{"id":24343,"date":"2026-05-05T07:00:00","date_gmt":"2026-05-05T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=24343"},"modified":"2026-05-01T14:36:22","modified_gmt":"2026-05-01T12:36:22","slug":"ebner-besprechung-gedicht-und-lied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2026\/05\/05\/ebner-besprechung-gedicht-und-lied\/","title":{"rendered":"Gedicht und Lied"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/ebner-klaus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Klaus Ebner <\/a>liest Julian Tuwims&nbsp;<em>Akazien<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:40% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"299\" height=\"500\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-Akazien-Julian-Tuwim.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-24344 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-Akazien-Julian-Tuwim.jpeg 299w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-Akazien-Julian-Tuwim-179x300.jpeg 179w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-Akazien-Julian-Tuwim-90x150.jpeg 90w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-Akazien-Julian-Tuwim-20x33.jpeg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-Akazien-Julian-Tuwim-29x48.jpeg 29w\" sizes=\"(max-width: 299px) 100vw, 299px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Der von der Theodor Kramer Gesellschaft herausgegebene Gedichtband&nbsp;<em>Akazien<\/em>&nbsp;von Julian Tuwim ist eine Art Gemeinschaftsprodukt. Der Buchtitel benannte urspr\u00fcnglich einen ganzen Lyrikband von Tuwim, w\u00e4hrend das vorliegende Buch nur eine Auswahl daraus enth\u00e4lt, zudem aber auch Gedichte aus anderen Publikationen des Autors, n\u00e4mlich&nbsp;<em>Zigeunerbibel<\/em>,&nbsp;<em>Erinnerungen<\/em>,&nbsp;<em>Alte Briefe<\/em>&nbsp;und<em>&nbsp;Wort im Blut<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Cover \u00a9 Theodor Kramer Gesellschaft<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Die Auswahl folgt dem Komponisten Mieczys\u0142aw Weinberg, der sie n\u00e4mlich vertont hat. Beide, Dichter und Komponist, waren polnische Juden und mussten vor den Nazis fliehen, Tuwim nach Brasilien und in die USA, Weinberg in die Sowjetunion.<\/p>\n\n\n\n<p>Julian Tuwim wurde 1894 im damals russischen \u0141\u00f3d\u017a geboren und starb 1953 in Polen, wohin er nach dem Weltkrieg zur\u00fcckgekehrt war. In der Zwischenkriegszeit bet\u00e4tigte er sich literarisch, gr\u00fcndete die Poetengruppe Skamander, die wichtige Impulse in der polnischen Lyrik setzte, und war Mitbegr\u00fcnder der Vereinigung polnischer B\u00fchnenautoren und -komponisten (ZAiKS) in Warschau. Nach seiner Flucht schrieb er f\u00fcr polnische Exilpublikationen. Nach der R\u00fcckkehr nach Polen nahm er den Posten eines Theaterdirektors in Warschau an. Neben seiner lyrischen Produktion, darunter auch Kindergedichten, die sich noch heute in polnischen Schulb\u00fcchern finden, \u00fcbersetzte Tuwim aus dem Russischen, unter anderem Puschkin, Gogol und Pasternak. Der Band&nbsp;<em>Akazien<\/em>&nbsp;wurde von Alois Woldan ins Deutsche \u00fcbertragen und erschien zweisprachig.<\/p>\n\n\n\n<p>Mieczys\u0142aw Weinberg wurde 1919 in&nbsp;Warschau geboren und starb 1996 in Moskau. Er komponierte f\u00fcr Oper und Film, Sinfonien und Streichkonzerte und trat als Pianist auf. Die Oper \u201eDer Idiot\u201c nach Fjodor M. Dostojewski wurde 2024 bei den Salzburger Festspielen aufgef\u00fchrt.&nbsp;Dmitri Schostakowitsch war ein wichtiger F\u00f6rderer und Freund. Die im vorliegenden Buch ver\u00f6ffentlichten Liederzyklen sind Weinbergs Auswahl; er griff sogar vereinzelt aus metrischen Gr\u00fcnden geringf\u00fcgig in den Text ein. Die Musikwissenschaftlerin und Operns\u00e4ngerin Alina Mazur geht im Nachwort detailliert auf die Arbeit des Komponisten an Tuwims Gedichten ein.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Anmerkungen zur Lyrik<\/h4>\n\n\n\n<p>Die Anf\u00e4nge sind unpolitisch und reflektieren Themen wie eine unerreichbare oder verlorene Liebe. Solche Gedichte finden Leser*innen im urspr\u00fcnglichen Zyklus \u201eAkazien\u201c, dessen Ausz\u00fcge im vorliegenden Buch den ersten Abschnitt bilden. Tuwim schrieb diese Gedichte in den fr\u00fchen 1920er Jahren, der Liedzyklus Weinbergs ist von 1940. \u201eIch kann es dir nicht sagen \u2026\u201c beginnt folgenderma\u00dfen:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Ich kann es dir nicht sagen, wie gro\u00df mein Schmerz heut ist:\nAn einem Tag wie heute, da Schnee gefallen ist \u2026\n\nIch kann es dir nicht sagen, wie sehr ich traurig bin:\nDir kommt das Wort \u201etraurig\u201c ja gar nicht in den Sinn. \n\n(\u2026)\n\nJa, das sind meine Worte, die dich entf\u00fchren, weit weg \u2026\nVielleicht auch zur\u00fcckbringen \u2026 Der Schneefall hat sich gelegt.\n<\/pre>\n\n\n\n<p>In sp\u00e4teren Zyklen kommen hingegen politische Anspielungen und Kritik an der nationalsozialistischen Ideologie und am herrschenden kommunistischen System zum Tragen. In \u201eJudenbengel\u201c, wo ein j\u00fcdisches Kind und sein Beobachter am Fenster beschrieben werden, hei\u00dft es:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Singt im Hof unten, ganz in seine Fetzen gedr\u00fcckt\nEin armer Junge, ein Judenbengel, halb verr\u00fcckt.\n\nVon den Menschen versto\u00dfen, von Gott verlassen,\nSeit ewig vertrieben, kann keinen Gedanken mehr fassen.\n\n(\u2026)\n\nDann gehen wir wieder, ein jeder, wohin es ihn zieht\nWeiter auf seinem Weg, irre geworden im Gem\u00fct.\n\nUnd finden nirgends Ruhe und einen sicheren Hafen,\nJuden mit ihren Liedern, Verr\u00fcckte, die sich trafen.\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Tuwims Gedichte orientieren sich an traditionellen Formen; dies war ein Merkmal der Skamander-Dichterschule. Viele Zeilen sind endgereimt. In der \u00dcbersetzung wird das nicht immer gleicherma\u00dfen umgesetzt, und manchmal kommt es im Deutschen zu eher grenzwertig falschen Reimen, die ich im polnischen Original so nicht sehe. Eine 1:1-\u00dcbertragung ist bei solchen Gedichten generell schwierig; nicht umsonst gibt es insbesondere zu ber\u00fchmten klassischen Gedichten, wie etwa Dantes \u201eCommedia\u201c oder Ovids \u201eMetamorphoses\u201c, auch Prosa\u00fcbersetzungen, die zwar inhaltlich genau entsprechen, aber keine R\u00fccksicht auf Metrum und Reime nehmen. In \u201eStaruszkowie \/ Die Alten\u201c ist die Schwierigkeit der Reim-\u00dcbernahme deutlich zu sehen:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Patrzymy sobie na ulic\u0119\t        Wir schauen gern auf die Stra\u00dfe hinaus\nPrzez wp\u00f3lrozwarte okiennic\u0119.\tDurch die Fensterl\u00e4den in unserem Haus.\n\nW cz\u00f3\u0142ka ca\u0142ujem cudze dziatki\tWir sind stets bereit, fremde Kinder zu k\u00fcssen\nI podlewamy w oknach kwiatki.\tUnd gie\u00dfen die Blumen in den Fensternischen.\n\n\u017byjemy sobie jak B\u00f3g zdarzy.\tWir leben dahin, so wie Gott es wendet\nZrywamy kartki z kalendarzy.\tUnd rei\u00dfen die Bl\u00e4tter ab vom Kalender.\n\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Die erste Strophe \u00fcbernimmt den Reim perfekt. Die zweite verwendet im Deutschen einen aus meiner Sicht kaum mehr kenntlichen falschen Reim, und in der dritten ist \u00fcberhaupt nur mehr die vorletzte Silbe gleich. Zudem wurde aus der letzten Strophe im Deutschen ein einziger Satz mit Enjambement, parallel zu den ersten beiden Strophen, obwohl im Polnischen zwei klar getrennte S\u00e4tze stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gewisser melancholischer Tonfall zieht sich durch das gesamte Werk. W\u00f6rter wie \u201etraurig\u201c, \u201eschluchzen\u201c, \u201eKlagelied\u201c, \u201eWehmut\u201c und \u201eTod\u201c kommen vielfach vor. Sogar das Gedicht \u201eHumoreske\u201c nimmt eine kummervolle Wendung, wodurch sich die Frage stellt, ob der Titel ironisch gemeint sein k\u00f6nnte. Die erste Strophe lautet folgenderma\u00dfen:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Es schlagen die Uhren, die Uhren schlagen,\nDa die Dinge sich nicht aus der D\u00e4mmerung wagen\nUnd die Bilder zu Leben erwachen an den W\u00e4nden.\nDumpf schl\u00e4gt im Geh\u00e4use das Pendel \u2026\nDie Spinne dort in der Ecke kn\u00fcpft ihr Netz,\nEs schlagen die Uhren \u2013 es wird bald sechs \u2026\nDer Tisch \u00e4chzt, vom Alter m\u00fcde, die Kredenz fl\u00fcstert,\nDie Uhren schlagen und im Zimmer wird es d\u00fcster \u2026\n<\/pre>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Anmerkungen zur Musik<\/h4>\n\n\n\n<p>Weinberg schrieb etwa drei\u00dfig Liederzyklen zu Gedichten von polnischen, russischen und j\u00fcdischen Autoren. Laut Alina Mazur nehmen die Vertonungen von Julian Tuwims Lyrik eine besondere Rolle ein, da Tuwim der Lieblingsautor des Komponisten war. Die oben angesprochene Schwermut h\u00f6re ich auch in den Vertonungen. Deren Stil erinnert mich zudem oft an&nbsp;Schostakowitsch, zu dem Weinberg ja eine enge Beziehung unterhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Verst\u00f6rend und scharf klingt, im Vers und in der Komposition, die kurze \u201eLorelei\u201c:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Sie steigt aus dem Rhein um Mitternacht\nSieht sich um, ob sie nicht verfolgt wird von den \u201eGeheimen\u201c,\nSingt ihr Lied \u2026 Hat den Refrain wohl bedacht,\n\u201eHeil Heine\u201c \u2026\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Bemerkenswert ist, dass Tuwim keine Zyklen im engeren Sinn ver\u00f6ffentlicht hat, sondern eher Sammel-Gedichtb\u00e4nde. Mieczys\u0142aw Weinberg griff aus jedem Buch einzelne Texte heraus und gruppierte sie zu jenen Zyklen, die er dann vertonte. Somit sollte auch jede Zusammenstellung als eine Kreation des Komponisten betrachtet werden. Durch seine Hand entstand somit mehr als eine reine Lyrikvertonung.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Julian Tuwim:&nbsp;<a href=\"https:\/\/theodorkramer.at\/verlag\/programm\/akazien\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Akazien<\/em>. Liederzyklen.<\/a>&nbsp;Theodor Kramer Gesellschaft, Wien, 2026. 112 Seiten. Euro 18,00<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besprechung: &#8222;Gedicht und Lied&#8220;-Klaus Ebner liest Julian Tuwims Akazien f\u00fcr die Poesiegalerie<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":24344,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[107],"tags":[506],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Gedicht und Lied - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Besprechung: &quot;Gedicht und Lied&quot;-Klaus Ebner liest Julian Tuwims Akazien f\u00fcr die Poesiegalerie\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2026\/05\/05\/ebner-besprechung-gedicht-und-lied\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gedicht und Lied - 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