{"id":24598,"date":"2026-05-31T07:00:00","date_gmt":"2026-05-31T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=24598"},"modified":"2026-05-18T20:56:18","modified_gmt":"2026-05-18T18:56:18","slug":"kluy-besprechung-zwei-teetassen-neben-dem-spuelbecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2026\/05\/31\/kluy-besprechung-zwei-teetassen-neben-dem-spuelbecken\/","title":{"rendered":"Zwei Teetassen neben dem Sp\u00fclbecken"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/kluy-alexander\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Alexander Kluy<\/a> liest <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/chana-daniela\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Daniela Chanas<\/a>\u00a0<em>Aff\u00e4re mit einem Erz\u00e4hler<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:32% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"630\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0232-630x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-24113 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0232-630x1024.jpeg 630w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0232-185x300.jpeg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0232-92x150.jpeg 92w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0232-370x601.jpeg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0232-20x32.jpeg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0232-600x975.jpeg 600w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0232-30x48.jpeg 30w\" sizes=\"(max-width: 630px) 100vw, 630px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Es gibt Begriffe, die merkw\u00fcrdig irisierend durch den Kosmos der Poesie wabern. Ein solcher Ausdruck ist \u201eGebrauchslyrik\u201c. Beim ersten fl\u00fcchtigen Hinh\u00f6ren meint man umgehend zu verstehen, was gemeint ist; bei innehaltendem Nachdenken l\u00f6st sich der angeblich geortete Sinngehalt recht rasch in ein sich noch rascher verfl\u00fcchtigendes Nichts auf.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Cover \u00a9 Limbus Lyrik<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt, dass die akademische Germanistik unter Gebrauchslyrik etwas g\u00e4nzlich anderes versteht als Leserinnen und Leser, die zu Poesie des 20. Jahrhunderts greifen. Die an Hochschulen dozierenden Literaturhistorikerinnen und -historiker fassen unter dieses Schlagwort n\u00e4mlich all jene Huldigungen, sprachlichen Kr\u00e4nze und Huldigungen zusammen, die in den Jahrhunderten vor 1800 an Adels-, F\u00fcrsten-, K\u00f6nigs- und Kaiserh\u00f6fen ausgehaltene Poeten zu diversen klein- und gro\u00dffestlichen Anl\u00e4ssen zu verfassen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im 20. Jahrhundert tauchte Gebrauchslyrik in der Neuen Sachlichkeit, also nach 1920, auf. Das Wort meinte die Produktion von so \u00e4hnlichen, dabei so unterschiedlichen Dichterinnen und Dichtern wie Erich K\u00e4stner, Joachim Ringelnatz, Mascha Kal\u00e9ko und Bertolt Brecht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Klarheit, Leichtigkeit und Offenheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es war Brecht, damals gerade einmal 29 Jahre jung, der 1927 seinem mit 50 Gedichten nicht wirklich ausgreifenden Buch&nbsp;<em>Hauspostille<\/em>&nbsp;eine \u201eAnleitung zum Gebrauch der einzelnen Lektionen\u201c als Prolog voransetzte. In apodiktischer Drastik \u2013 und \u00e4hnlich wie bei Goethe das Frankfurterische, muss man sich bei Brecht stets ein Augsburger Schw\u00e4bisch akustisch vor Ohren f\u00fchren \u2013 schrieb er da: \u201eDiese Hauspostille ist f\u00fcr den Gebrauch der Leser bestimmt. Sie soll nicht sinnlos hineingefressen werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dass sieben Jahre sp\u00e4ter der Dresdner Erich K\u00e4stner einen Gedichtband herausbrachte, in Z\u00fcrich, nicht in Deutschland, wo \u00fcber ihn die Nazis ein Publikationsverbot verh\u00e4ngt hatten, den er \u201eLyrische Hausapotheke\u201c benannte, hie\u00df auch: Diese Poeme waren zum \u201eGebrauch\u201c gedacht. Das vermittelte schon der barock ausschweifende Untertitel: \u201eGedichte f\u00fcr den Hausbedarf der Leser. Nebst einem Vorwort und einer nutzbringenden Gebrauchsanweisung samt Register\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Was kennzeichnet nun dieses Genre? Ein bewusstes Ausblenden alles Hermetischen, alles Dunklen, das Meiden obskurer bis obskurantistischer Metaphern sowie gel\u00e4ngter, \u00fcber Vakatseiten sich ziehender Enjambements. Daf\u00fcr: Klarheit, Leichtigkeit, Eing\u00e4ngigkeit, empathische Offenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebendieser \u201eSchule\u201c, die vieles war, nur nie eine Schule, l\u00e4sst sich Daniela Chanas Lyrik zurechnen. Die geb\u00fcrtige Wienerin und im Fach Komparatistik promovierte Literaturwissenschaftlerin deb\u00fctierte 2018. Infolge ihres Bandes&nbsp;<em>Sagt die Dame<\/em>&nbsp;erreichten sie nicht wenige Einladungen zu Lesungen auf namhaften Poesiefesten zwischen Innsbruck, Berlin und London.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun folgt mit&nbsp;<em>Aff\u00e4re mit einem Erz\u00e4hler<\/em>&nbsp;der Zweitling. Bereits der pittoresk-anmutige Drolligkeit aufweisende Umschlag signalisiert, dass es hier um Konkreta geht, um scheinbar Allt\u00e4gliches, das sich jedoch durchaus als magisch erweisen kann, als verzaubert, ja manchmal gar als verbal verwunschen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201eW\u00e4hrend eines Schaumbads\r\nVerga\u00df ich f\u00fcr einen Moment, wer ich bin\r\nAusgerechnet in meiner Badewanne\r\nEinem Ort\r\nAn dem ja au\u00dfer mir\r\nNur selten jemand anderer liegt\r\nAber hin und wieder doch\u201c\r<\/pre>\n\n\n\n<p>Man verfolgt eine Frau durch die Welt, durch eine Stadt, dies ist der leichthin versteckte rote Faden (wobei das Leseb\u00e4ndchen das Pflaumenviolett des Umschlags aufgreift). Es ist eine Serie von poetischen Aventiuren des Profanen, eines gegenw\u00e4rtigen Lebens, gegenw\u00e4rtiger Gef\u00fchle. Begegnungen k\u00f6nnen ein Gedicht ergeben, auch W\u00fcnsche oder Sehns\u00fcchte:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201eAll meine Pl\u00e4ne\r\nBleiben Fantasie\r\nBleiben Traum\r\n(\u2026)\u201c\r<\/pre>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Witz, Esprit und Selbstironie<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Aber auch Beobachtetes, eine Pseudo-Miniatur im Vor\u00fcbergehen, findet sich: \u201eZwei Teetassen neben dem Sp\u00fclbecken \/ Zu weit entfernt, um sich zu k\u00fcssen\u201c. Diese, scheint\u2019s, simple Konstellation ger\u00e4t Chana zu einem Morandi-Gem\u00e4lde in Worten. Es kommt wie alle Poeme dieses Bandes ganz leichth\u00e4ndig daher, fast t\u00e4nzerisch, ein Ballett in Nicht-Reimen. Dabei sollte man allerdings auf keinen Fall des Festgefugte der einzelnen Poeme, die eine lockere Suite ergeben, \u00fcbersehen und \u00fcberlesen wie auch das Arrangement, die \u201edramaturgische\u201c Abfolge. In nur wenigen Zeilen ein Sujet umrei\u00dfen und dabei gro\u00dfe Variabilit\u00e4t erzeugen, das f\u00e4llt Chana offensichtlich ganz leicht \u2013 dabei d\u00fcrfte dahinter ein l\u00e4ngerer Prozess des Feilens und Korrigierens stehen \u2013:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201eIch gebe der Melancholie in mir\r\nNur immer wieder andere Namen\r\nManchmal Arbeit\r\nManchmal B\u00fcrokratie\r\nManchmal Montag \r\nBitte verzeih mir \r\nF\u00fcr jedes Mal, wenn ich sie nach dir benenne.\u201c\r<\/pre>\n\n\n\n<p>Dieses Gedicht, \u201eNamen der Melancholie\u201c, zeigt auch den mutma\u00dflich an Heine und K\u00e4stner geschulten Witz und Chanas eigenen Esprit. Und nicht zuletzt findet sich bei ihr etwas, was in der zeitgen\u00f6ssischen deutschsprachigen Lyrik nicht wirklich allseits zu finden ist, geschweige denn Mainstream \u2013 grazi\u00f6se Selbstironie:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201e,Das sind keine Gedichte, oder?\u2018\r\nSagt sie mit meinem Gedichtband in der Hand\r\n\u201aNur so Texte, oder?\u2018\r\n(\u2026)\r\nEin Clown lebt in meinem Keller\r\nKlopft mit dem Besen an die Decke\r\nWeil mein Hin- und Hergehen\r\nBeim Nachdenken ihn st\u00f6rt\r\nDer Ernst des Schreibens hat mich nie erreicht\u201c\r<\/pre>\n\n\n\n<p>Wie lauten die zwei finalen Zeilen dieses enorm unterhaltsamen Lyrikbandes (eine Kombination von Adjektiv und Subjekt, die nahezu exotisch anmutet) \u2013 bei dessen Lekt\u00fcre man hofft, dass das Publikationstempo sich hoffentlich dem Gehtempo angleichen wird?<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201e(\u2026)\r\nIch schrieb Poesie auf meinen Sportschuh\r\nUnd ging, ging, ging\u201c\r<\/pre>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Daniela Chana: <a href=\"https:\/\/www.limbusverlag.at\/buecher\/affaere-mit-einem-erzaehler\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Aff\u00e4re mit einem Erz\u00e4hler<\/a>. Gedichte. Limbus, Innsbruck, 2026. 96 Seiten, Euro 15,\u2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besprechung: &#8222;Zwei Teetasse neben dem Sp\u00fclbecken&#8220;-Alexander Kluy liest Daniela Chanas Aff\u00e4re mit einem Erz\u00e4hler<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":24113,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[107],"tags":[652,135],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Zwei Teetassen neben dem Sp\u00fclbecken - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Besprechung: &quot;Zwei Teetasse neben dem Sp\u00fclbecken&quot;-Alexander Kluy liest Daniela Chanas Aff\u00e4re mit einem Erz\u00e4hler\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2026\/05\/31\/kluy-besprechung-zwei-teetassen-neben-dem-spuelbecken\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zwei Teetassen neben dem Sp\u00fclbecken - 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