{"id":25303,"date":"2026-10-11T07:00:00","date_gmt":"2026-10-11T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=25303"},"modified":"2026-10-11T12:07:05","modified_gmt":"2026-10-11T10:07:05","slug":"peer-besprechung-so-musikalisch-muasst-blearn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2026\/10\/11\/peer-besprechung-so-musikalisch-muasst-blearn\/","title":{"rendered":"So musikalisch muasst blearn"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/peer-alexander\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Alexander Peer<\/a> liest H.C. Artmanns <em>med ana schoazzn dintn<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Wer die Atmosph\u00e4re von Wien in den letzten Z\u00fcgen der Nachkriegs\u00e4ra erfassen will, dem verhilft dieser 1958 erschienene Klassiker der Wiener Mundart zu einer poetischen Zeitreise. Im Otto M\u00fcller Verlag ist jetzt eine limitierte Sonderedition von <em>med ana schwoazzn dintn, <\/em>Untertitel: <em>gedichta r aus bradnsee<\/em> erschienen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0539-1024x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-25308 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0539-1024x1024.jpeg 1024w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0539-300x300.jpeg 300w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0539-150x150.jpeg 150w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0539-768x768.jpeg 768w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0539-180x180.jpeg 180w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0539-90x90.jpeg 90w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0539-370x370.jpeg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0539-800x800.jpeg 800w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0539-20x20.jpeg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0539-740x740.jpeg 740w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0539-600x600.jpeg 600w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0539-100x100.jpeg 100w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_0539-48x48.jpeg 48w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Diese pr\u00e4sentiert die Gedichte auch phonetisch und bewahrt anl\u00e4sslich des 105. Geburtstags von H.C. Artmann am 12. Juni 2026 dieses Original der Dichtkunst auch akustisch vor dem Vergessen. Dank Artmanns Stimme ist man unmittelbar in eine Stadt versetzt, in welcher die Doppelb\u00f6digkeit zum verl\u00e4sslichen Fundament seiner fragw\u00fcrdigen Menschlichkeit z\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Cover \u00a9 Otto M\u00fcller Verlag<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Motive wie V\u00f6gel als Symbole von Vereinigung und Verlust, verschm\u00e4hte Liebe, Morbidit\u00e4t und Gewalt verschmelzen zu einer z\u00e4hfl\u00fcssigen Form, aus welcher es kein Entkommen zu geben scheint, vor allem nicht bei diesem unverwechselbaren \u201eSound\u201c \u2013 es ist eine klassische Hommage an Wien, das man so sehr hasst, dass man sich nach ihm sehnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Verst\u00e4rkt wird der beklemmend liebliche Ton durch die Verkleinerungsform. Es reicht nicht die Taube allein, es muss ein Tauberl sein. In der Wiener Mundart made by Artmann, die sich durch viele weiche Konsonanten auszeichnet und dadurch die vermeintliche Harmlosigkeit steigert, ist es dann ein \u201eDauwal\u201c. Das betont Kindliche schafft eine s\u00fc\u00dfe Stimmung, die oft j\u00e4h gebrochen ist. Im wiederkehrenden \u201eringlgschb\u00fc\u00fcbsizza\u201c amalgamieren Kindlichkeit und Unheimlichkeit &#8211; startet der Band doch mit einem \u201eblaubaod\u201c-Gedicht, welches das urspr\u00fcnglich aus Frankreich stammende M\u00e4rchen des Frauenm\u00f6rders in die Wiener Seligkeit des Praters verpflanzt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wehe, du liebst mich nicht!<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Im Gedicht \u201emed an briaf fon mia zu dia\u201c, welches das titelgebende Motiv enth\u00e4lt, zeigt sich ein klassischer Verlauf mancher Gedichte, wenn die Erz\u00e4hlstimme erst eine beklagende, aber zunehmend drohende Botschaft verk\u00fcndet:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">a <em>dauwal<\/em> miassad med an briaf\nfon mia zu dia fliang\na<em> schw\u00e4uwal<\/em> miassed med an briaf\nfon mia zu dia fliang\na r <em>aumschl<\/em> miassad med an briaf\nfo mia zu dia fliang\na gaunze lufft fola fegl miassed kuma\nund med mein briaf\nfon mia zu dia fliang\n\ni mechat da r an briaf schreim\nan den wos a da r a drokane rosn\nzwischn zwa blaln babia legad\nich mechat da r an briaf schreim\nen den wos a da fua n zuabikn\nmei ausdroknz heazz einelegad\nzwischn de blaln\n\nmed ana <em>rodn<\/em> dintn how a da gschrim\ndas a de gean hob\n\nmed ana <em>grinan<\/em> dintn how a da gschrim\nwia r e no quoat hob auf dii -\nmed ana <em>schwoazzn<\/em> dintn owa mecht e da\njezt auf s weisse babia schreim\ndos ma r es heazz ausdroknt is\nfua lauta woatn \u2026\n\n(\u2026)\n<em>a schwoazze lufft fola fegl\nwiad med mein briaf augflong kuma\nund auf d nocht duach s fenzta\nfua dei bet zuwe fliang!<\/em>\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Aus dem anf\u00e4nglichen V\u00f6gel-Chor, welcher die Liebesbotschaft an die Frau bringen m\u00f6chte, wird am Ende ein t\u00f6dliches Geschwader, das dem Schweren\u00f6ter Abhilfe schaffen soll. Denn wenn die Liebe nicht angenommen wird, dann muss eben die gerechte Strafe folgen. \u201emed ana schwoazzn dintn\u201c sind praktisch alle diese Gedichte verfasst. Im Gedicht \u201edei lug\u201c kumuliert das unausgesprochene Versprechen, jemandem zu geh\u00f6ren, wenn festgestellt wird, dass man doch die ganze Nacht im Stadtpark beisammen war, aber eben in der Folge versetzt wurde:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">es wiad scho\n(wasii??)\nseine grind kobt haum\ndas d ma r a linke gem hosd \u2013 \nowa <em>dengt<\/em> hed a ma s <em>nii<\/em>\ndas d so sei kenzt\nwo ma do a gaunze nocht\nen schdotbak auf an <em>bangl<\/em>\nbeianaund qesn san \u2026\n<\/pre>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wien vor der Gentrifizierung<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Manche Gedichte sind Gr\u00e4tzel-Portr\u00e4ts, die letztlich Brachen feiern. Sie lassen ein Wien-Bild wiederauferstehen, das mit der Modernisierung etwa des \u00f6ffentlichen Verkehrs, insbesondere durch die Inbetriebnahme der U-Bahnen (die U4 als erste Linie wurde 1976 er\u00f6ffnet), verschwunden ist. Im Gedicht \u201ei won zimlech weit draust\u201c offenbart sich diese weit auslaufende Stadt deutlich:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">i won zimlech weit draust\ngeng schdaahof zua \u2013 \nanahoeb schdund fost\nfon schdeffansbloz wek \u2026\n\nwaun e en suma z laung aufbleib\nso bis zwoa oda drei in da frua\ndo lost me da hau fon wisawii\nnima r eischloffm - \nso schreid a r und singd a\naus seina holaschdaun ausse \u2026\n(wisawii is en hean dwoaschak\nsei logabloz \u2026)\n\nhinta da blaunkn fon den logabloz\nwoxn grodnbledschn und brenesln\nwoxn d hendln und da hau\nwoxn d uanschliaffa und d ostln\nwoxn d ziagln und s m\u00e4uta\nwoxt da gruch fon deea\nund frischn hoez\n(\u2026)\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Heute, wo jede Baul\u00fccke sofort die Phantasie von Investoren und die Sehnsucht wohnungsarmer Stadtplaner stimuliert, sucht man diese Nicht-Orte immer m\u00fchsamer. Diese Lagerpl\u00e4tze sind auch Freizonen und verhelfen \u2013 wie im Gedicht unverkennbar gezeigt \u2013 der Natur zu einem Spielraum. Sie zeigen eine Stadt des Unvollst\u00e4ndigen, die gerade dadurch die Durchl\u00e4ssigkeit von Urbanit\u00e4t und Natur, von individuellem Freiraum und utilitaristischer Widmung st\u00e4rkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Instinktiv feiern viele Gedichte diese Stadt des Unvollkommenen, denn schon als Artmann in den 1950er Jahren am Band arbeitete, wuchs die Stadt nicht nur, um die Kriegswunden vergessen zu machen, sondern es entstanden nach US-amerikanischem Vorbild mehrere Hochh\u00e4user (nach dem Hochhaus Herrengasse 1932) wie 1955 der Ringturm oder das Hochhaus am Matzleinsdorfer Platz. Diesem Verlust des Urspr\u00fcnglichen wird beim Gedicht \u201ewindradal\u201c fortschrittskritisch gegen\u00fcbergestellt: \u201ea r <em>engal<\/em> fola gadsch \u2013 \/ oda r a <em>deif\u00f6<\/em> foi assfalt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verdr\u00e4ngung der Brache durch die Immobilienwirtschaft f\u00fchrt gar zu einer Heiligenanbetung:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><strong>bit aunan h\u00e4ulechn loarenz<\/strong>\n\n(\u2026)\nschdeig owa\nauf unsa bradnsee\nund fajauk des xindl\ndes wos jezt de leztn\neemeatechn heisaln\nen oedn uat draust\nooreissn lossn w\u00fc\u00fc \u2026\nfarjauk s mezzaumt\neanara graumpna r und schauf\u00f6n\nmezzaumt eanare brechschdaungan und baggamaschinan!\nan brennhassn grodsmechtegn\ngliatadn eisnbrodrost\ndu h\u00e4ulechar loarenz\nnim met deine schenan\nleichtadn hend\nund jauk s damid\naus unsan guadn\noadn bradnsee\nzun deif\u00f6!\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Der Heilige Lorenz ist der Bitte nicht wirklich nachgekommen. Doch Breitensee ist ein Teil des 14ten Wiener Gemeindebezirks \u2013 Penzing, auch als H\u00fctteldorf bekannt \u2013 und dank der gesch\u00fctzten Gr\u00fcnfl\u00e4chen noch immer etwas weniger st\u00e4dtisch als andere Randzonen der Stadt. Im Lorenz-Gedicht lassen sich auch surrealistische Motive entdecken: \u201enim met deine schenan \/ leichtadn hend\u201c. Die gl\u00fchende Vision ist nicht unbedingt einer religi\u00f6sen Eingabe geschuldet, sondern dem Bed\u00fcrfnis, dass unsere Wirklichkeit so leuchten soll.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Mundart, die Weltliteratur aufnimmt<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Diese Gedichte rehabilitieren auch die vom Nationalsozialismus verunglimpfte Sprache des Dialekts. Die zitierten Beispiele demonstrieren, dass das Spielerische hinzukommt und der Dialekt seine eigene Musikalit\u00e4t entwickeln kann, die die ideologische Enge sprengt. Streng genommen ist dies auch nicht Wiener Dialekt, sondern eine spezifische Variation von Artmann, der die Sprache vereinfacht und mit weniger Vokalen auskommt als dies im klassischen Dialekt der Fall w\u00e4re. Bei manchen W\u00f6rtern oder auch Verszeilen muss man schon lauter lesen, um den Sinn zu erfassen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Aufnahmen von Artmann erklingt dieser poetische Gesang einpr\u00e4gsam und die Gedichte sind gleich einnehmend. Eine F\u00fcgung wie \u201ebrechschdaungan und baggamaschinan\u201c sind kleine Vokalmaschinen, die das Musikalische steigern, die Alliteration ist da gar nicht das Vorherrschende. Dass Artmann nicht nur physisch, sondern auch lesend das kleine Breitensee verlassen hat, ist offenbar: Vor allem ab Mitte der 1950er bis in die 1970er Jahre hat er an vielen Orten Europas gelebt und noch mehr internationale Einfl\u00fcsse in seine Literatur aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind Balladen mittelalterlichen Zuschnitts, die f\u00fcr das Entstehen dieser auch als Strizzi-Gedichte zu wertenden Texte n\u00f6tig waren. Es ist bemerkenswert, wie viele V\u00f6gel in diesem Band flattern. Auch ein Rabe ist darunter, aber statt getragen \u201enimmermehr\u201c zu kr\u00e4chzen, kr\u00e4chzt er bei Artmann butterweich larmoyant:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">en an schbedn heabst\n(fia d eani)\n\nfua da dia rengd s\nun an mia rengd s\njo da heabst is en mia\ngrod wia draust\njetzt singd scho da rob\niwan suma sein grob\nund da him\u00f6 is driab\ndas s am graust ..\nund da wind dea riad um\nea r alaa is ned schdum\nea schraufd se\nduach moak und uach boa \u2013 \nowa d fegl san schdad\nd blia r und d blaln fawad\nund mii drugt mei heazz\nwia r a schdaa \u2026\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Schwer wie ein Stein und leicht wie eine Rabenfeder kann einem ums Herz beim Lesen dieser Gedichte werden. Bekannt ist Artmanns Zugeh\u00f6rigkeit zur Wiener Gruppe, die jedoch aus lauter Individualisten bestand. Es ist das Schicksal einer retrospektiven Namensgebung, dass sie stets etwas anderes macht aus dem, was war, und eine Schublade markiert. Das gilt auch f\u00fcr die Dadaisten, die schon mit der (b\u00fcrgerlichen?) Benennung etwas von jenem anarchischen \u00dcbermut einb\u00fc\u00dften, den sie in ihren Schreib- und sonstigen -Haltungen suchten. Was die Wiener Gruppe gewiss eint, ist die Arbeit an den Sprachgrenzen, am stilistischen Wundreiben. So \u00f6ffnen sich auch Bl\u00fcten neu, die vordem verwelkte Stillleben darstellten: Das <em>Herz<\/em> wird so auch f\u00fcr die Poesie wieder schlagend gemacht.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Mundkunst aus Wean<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>\u201ehot den heit olas de bodschn ausgschdregt?!\u201c Schwer ist dieses Artmann-Bild in Hochsprache wiederzugeben, weil es erst in der Mundart seine wienerische Tr\u00e4gheit entwickelt. Man vergleiche die W\u00f6rter Schlorren und Bodschn \u2013 hier die preu\u00dfische Strenge, da das wienerische \u201eDes geht si scho aus\u201c. Damit erzielt die Mundart jene Charakteristik, die in der Hochsprache nur umkreist wird, ohne ihrer habhaft werden zu k\u00f6nnen. Innerhalb der Wiener Gruppe hat keiner einen solchen Stil entwickelt. Artmann selbst hat ihn in seiner mehr als f\u00fcnf Jahrzehnte w\u00e4hrenden Schreiblust, die auch durch die rege \u00dcbersetzungst\u00e4tigkeit vielsprachlich gen\u00e4hrt wurde, mehrfach variiert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201enoch ana sindflud \/ san olaw\u00e4u \/ de fenztabreln faf\u00e4ud\u201c \u2013 Mythos und Wiener Seele finden in solchen S\u00e4tzen ihren manchmal \u00fcberraschend einfachen und doch so aussagekr\u00e4ftigen Ausdruck. Die Gedichtsammlung ist wohlweislich um Worterkl\u00e4rungen erg\u00e4nzt. Man mutma\u00dft bestimmt goldrichtig, wenn deren Existenz so gerechtfertigt wird: \u201eNachstehendes W\u00f6rterbuch ist vornehmlich jenen Wienern gewidmet, die, durch ein widriges Geschick ihrer Muttersprache entfremdet, anders des n\u00f6tigen Verst\u00e4ndnisses entbehren m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber selbst f\u00fcr jene, die meinen, auf Du und Du mit Mundart oder Dialekt zu sein, wird sich ein Aha-Erlebnis einstellen. W\u00e4hrend sich etwa Zuschreibungen wie \u201ebisguan\u201c f\u00fcr eine z\u00e4nkische Frauenperson bis heute ihren Platz in manchem Gespr\u00e4ch erhalten haben, so sind Ausdr\u00fccke wie \u201ebompfinewara\u201c vermutlich v\u00f6llig vergessen. Das aus dem franz\u00f6sischen \u201epompe fun\u00e8bre\u201c abgeleitete Dialektwort (gel\u00e4ufiger war noch Pompf\u00fcneberer) bezeichnet einen zweispitzierten Leichentr\u00e4ger und Bakschischant. Das Attribut \u201ezweispitziert\u201c betont den Prunk des Sargtr\u00e4gers und der Bakschisch ist eine Sprachreliquie, die durch den seinerzeitigen osmanischen Einfluss bis heute als Synonym f\u00fcr Trinkgeld gilt. Jedenfalls in Wien.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Band zeigt auch eine spezifische Sprachgrenze innerhalb des s\u00fcddeutschen Sprachraums \u2013 f\u00fcr Salzburg oder Tirol oder gar erst Vorarlberg w\u00fcrden Worterkl\u00e4rungen vermutlich nicht ausreichen, da braucht es eine \u00dcbersetzung. Doch die Einf\u00fchrung von Friedrich Polakovics, einem Artmann-Intimus, nimmt einen an der Hand, um die Bilder zu entschl\u00fcsseln und Verbindungen zu erkennen. Der Band ist sehr sch\u00f6n gestaltet, etwas schade ist, dass das alte Cover mit der Darstellung der Vergn\u00fcgungspark-Figur nicht verwendet oder auch nur ad\u00e4quat ersetzt wurde: Denn dieser seinerzeit abgebildete \u201eringlgschb\u00fc\u00fcbsizza\u201c<em> <\/em>illustriert das Artmann-Wien von gestern perfekt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">H.C. Artmann: <a href=\"https:\/\/www.omvs.at\/buch\/dintn\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>med ana schwoazzn dintn<\/em>.<\/a> Otto M\u00fcller Verlag, Salzburg, 2026. 96 Seiten. Euro 38,\u2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besprechung:\u201c So musikalisch muasst blearn\u201e-Alexander Peer liest H.C. 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