{"id":25297,"date":"2026-10-04T07:00:00","date_gmt":"2026-10-04T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=25297"},"modified":"2026-09-27T17:05:43","modified_gmt":"2026-09-27T15:05:43","slug":"kawasser-besprechung-wenn-der-hedos-meinen-psychomarmor-metzelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2026\/10\/04\/kawasser-besprechung-wenn-der-hedos-meinen-psychomarmor-metzelt\/","title":{"rendered":"Wenn der Hedos meinen Psychomarmor metzelt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/kawasser-udo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Udo Kawasser<\/a> liest Jan Juhani Steinmanns <em>Das Vorfaltenlicht. Die Alpen und das Valley<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:34% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"596\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0538-596x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-25301 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0538-596x1024.jpeg 596w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0538-175x300.jpeg 175w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0538-87x150.jpeg 87w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0538-370x635.jpeg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0538-20x34.jpeg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0538-28x48.jpeg 28w\" sizes=\"(max-width: 596px) 100vw, 596px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Der 1987 von Lojze Wieser gegr\u00fcndete, nach ihm benannte Verlag hat sich in den vergangenen Jahrzehnten einen Namen als Br\u00fcckenbauer zwischen der slowenischen und deutschen Literatur gemacht und dabei herausragende Autor*innen wie Karl-Markus Gau\u00df, Sabine Gruber, Peter Handke, Margret Kreidl, Cvetka Lipu\u0161, Florjan Lipu\u0161, Lydia Mischkulnig u.v.m. publiziert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Cover \u00a9 Wieser Verlag<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Nun erschien im Wieser Verlag auch der Gedichtband <em>Das Vorfaltenlicht. Die Alpen und das Valley<\/em> des 1988 in Bern geborenen Philosophen, Dichters und Theologen Jan Juhani Steinmann. Es ist dort schon das zweite Buch, nachdem er 2024 gemeinsam mit Albert C. Eibl eine <em>\u00c4sthetik des Ungehorsams <\/em>publizierte. Steinmann, ein klassisch gebildeter Autor, der 2021 in Wien bei Konrad Paul Liessmann \u00fcber Hyperph\u00e4nomenologie bei Bernhard Waldenfels promovierte, z\u00e4hlt auch Kierkegaard, Nietzsche und Heidegger zu seinen Forschungsschwerpunkten. Das ist nicht unbedeutend f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis seines poetischen Werks, das h\u00f6chste Anspr\u00fcche erhebt, vor denen andere dichtende Zeitgenossen zur\u00fcckschrecken w\u00fcrden, und nichts weniger m\u00f6chte, als, wie es im Eingangskapitel \u201eAufstieg\u201c hei\u00dft, \u201eeiner Vernunft den Weg ebnen, die sich g\u00f6ttlich hei\u00dft\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn sich die <em>\u00c4sthetik des Ungehorsams<\/em> laut Klappentext \u201eals ein philosophisch-literarischer Versuch des Widerstands gegen den alles verschlingenden Sog des Digitalen\u201c versteht, mit dem Ziel \u201eeine Lebenskunst der Freiheit zu kultivieren und wachsam zu bleiben f\u00fcr das Wunderbare in der Welt\u201c, so ist <em>Das Vorfaltenlicht. Die Alpen und das Valley <\/em>eben der Versuch, diesen Widerstand dichterisch fruchtbar zu machen. Die philosophische Fundierung dieses Unternehmens hat Steinmann, wie er im \u201eAbstieg\u201c am Ende des Buchs bekundet, in seinem 2025 erschienen philosophischen Werk <em>Kritik der k\u00fcnstlichen Vernunft <\/em>unternommen, in dem er die menschliche und die technische Vernunft analysiert, \u201edoch stets, um auf die Ratio eines dritten Paradigmas hinzuarbeiten: das Paradigma der Theo-Humanit\u00e4t. In diesem spricht sich die Poesie einer g\u00f6ttlichen Vernunft aus, welche das urspr\u00fcngliche, aber oft verkannte Ziel des Christentums andeutet: die \u201aTheosis\u2018 \u2013 die Verg\u00f6ttlichung des Menschen also, und zwar allein durch Gottes Gnaden und nicht durch die Phantasmagorien eines technozentrischen Willens zur Macht!\u201c<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vorbild Albrecht von Haller<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Steinmanns Kritik des technikgl\u00e4ubigen S\u00e4kulums kann man als hehrem Anliegen durchaus Verst\u00e4ndnis und Sympathie entgegenbringen, auch wenn man mit der theologisch-philosophischen Fundierung selbst nichts anfangen kann. Die dichterische Grundanlage des Werks erl\u00e4utert er selbst im schon erw\u00e4hnten \u201eAufstieg\u201c. Die Alpen und das Silicon Valley sind f\u00fcr Steinmann einander durch das \u201eNat\u00fcrliche und Artifizielle\u201c entgegengesetzt. Bei beiden trenne \u201enur ein Grat den Aufstieg vom Fall\u201c. Die Alpen stehen \u201ef\u00fcr den bisherigen Weltbezug; das Valley f\u00fcr ein neues, technozentrisches Weltverh\u00e4ltnis\u201c. Und so folgen dem poetologischen Eingangsstatement zwei topologisch verankerte Kapitel, n\u00e4mlich \u201eVom sprechenden Herzen. Stimmen aus den <em>Alpen<\/em>\u201c und \u201eVom bleiernen Herzen. Stimmen aus dem <em>Valley<\/em>\u201c, die aus je 37 und 36 Gedichten bestehen. Der Autor nimmt f\u00fcr sich in Anspruch, die \u201eWorte ergangen\u201c zu haben \u2013 an beiden Orten. Steinmanns \u201eSuche nach dem Vorfaltenlicht\u201c, die im folgenden 4. Kapitel \u201eDas Vorfaltenlicht. Stimmen aus dem <em>Riss<\/em>\u201c poetisch in Szene gesetzt wird, dem im 5. Kapitel der \u201eAbstieg\u201c folgt, beruht auf einer Auseinandersetzung mit dem Lehrgedicht <em>Die Alpen<\/em> des Schweizer Universalgelehrten und Dichters Albrecht von Haller (1708\u20131777), mit dem Steinmann scheinbar verwandt ist und den er daher auch vertraut als \u201emein Albrecht von der Berner Saat\u201c anspricht. Wie der Germanist Helmut M\u00fcller Sievers in dem von Wellbery u.a. verantworteten Band <em>Eine neue Geschichte der deutschen Literatur<\/em> schreibt, war Haller \u201eder bedeutendste Naturwissenschaftler seiner Zeit, einer der m\u00e4chtigsten Akademiker Europas und (\u2026) ein sehr bewunderter Dichter\u201c, der aber nur in jungen Jahren dichterisch produktiv war. Laut Sievers umfassen Hallers anatomische, medizinische, botanische und chirurgische Schriften mehr als zweiundf\u00fcnfzigtausend (sic!) Titel. So ist das Lehrgedicht <em>Die Alpen<\/em>, bei dem sich wie bei Steinmann die antithetische Entgegensetzung von Natur und Zivilisation als Kulturkritik findet, im Sommer 1728 im Anschluss an eine Botanisiertour mit Johannes Gesner entstanden, aus der 1742 dann auch noch eine systematische Beschreibung der Schweizer Pflanzen hervorging (<em>Enumeratio methodica stirpium Helvetiae indigenarum<\/em>). Das Besondere von Hallers Dichtung liegt auch darin, dass er die Alpen, die bis dahin eher als Schreckensort unerh\u00f6rter Naturgewalten galten, in ein Idyll verwandelte und damit der deutschen Literatur die Bergwelt erschloss. Nach dem Motto: Im Hochgebirge herrscht die Vernunft unter der Anleitung der Natur. An all dies kn\u00fcpft Steinmann mit seinem Gedichtband an. Zudem hat er mit seinem Vater, dem Bluesmusiker, K\u00fcnstler und Forscher George Steinmann, ein Forschungsprojekt konzipiert, das 2021 im Kunsthaus Interlaken unter dem Titel <em>Die Alpen und das Valley. Albrecht von Haller und das digitale Zeitalter<\/em> realisiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ganz gro\u00dfes Orchester<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>F\u00fcr eine Rezension ist das nun ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig langer Anstieg gewesen, doch dieser scheint notwendig, um die Fallh\u00f6he zu ermessen, die die intellektuell h\u00f6chst anregende Anlage des Buchs gleichsam mit eingebaut hat, sobald man auf die ersten Gedichte st\u00f6\u00dft. Denn wie etwas anhebt, so steht oder f\u00e4llt es dann auch. Ein Blick auf den Titel des ersten Gedichts im Alpenteil \u201eAlpenantlitz. Ein Lichtbild. \u2013 Zwischen Bern und Interlaken\u201c zeigt sofort dreierlei: Erstens, der Ton ist hoch (\u201eAntlitz\u201c), zweitens, das Vokabular ist deutsch (\u201eLichtbild\u201c statt \u201eFoto\u201c) \u2013 und drittens: Die Titelgebung hat Methode, da jede \u00dcberschrift aus zwei Teilen besteht, einem Thema (\u201eAlpenantlitz\u201c) samt einer n\u00e4heren Bestimmung (\u201eEin Lichtbild\u201c), und danach, durch einen Gedankenstrich getrennt, eine ungef\u00e4hre Ortsbestimmung bei den Alpengedichten (\u201eZwischen Bern und Interlaken\u201c). Ein wenig anders ist das bei den Valley-Gedichten, wo ein geografischer Punkt und \u2013 naheliegend \u2013 die Netzkoordinaten der GPS-Lokalisierung angegeben werden. Der Befund best\u00e4tigt sich im \u00fcbern\u00e4chsten Gedicht, das mit \u201eDer Stahlfall. Hochgesinnt. \u2013 Zwischen Kandersteg und Gasterental\u201c betitelt ist und jambisch wuchtig einsetzt:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Heil dir, Heil dir,\r\ndu Einbuchtmal im Kandertal,\r\nwoher ich aus der Tiefe sinne,\r\ndu Hallgef\u00e4\u00df all jener Wirren,\r\ndie den Weltenkrieg erproben\r\nim dritten Zeitenalter hier \u2013\r\nmir \u2013 zur schandz\u00fcchtigen Nichte,\r\nals w\u00e4re Heraklit ihr Vater.\r\n\r\nO falscher Vater, falsche V\u00e4ter,\r\nselbst dem Kohelet zu fremd!\r\nIhr Stahlbienen meiner Scham,\r\nihr J\u00e4ger n\u00e4rrischlauter D\u00fcsen, \r\ndrei Untersternendeuter,\r\nmir in tosend H\u00f6hen \u00fcber \r\nf\u00e4ltig fallender Demenz\r\nunser aller Herzensnacht.\r\n\r\nSeid ihr die Pharis\u00e4ers\u00f6hne \u2013 nicht,\r\ndie im dritten Weltenbrande\r\nam Rande von <em>Incestums<\/em> Hohn\r\ndie Liebe selbst ausbluten macht,\r\nwie die wirre Samenschlacht \r\nauf der W\u00fcste wachsend Thron?\r\n\r\nStahlkalt, Stahlblut, Stahlfall,\r\nmein Gott, mein Gott!\r<\/pre>\n\n\n\n<p>Beim ersten Lesen dieser Verse ist man vom altv\u00e4terischen Ton und der \u00fcberorchestrierten Sprache \u00fcberw\u00e4ltigt und als Rezensent ist man herausgefordert, Grunds\u00e4tzliches anzusprechen. Steinmanns Dichtung, und hierf\u00fcr ist das vorangegangene Gedicht nur ein x-beliebiges Beispiel, versteht sich wagnerisch-symphonisch, bewegt sich musikalisch stets zwischen forte und fortississimo (sinnf\u00e4llig nachzusehen in einem Video, in dem Steinmann ein l\u00e4ngeres Schl\u00fcsselgedicht vom Anfang des Bands rezitiert, n\u00e4mlich <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=87abDQ0IQtA\"><em>Dantes H\u00f6llentor. Fragmente einer Todeszone<\/em><\/a>), grammatikalisch im Superlativ und ist theologisch dem Mysterium tremendum und fascinans, also dem Erschauern und der Verz\u00fcckung verpflichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum, fragt man sich sofort, diese Dr\u00f6hnung, wie sie zwischen 1883 und 1885 auch Nietzsches <em>Zarathustra<\/em>, dieser K\u00fcnder vom Tode Gottes, der den Menschen den \u00dcbermenschen bringen wollte, veranstaltete? Steinmann l\u00e4sst das gesamte Orchester der Rhetorik spielen, allein in diesem Gedicht lassen sich ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit die Stilfiguren Anapher, Alliteration, Hypotaxe, Klimax, Parenthese, rhetorische Frage, Exclamatio und Neologismus ausmachen. Wenn, wie J\u00fcrgen Link zu Beginn der 1980er Jahre erkl\u00e4rte, Lyrik als \u201eParadigma des \u00fcberstrukturierten Texts\u201c definiert werden kann, dann zeigt sich Dichtung bei Steinmann als formal und inhaltlich \u00fcberstrukturierter Text zum Quadrat, der in einem einzigen Gedicht auch noch mit Heraklit die antike Philosophie, mit Kohelet die biblische Weisheitsdichtung und mit dem \u201edritten Weltenbrande\u201c einen m\u00f6glichen dritten Weltkrieg heranzitiert und das Gedicht dadurch \u00fcberfrachtet. Die Wirkung ist fatal. Nicht nur, dass dem deutschsprachigen Ohr, sofern es noch zu h\u00f6ren versteht, seit dem Dritten Reich eine gro\u00dfe Skepsis gegen\u00fcber unverhohlenem Pathos und rhetorischem Rausch eingeschrieben ist \u2013 die \u00dcbersteuerung aller Register l\u00e4sst das Gesagte auch schrill und hohl klingen, weil erstens Aufwand und Ertrag in keinem Verh\u00e4ltnis stehen und zweitens sich die Sprache wie aus dem Kost\u00fcmverleih der Vergangenheit anf\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Verg\u00f6ttlichung des Menschen \u2013 geschichtliche Anleihen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Wer spricht heute noch so? In Steinmanns Gedichten stabt und staubt das 18. und 19. Jahrhundert mit Haller, Goethe, Wagner, Nietzsche, Rilke auf einem Sockel biblischer Sprache. Dabei nimmt Steinmann Anleihen sowohl im Sprachgestus als auch in der Technikkritik (\u201eGestell\u201c) bei einem Heidegger, der raunend das Sein und Nichtsein (die \u201eNichte\u201c) beschw\u00f6rt. Dieses \u00fcberorchestrierte Sprachamalgam setzt sich nicht nur dem Vorwurf eines uneigentlichen Sprechens aus, es tendiert auch dazu, die Wirkung der eigenen Worte zu konterkarieren. Wenn es etwa in \u201eDurst und Feuer. Verkettet\u201c im Valley-Teil \u201eaugenblicksurpl\u00f6tzlich\u201c hei\u00dft, dann ist das nicht eine St\u00e4rkung der Unmittelbarkeit des Auftretens, sondern der Ausdruck einer Haltung, die im Grunde der Sprache nicht vertraut, treffend zu sein, und sich zur Verdoppelung und Verdreifachung gen\u00f6tigt f\u00fchlt. Die n\u00e4chste Gefahr ist, dass das Gesuchte und Aufgebl\u00e4hte des Sprachgestus das Verst\u00e4ndnis nicht nur behindern, sondern sabotieren. Etwa wenn es in Bezug auf das Daumenhoch-Symbol von Facebook in \u201eUnlob des Schattens. Vom alpinen Reflex\u201c hei\u00dft:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Schleimgereizt entlade ich,\r\nschier vom Niesenspitzen her,\r\npyramidalen Schattenwurf\r\n\u00fcber meine Hand hinaus,\r\nauf das blauschale,\r\nGrau auf Blau auf Wei\u00df gespeit\r\n(\u2026)\r<\/pre>\n\n\n\n<p>Wer versteht bei der Lekt\u00fcre dieser Verse \u2013 in Gedanken noch mit der Entschl\u00fcsselung von \u201eNiesenspitzen\u201c und dem \u201epyramidalen Schattenwurf\u201c besch\u00e4ftigt \u2013, dass der Autor ein sprachlich elaborierteres \u201eFuck you, Facebook\u201c zum Ausdruck bringen will? Um es kurz zu machen: Die Sprache Steinmanns ist auf \u00dcberw\u00e4ltigung angelegt, sie braucht das ganz gro\u00dfe Orchester, wie weiland Wagner. Doch warum dieser ganze Aufwand? Eine m\u00f6gliche Antwort liegt in den hochgreifenden poetischen Intentionen des Buches. Denn zwischen der gottgegebenen Natur der Alpen und der Suche nach einem neuen Menschen im Valley soll eben als Drittes das<em> Vorfaltenlicht<\/em> zum Vorschein kommen, bei dem es laut \u201eAufstieg\u201c gen\u00fcgt zu ahnen, \u201edass der Unort, aus welchem es gl\u00fcht das dichterische Schicksal einer anderen <em>Terra<\/em>, <em>Techne<\/em> und <em>Poiesis<\/em> angeht. Dieses ist vielleicht das Schicksal einer Sprachzeit nach unserer Zeit, vielleicht auch das Schicksal einer neuen Formkultur, die heute wie ein Morgen aus den Br\u00fcchen und Rissen zwischen der Natur und Technik steigt\u201c. Das Vorfaltenlicht zeugt von einer \u201eentfalteten Seele\u201c, wie es im allerersten Gedicht des Bandes im Titel hei\u00dft. Dass diese Schicksalsgl\u00e4ubigkeit und der Heroismus, der in diesen Zeilen zum Ausdruck kommt, stark nach den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts klingen, das zweimal eine Menschheitskatastrophe erlebte, ist wohl im historischen Moment, den wir durchleben, kein Zufall, steigert aber die Skepsis beim Rezensenten. Das Ziel des Steinmann\u2019schen Denkens ist, wie es auf der R\u00fcckseite von <em>Kritik der k\u00fcnstlichen Vernunft <\/em>hei\u00dft<em>,<\/em> \u201edas Paradigma der Theo-Humanit\u00e4t. In diesem spricht sich die Poesie einer g\u00f6ttlichen Vernunft aus, welche das urspr\u00fcngliche, aber oft verkannte Ziel des Christentums andeutet: die \u201aTheosis\u2018 \u2013 die Verg\u00f6ttlichung des Menschen also\u201c, wie wir eingangs schon sahen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Neue Formkultur \u2013 Alte Sprache<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Wie immer die Theosis vonstatten gehen mag, zuerst w\u00e4re allerdings zu kl\u00e4ren, warum \u201edas Schicksal einer neuen Formkultur, die heute wie ein Morgen aus den Br\u00fcchen und Rissen zwischen der Natur und Technik steigt\u201c, warum diese \u201ePoesie einer g\u00f6ttlichen Vernunft\u201c an den entferntesten R\u00e4ndern des heutigen Sprachgebrauchs angesiedelt ist und wie vorgestern klingen muss. M\u00fcsste eine neue Formkultur nicht vielmehr auch eine neue Sprache hervorbringen, eine, die eben auf der H\u00f6he der Zeit ist und daher auch in der Lage, die aktuellen Entwicklungen sprachlich ad\u00e4quat zu fassen und die Menschen im Hier und Jetzt zu erreichen? Doch der Widerspruch reicht noch tiefer, denn Steinmann, einer der wenigen, die heute noch Manifeste schreiben, hat 2023 <a href=\"https:\/\/www.jjsteinmann.com\/_files\/ugd\/ca737c_959c399bef4c409b87a0e6ba37e3895e.pdf\"><em>Das Omnibus Omnia Manifest<\/em><\/a> publiziert, in dem der \u201eOmnismus\u201c, als dessen philosophisches Sprachrohr Steinmann sich versteht, als \u201eAusdruck einer holistischen Haltung zur conditio humana\u201c begr\u00fcndet wird. Doch wenn die Absicht ist, \u201evon allem her \u2013 auf jeden hin\u201c und \u201ef\u00fcr alle hin \u2013 und jedem aus\u201c zu denken und schreiben, dann stellt sich die Frage, welche Leser*innen diese st\u00e4ndig in die Unverst\u00e4ndlichkeit eines philosophisch-theologischen Jargons abdriftende altert\u00fcmliche Sprache mit ihren griechischen und lateinischen Einsprengseln und dem Normalb\u00fcrger fremden geistesgeschichtlichen Anspielungen erreichen soll? Der Gedanke liegt nahe, dass es doch nur um eine kleine Elite geht, die der Offenbarung teilhaftig werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch sehen wir uns nach diesen grundlegenden \u00dcberlegungen zu den Aporien der Poetik des Buchs noch an, wie die Kritik des technozentrischen Weltbilds bei Steinmann nun konkret in Szene gesetzt wird, etwa in \u201eDas Opus. Gabenrein. \u2013 Zwischen Kanton Bern und Kanton Wallis\u201c:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Was willst du, Menschenkind,\r\n         wenn die Techne dich zerfrisst?\r\nWas willst du, Menschensohn,\r\n         wenn dich der Algen Rhythmus\r\n         aus deinem Leben wischt?\r\nWas willst du, Menschentochter,\r\n         wenn sich das Kybernische Organ\r\n         mit deinem Leibe mischt?\r<\/pre>\n\n\n\n<p>Es stellt sich die Frage, ob mit dieser Art der poetisch \u00fcberh\u00f6hten Kritik irgendetwas an Erkenntnis gewonnen wird. Wer dick auftr\u00e4gt, l\u00e4uft Gefahr, seine Glaubw\u00fcrdigkeit zu verlieren. \u00dcberhaupt neigt die aufgedrehte Sprache dazu, sich unfreiwillig selbst zu parodieren, wie am Beginn des soeben zitierten Gedichts, der die Sch\u00f6pfung, hier auch lateinisch \u201eOpus\u201c genannt, so charakterisiert:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Gott entwarf sie Seinen H\u00e4nden,\r\nWundmaltr\u00e4nen nachgereicht,\r\nGott entnahm sie Seinen Lenden,\r\nsprenkelpanoramareich (\u2026)\r<\/pre>\n\n\n\n<p>Was immer \u201esprenkelpanoramreich\u201c auch bedeuten mag, nach den \u201enachgereichten Wundmaltr\u00e4nen\u201c und der Entnahme aus Gottes \u201eLenden\u201c ist Heiterkeit eine allzu nat\u00fcrliche Reaktion, die den Intentionen des Autors allerdings zuwiderlaufen d\u00fcrfte. H\u00f6hepunkt dieser Tendenz ist aber der sprachliche Furor, mit dem das Gedicht \u201ePsychomarmor. Ein Lamento\u201c einsetzt:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Derweil Hallers Hand botanisierte,\r\nblieb sie dem Leben unbescholten.\r\nUm ein Haar drei Saecularen sp\u00e4ter aber,\r\nmordet das Feuerpferd mein Alpenohr,\r\nschlachtet der Industrus meinen Augenflor,\r\nmetzelt der Hedos meinen Psychomarmor. \r<\/pre>\n\n\n\n<p>Wohl dem, der \u201e<em>Saecularen\u201c<\/em> (Jahrhunderte), \u201eFeuerpferd\u201c (Eisenbahn), \u201eIndustrus\u201c (die (Freizeit-)Industrie), \u201eAugenflor \u201e(getr\u00fcbter Blick), \u201eHedos\u201c (Vergn\u00fcgungssucht) und \u201ePsychomarmor\u201c (Gehirn) zu deuten wei\u00df, und wohl der, die sich fragt, wie man einen \u201etr\u00fcben Blick\u201c schlachten kann. Die einzige Erkenntnis, die eine\/r aus diesen Zeilen mitnehmen kann, ist, dass es eine un\u00fcberbr\u00fcckbare Diskrepanz zwischen Intention und eingesetzten Mitteln gibt. Dazu bedient sich Steinmann in seiner Zivilisationskritik weniger der Analyse oder der entlarvenden Beobachtung, sondern neben Heidegger\u2019schen Einsprengseln wie dem schon zitierten \u201eGestell\u201c vor allem der Diskreditierung wie in \u201eDurst und Feuer. Verkettet\u201c aus dem Valley-Teil, das am \u201eBlockchain Center SF\u201c topologisch und inhaltlich verortet ist und<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">(\u2026) in dessen dezentralen Netzen\r\nniemals jemand schuldlos ruht, wie die geile Tochter Techne\r\nin den H\u00e4nden ihrer User (\u2026)\r<\/pre>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Notwendige Aufkl\u00e4rung der Technikgl\u00e4ubigkeit<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Dabei g\u00e4be es im Buch auch Ans\u00e4tze, die ausbauf\u00e4hig gewesen w\u00e4ren, vor allem wenn der Autor zum Mittel der direkten Gegen\u00fcberstellung greift, die sich im folgenden Beispiel schon im Titel \u201eKurzweil vs. Haller. (K)ein Duell\u201c ausdr\u00fcckt:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">(\u2026) \r\n(Ray Kurzweil)\r\n\u201eDer Tod? Eine gro\u00dfe Trag\u00f6die,\r\nein schwerer Verlust,\r\nich akzeptiere ihn nicht.\u201c\r\n\t(Albrecht von Haller)\r\n\t\u201eDer Tod hat keine Macht,\r\n\tden Christen zu entf\u00e4rben,\r\n\tSein Richter ist vers\u00f6hnt,\r\n\tund er gewinnt im Sterben.\u201c\r\n\u201eIch mache 30 lineare Schritte\r\nund lange an bei 30.\r\nIch mache 30 exponentielle Schritte\r\nund lange an bei 1 Billion.\u201c\r\n\t\u201eO glaubts, kein Stern macht froh,\r\n\tkein Schmuck von Perlen reich!\r\n\tDie m\u00e4\u00dfige Natur allein\r\n\tkann gl\u00fccklich machen.\u201c\r<\/pre>\n\n\n\n<p>Wenn auch die Auswahl der Zitate subjektiv ist, das Vorgehen selbst ist erhellend, weil es die unterschiedlichen Geisteshaltungen auf den Punkt bringt. Die Technikgl\u00e4ubigkeit unserer Zeit, da hat Steinmann vollkommen Recht, ben\u00f6tigt dringend der Aufkl\u00e4rung und einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion und Korrektur. Von hier aus h\u00e4tte ein ganz anderes Buch seinen Ausgang nehmen k\u00f6nnen, eines, das die Widerspr\u00fcche unserer Zeit originell zur Sprache bringt, statt ihnen den Sack einer antiquierten, elit\u00e4r \u00fcberh\u00f6hten und mit poetischen Heilsphantasien durchsetzten Sprache \u00fcberzust\u00fclpen, zumal der Autor nicht nur seinen Haller, Nietzsche oder Heidegger in- und auswendig kennt, sondern auch seinen Lorca, Pound oder Jandl gelesen hat. Ein Buch auch, das im Umfeld der eingangs erw\u00e4hnten Autor*innen des Wieser Verlags besser aufgehoben gewesen w\u00e4re als das nun vorliegende.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Jan Juhani Steinmann: <a href=\"https:\/\/www.wieser-verlag.com\/buecher\/das-vorfaltenlicht-978-3-99029-694-3\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Das Vorfaltenlicht. Die Alpen und das Valley<\/a>. Wieser, Klagenfurt, 2025. 120 Seiten, Euro 21,\u2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besprechung:\u201c Wenn der Hedos meinen Psychomarmor metzelt\u201c-Udo Kawasser liest Jan Juhani Steinmanns Das Vorfaltenlicht. 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