angesichts der monstr\u00f6sen Geb\u00e4rde, mit welcher der Fremdenverkehr \u00fcbergriffig agiert und dabei menschliches Ma\u00df missen l\u00e4sst. Perfekt ist diese Anma\u00dfung im Kreuzfahrtschiff symbolisiert, das sowohl in seiner Dimension als auch mit seinem Verkaufskonzept der dauerhaften Bespa\u00dfung die Hybris des modernen Lifestyle-Menschen beweist. Dieser Gegensatz ist an vielen Orten entlang der mediterranen K\u00fcsten zu sehen, dennoch verteilen sich in Triest die so Ankommenden leichter in der doch ausgedehnten Stadt und verschwinden deshalb in ihrem historistisch gepr\u00e4gten Ensemble. Eine Strategie der Gegenvereinnahmung, die etwa Venedig gewiss versagt bleiben wird. Aber so m\u00e4chtig sich diese Motive auch kurz aufspielen, sie nehmen in diesem Band keinen prominenten Raum ein. Historisch pflichtbewusst stattet der Triest-Erkunder auch dem einzigen KZ mit einem Krematorium auf italienischem Boden eine lyrische Visite ab: der Risiera di San Sabba. Die einstige Reism\u00fchle wurde w\u00e4hrend der NS-Diktatur zum Folter- und Todesort von Tausenden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zur Ruhe gekommene Unruhe<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Ein Motto des Lyrikers Reiner Kunze lautet: \u201eDas Gedicht ist zur Ruhe gekommene Unruhe.\u201c Bydlinski hat es in seinem Band <em>Schneef\u00e4nger<\/em>, bereits 2001 in der Edition Atelier erschienen, erw\u00e4hnt, und auch f\u00fcr die poetischen Triest-Durchdringungen ist das ein passender Subtext. Die Erz\u00e4hlstimme zeichnet eine gro\u00dfe Ruhe aus, die jedoch preisgibt, dass es mit der Gelassenheit vielleicht nicht so weit her ist.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>Karstleben<\/strong>\n\nDas Wasser\nverwandelt\nden Stein\n\nder Stein\nverbirgt\ndas Wasser\n\nTiefen-\nstr\u00f6mungen\nunsichtbar\n\nin der Landschaft\nwie\nin uns\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Wer auf der Viale Miramare zu den beiden markanten Schl\u00f6ssern Miramare und Duino aufbricht, n\u00e4hert sich unweigerlich Rainer Maria Rilke. Wer w\u00fcrde nicht in seinen Sog geraten? Wer wollte \u00fcberhaupt widerstehen? Unter anderem sucht Rilkes Dinglyrik ihre zeitgem\u00e4\u00dfe Nachfolge. Auch in Bydlinskis Band l\u00e4sst sich bei manchen S\u00e4tzen eine solche poetische Intention feststellen. Manche Bilder verwandeln unbelebte Gegenst\u00e4nde und fl\u00fcchtige Ph\u00e4nomene in eigenst\u00e4ndige Pers\u00f6nlichkeiten. In dem Gedicht \u201eFarben in Miramare\u201c beispielsweise hei\u00dft es: \u201eDie Schatten \/ hier lichter dort dunkler \/ suchen noch ihre Namen.\u201c W\u00e4hrend andere Naturerscheinungen zufrieden erscheinen mit den ihnen zugesprochenen Farben: Das Meer gibt sich t\u00fcrkis, die Kormorane sind schwarz.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Magische Zeichnungen und Hommagen an Dichter<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Unten diesem Gedicht findet sich eine der vielen unglaublich feinen Zeichnungen von Linda Wolfsgruber. Sie als Illustration des Bandes zu bezeichnen, hie\u00dfe den Wert ihrer Arbeiten zu untersch\u00e4tzen. Vielmehr sind das eigenst\u00e4ndige visuelle Poeme, denn auch wenn sie gegenst\u00e4ndlich sind, so sind sie vor allem durch ihre m\u00e4rchenhafte Gestalt charakterisiert. Sie wirken wie Traumbotschaften. Einmal findet sich tats\u00e4chlich eine Person schlafend am Boden. Ist das ein Kind? Es k\u00f6nnte sein. Dadurch, dass diese Zeichnungen so opak wirken, lassen sie einen auch an manch diesigen Tag im schw\u00fclen Hochsommer denken. Vielleicht vermitteln die Zeichnungen auch blo\u00df die Befindlichkeiten von Spazierg\u00e4ngern, denen die ber\u00fcchtigte Bora so zusetzt, dass sie ganz schwindlig durch die Stra\u00dfen taumeln. Oder sollen es die Geister der reichen Vergangenheit dieser Stadt sein, an welche hier erinnert wird?<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls stellen sie viele der vertrauten Orte dar, kontextualisieren die Gedichte und stimulieren die gedankliche Reise durch die Stadt. Immerhin war Triest mehr als 500 Jahre Teil des Habsburgerreichs und bietet immer noch eine ertragreiche Projektionsfl\u00e4che, um zu tr\u00e4umen, \u00d6sterreich l\u00e4ge am Meer.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Kapitel befindet sich der Erz\u00e4hler zwar zu Hause und fasst diese Arbeiten mit der Kapitel\u00fcberschrift \u201eDaheim unterwegs\u201c zusammen. Aber wie man sich schon denken kann, l\u00e4sst sich Triest nicht so einfach absch\u00fctteln. Es ist ein bekanntes literarisches Triumvirat, das sich in den Alltag einzumischen scheint: Italo Svevo, James Joyce und Umberto Saba. Diese drei Herren scheinen Bydlinski in gewisser Weise literarisch zu beherrschen, wendet er sich ihnen doch wiederholt zu. Der ungl\u00fcckliche Svevo konnte den sich so sp\u00e4t einstellenden Erfolg kaum genie\u00dfen. Durch einen Autounfall aus dem Leben gerissen, durfte er die begeisterte Rezeption seiner Literatur, auf die er Jahrzehnte vergeblich gewartet hatte, nicht mehr staunend beobachten. Bydlinskis Hommage an ihn liest sich wie eine biografische Skizze:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>Svevo<\/strong>\n\nIch stelle ihn mir vor\nden Mann mit den zwei Namen\n\nDichter und Fabrikant\nItaliener und Schwabe\nmelancholisch und verschmitzt\n\nEttore Schmitz\nvermarktet Schiffsanstriche\nItalo Svevo scheitert\nmit seinen Romanen\n\nErst James sein junger Englischlehrer\nbest\u00e4rkt ihn\nweiterzuschreiben\n\nEttore der erfolgreich\nGesch\u00e4ftsmann\nItalo der Dichter\nfr\u00fch berufen sp\u00e4t ber\u00fchmt\n\nNirgends geh\u00f6rt er ganz dazu\nder Mann mit den zwei Welten\n\nUnternehmer und Poet\nvielschichtig und zerrissen\n\nwie Triest\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Im Svevo-Museum findet sich auch die letzte Fotografie, die vom gro\u00dfen Selbstironiker gemacht wurde. Selbstverst\u00e4ndlich hat er \u2013 wie sein Alter Ego Zeno Cosini \u2013 nie mit dem Rauchen aufgeh\u00f6rt. Aber eben auch nie mit dem Schreiben, selbst wenn die Pausen manchmal erschreckend lange waren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Warten auf lebende Legenden<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Lange \u2013 und heutzutage vermutlich vergebens \u2013 muss man im Caff\u00e9 San Marco auf den 1939 in Triest geborenen Schriftsteller, Germanisten und \u00dcbersetzer Claudio Magris warten. Er soll dort immer einen Tisch reserviert haben, diesen aber immer seltener in Anspruch nehmen. In seinem Erz\u00e4hlband <em>Die Welt en gros und en D\u00e9tail<\/em> von 1999 hat Magris diesem Caf\u00e9 eine eigene Geschichte gewidmet. Er hat es aber nicht nur literarisch verewigt, sondern auch buchst\u00e4blich gerettet. Denn als 2013 die Schlie\u00dfung drohte, spendete er mit anderen den notwendigen Betrag zur Fortf\u00fchrung. Seit damals gibt es auch eine Buchhandlung im Caf\u00e9.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bydlinksi Gedicht \u201eMagris\u201c hei\u00dft es: \u201eAber manchmal erscheint ein Germanist \/ und besichtigt bewundernd \/ die Leere \/ an seinem Tisch\u201c. Es ist vielleicht besser, nicht zu Lebzeiten zur Legende zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kapitel \u201eStadt unter der Haut\u201c schlie\u00dflich versammelt Haikus, die alle nach Triest f\u00fchren oder die Stadt umkreisen:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>Muggia<\/strong>\n\nDom und Rathaus, Schloss\nund Hafen \u2013 und \u00fcberall\nVenedigs Echo.<\/pre>\n\n\n\n<p>Das Buch muss sich allerdings die Kritik gefallen lassen, dass es etwas d\u00fcnn ist. Dabei b\u00f6ten etwa das Caff\u00e9 Tommaseo oder das Caff\u00e9 degli Specchi noch viele Reize mehr, um als Voyeur besch\u00e4ftigt zu sein. Denn Triest ist eine Stadt, die zum Beobachten animiert wie nur wenige andere, und genau dieser Effekt l\u00e4sst sich an Bydlinkis Gedichten und Wolfsgrubers Zeichnungen ablesen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Georg Bydlinski: <em><a href=\"https:\/\/www.literaturedition-noe.at\/publikationen\/triestiner-mosaik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Triestiner Mosaik<\/a><\/em>. Literaturedition Nieder\u00f6sterreich, St. P\u00f6lten, 2026. 80 Seiten. 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