{"id":24507,"date":"2026-05-03T07:00:00","date_gmt":"2026-05-03T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=24507"},"modified":"2026-05-01T15:01:19","modified_gmt":"2026-05-01T13:01:19","slug":"kluy-interview-wie-leicht-kann-sprache-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2026\/05\/03\/kluy-interview-wie-leicht-kann-sprache-sein\/","title":{"rendered":"Wie leicht kann Sprache sein"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-left has-medium-font-size\">Interview mit <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/kluy-alexander\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Alexander Kluy<\/a>:<\/h3>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Herr Kluy, Sie haben in M\u00fcnchen Germanistik und Amerikanistik studiert und seit 2000 um die 50 B\u00fccher entweder selbst geschrieben, herausgegeben, anthologisiert, \u00fcbersetzt oder mit einem Nachwort versehen. Dazu schreiben sie regelm\u00e4\u00dfig Artikel u. a. f\u00fcr den Standard, Buchkultur, Psychologie Heute, wina. das j\u00fcdische stadtmagazin, J\u00fcdische Allgemeine und eben auch Rezensionen f\u00fcr die Poesiegalerie. Das ist ein beachtliches Pensum und wenn man das lebenspraktisch umlegt, stellt sich die Frage, wozu? Muss man sich Alexander Kluy als eine Person vorstellen, die der welterschlie\u00dfenden Funktion kulturwissenschaftlichen Schreibens vertraut?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Der gro\u00dfe Peter Bichsel hat ja einmal gesagt, ich schreibe, weil ich ein schlechter Fu\u00dfballer war. Und er tr\u00e4umte von einer Fu\u00dfballerkarriere. Und ich bin eigentlich auch so ein Monotalent. Das hei\u00dft, au\u00dfer Schreiben beherrsche ich nicht mehr viel, noch ein bisschen kochen. Aber es ist das Schreiben und vor allem das Lesen. Ich w\u00fcrde das tats\u00e4chlich in die Reihenfolge Lesen und dann Schreiben bringen. Das ist seit meiner Jugend einfach ein essentieller, wenn nicht der elementare Teil meines Lebens gewesen. B\u00fccher begleiten mich, seitdem ich mit sechseinhalb lesen lernte. Das erste Buch war dann schon ein ungemein dickes, das war Lederstrumpf in einer merkw\u00fcrdig gedruckten Ausgabe, die 600 Seiten umfasste. Und das begleitet mich jetzt seit \u00fcber einem halben Jahrhundert. Ja, es ist das Vertrauen in die kulturwissenschaftliche Erkenntnisf\u00e4higkeit. Es ist auch eine gewisse Kommunikation, der ich aber auch nicht immer ganz vertrauen mag. Das hei\u00dft, inzwischen ist mir durchaus klar, dass ein Buch zu rezensieren nicht bedeutet, Einfluss zu haben, geschweige denn Einfluss zu nehmen, wie es einst noch vor mehr als einer Generation durch die gro\u00dfen Medien und die \u00fcberaus namhaften, dann schlie\u00dflich popul\u00e4r werdenden Kritiker wie Reich-Ranicki der Fall war. Manchmal ist es ein Monolog mit sich selber \u00fcber ein Buch. Es gibt nat\u00fcrlich einen Ausrei\u00dfer, das muss ich ja auch gestehen. Ein kleines Werk, das im Klever Verlag von mir erschienen ist, das auch kein Sachbuch ist, keine Poesie, keine Aphorismensammlung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie sprechen von&nbsp;<em>Bl\u00f6cke und Marmeln vor gekr\u00fcmmter Fl\u00e4che: Ein Commonplace-Book<\/em>., das im Vorjahr herausgekommen ist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, wenn man lang genug schreibt, versucht man viele Wege zu gehen. Und inzwischen ist mir klar, dass man vielleicht Fiktionales, Poetisches schreiben muss, um auch f\u00fcr die sachlichen Rezensionen oder die Informationen \u00fcber ein Buch eine andere Sprache, eine differenziertere Sprache zu finden, weil die Sprache sich auff\u00e4chert und weil man dann pl\u00f6tzlich einen anderen Zugang hat, wenn man selber versucht, neue, ungew\u00f6hnliche S\u00e4tze zu bilden, die vorher noch nie ein Mensch so geschrieben hat. Oder Bilder zu formen, die poetisch zu sein scheinen. Ich staple jetzt etwas tief. Und es gab ja das ber\u00fchmte Diktum Reich-Ranickis:&nbsp;<em>Ich habe nie auch nur eine Zeile Poesie oder einen Roman zu schreiben versucht<\/em>. Das klang in meinen Augen schon mit achtzehn Jahren enorm arrogant und andererseits auch herablassend. H\u00e4tte er es versucht, h\u00e4tte er vielleicht die M\u00fchen erkannt und das Ringen und den Kampf mit dem Klang, mit T\u00f6nen, mit Ambivalenzen. Und das ist ja dann durchaus das, was heute in Rezensionsformen, die sehr optisch daherkommen, nun gar nicht mehr der Fall sind. Da ist tats\u00e4chlich alles Doppeldeutige verschwunden. Und es wird innerhalb von 60 Sekunden in recht schriller Sprache und noch schrillerem Gestus etwas kommuniziert, was \u00fcber ein Phantom nicht hinauskommt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Foto-Alexander-Kluy-683x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-24511 lazyload\" width=\"312\" height=\"467\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Foto-Alexander-Kluy-683x1024.jpeg 683w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Foto-Alexander-Kluy-200x300.jpeg 200w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Foto-Alexander-Kluy-100x150.jpeg 100w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Foto-Alexander-Kluy-20x30.jpeg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Foto-Alexander-Kluy-32x48.jpeg 32w\" sizes=\"(max-width: 312px) 100vw, 312px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">\u00a9Filippo Cirri, M\u00fcnchen<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein nicht unbedeutender Teil ihrer publizistischen T\u00e4tigkeit l\u00e4sst sich im Bereich der Reise-, Stadt- und Landschaftsliteratur verorten. Von einem Kajakf\u00fchrer f\u00fcr Baja California, \u00fcber Wanderungen am Bodensee bis zu einer musikalischen Reise entlang der Donau spannt sich der Bogen. Schreiben braucht Sitzfleisch, aber die Erkundung von verschiedenen St\u00e4dten, Regionen und L\u00e4ndern zeugt auch von Neugierde und Bewegungsfreude. Sind Erkundungsdrang und schreibendes Erfassen der Welt, auch in ihrer historischen Dimension, die beiden Pole, mit denen sich ihr Leben beschreiben lie\u00dfe?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke nicht, das w\u00e4re fast etwas zu knapp, auch wenn das jetzt ein bisschen anma\u00dfend klingt. Aber das waren Themen, die ich mir selber suchte, um \u00fcber Greifbares zu schreiben, \u00fcber Plastisches und andererseits \u00fcber vor mehreren Generationen Verschwundenes. Also die B\u00fccher \u00fcber das j\u00fcdische Paris, die j\u00fcdische Provence, das j\u00fcdische M\u00fcnchen waren geo- und psychohistorische Tiefenbohrungen, das sind keine klassischen Reisef\u00fchrer. Man kann sie als Reisef\u00fchrer verwenden, um das zu entdecken, was nicht mehr da ist, was unter dem Pflaster liegt, was abgerissen wurde. Man entdeckt dabei ganz viele Biografien und Schicksale. Und andererseits sind zum Beispiel auch Biografien ein Thema, das ich l\u00e4ngere Zeit mit vier umfangreichen Lebensbeschreibungen verfolgt habe. Aber das Stadtgehen oder das Reisen ist nur ein Aspekt. Danach muss man ja schreiben oder auch w\u00e4hrenddessen schreiben. Das hei\u00dft, da beobachtet man und ist still. Man ist zwar kein Automat und keine Fotokamera im Sinne Christopher Isherwoods, aber man versucht etwas aufzusaugen, was im Arbeitszimmer, am Schreibtisch dann doch fehlt, n\u00e4mlich das Miteinander auf Distanz: Menschen zu beobachten, manchmal am\u00fcsiert zu beobachten, manchmal etwas hoffnungslos zu beobachten. Und das war dann etwa auf meiner Donaureise, die ich in ein Buch \u00fcberf\u00fchrte, auch der Fall. Da war ich tats\u00e4chlich in einer Reisegesellschaft der Au\u00dfenseiter, weil ich die ganze Zeit ein gr\u00f6\u00dferes Notizbuch in der Hand hatte und einen Bleistift, mit dem ich aufschrieb, was ich sah. Es war dann ich in der Gruppe, der in Novi Sad Spazierg\u00e4nge extra zum Wohnhaus von Alexander Ti\u0161ma unternahm. Ein Name, der den anderen gar nichts sagte. Die zogen in die n\u00e4chste Pilsbar. Nach zwei Stunden traf man sich wieder. Sie hatten vier Gl\u00e4ser Bier getrunken. Ich hatte das Wohnareal von Ti\u0161ma erkundet und herauszufinden versucht, wo er hinausblickte, w\u00e4hrend er schrieb.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Woher kommt das besondere Interesse f\u00fcr das j\u00fcdische Leben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe immer schon gerne j\u00fcdische Autorinnen und Autoren gelesen, z.B. Philip Roth, allerdings etwas zu fr\u00fch.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wann ist denn die Lekt\u00fcre von Philip Roth zu empfehlen?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man eine 2 vorne hat, dann versteht man ihn tats\u00e4chlich. Aber mich hat Geschichte immer schon hochgradig interessiert, obwohl ich es extra nicht studieren wollte. Das Eintauchen in die Stadtgeschichte und dann auch in die erweiterte L\u00e4ndergeschichte brachte mir viel. Wenn man in Paris mit dem Wissen der Historie ab 1860 durchs Marais geht, sieht man diesen Bezirk ganz anders. Das ist einfach eine Tiefendimension, eine Anreicherung der planen Gegenwart. Und mit dem ersten Buch fand ich das so bereichernd, dass sich tats\u00e4chlich der Verleger \u00fcberreden lie\u00df, von mir sich noch zwei weitere B\u00fccher schreiben zu lassen. In diesem Zusammenhang ergab sich ein sehr sch\u00f6ner Kontakt zu wina. Seither bin ich dort auch fester Mitarbeiter. Ich sch\u00e4tze die Zeitschrift sehr und \u00fcber das Judentum kann man gar nicht genug wissen und erfahren und lernen, vor allem von den gro\u00dfen Weisheitslehrern und Rabbinern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>In den Zehner Jahren dieses Jahrhunderts haben Sie, wie vorhin schon angeschnitten, drei Biografien ver\u00f6ffentlicht, und zwar zu Joachim Ringelnatz (2015), George Grosz (2017) und Alfred Adler (2019), aber auch k\u00fcrzere zu Alfred Hitchcock und Clint Eastwood.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Genau. Und auch noch eine Biografie zum Eiffelturm, auch wenn das keine lebende Person ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was interessiert sie an den Autoren und K\u00fcnstler aus der Zeit von 1900 bis 1945? Und mit welchen Intentionen sind Sie ans Schreiben der Biografien herangegangen?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ringelnatz habe ich immer schon gelesen und war erstaunt zu sehen, wann der Mann gestorben ist, n\u00e4mlich 1934. Er wurde nur 51 und noch heute lesen sich ganz viele Gedichte von ihm ganz frisch Und die Biografie klappte im zweiten Anlauf. Davor hatte ich das Buch \u00fcber den Eiffelturm geschrieben, da schlug ein Verlag (Matthes &amp; Seitz Berlin) sehr schnell zu. Bei Ringelnatz habe ich einen l\u00e4ngeren Anlauf gebraucht, um einen Hamburger Verlag zu \u00fcberreden. Es wurde die erste gro\u00dfe Biografie \u00fcber diesen Dichter und die Intention war einfach, dass im Sachbuch Biografien f\u00fcr mich Leitmedien waren. Um eine Person, um einen Menschen zu verstehen, zu erkunden, muss man eine Biografie lesen. Das ist ja heute noch im angloamerikanischen und im frankophonen Sprachraum so.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Adler tauchte ich zum Beispiel auch tief in die Stadt- und Umbaugeschichte Wiens ab 1860 ein, in die Immigrationsgeschichte und logischerweise auch in das Nachleben der Psychoanalyse nach 1933, 1934, 1938 und 1945. Aber ich entdeckte mit jedem Buch etwas ganz Anderes, ganz Neues und auch immer wieder etwas Faszinierendes. Das lie\u00df mich selber auch \u00fcberraschen. Darin liegt das Geheimnis von biografischem Schreiben, dass man offen genug sein muss, dass man auf etwas st\u00f6\u00dft, was zum Teil auch vorgefasste eigene Hypothesen komplett umst\u00f6\u00dft.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn ich mir die vielf\u00e4ltigen Publikationen zu verschiedenen Alltagsgegenst\u00e4nden wie dem Fahrrad, dem Regenschirm, dem Kreuzwortr\u00e4tsel, dem Bleistift, dem Ski ansehe, dann schlie\u00dfe ich daraus, dass es neben der Neugier ja auch ein besonderes Erkenntnisinteresse geben muss, dass Sie hier leitet. Was k\u00f6nnen solche Gegenstandsbiografien leisten und was treibt Sie an, immer wieder neue Gegenst\u00e4nde unter die Lupe zu nehmen bzw. in Perspektive zu setzen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist die versteckte Magie. Man schaut etwas v\u00f6llig Harmloses an, was jeder hat, einen Bleistift, einen Regenschirm. Man sieht, wie ich gerne scherzhaft zu sagen pflege, einen Regenschirm erst dann richtig, wenn man ihn verloren hat und es zu regnen anf\u00e4ngt. Bis dahin ist er ein v\u00f6llig profanes Utensil, inzwischen ja massengefertigt und um quasi nichts zu erstehen. Andererseits gibt es in Salzburg mit der Firma Kirchtag noch eine Manufaktur f\u00fcr Regenschirme, wo man sich um 300 Euro einen sehr feinen Regenschirm anfertigen lassen kann, der wirklich h\u00e4lt und zwar lebenslang und der wird dann noch mit in das eigene Grab hineingelegt. Es sind diese latenten Geschichten, die herauszulocken sind. Ich habe \u00fcbrigens auch eine Kulturgeschichte der Giraffe geschrieben. Man k\u00f6nnte denken: Ist das nicht ein Widerspruch? Denn \u00fcber Giraffe kann man eigentlich nur etwas Naturhistorisches, Biologisches schreiben. Und ich habe das dem Verlag Edition Atelier vorgeschlagen, der mit gro\u00dfer Begeisterung darauf eingestiegen ist, dass es um das Bild oder das Image des Tiers gehen sollte. Wie gesagt, reizt es mich \u00fcber etwas scheinbar Kleines zu schreiben, denn auch ganz gro\u00dfe Autoren haben das gemacht. Francis Ponge schrieb \u00fcber die Seife. Wenn ein so gro\u00dfer Poet \u00fcber so etwas schreibt, dann muss da noch mehr sein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beim Kleinen oder Ephemeren sind wir genau am richtigen Punkt, um die Kurve zur Poesie zu nehmen. Bisher haben Sie sich im Bereich der Lyrik vor allem als Herausgeber von vier Gedichtb\u00e4nden profiliert. Eine Anthologie mit Gedichten f\u00fcr Bergfreunde, eine mit Schneegedichten, zwei B\u00e4nde von Joachim Ringelnatz. Welche Rolle hat Lyrik in Ihrem Leben gespielt?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Anfangs eine kleinere, aber ich muss sagen, in den letzten sieben, acht Jahren eine immer gr\u00f6\u00dfere. Vielleicht hat das auch etwas mit dem diffizilen Zustand des Alterns zu tun, wo man denkt, ich habe doch irgendetwas vers\u00e4umt. Und das nicht nur im Leben, sondern auch und erst recht in der Literatur. Auf diese Weise kommt man zu einer Form, die inzwischen viel vielf\u00e4ltiger ist als Prosa. Nachdem ich ja nun seit einem Vierteljahrhundert als Buchkritiker t\u00e4tig bin und da fast nur Prosa rezensieren muss und darf und soll, stellt sich dann auch ein gewisser Erfahrungswert ein, d.h. man wei\u00df, was man erwarten kann. Und je j\u00fcnger die Schreibgeneration geworden ist, umso \u00fcberschaubarer sind die Experimente geworden. Wenn man das mit fr\u00fcher vergleicht und von Arno Schmidt r\u00fcckw\u00e4rts geht, dann gibt es heute eigentlich niemand mehr, der nur noch ganz wild schreibt. Der Schweizer Paul Nizon hat mit&nbsp;<em>Canto<\/em>&nbsp;einen f\u00fcr mich grandiosen Roman geschrieben. Das Buch erschien 1960, ist als mehr als sechzig Jahre jung, und um kein Jota gealtert. Und dann entdeckte ich nach und nach f\u00fcr mich selber Gedichte durch das Anthologisieren. Da war ich dann den Auflagen der Verlage gehorchend gezwungen, m\u00f6glichst viele rechtsfreie Gedichte, also solche \u00e4lteren Datums, auszusuchen. Aber auch das ist ein wunderbarer Einstieg. Wenn man Matthias Claudius liest, denkt man,&nbsp;<strong>wie leicht kann Sprache sein<\/strong>. Oder den fr\u00fchen Brentano, und staunt, wie t\u00e4nzerisch nach \u00fcber 200 Jahren Sprache sein kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr Walter Benjamin war Baudelaire der Lyriker der Moderne und ein Seismograph der sich vollziehenden sozialen, wirtschaftlichen und psychischen Ver\u00e4nderungen der Gro\u00dfstadt. Mit welchem Interesse lesen Sie Lyrik bzw. was kann nach Ihrer Meinung Lyrik leisten?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Lyrik kann alles leisten. Der Zugang muss&#8230; Oh, da habe ich jetzt ein Wort benutzt, dass ich sofort wieder zur\u00fcckziehen, n\u00e4mlich&nbsp;<em>muss<\/em>. Lyrik muss nichts und man muss auch nicht Lyrik lesen, aber wenn man Lyrik liest, soll man offen sein und wird man offen. Und genau das ist ja das, was Lyrik anders sein l\u00e4sst. Man l\u00e4sst sich auf etwas ein. Wenn man einen so recht konventionell heruntererz\u00e4hlten Roman liest, dann wei\u00df man mutma\u00dflich, was kommt. Und bei Lyrik ist die \u00dcberraschung vielleicht in einer jeden Zeile vorhanden. Man hat ja auch eine enorme Auswahl. Man kann Peter R\u00fchmkorf lesen, man kann Sarah Kirsch lesen, die komplett anders ist als ein Robert Lowell oder ein Charles Olson. Man kann historisch Fr\u00fcheres wie Baudelaire, Mallarm\u00e9 oder Walt Whitman lesen oder etwa Goethe. Mit letzterem kann man heute ganz viele nicht nur erschrecken, sondern erst recht abschrecken, aber wenn man zu seiner Lyrik greift, vor allem der fr\u00fchen, der mittleren, ist das ganz erstaunlich. Ein Sang, und zwar ein Zaubersang bl\u00e4ttert sich dort auf und genau das ist ja das Sch\u00f6ne, dass man von Lyrik in jeder Sekunde \u00fcberrascht wird, wenn es gute Lyrik ist. Und man macht immer wieder neue Entdeckungen in ganz vielen Sprachen und man kann ja sich nicht auslesen. Ob man nun in Italien Vittorio Sereni liest oder in D\u00e4nemark Inger Christensen, in Schweden Gunnar Ekel\u00f6f oder in Nordirland Paul Muldoon oder in \u00d6sterreich Udo Kawasser. Man kann alles lesen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie schreiben, wie sie vorhin erw\u00e4hnten, seit 25 Jahren Rezensionen und besprechen auch f\u00fcr die Poesiegalerie Gedichtb\u00e4nde. Wie gehen Sie bei einer Besprechung von Lyrik vor? Gibt es da einen Unterschied zu Rezensionen von erz\u00e4hlender Prosa oder Sachb\u00fcchern?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, also im besten Fall liest man einen Lyrikband in der ad\u00e4quat angemessenen Stimmung. Prosa kann man fast \u00fcberall lesen. Abarbeiten. Ob nun im Zug in einem vollbesetzten Abteil oder allein zu Hause am Balkon, im Garten oder in der Universit\u00e4t. Bei Lyrik ist das anders. Bei Lyrik braucht man eine gewisse Stille, eine gewisse Unnahbarkeit, um seinerseits nahbar zu werden. f\u00fcr das, was man nun aufschl\u00e4gt. Und man braucht Tage, an denen man sich wirklich \u00fcberraschen lassen kann. Ich habe im Moment zu Hause das Buch eines j\u00fcngeren Wiener Lyrikers liegen, von dem ich bisher nur wei\u00df, dass er sich von Lyrik des tschechischen Surrealismus stark anregen l\u00e4sst, Ond\u0159ej Cik\u00e1n. Er ist selber auch Verleger und hat in Wien einen kleinen eigenen Verlag. Er \u00fcbersetzt aus dem Tschechischen Lyrik des Prager Surrealismus, also V\u00edt\u011bzslav Nezval und andere. Das hei\u00dft, er kommt aus einer ganz spezifischen Einflussecke. Und um sich auf so etwas einzulassen, braucht man den richtigen Tag, die richtige Stunde. Einen Roman eines Vielschreibers, sagen wir, aus Vorarlberg aufzuschlagen, dazu braucht es keine Anstrengung oder einen bestimmten Tag. Bei Lyrik braucht es mehrere bestimmte Tage und eine Re-Lekt\u00fcre. \u00dcber nicht wenige B\u00fccher schreibe ich eine Rezension, wenn ich das Buch einmal gelesen habe. Bei Lyrik ist das anders. Manchmal springe ich auch dann bei der zweiten Lekt\u00fcre erst nach hinten, dann in die Mitte und dann wieder nach hinten und dann ganz nach vorne, weil ich pl\u00f6tzlich sehe, dass das Auftaktgedicht mit etwas korrespondiert, was mir erst jetzt bei der dritten, vierten Lekt\u00fcre hinten aufgefallen ist. Und das macht Lyrik scheinbar schwierig, aber umso bereichernder.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fr\u00fcher erwartete man von der Lyrikkritik, dass die betreffende Person das literarische Feld genauestens kennt und anhand von mehr oder weniger offen dargelegten Qualit\u00e4tskriterien Empfehlungen oder eben auch Verrisse von B\u00fcchern lieferte. Literaturkritik als kompetente Orientierungsgebung in der Flut der Neuerscheinungen. Wie sieht nach Ihrer Meinung Literaturkritik heute aus?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#121010\">Also in den popul\u00e4reren Medien ist Lyrikkritik ja verschwunden. Es ist ein Randph\u00e4nomen geworden. Zum Gl\u00fcck wurde daf\u00fcr extra auch das Internet erfunden, um Lyrikkritik andererseits auch schwellenloser zu machen. Da muss man sich dann nicht extra ein vielleicht teures Magazin kaufen oder eine Zeitung erwerben, sondern man kann dort jeden Tag neben der Lyrikkritik auch ganz frische Lyrik lesen. Jeden Tag gibt es morgens zum Auftakt ein neues Gedicht. Lyrikkritik andererseits ist nahezu ausgestorben. Es gibt keine&nbsp;Journalisten oder Rezensentinnen<a>&nbsp;<\/a>&nbsp;mehr, die sich nur auf dieses Genre konzentrieren \u2013 Marie Luise Knotts Rubrik \u201eTagtigall\u201c bei perlentaucher.de erschient wie oft im Jahr? F\u00fcnf Mal, sechs Mal. Das korrespondiert mit Entwicklungen im Verlagswesen. Es gibt in \u00d6sterreich meines Wissens nur zwei Verlage gibt, die Lyrik stetig&nbsp;als Reihe&nbsp;verlegen. In Deutschland ist die Zahl ebenfalls an den Fingern an einer Hand abzuz\u00e4hlen. Und in den gro\u00dfen Medien kommt das quasi nicht mehr vor.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was ist f\u00fcr Sie das selbstgesteckte Ziel einer Rezension?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht die Bewegung des Umkreisens. Ein Buch im besten Falle so zu erkennen, dass ich Hinweise geben kann, was dessen Zentrum ausmacht und was der Impetus des Schreibens und des Zusammenstellens war. Man schreibt ja nicht nur, sondern man stellt ein Buch auch in einer gewissen Reihenfolge zusammen. Das wird meistenteils kurioserweise \u00fcbersehen: Ein Buch wird komponiert. Nicht nur die Sprache ist melodisch, sondern auch ein Buch in sich als Konstruktion, was als Metapher mechanisch klingt.&nbsp;<em>Gewebe<\/em>&nbsp;klingt zu locker, also es ist irgendetwas dazwischen. Mehr zu verlangen, als diese Suchbewegung des Umkreisens w\u00e4re fahrl\u00e4ssig anma\u00dfend.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wann sind Sie dann zufrieden mit einer Rezension?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Oh, das ist jetzt eine Fangfrage.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das sollte sie nicht sein, vielmehr zielt sie nach dem Moment, an dem man als Produzent sagt: So, das kann jetzt raus.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, es gibt da einen stillen Punkt f\u00fcr mich, den ich dann erreiche und wo ich sage, wenn ich jetzt noch etwas hier oder dort \u00e4ndere, dann kollabiert das Ganze oder kommt die Konstruktion, die ich \u00fcber diesen Lyrikband und in meinem Text habe erzielen wollen, in die Schr\u00e4glage. Ich kann das oft gar nicht artikulieren, sondern es ist tats\u00e4chlich auch ein bisschen instinktiv. Ich habe auch von Malern geh\u00f6rt, die bei Vernissagen und selbst, wenn Museen ihre Bilder angekauft haben, anfingen, die Bilder zu korrigieren und da erschraken dann immer die Aufseher oder der Galerist oder die Galeristin. Ich kann das inzwischen gut nachvollziehen. Auch eine Rezension muss in sich eine gewisse Konstruktion haben, die sie tr\u00e4gt, wenn ich letztlich damit wirklich zufrieden sein will.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Da kommen wir jetzt auf einen heiklen Punkt zu sprechen. Wie ist es mit der Wertung? Denn Werturteile sind im&nbsp;<em>anything goes<\/em>&nbsp;einerseits verp\u00f6nt, der scheinbar \u201eerh\u00f6hte\u201c Standpunkt der Kritik wird in Frage gestellt. Andererseits ist Orientierung erw\u00fcnscht, weil die Leser*innen ja auch wissen wollen, ob sie sich das Buch kaufen sollen oder nicht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie versucht es ja inzwischen. Dann steht da \u00fcber den Kritiken nur noch&nbsp;<em>Tipps<\/em>, also positive Hinweise. Oder ganz schlimm ist, wenn Punkte vergeben werden. So dreieinhalb von vier oder zweieinhalb von vier. Aber Wertung ist nat\u00fcrlich der Kern einer jeden Rezension. Bei Lyrik ist das umso schwerer. Wer will sich heute noch aus dem Fenster lehnen und sagen, das Gedicht X von Paul Celan ist schlecht oder missraten? Man liest Gedichte von toten Dichtern und Dichterinnen heute und manchmal denkt man, aha, das wurde gedruckt, erstaunlich. Ich habe jetzt Wystan Hugh Auden etwas intensiver gelesen und in der Sp\u00e4tphase gibt es auch Poeme von ihm, wo ich dachte, erstaunlich, da war der Lektor gerade im Pub. Andererseits gibt es nat\u00fcrlich sonder Zahl die M\u00e4ren aus der Verlagswelt. Ein junger Autor aus L\u00fcbeck schickt dem S. Fischer Verlag ein tausendseitiges Manuskript, \u00fcberschreibt es&nbsp;<em>Die Buddenbrooks<\/em>&nbsp;und die erste Reaktion des erfahrenen langj\u00e4hrigen Lektors war zur\u00fcckzuschreiben: Ich w\u00fcrde das Manuskript gerne um die H\u00e4lfte gek\u00fcrzt haben. Die Frage ist also: Wie findet man die Mitte dazwischen? Andererseits auch dadurch, dass ich manchmal mit einem halblektorischen Auge lesen muss, Und als Editor kommt mir das manchmal ein bisschen ins Gehege oder ins Gedr\u00e4nge, wo ich denke, da h\u00e4tte ich vielleicht nicht in dem Gedicht genau dieses Bild gew\u00e4hlt. Oder von dieser Metapher ausgehend wird es jetzt schwierig, bis zum Ende zu kommen. Andererseits habe ich dann das andere Auge, wo ich ja auch insgeheim f\u00fcr mich schreibe oder auch den einen Band bereits in den Druck bef\u00f6rdern durfte, wo ich denke, genauso h\u00e4tte ich es auch gemacht. Wie Sie sehen, bei mir mischen sich jetzt inzwischen auch mit sukzessivem Alter unterschiedliche Sehweisen auf einzelne Gedichte und auch auf einen Gedichtband im Ganzen. In der Regel sind die heutzutage nicht mehr sehr umfangreich. Ich versuche manchmal in Literaturvermittlungsseminaren zu sagen, Lyrik ist die Form von heute. Sie brauchen sich nicht lange anzustrengen. Sie k\u00f6nnen es morgens auf der Fahrt im Bus lesen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber warum tun das die meisten Leute dann eben doch nicht? Warum ist Lyrik trotz ihrer Pr\u00e4gnanz nicht die Literatur dieses kurzlebigen, mit kurzen Aufmerksamkeitspannen versehenen Zeitalters?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#1a1919\">Der Widerspruch ist genau dieser Punkt und der Nexus ist der Glaube: \u201eLyrik ist per se schwierig. Lyrik verstehe ich nicht.\u201c Gedichte, das ist was f\u00fcr Intelligenzbestien, hat man vor vielen Jahren gesagt. Nat\u00fcrlich ist Lyrik, wenn man mit Paul Celan und dem Sp\u00e4twerk anf\u00e4ngt, schwer. Aber es gibt nat\u00fcrlich auch ganz andere Einstiege. Ringelnatz, Erich K\u00e4stner, Mascha Kal\u00e9ko, von der es tats\u00e4chlich eine mehrb\u00e4ndige Gesamtausgabe im dtv-Verlag immer noch lieferbar gibt. Das hei\u00dft, es fehlen einfach auch die Vermittlerinnen und Vermittler. Es fehlen die begeisterten Auftritte, es fehlen die&nbsp;Rezitator*innen, es fehlen die Events, wo man zusammenkommt und eben keinen Event hat, sondern sich von einem im besten Falle auswendig Rezitierenden ein Gedicht vortragen l\u00e4sst. Bei Literaturfestivals erlebe ich dann trotzdem, dass ein Auditorium von 100, 160, 180 Leuten eine Stunde ganz still sein kann, um zuzuh\u00f6ren. Um dann vielleicht auch noch einer Dichterin zuzuh\u00f6ren, die nicht Deutsch schreibt, sondern in einer Fremdsprache vortr\u00e4gt, die vielleicht auch nicht g\u00e4ngig ist und nicht in der Schule gelehrt wird. Soviel zum pauschalen Vorurteil, \u201eLyrik ist schwierig\u201c, das so faul wie alle Vorurteile ist. Gedichte, so der Glaube, rauben einem irgendwie die Zeit f\u00fcr was Wichtiges, f\u00fcr den Besuch des Wiener Sportclubs, der dann aber doch wieder verliert. Aber in der Zeit k\u00f6nnte man in den 90 Minuten eines Spiels gegen den Abstieg zwei Gedichtb\u00e4nde lesen und dann am Tag darauf dieselben zwei Gedichtb\u00e4nde nochmal lesen, in einer anderen Stimmung, bei einem anderen Licht, an einem anderen Ort und pl\u00f6tzlich entdecken, dass hier ganz andere Nuancen zum Hervorschillern kommen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Da Sie sich sowohl in der deutschen wie in der \u00f6sterreichischen Literatur bewegen, m\u00f6chte ich Sie fragen, ob Sie einen Unterschied in der Art sehen, wie hier und dort geschrieben wird, und zwar insbesondere in der Lyrik?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Oh, da muss ich offen sagen, daf\u00fcr kenne ich zu wenig deutsche Lyrik.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und wenn wir nur \u00fcber die \u00d6sterreicher reden, was f\u00e4llt Ihnen auf an ihrem Schreiben?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Oh, das ist eine diffizile, aber interessante Frage. Aber die Gefahr ist, diese Frage pauschal zu beantworten. Ich glaube, daf\u00fcr sind einfach die Stillagen, die Tonarten ganz andere, ob man nun eine Anne Cotton liest oder eine Patricia Matthes. Die unterscheiden sich nur um wenige Jahre, haben aber ganz andere Vorgehensweisen. Das w\u00fcrde ich mir gar nicht zu beantworten trauen, muss ich sagen. Also Unterschiede zwischen einzelnen Autorinnen und Autoren, eh klar. Aber es gibt keine Schule mehr, es gibt trotz Lehrinstituten hier in Wien auch eine enorme Heterodoxie im Zugang, im Schreiben, im Leben, in der Lebensgestaltung, in der Themenwahl. Und das ist inzwischen so weit gestreut. Und manche \u00f6sterreichischen Autorinnen publizieren in Berliner Verlagen, wie Verena Stauffer bei Kookbooks. Und Kookbooks hat eine ganz andere Lyrik-Ausrichtung als, sagen wir, die Edition Keiper oder der Limbus-Verlag. Ich kann nur sagen, manchmal sto\u00dfe ich auf Lyrik aus \u00d6sterreich, zu der ich selber keinen Zugang finde. Also mir ist es jetzt, um unh\u00f6flich und indezent einen Namen zu nennen, beim letzten so gepriesenen Gedichtband von Yevgeniy Breyger passiert \u2026&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der aber erst vor kurzem von Deutschland nach Wien gezogen ist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 von dem ich das gesamte Langgedicht las und dachte, aha, und das ist bis heute f\u00fcr mich der bleibende Eindruck dieses Bandes gewesen und geblieben. Zu manchen Autorinnen und Autoren finde ich dann keinen Zugang. und das bleibt dann auch so. Aber ein Unterschied zwischen \u00f6sterreichischer Lyrik und deutscher Lyrik, das w\u00e4re mal ein interessantes Essay-Thema oder ein Abschlussstudienthema oder Sujet eines Seminars, geleitet von Udo Kawasser und einer deutschen Lyrikerin, das w\u00e4re spannend.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bei Klever erschien, wie eingangs von Ihnen erw\u00e4hnt, vor kurzem&nbsp;<em>Bl\u00f6cke und Marmeln vor gekr\u00fcmmter Fl\u00e4che. Ein Commonplace Book<\/em>. Da tritt der Autor Kluy zum ersten Mal mit eigenen Reflexionen hervor, ohne im Dienst eines anderen Autors, Themas oder Orts zu stehen. Warum erst so sp\u00e4t?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gut Ding will Weile haben. Nein, das ist eine abgelutschte Standardformulierung. Manches braucht einfach seine Zeit. Es gibt Fr\u00fchentwickler und es gibt Sp\u00e4tentwickler. Und ich z\u00e4hle mich definitiv zu den Zweiteren. Und das war ein Vorhaben, das ich lange vor mir hergeschoben habe. Es hat lange Zeit gebraucht, um die Eintr\u00e4ge zu sammeln und zu wagen, auch neben mich treten zu wollen, in einer nicht offiziellen Funktion. Und dann auch aushalten zu m\u00fcssen, dass zum Beispiel \u00fcber das Buch kaum Rezensionen erschienen sind, was ich fr\u00fcher bei anderen Autoren, die dar\u00fcber klagten, immer leicht bel\u00e4chelt habe. Inzwischen kann ich auch diese Erfahrung nachvollziehen. Und ja, es ist ein schmales Buch mit Nicht-Gedichten, mit Nicht-Aphorismen, mit Aufzeichnungen. Es stellt sich in eine gewisse Schreibschule, die keine Schule war. Sie besteht vor allem aus franz\u00f6sischen Autoren, wie Ren\u00e9 Char, der mich da stark beeinflusst hat, Fran\u00e7is Ponge, \u00fcber den wir schon gesprochen haben, Henri Michaux. Oder auch Georges Perros, ein bretonischer Autor, den Anne Weber vor ein paar Jahren erstmals auf Deutsch komplett \u00fcbersetzt hat und den ich vorher schon auf Franz\u00f6sisch kannte. Von daher ist es auch ein nicht-deutsches Buch, weil ich das immer f\u00fcr mich als franz\u00f6sische Publikation firmieren lasse. Es sind Aufzeichnungen, es sind Instantnotizen, es sind Gedankenblitze und deshalb auch diese merkw\u00fcrdige Umschreibung des Genres im Untertitel als&nbsp;<em>Commonplace Book<\/em>. Auch Auden hat mal so eines ver\u00f6ffentlicht, quasi Aufzeichnungen, Mitschriften, Ideen. Und auf der Titelseite steht als eigentliche Genrebezeichnung&nbsp;<em>Gribouillis<\/em>, ebenfalls ein franz\u00f6sisches Wort f\u00fcr&nbsp;<em>Kritzeleien<\/em>. Als ich das franz\u00f6sische Wort vor Jahren entdeckte, sprach mich das hochsympathisch an, weil es den Akt des Schreibens vor Augen f\u00fchrt und des Mitschreibens. Es hat auch ein bisschen Anlauf gebraucht, um einen Verlag zu finden, wie es ja heute \u00fcberall der Fall ist. Schlie\u00dflich fand ich in Ralph Klever einen enorm aufgeschlossenen Verleger, der ja auch selber mit seinen anderen B\u00fcchern genau auf diesen Graten unterwegs ist zwischen den Genres. Und die Grate liegen zum Teil sehr hoch, was mich auch angesprochen hat. Und ja, im n\u00e4chsten Jahr d\u00fcrfte dann bei ihm etwas erscheinen, nicht unter meinem Namen allein, aber wo auch mein Name mit drinstehen wird. Das kann ich allerdings noch nicht ganz offiziell machen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wir sind gespannt darauf. Vielen herzlichen Dank f\u00fcr das Interview!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Alexander Kluy: &#8222;Wie leicht kann Sprache sein&#8220; f\u00fcr die Poesiegalerie<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":24517,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[131],"tags":[652],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Wie leicht kann Sprache sein - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Interview mit Alexander Kluy: &quot;Wie leicht kann Sprache sein&quot; f\u00fcr die Poesiegalerie\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2026\/05\/03\/kluy-interview-wie-leicht-kann-sprache-sein\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Wie leicht kann Sprache sein - 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