{"id":24649,"date":"2026-06-09T07:00:00","date_gmt":"2026-06-09T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=24649"},"modified":"2026-06-05T20:23:08","modified_gmt":"2026-06-05T18:23:08","slug":"kluy-besprechung-es-ist-nicht-mehr-noetig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2026\/06\/09\/kluy-besprechung-es-ist-nicht-mehr-noetig\/","title":{"rendered":"Es ist nicht mehr n\u00f6tig"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/kluy-alexander\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Alexander Kluy<\/a> liest Erich Wolfgang Skwaras\u00a0<em>Sprungbrett und Sarg<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:34% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"182\" height=\"300\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Cover-Sprungbrett-und-Sarg-Erich-Wolfgang-Skwara.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-24652 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Cover-Sprungbrett-und-Sarg-Erich-Wolfgang-Skwara.jpeg 182w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Cover-Sprungbrett-und-Sarg-Erich-Wolfgang-Skwara-91x150.jpeg 91w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Cover-Sprungbrett-und-Sarg-Erich-Wolfgang-Skwara-20x33.jpeg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Cover-Sprungbrett-und-Sarg-Erich-Wolfgang-Skwara-29x48.jpeg 29w\" sizes=\"(max-width: 182px) 100vw, 182px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>So gestalterisch unauff\u00e4llig der neue Gedichtband Erich Wolfgang Skwaras daherkommt, er ist in mehr als einer Weise Aufsehen erregend. Zum einen fasst er Gedichte aus 27 Jahren zusammen, einsetzend mit dem Jahr 1998 (dass im Anhang zwei Gedichte mit dem Erstver\u00f6ffentlichungsdatum \u201e1994\u201c gelistet sind, d\u00fcrfte ein Spezialtest f\u00fcr besonders penible Leserinnen und Leser sein), als Skwara gerade einmal 50 war \u2013 und kennzeichnet sie als \u201eSp\u00e4te Gedichte\u201c.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Cover \u00a9 Keiper <\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Sie kommen auf gerade einmal 100 Seiten, eine \u201eAusbeute\u201c, die verglichen mit anderen Poeten auf eine besonders ausgesuchte Produktivit\u00e4t verweist. 1998 hatte er ja in \u201eNach dem Norden\u201c, erschienen im nicht wirklich buchmarktpr\u00e4senten Heiderhoff Verlag, Gedichte aus der damals zur\u00fcckliegenden Dekade 1987 bis 1997 zusammengefasst, der Band z\u00e4hlte 196 Seiten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zum anderen ist un\u00fcbersehbar auff\u00e4llig, dass dieser Band so international und weltl\u00e4ufig ist wie kaum ein anderer, der in den letzten Jahren im \u00f6sterreichischen Verlagswesen produziert wurde. Jedem Poem gibt Skwara den jeweiligen Entstehungsort mit. Ebendies sticht ins Auge. Denn die Namen der St\u00e4dte lauten: Florenz, San Diego, Paris, Perugia, Hong Kong, Lucca. Dazu kommen noch Landschaftsangaben wie \u201eToskana\u201c oder \u201eBei M\u00fcnchen\u201c oder die s\u00fcdostenglische Grafschaft \u201eKent\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das dritte, literarisch fast noch Eklatantere findet sich ab Seite 60. Denn hier wechselt Skwara die Sprache. Es folgen auf 40 Seiten Gedichte, die er urspr\u00fcnglich auf Italienisch, Franz\u00f6sisch und Englisch schrieb und selbst eindeutschte. Man nenne die lebende Poetin, den lebenden Poeten deutscher Zunge, der aktuell&nbsp;<em>post<\/em>&nbsp;Hans Magnus Enzensberger, dem multilingualen Hansdampf in allen Gassen und Gro\u00dfediteur des \u201eMuseums der modernen Poesie\u201c, eine solche Weltbereiset\u00e4tigkeit nachweisen kann&nbsp;<em>und<\/em>&nbsp;dazu und daneben mehr als eine Fremdsprache beherrscht, aus der sie oder er zu \u00fcbersetzen in der Lage ist?!<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein sp\u00e4ter Ton?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Beim 1948 geborenen Skwara ist all- und ebendies der Fall. Das zeigt bereits seine Biografie. Der geb\u00fcrtige Salzburger studierte erst in Wien, dann in Paris Romanistik, Musikgeschichte, schlie\u00dflich Vergleichende Literaturwissenschaft. Das Musikalische ist ihm lebenslang stets wichtig gewesen und geblieben. Als er in Paris Student war, befreundete er sich mit den Geigern Henryk Szerying und Ivry Gitlis, f\u00fcr die er als Privatsekret\u00e4r-Adlatus wirkte; wenig sp\u00e4ter, w\u00e4hrend eines Studienaufenthalts in Italien, war er zeitgleich Redakteur eines Magazins f\u00fcr klassische Musik, das das damals noch h\u00f6chstrenommierte Label Deutsche Grammophon edierte. 1975 ging er in die USA, lehrte bis 1984 an der Georgetown University in Washington, D.C., anschlie\u00dfend ab 1986 an der San Diego State University im s\u00fcdlichsten Teil Kaliforniens. Im Jahr 2010 lie\u00df er sich emeritieren. Als anschlie\u00dfenden fast st\u00e4ndigen Wohnort w\u00e4hlte er sich Florenz. Dort war er bis 2022 ans\u00e4ssig, dann \u00fcbersiedelte er in seine Geburtsstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese geografische wie mentale Ferne mag auch erkl\u00e4ren, wieso Skwara als flei\u00dfiger Autor, der 1971 deb\u00fctierte und \u00fcber die Jahre nicht wenige B\u00fccher im Doppel-Haus Suhrkamp und Insel publizierte, in den Jahren nach 2002, 2003, sp\u00e4testens 2008, mit seinem vorletzten Roman, der in einem Hamburger Verlag herauskam, dem Literaturbetrieb, vor allem dem deutschen, der immer Berlin- und Hamburg-zentrierter anmutet, wie auch jenem in \u00d6sterreich mehr und mehr abhanden gekommen ist. Wohl auch ein Grund daf\u00fcr, dass sein letzter Roman \u201eMare nostrum oder Ein Bahnhof f\u00fcr jene, die ankommen\u201c (2019), erschienen bei Edition Korrespondenzen, nicht wirklich wahrgenommen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei w\u00e4re es an der Zeit, ihn wiederzuentdecken, auch und erst recht als Lyriker. Sensibel kreisen seine Poeme um \u201esp\u00e4te T\u00f6ne\u201c, um Einsamkeit, Isolation, um Zu- und Abwendung, um Altern und Nachlassen der Kr\u00e4fte. Dabei ist ihm der hohe Ton, der gro\u00dfe Gestus merklich fremd, ja, er scheut davor regelrecht zur\u00fcck. Durchgehend \u2013 was ja bereits die geografische Lokalisierung vor Augen f\u00fchrt \u2013 allerdings ist er weltneugierig:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201eDu kommst mit dem Schauen nicht zurecht\r\nschnappst gierig nach Bildern\r\nein an Land geworfener Fisch\u201c\r\n\r\nEs sind auch Gestus und Duktus des Innehaltens, der R\u00fcckschau, des Res\u00fcmierens nicht zu \u00fcberlesen, und dabei sind Skwaras Verse immer wieder von gro\u00dfer Melodik gepr\u00e4gt. So hei\u00dft es im Gedicht \u201eSommerende\u201c:\r\n\r\n\u201eDu siehst: L\u00e4hmung\r\n\u00fcberall Tr\u00e4gheit vers\u00e4umtes Licht\u201c\r\n\r\nAuch um Gef\u00fchle, Affekte, einmal auch um Musik, wobei originellerweise Glenn Goulds Bach-Spiel mit einer amour\u00f6sen Begebenheit in einem Automobil kollidiert, geht es hier. Und: Es stellt sich Souver\u00e4nit\u00e4t ein, zumindest eine gewisse Spielart davon:\r\n\r\n\u201eWas sie auch sagen die Bilder\r\ngeh nicht hinaus zu den Toten\r\nvergiss ihre Gr\u00e4ber.\r\nSie kommen zu dir\r\nund gern wie es scheint.\u201c\r<\/pre>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein anderer Ton?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>In den fremdsprachigen Gedichten h\u00f6rt man hingegen einen leicht anderen Ton. In den in englischer Sprache geschriebenen Poemen etwa treten das Verspielte und die spielerischen Tonmodulationen eher bis ziemlich stark zur\u00fcck und tendieren zu lakonischer Aphoristik \u2013\u00a0wobei die deutschen Versionen dann durchweg mehr als ein Gran Poetisierung aufweisen: \u201eDo not hand over \/ life to death \/ do not tie death \/ with life \/ How to proceed ? (\u201eNicht das Leben \/ dem Tod \u00fcberlassen \/ und nicht den Tod an das Leben kn\u00fcpfen. \/ Aber wie nun weiter?\u201c). In ihrer Reduktion, ihrem statuarischen, ja lakonischen Ausdruck und ihrer pr\u00e4gnant an die Welt gebundenen Unmittelbarkeit gemahnen sie an die sp\u00e4ten Gedichte des US-Amerikaners Robert Creeley, dessen 100. Geburtstag unl\u00e4ngst allseits stupend unbeachtet blieb. Dabei findet man auch hier exakt austarierte Brillanz von Rhythmus, Abfolge und Betonung:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201eTake in the sky\r\nof gold and bronze and crimson\r\none heartbeat more\u201d\r<\/pre>\n\n\n\n<p>Auch die italienischen Gedichte \u2013 etwa \u201eRitorno\u201c (\u201eWiederkehr\u201c), das mit sonorer Abgekl\u00e4rtheit einsetzt: \u201e\u00c8 tornata la stella \/ che ti manchava e ti mancher\u00e0 \/ ogni anno per tempi lunghi \/ senza promessa ma in certezza \/ del suo ritorno\u201c (\u201eDer Stern ist zur\u00fcckgekommen \/ der dir gefehlt hat und dir fehlen wird \/ jedes Jahr lange Zeitr\u00e4ume \/ ohne Versprechen aber in Zuversicht \/ seiner Wiederkehr\u201c) \u2013 verweisen auf recht pr\u00e4gende Lekt\u00fcren, die im Nachwort angedeutet werden, Cesare Pavese zum Beispiel oder Giuseppe Ungaretti, wobei diese Namen zu erw\u00e4hnen Erich Wolfgang Skwaras Eigenst\u00e4ndigkeit, Intensit\u00e4t und sprachliche Sorgfalt, die die deutsche, italienische, franz\u00f6sische und englische Sprache ihm erwidert, nur noch zu unterstreichen vermag.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Erich Wolfgang Skwara: <a href=\"https:\/\/www.editionkeiper.at\/shop\/skwara-erich-wolfgang\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Sprungbrett und Sarg.<\/a> Keiper, Graz, 2026. 124 Seiten, Euro 16,05<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besprechung: &#8222;Es ist nicht mehr n\u00f6tig&#8220;-Alexander Kluy liest Erich Wolfgang Skwaras\u00a0Sprungbrett und Sarg f\u00fcr die Poesiegalerie<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":24652,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[107],"tags":[652],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - 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