{"id":24925,"date":"2026-07-26T07:00:00","date_gmt":"2026-07-26T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=24925"},"modified":"2026-07-21T20:39:56","modified_gmt":"2026-07-21T18:39:56","slug":"kawasser-besprechung-wir-sind-kinder-und-frei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2026\/07\/26\/kawasser-besprechung-wir-sind-kinder-und-frei\/","title":{"rendered":"wir sind kinder und frei"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/kawasser-udo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Udo Kawasser<\/a> liest <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/march-tobias\/\">Tobias Thomas Marchs<\/a>\u00a0<em>Polymorpha<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:35% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-22Polymorpha22-Tobias-March-540x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-24473 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-22Polymorpha22-Tobias-March-540x1024.jpeg 540w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-22Polymorpha22-Tobias-March-158x300.jpeg 158w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-22Polymorpha22-Tobias-March-79x150.jpeg 79w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-22Polymorpha22-Tobias-March-370x702.jpeg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-22Polymorpha22-Tobias-March-20x38.jpeg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-22Polymorpha22-Tobias-March-25x48.jpeg 25w\" sizes=\"(max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Als ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Vielgestaltigkeit des Lebens ohne Ber\u00fchrungs\u00e4ngste k\u00f6nnte man den Deb\u00fctband des 2000 in Bregenz geborenen Tobias Thomas March lesen, der diese Botschaft konsequenterweise schon im Titel zum Ausdruck bringt:\u00a0<em>Polymorpha<\/em>\u00a0ist ein bemerkenswerter Erstling des Biologen und Schreibp\u00e4dagogen, der damit die lange Tradition der Bestiarien aufgreift und dabei mit \u00fcberraschender Sicherheit ganz eigene Wege geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Cover \u00a9 fabrik transit<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Tradition der Bestiarien<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Obwohl die Wurzeln bis zur fr\u00fchchristlichen Naturlehre des\u00a0<em>Physiologus<\/em>\u00a0aus dem 2. Jahrhundert zur\u00fcckgehen, der im 12. und 13. Jahrhundert von franz\u00f6sischen Klerikern wieder popul\u00e4r gemacht wurde, sind Bestiarien (von lat.\u00a0<em>bestiarius<\/em>, die Tiere betreffend) urspr\u00fcnglich mittelalterliche Tierdichtungen, die auf moralisierende Art die tats\u00e4chlichen oder auch nur angenommenen Eigenschaften von Tieren allegorisch mit der christlichen Heilslehre verbanden. Bekannt ist etwa der Pelikan, der, so die Lehre, wie Jesus seine Brust mit dem Schnabel aufrei\u00dfe, um mit seinem eigenen Blut die Jungen zu f\u00fcttern. Doch geh\u00f6rten zu den Bestiarien nicht nur die Beschreibung und Deutung realer Tiere, sondern auch Fabelwesen wie Drachen, Einh\u00f6rner, Greife oder Basilisken. Zu den auch optisch herausragenden Exemplaren z\u00e4hlen die bebilderten\u00a0<em>Bestiarien von Oxford<\/em>\u00a0und\u00a0<em>von Aberdeen<\/em>\u00a0vom Ende des 12. Jahrhunderts.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Sieben Jahrhunderte sp\u00e4ter nimmt Apollinaire diese Tradition in seinem 1911 entstandenen\u00a0<em>Bestiarium oder das Gefolge des Orpheus wieder\u00a0<\/em>auf, wie Karl Krolow den franz\u00f6sischen Titel in der deutschen Ausgabe von 1959 \u00fcbersetzte, und l\u00e4sst die gereimten Vier- und F\u00fcnfzeiler von Raoul Duffy mit Holzschnitten illustrieren, nachdem ein urspr\u00fcngliches Projekt mit Picasso nicht zustande kam. Inhaltlich st\u00e4rker an die kontemplativ-christliche Tradition kn\u00fcpft Paul Claudel mit seinem 1984 zweisprachig in der Schweiz erschienenen\u00a0<em>Le bestiaire spirituel. Das geistliche Tierbuch<\/em>\u00a0an, w\u00e4hrend Jorge Luis Borges\u2019 Interesse in\u00a0<em>El libro de los seres imaginarios<\/em>, was w\u00f6rtlich \u201eDas Buch der imagin\u00e4ren Wesen\u201c bedeutet, erwartbar der phantastischen Linie der Tradition gilt. Auf Deutsch erschien es 1993 allerdings unter dem griffigeren Titel\u00a0<em>Einhorn, Sphinx und Salamander<\/em>. Borges geht darin von Plinius bis Poe den Fabelwesen nach, die der menschlichen Vorstellungskraft entsprungenen sind. Im deutschsprachigen Bereich hat Mikael Vogel 2018 einen bemerkenswerten poetischen Abgesang auf die ausgestorbenen und gerade aussterbenden Tierarten unter dem Titel\u00a0<em>Dodos auf der Flucht<\/em>\u00a0vorgelegt, der den bezeichnenden Untertitel\u00a0<em>Requiem f\u00fcr ein verlorenes Bestiarium<\/em>\u00a0tr\u00e4gt und vom amerikanischen K\u00fcnstler Brian R. Williams einfallsreich illustriert wurde.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wissenschaft und Poesie<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Auf dieser historischen Folie k\u00f6nnen nun die Besonderheiten und Qualit\u00e4ten von Marchs Gedichtband besser lesbar hervortreten. Denn neben den ausgew\u00e4hlten Tieren liegt der besondere Reiz von Bestiarien ja in dem, was der Autor oder die Autorin aus der traditionellen Form macht, also in der Herangehensweise und Akzentsetzung. Dass March gerade auf die Tradition des Bestiariums f\u00fcr sein erstes Werk verf\u00e4llt, kommt wohl nicht von ungef\u00e4hr und liegt zum einen in seiner fachlichen Kennerschaft als Student der Biologie begr\u00fcndet, zum anderen auch, wie er in einem Gespr\u00e4ch im Literarischen Quartier Alte Schmiede in Wien erkl\u00e4rte, im Frust \u00fcber das scheinbar endlose Auswendiglernen f\u00fcr die Pr\u00fcfungen, dem er auf diese Weise ein kreatives Ventil schuf. Und so gliedert sich&nbsp;<em>Polymorpha<\/em>&nbsp;in vier Zyklen: die Mamalia oder S\u00e4ugetiere (10 Gedichte), die Reptilia oder Reptilien (10 Gedichte), die Mollusca oder Mollusken (20 Gedichte) und die Amphibia oder Amphibien (13 Gedichte). Jedes dieser Kapitel ist, wie es bei Bestiarien Tradition ist, illustriert: mit feinen Bleistiftzeichnungen von Luka Ajkovic, einem Autodidakten aus Montenegro, der auch das von Tierk\u00f6pfen \u00fcberbordende Umschlagbild schuf.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie es sich f\u00fcr einen Biologen geh\u00f6rt, besteht der Titel jedes Gedichts aus dem deutschen Vulg\u00e4rnamen und der lateinischen Bezeichnung des Tiers. Was den Leser und die Leserin dann erwartet, sind in der Ich-Form geschriebene, halb- oder ganzseitige Gedichte, die sich mit der Lebenswelt der Tiere befassen k\u00f6nnen, aber nicht m\u00fcssen, und in unterschiedlichen Graden in menschliche Belange \u00fcberschie\u00dfen. \u201eReh\u201c oder \u201eFeldhase\u201c sind Texte, die vielleicht noch am st\u00e4rksten den Erwartungen an eine die Tierwelt erkundende Poesie erf\u00fcllen und in beiden F\u00e4llen die Selbstbestimmtheit und das eigene Schutzbed\u00fcrfnis betonen, was sich selbstverst\u00e4ndlich auch auf den menschlichen Bereich \u00fcbertragen l\u00e4sst. So hei\u00dft es in \u201eReh\u201c:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">ziehe mich an waldrandzonen\r\nbesiedle lichtungen alleine\r\nbreite mich aus\r\ngew\u00f6hne mich ein\r\n<em>markier mine grenza\r<\/em>\naufgeschreckt suche ich da mit wenigen\r\nschnellen spr\u00fcngen schutz\r<\/pre>\n\n\n\n<p>Das Gedicht \u201eFeldhase\u201c, wie die beiden vorangegangenen in der Sektion \u201eS\u00e4ugetiere\u201c beheimatet, entwickelt das Bild einer bis zum Horizont reichenden Freiheit, die sich neben der Lust am \u201e\u00fcber [die] felder rennen\u201c in einem unb\u00e4ndigen, sich im Maisfeld austobendenden Hunger ausdr\u00fcckt und in der Coda in eine Art poetische Menschen- und Tierrechtsdeklaration m\u00fcndet: \u201e<em>wir sind kinder \/ und frei<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Menschliche Problemlagen\u00a0<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Wie Petra Ganglbauer, selbst Autorin und langj\u00e4hrige Leiterin des Lehrgangs Schreibp\u00e4dagogik, in ihrem Nachwort schreibt, \u201eoszillieren die Texte also zwischen menschlicher und tierischer Existenz\u201c. W\u00e4hrend die erw\u00e4hnten Gedichte den nat\u00fcrlichen Lebensraum von Tieren nicht von vornherein sprengen, bringen andere Texte wie \u201eRiemenschnecke\u201c, in dem es um den Nutzen des Weinens geht, oder \u201eMaulwurf\u201c, in dem soziale Kontrolle und gesellschaftlich erwartetes Verhalten angesprochen werden, dezidiert menschliche Problemlagen zur Sprache:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">MAULWURF\r\n\r\n* Talpa europaea*\r\n\r\ni blind\r\nauf liebesaugen\r\nfamiliengefrage nach \r\nder freundin\r\nals ob \r\nbeziehung\r\nliebe\r\nnicht komplex und arbeit\r\n(\u2026)\r<\/pre>\n\n\n\n<p>So unterschiedlich die Themen und Sprechhaltungen auch sein m\u00f6gen, die Gedichte gehorchen allesamt drei strukturellen Vorgaben:<\/p>\n\n\n\n<ol type=\"1\">\n<li>Die Zeilen sind kurz, bestehen aus 1 bis 6 W\u00f6rtern.<\/li>\n\n\n\n<li>Es muss einmal eine Zeile in Vorarlberger Dialekt vorkommen, die meist emotional oder thematisch aufgeladen ist und kursiv gedruckt wird, wobei der Dialekt oft standardsprachlich entsch\u00e4rft wurde.<\/li>\n\n\n\n<li>Am Ende steht nach einer Leerzeile abgetrennt noch eine ebenfalls kursiv gedruckte ein- oder zweizeilig Coda, die dem vorangegangenen Vers syntaktisch oder semantisch klar verbunden sein kann oder auch nicht.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Diese formalen Vorgaben tragen wesentlich zum einheitlichen Charakter des Bandes bei. Typisch f\u00fcr Marchs Texte, und damit reiht er sich in das moderne lyrische Sprechen ein, ist eine sowohl situative als auch kausale und semantische Unterdeterminiertheit der Verse, was eine geschwollene Form daf\u00fcr ist zu sagen, dass man beim Lesen Schwierigkeiten hat zu erkennen, wer eigentlich wor\u00fcber spricht und wen dabei anspricht. Und das ist nat\u00fcrlich, dem Prinzip der Vielgestaltigkeit getreu, vom Autor auch so intendiert, auf dass die Grenze zwischen Tierwelt und Menschenwelt durchl\u00e4ssig bleibe und die alte Tradition der Bestiarien, im Tierischen das Menschliche zur Sprache zu bringen, fortgef\u00fchrt werde. Allerdings nicht auf allegorische Weise und definitiv gegen \u00fcberkommene moralische Zuschreibungen gerichtet wie in \u201eRotfuchs\u201c, wo es hei\u00dft:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">ROTFUCHS\r\n\r\n*Vulpes vulpes*\r\n\r\nbin kein fuchs\r\nbin koan j\u00e4ger\r\nbin kein \u00fcberfrauenlacher\r\nkein witzrei\u00dfer&amp;sexist\r\ndieimmerw\u00e4hrendgleichenbilder\r\nwende mich ab\r\n(\u2026)\r<\/pre>\n\n\n\n<p>So weit, so klar die Selbstaussage, \u00fcberraschend ist nun, wie der Text endet, n\u00e4mlich mit der Coda \u201e<em>hei\u00dfe liebe<\/em>\u201c. Damit r\u00fcckt eines der grundlegenden Motive des Buches in den Mittelpunkt, n\u00e4mlich das vielgestaltige Begehren, auf das der Autor vor allem in dem umfangreichsten der vier Kapitel, n\u00e4mlich in dem der Mollusken, immer wieder zu sprechen kommt. Dass das Begehren auch kulinarische Formen annehmen kann, ist mit \u201ehei\u00dfer liebe\u201c angedeutet, denn wer eine solche in einem Eissalon in Vorarlberg bestellt, wird Vanilleeis mit einer roten So\u00dfe aus verkochten Himbeeren serviert bekommen. Ein Klassiker!<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Vielgestaltigkeit des Begehrens<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Wie wir vorhin schon sahen, kam in \u201eMaulwurf\u201c die Frage nach der eigenen Sexualit\u00e4t im Familienkontext zur Sprache (\u201efamiliengefrage nach \/ der freundin\u201c). Das Thema kehrt in \u201eGlattnatter\u201c wieder, wo \u201ewirklich alle blicke auf mein liebesleben\u201c konstatiert werden und in der Coda eine Absage an alle famili\u00e4ren Bindungen formuliert wird: \u201e<em>kappe den abstammungs- \/ baum<\/em>\u201c. Auf diese Weise spricht sich in den Gedichten ein polymorphes, also vielgestaltiges Ich aus, das von famili\u00e4ren und gesellschaftlichen Erwartungen eingeengt auf seinen Freir\u00e4umen beharrt und die seinen eigenen Vorstellungen und Anlagen entsprechende Realisierung der Existenz reklamiert. In diesem Kontext sei auch an Freuds Aussage aus den\u00a0<em>Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie<\/em>\u00a0von der \u201epolymorph perversen\u201c Anlage der Sexualit\u00e4t des Kleinkinds erinnert, an eine von Scham, Ekel und Moral noch freie Form des Begehrens. Was nun bei den Schneckengedichten auff\u00e4llt, ist die biologisch zwar naheliegende Betonung des Zwittercharakters vieler Schnecken, doch auch die Art und Weise, wie ihre Erw\u00e4hnung Manifestcharakter annimmt. Dazu sei \u201eWegschnecke\u201c in voller L\u00e4nge zitiert:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">WEGSCHNECKE\r\n\r\n*Arionidae spp.*\r\n\r\nbegatten wir uns gegenseitig\r\nspermatophoren\r\ngef\u00e4\u00dfe der spermien, werden \u00fcbertragen\r\nim m\u00e4nnlichen teil unserer genitalapparate\r\nein stark reduzierter penis\r\noder er fehlt ganz\r\nwhatever\r\ntrotzdem werden wir keine nazis\r\nrechtsradikale\r\nanderehasser\r\nwir neamand was mir kriagand\r\nsind gl\u00fccklich\r\nmit uns selbst, miteinander\r\n\u00fcbereinander\r\nuntereinander\r\nbeim zwitter ist nicht wichtig\r\n\r\n<em>wer was in der hose hat\r<\/em>\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Hier wird eine angstfreie nonbin\u00e4re Sexualit\u00e4t zelebriert, wobei es wohl verfehlt w\u00e4re, hier den Aufruf zu einem unvoreingenommenen queeren Begehren im Gegensatz zum bin\u00e4ren Begehren zu lesen. Denn l\u00e4sst sich der Zwitterstatus nicht f\u00fcr alle Menschen reklamieren, sofern unser Aussehen und unser Verhalten in einem breiten Spektrum zwischen m\u00e4nnlich und weiblich schwanken k\u00f6nnen? Auf diese Weise lie\u00dfe sich jedenfalls der Anfang des Gedichts \u201eWeinbergschnecke\u201c\u00a0lesen, das so beginnt:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">wir sind liebes\nk\u00f6nige\nzwitter\n<em>alle mitanand<\/em>\n(\u2026)\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Der heimatlichen Enge mit ihrer sozialen Kontrolle und ihren engstirnigen Vorstellungen vom richtigen und gelungenen Leben, wie es der Rezensent selbst in seiner Kindheit und Jugend in Vorarlberg erlebt hat, tritt March mit einer Tour de Force durchs Tierreich entgegen, in der er unterschiedliche Nischenexistenzen und alternative Formen des In-der-Welt-Seins zur Sprache bringt und dabei versucht, dem sozialen Druck und dem Muff der Vorurteile eine poetisch explorative Form des Existierens entgegenzusetzen, die zudem biologisch fundiert ist. Da das in den vorgegebenen regionalen Strukturen nicht immer m\u00f6glich ist, geh\u00f6rt es zu den soziologisch und literarisch gut dokumentierten Tatsachen \u00d6sterreichs, dass die Befreiung oft nur mit einer Flucht vom Land in die Stadt und insbesondere nach Wien m\u00f6glich wird. Und so wird in dem empfehlenswerten Band Marchs die \u201ePosthornschnecke\u201c zur Bannertr\u00e4gerin, die am Ende des Mollusken-Kapitels die Posaune der Freiheit bl\u00e4st:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">POSTHORNSCHNECKE\r\n\r\n*Planorbarius corneus*\r\n\r\nblase den marsch\r\nauf das gl\u00fcck\r\nkonservative brabbelpolitiker\r\nhinterunslassen\r\nwischiwaschi arbeitskolleg:innen\r\nhinterunslassen\r\nversumpfung in da gemeinde\r\nim kleinsten\r\nverstaubung verdreckung\r\nhinterunslassen\r\nauf das gl\u00fcck &amp; in das gl\u00fcck sto\u00dfen\r\nkreisrund wohlf\u00fchlen\r\nessen\r\nund gl\u00fccklichkeit heraufbeschw\u00f6ren\r\nbei tag und bei\r\n\r<em>\nwarmwasserbadewannespiegelkerzenscheinmitternacht\r<\/em>\n<\/pre>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Tobias Thomas March:<a href=\"https:\/\/www.fabriktransit.net\/polymorpha.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00a0<em>Polymorpha. Gedichte<\/em>.<\/a> editon fabrik transit, Wien, 2025. 84 Seiten. 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