{"id":3180,"date":"2021-04-20T12:31:10","date_gmt":"2021-04-20T10:31:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=3180"},"modified":"2024-04-23T17:38:00","modified_gmt":"2024-04-23T15:38:00","slug":"vom-dickicht-der-raender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/04\/20\/vom-dickicht-der-raender\/","title":{"rendered":"Vom Dickicht der RAENDER"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading custom-small-subtitle\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/neundlinger-helmut\/\">Helmuth Neundlinger<\/a> liest <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/szalay-christoph\/\">Christoph Szalays <\/a>Gedicht &#8222;und irgendwann wieder&#8220; aus dem neuen Band <em>RAENDERN<\/em><\/h4>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group alignwide mb-30 is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-group__inner-container\">\n<pre class=\"wp-block-verse\">und irgendwann wieder durch diese Landschaft ziehen&nbsp;\nk\u00f6nnen, denkst du. irgendwann wieder etwas sagen\nk\u00f6nnen,&nbsp;\u00fcber all jene Orte, an denen du vor\u00fcberkommst&nbsp;\u2014&nbsp;den\nMarktplatz, den Speicher, die Staumauer 2000 m&nbsp;\u00fcberm Meer,\ndie H\u00f6fe hinten im Tal, das W\u00e4ldchen nicht weit der Heime,\ndie Metallwerke, Textilfabriken, die Gruben nahe der Br\u00fccke\n\u00fcberm Fluss. irgendwann also wieder W\u00f6rter daf\u00fcr haben. eine\nSprache vielleicht, f\u00fcr eine Zugfahrt mit leichtem Gep\u00e4ck. f\u00fcr\ndie Sch\u00fcrfwunden, den Staub unter den Z\u00e4hnen, der Zunge, den\nabgekratzten Fingern\u00e4geln, irgendwann also vielleicht einen\nSchacht freilegen, Fundamente ausheben, den Schutt in der Mitte\ndes Ortes zusammentragen. irgendwann also um die Erz\u00e4hlungen\nwissen, sagen,&nbsp;<em>es fehlte an schwerem Ger\u00e4t, wir mussten<\/em>\n<em>Verbindungen schlagen zwischen den D\u00f6rfern, den umliegenden<\/em>\n<em>T\u00e4lern, den n\u00e4chstgelegenen St\u00e4dten, wir mussten Material<\/em>\n<em>ranschaffen f\u00fcr ein ganzes Land, eine Idee von Welt unter<\/em>\n<em>konstanten Bedingungen des Himmels, die Namen jener, die uns<\/em>\n<em>den R\u00fccken zukehrten, durften wir vergessen, so hie\u00df&nbsp;es sohie\u00dfes<\/em>\n<em>so hie\u00df&nbsp;es, dienamenalljener dieunsdenrueckenzukehrten durften&nbsp;<\/em>\n<em>wir vergessen, sohie\u00dfes sohie\u00dfessohie\u00dfes<\/em>, diese Idee von Welt\nalso von Landschaft, von Himmel, oder was wei\u00dft du&nbsp;\u00fcbers\nDickicht oberhalb der Baumgrenze<\/pre>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Christoph Szalays Gedicht nimmt seinen Ausgang bei der M\u00f6glichkeit einer Wiedergewinnung, die allerdings in ein unbestimmtes&nbsp;\u201eirgendwann\u201c&nbsp;verschoben wird. Im Anfang war also nicht das Wort, sondern der Verlust desselben, eine Sprachlosigkeit, die sich&nbsp;\u00fcber die scheinbaren Selbstverst\u00e4ndlichkeiten und Vertrautheiten legt. Das Verlorengegangene kommt als einfache Aufz\u00e4hlung oder vielmehr als Aufrufen (aus dem Ged\u00e4chtnis?) ins Bild. Es zeigen sich Formen an einer Grenze, in der Archaisches auf Industrielles trifft, und zwar in der Zuf\u00e4lligkeit des Wachsens und Wucherns, der man unter anderem in jener Region begegnet, aus der auch der Autor stammt: der Obersteiermark, dieser menschengezogenen Furche am Alpensaum. Dem Gedicht geht es aber nicht um eine konkrete Verortung, sondern um eine Verortung im Sprachlich-Konkreten, um die Selbsterm\u00e4chtigung des&nbsp;\u201eetwas sagen(s)\u201c, die zun\u00e4chst nicht mehr leistet, als die Gegenst\u00e4nde an ihren Ort zu r\u00fccken, sie entlang des inneren Horizontes aufzuf\u00e4deln und auszurichten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anrufung der kontaminierten Landschaft verwandelt sich wie von selbst in eine Sprache des gleichfalls kontaminierten K\u00f6rpers: Sch\u00fcrfwunden zeigen sich an ihm, Staub dringt in ihn ein. Die Arbeit an der Landschaft hinterl\u00e4sst Spuren, auch am K\u00f6rper dessen, der sich in sie hineinbohrt und&nbsp;\u00fcber diese Anstrengung die Sprache verliert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Kipppunkt des Textes schafft eine weitere Differenz: Nicht der K\u00f6rper selbst spricht, sondern die Erz\u00e4hlungen, die sich&nbsp;\u00fcber ihn und seine heroische Landschaftsgestaltung gebildet haben. Was nun folgt, ist die&nbsp;<em>Erschlie<\/em><em>\u00df<\/em><em>ung&nbsp;<\/em>um jeden Preis, die Stunde des M\u00fcssens, die kein Zur\u00fcck mehr kennt, und schon gar keine R\u00fccksicht auf solche, die sich von diesem Gewaltakt abwenden. Die Sprache, die hier spricht, ist keine wiedergewonnene, sondern eine, die von anderswo herkommt, von oben vielleicht, von unten? Jedenfalls manifestiert sie sich in einem bohrenden Echo,&nbsp;\u201e<em>sohie<\/em><em>\u00df<\/em><em>es<\/em>\u201c, subjektlos und zugleich alle Subjekte umfassend, und vor allem: alles und jeden einer&nbsp;<em>Idee von Welt<\/em>&nbsp;unterordnend, die offenbar immer schon da war und nur darauf wartete, geborgen zu werden in den Erz\u00e4hlungen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind Diskurse der Eroberung, der Urbarmachung und Unterwerfung, die Christoph Szalay in diesem Gedicht aufruft. Die Landschaft fungiert hier in mehrerlei Hinsicht als Projektion: als Widerstand, als das sich einer einfachen Kohabitation Entziehende, als buchst\u00e4bliche Unwirtlichkeit, aber auch als Schauplatz, an dem sich jene&nbsp;<em>Idee von Welt<\/em>&nbsp;erst vergegenst\u00e4ndlichen kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer gewissen paradoxen Konsequenz stellt die letzte Formulierung die Bewegung des Textes gleichsam auf den Kopf. In ihr wird ein&nbsp;\u201edu\u201c&nbsp;angesprochen, das im System des Gedichts einen neuen Raum er\u00f6ffnet, und noch dazu in Form einer Frage:&nbsp;\u201eoder was wei\u00dft du&nbsp;\u00fcbers Dickicht oberhalb der Baumgrenze\u201c. Es ist, als w\u00fcrde Szalay mit dieser Frage dem erdenschweren Heroismus des Fundamentierens eine imagin\u00e4re Zone jenseits des Horizonts gegen\u00fcberstellen wollen, die sich jeglicher Unterwerfung entzieht. Oder was l\u00e4sst sich schon wissen&nbsp;\u00fcber das Unbekannte?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Christoph Szalay:<\/strong> &#8222;und irgendwann wieder&#8220;, aus: derselbe: <em>RAENDERN<\/em>. Ritter, Klagenfurt, 2020. S.47<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helmut Neundlinger \u00fcber das Gedicht \u201eund irgendwann wieder\u201c von Christoph Szalay aus dem Band RAENDERN bei Ritter von 2020.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3181,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[105,271],"tags":[238,151],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Vom Dickicht der RAENDER - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/04\/20\/vom-dickicht-der-raender\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Vom Dickicht der RAENDER - 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