{"id":3777,"date":"2020-12-30T18:26:18","date_gmt":"2020-12-30T17:26:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=3777"},"modified":"2021-11-01T10:35:11","modified_gmt":"2021-11-01T09:35:11","slug":"ich-bin-eine-hybrid-existenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2020\/12\/30\/ich-bin-eine-hybrid-existenz\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich bin eine Hybrid-Existenz&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"custom-small-subtitle wp-block-heading\">Der Literaturwissenschafter, Musiker und Autor <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/neundlinger-helmut\/\">Helmut Neundlinger <\/a>im Gespr\u00e4ch mit <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/kawasser-udo\/\">Udo Kawasser<\/a> \u00fcber sein neues Buch <em>Virusalem<\/em>, sein Leben zwischen Musik und Schreiben sowie die Forderung an die K\u00fcnstler*innen, zum <em>role model<\/em> eines neuen Zeitalters zu werden.<\/h3>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>In einer Kurzbiografie von 2012 wirst du als \u201eLektor, Journalist und Publizist\u201c vorgestellt, der im Jahr davor seinen ersten Gedichtband&nbsp;<em>tagdunkel<\/em>&nbsp;im Mitter Verlag ver\u00f6ffentlichte. Jetzt pr\u00e4sentierst du dich auf unserer Homepage als <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/neundlinger-helmut\/\">Autor, Musiker, Literaturwissenschaftler<\/a>. Was ist in diesen acht Jahren passiert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die journalistischen\/publizistischen T\u00e4tigkeiten bin ich zwar nicht ganz losgeworden, aber sie haben sich doch stark reduziert. Es ist interessant, mit Selbstbeschreibungen aus der Vergangenheit konfrontiert zu werden, weil sie die Schwerpunkte aus der damaligen Zeit in Erinnerung rufen. In den Nullerjahren war die journalistische Arbeit wichtig: Ich war beim Monatsmagazin&nbsp;<em>Datum<\/em>&nbsp;als Kulturredakteur t\u00e4tig, f\u00fcr den&nbsp;<em>Standard<\/em>&nbsp;habe ich Netzwerkanalysen von Fu\u00dfballspielen durchgef\u00fchrt, und f\u00fcr den&nbsp;<em>Augustin<\/em>&nbsp;habe ich mich auf Reportage in der Wiener Fu\u00dfball-Peripherie herumgetrieben. Handwerklich hat mich diese Praxis nachhaltig gepr\u00e4gt und ist in jedem Fall mit meinem generellen Anspruch ans Schreiben verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Schreiben zwischen Zweifel und Spiel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn du von deinem \u201eAnspruch ans Schreiben\u201c sprichst, ist damit die explizit dichterische Arbeit gemeint? Oder anders gefragt: Ziehst du Grenzen zwischen dem Journalismus, der Literaturwissenschaft und dem literarischen Schreiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schreiben ist das auf jeden Fall alles, als Arbeit an und mit der Sprache. Nat\u00fcrlich gibt es Genre-Unterschiede bzw. unterschiedliche Anforderungen. Beim&nbsp;<em>Datum&nbsp;<\/em>war es wichtig, Geschichten m\u00f6glichst verst\u00e4ndlich, genau und \u201esauber\u201c auf den Punkt zu bringen. Das hat f\u00fcr mich starke Konsequenzen z. B. auch f\u00fcr (literatur-)wissenschaftliche Texte: Auch da versuche ich zu erz\u00e4hlen, nicht fiktiv, aber im Sinne eines klaren und leidenschaftlichen Vermittelns von Inhalten, Problemen und Konstellationen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und wie schl\u00e4gt sich das dann in deinen Gedichten nieder, die ja prinzipiell nicht narrativ angelegt sind? Da kommt, wie mir scheint, eine eher sprachreflexive Neigung zum Vorschein.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, da w\u00fcrde ich dir zustimmen: Das Gedicht als Form erlaubt mir da noch einen ganzen anderen Zugang oder Tiefgang. Ich w\u00fcrde es so formulieren: Es ist immer eine Mischung aus Zweifel und Spiel, die da in Gang kommt, wenn die poetische Maschine angeworfen wird. Zweifel im Sinn von: hinter die Bedeutungen blicken, ihnen ein notwendiges und konstruktives Misstrauen entgegenbringen. Und Spiel im Sinne von: die Bedeutungen zum Schweben, vielleicht sogar zum Tanzen bringen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Die Unmittelbarkeit der Musik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Apropos tanzen: In unserer Unterhaltung ist der Musiker bislang auf der Strecke geblieben. Wann und wie kommt der ins Bild?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Musiker darf etwas leben, was beim Schreiben nur bedingt m\u00f6glich ist: den k\u00fcnstlerischen Ausdruck in Gesellschaft, das unmittelbare Aufeinander-Reagieren im Spielen\/Improvisieren, die Auseinandersetzung mit der physischen und psychischen Gegenwart von anderen Temperamenten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gab es bei dir schon Musik im Elternhaus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Musik war da, aber nicht als Muss, genauso wie das Lesen. Meine Eltern haben als Lehrer gearbeitet und einen starken Bezug zu Bildung im Allgemeinen und Kunst und Kultur im Besonderen. Sie haben mich und meinen Zwillingsbruder (ein Philosoph und ebenfalls Musiker) immer in unseren Ans\u00e4tzen unterst\u00fctzt und begleitet, aber nie Zwang oder Erfolgsdruck ausge\u00fcbt. Das hat es uns beiden erm\u00f6glicht, uns in vielen verschiedenen Dingen auszuprobieren und uns entsprechend vielf\u00e4ltig zu entwickeln.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Die pr\u00e4gende Begegnung mit Christian Loidl<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>War das Schreiben in Kindheit und Jugend auch schon pr\u00e4sent? Ich frage das, weil dein erstes literarisches Buch, dann vergleichsweise eher sp\u00e4t, 2011, herausgekommen ist, w\u00e4hrend du als Klarinettist und Saxophonist schon l\u00e4ngst mit den Ensembles \u201eAbado &amp; Co.\u201c und \u201eNicky Swing &amp; the Slaves of Beauty\u201c auf der B\u00fchne standst und CDs aufnahmst.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-126-2940-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3780 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-126-2940-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-126-2940-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-126-2940-113x150.jpg 113w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-126-2940-370x493.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-126-2940-185x247.jpg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-126-2940-740x987.jpg 740w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-126-2940-20x27.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-126-2940-400x533.jpg 400w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-126-2940-36x48.jpg 36w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Das Schreiben war immer pr\u00e4sent, als Ausprobieren und Sich-Versuchen, aber lange ohne die letzte Konsequenz. Wichtig war f\u00fcr mich zun\u00e4chst die experimentelle Dichtung im Anschluss an die Wiener Gruppe, die ich schon als Teenager entdeckt habe. Beim Studium in Wien hat mich vor allem die Begegnung und Freundschaft mit Christian Loidl gepr\u00e4gt, der ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Lyriker und Performer war. Leider ist er 2001 gestorben. Er war extrem offen und hat viele Menschen um sich gehabt, ohne sich massiv in den Mittelpunkt zu stellen. Von ihm habe ich vor allem in Sachen Dichtung sehr viel gelernt, er war ja von der Beat-Dichtung und der lateinamerikanischen Literatur des magischen Realismus beeinflusst. Dass mein erster Band mit Lyrik vergleichsweise sp\u00e4t erschienen ist, hat wohl auch damit zu tun, dass es gar nicht leicht war, einen Verlag zu finden. Bei Alfred Gelbmann vom Mitter Verlag habe ich angeklopft, als ich sah, wie sch\u00f6n er diese kleinen B\u00e4nde gestaltete, und er hat zum Gl\u00fcck sofort und mit Begeisterung zugesagt.&nbsp;<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Fotokredit: Autor<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kannst du kurz schildern, wie es zu deiner Freundschaft mit dem um 16 Jahre \u00e4lteren Christian Loidl kam?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Christian als Autor im&nbsp;<em>Spectrum<\/em>&nbsp;der Presse entdeckt, wo er immer wieder sehr poetische literarische Reportagen ver\u00f6ffentlichte. Daraufhin habe ich ihn 1994 f\u00fcr eine Lesung zu einer Schreibwerkstatt im Weinviertel eingeladen, die ich gemeinsam mit dem Dichter Rudi Wei\u00df damals immer im Sommer organisiert habe. Ich habe ihn bei der Gelegenheit spontan mit dem Saxophon begleitet, und daraus ist dann sehr schnell eine intensivere Zusammenarbeit geworden, bei der ich auch andere tolle Musiker wie Otto Lechner, Bernhard Lang oder Wolfgang Musil kennenlernte. In diesem Kontext habe ich viel \u00fcber das Ineinanderflie\u00dfen der verschiedenen Ebenen von Sprache, Klang, Ger\u00e4usch und Stimme gelernt, das hat mich schon nachhaltig fasziniert und gepr\u00e4gt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Ein vielgleisiges Leben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und erkl\u00e4rt das auch, dass es dann wieder 6 Jahre gedauert hat, bis dein zweites Buch erschienen ist? Oder war es f\u00fcr dich nicht klar, in welche Richtung du dich entwickeln sollst?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, es ist wirklich anstrengend, all diese F\u00e4den gleichzeitig weiterzuspinnen, andererseits m\u00f6chte ich aber keinen auslassen, es ist mir einfach alles wichtig. Dass es mit dem zweiten Band so lange gedauert hat, ist auch noch der Tatsache geschuldet, dass ich in der Zeit an dem Roman\u00a0<em>Eins zwei Fittipaldi<\/em>\u00a0geschrieben habe, der 2018 bei M\u00fcry Salzmann erschienen ist. Mein zweiter Gedichtband\u00a0<em>Die Ger\u00fcche des Meeres und der Eingeweide<\/em>\u00a0ist mir aber sehr wichtig, obwohl oder gerade weil es so ein schmales Hochroth-B\u00e4ndchen ist. Und in gewisser Weise haben die Reise-Gedichte in dem Band ja auch wieder etwas zu tun mit dem reportage-artigen Zugang, den ich mir im Journalismus angeeignet habe: das genaue und konzentrierte Beschreiben von Welt, in der Lyrik allerdings in einer verdichteten Form.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie sieht dein Arbeitsalltag konkret aus? Wie organisierst du dein \u201ePoeten-Leben\u201c?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Schwerpunkte ergeben sich oft situationsabh\u00e4ngig: Mal sitzt man an dem einen, mal an dem anderen intensiver. Das \u00dcben kommt immer zu kurz, daf\u00fcr habe ich die Freude, mit meinen beiden Kollegen Christoph Schwarz und Ernst Reitermaier in dem Ensemble \u201e3 knaben schwarz\u201c rege und in viele verschiedene Richtungen wirken zu k\u00f6nnen. Beim Dichten ist es \u00e4hnlich wie bei Jandl: Ist ein bestimmter Motor einmal angeworfen, dann entstehen oft ganze Serien, daf\u00fcr ist dann oft wochenlang wieder Pause. Das Privatleben ist diesbez\u00fcglich auch flie\u00dfend, durchzogen von einer kreativen Grundstimmung und in Gespr\u00e4chen mit vielen lieben Freundinnen und Freunden. Bei Godard hei\u00dft es einmal: \u201eLiebe Arbeit Kino\u201c &#8211; in meinem Fall w\u00fcrde ich das Kino (das ich nat\u00fcrlich auch liebe!) ganz einfach durch Kunst ersetzen!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Frage ist nat\u00fcrlich immer, wie man als K\u00fcnstler leben soll. Und du hast sie explizit in einem Standard-Artikel vom 2.7.2012 mit dem Titel \u201eWas macht eigentlich die Kunst\u201c gestellt. War das von Anfang an eine grundlegende Frage f\u00fcr dich? Denn ich nehme an, dass dein Brotberuf nun die Literaturwissenschaft ist, da du ja eine fixe Anstellung im Zentrum f\u00fcr Museale Sammlungswissenschaften\/Donau Uni Krems hast.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ich bin sozusagen eine Hybrid-Existenz mit einem Fix-Job, der f\u00fcr mich aber auch weitaus mehr ist als ein Brotberuf, da die Arbeit im N\u00d6. Literaturarchiv auf vielen Ebenen mit dem zusammenh\u00e4ngt, was ich als Autor mache. Archiv-Arbeit ist nat\u00fcrlich auch Knochenarbeit, aber in der Konstellation mit meinem Kollegen Fermin Suter ist das eigentlich eine total befruchtende und kreative Sache. Ich kann gar nicht sagen, dass ich mich f\u00fcr das eine oder das andere bewusst entschieden h\u00e4tte, das merkt man ja an meinem Portfolio. Es klingt ja einigerma\u00dfen surreal, wenn man das alles nebeneinander stellt. Andererseits habe ich dadurch in jedem Feld den Status des (hoffentlich) sympathischen Au\u00dfenseiters, der immer auch ein bisschen was anderes mitbringt und dadurch die ganze Sache bereichert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Existentielle Befreiung durch Kunst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Du stellst in deinem Aufsatz einen Aspekt von Kunst in den Vordergrund, den ich selten so treffend und gleichzeitig lebendig dargestellt fand. Du sprichst von der \u201everf\u00fchrerischen Atmosph\u00e4re eines Gedichts\u201c, n\u00e4mlich davon, wie das Gedicht die Leser\/in einerseits \u201emit seiner Fr\u00f6hlichkeit wie ein feurig flirrendes Saxofonsolo anjazzt\u201c und andererseits aber auch \u201edas wilde Treiben\u201c in dem Gedicht den Rezipienten zu einem Leben jenseits \u00fcberkommener Zw\u00e4nge einl\u00e4dt. Sind f\u00fcr dich die Kunst und Literatur etwas Anarchisches oder Emanzipatorisches?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Gedicht, das der Ausgangspunkt dieses Textes war, hei\u00dft \u201ewie verr\u00fcckt\u201c und ist vom gro\u00dfen Ernst Jandl. Es ist wie Jazz mit Worten, v\u00f6llig enthemmt und trotzdem extrem bei sich, wie eben die besten Momente in einer Improvisation. Und mir scheint dieses Bild einer sich in seinem Tun vollkommen aus-sch\u00f6pfenden T\u00e4tigkeit etwas existenziell Befreiendes zu transportieren. In meinem Text konfrontiere ich diese fundamentale Erfahrung allerdings auch mit der Frage nach den \u00f6konomischen Bedingungen k\u00fcnstlerischer Existenz, der Notwendigkeit eines Grundeinkommens, das zumindest einige jetzt in der Krisensituation beziehen k\u00f6nnen. Daraus muss die Forderung resultieren, dass eine solche existenzielle Absicherung auch in Zukunft garantiert sein soll.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Du verfichtst also den Standpunkt, dass die Gesellschaft den K\u00fcnstler*innen ein Grundeinkommen garantieren soll. Wie argumentierst du das, wenn du in diesem Aufsatz gleichzeitig feststellst, dass wir als Lyriker*innen etwas produzieren, das andere nicht brauchen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich hoffe doch, dass andere unsere Gedichte brauchen! Was ich in dem Text meinte, ist die Frage, wie sich geistige bzw. immaterielle Arbeit in einem \u00f6konomischen System der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche behaupten kann. Und da leistet die Kunst mittels Reflexion, mittels Infragestellen sehr wohl einen entscheidenden Beitrag. Wollen wir die Gesellschaftskritik jenen obskuren Figuren und Kr\u00e4ften \u00fcberlassen, die in letzter Zeit am rechten Rand aufgetaucht sind und sich als Retter des Abendlandes gerieren? Sicher nicht, und in diesem Sinne m\u00fcssen wir uns als kreative Kr\u00e4fte auch in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"937\" height=\"1024\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-016-2937-e1609348190420-937x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3778 lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-016-2937-e1609348190420-937x1024.jpg 937w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-016-2937-e1609348190420-275x300.jpg 275w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-016-2937-e1609348190420-137x150.jpg 137w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-016-2937-e1609348190420-768x839.jpg 768w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-016-2937-e1609348190420-370x404.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-016-2937-e1609348190420-800x874.jpg 800w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-016-2937-e1609348190420-185x202.jpg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-016-2937-e1609348190420-740x809.jpg 740w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-016-2937-e1609348190420-20x22.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-016-2937-e1609348190420-400x437.jpg 400w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Neundlinger-Helmut_April.2020-016-2937-e1609348190420-44x48.jpg 44w\" sizes=\"(max-width: 937px) 100vw, 937px\" \/><figcaption>Fotokredit: Autor<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>K\u00fcnstler*innen als <em>role model <\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>In dem angesprochenen Essay entwickelst du den Gedanken von der K\u00fcnstlerin\/ dem K\u00fcnstler als&nbsp;<em>role model<\/em>&nbsp;in der kapitalistischen Gesellschaft. Siehst du das immer noch so?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das meine ich gar nicht affirmativ, eher soziologisch beschreibend: Der K\u00fcnstler\/die K\u00fcnstlerin als st\u00e4ndiger Erfinder\/in seiner\/ihrer selbst, das haben etwa Luc Boltanski und Eve Chiapello in ihrer Studie zum\u00a0<em>Neuen Geist des Kapitalismus<\/em> beschrieben. Pr\u00e4zise Analysen zu diesem Thema fand ich auch bei Autoren in der Tradition des italienischen Post-Operaismus, etwa Paolo Virno oder Enzo Rullani, den ich in meinem Text auch zitiere. Die geistige und immaterielle Arbeit, das sogenannte \u201ekognitive Kapital\u201c, all das sind zentrale Themen unserer \u00f6konomischen und sozialen Entwicklung, und mit der Weiterentwicklung der K\u00fcnstlichen Intelligenz in vielen Bereichen wird sich das noch einmal drastisch zuspitzen. Was mich und viele andere umtreibt, ist die Tatsache einer systematischen Selbstausbeutung, in die wir uns begeben, eigentlich um die Welt besser oder reicher zu machen, Akzente und Initiativen zu setzen &#8211; eben genau das, wovon der Kapitalismus in seinem Selbstmarketing auch immer spricht. Da m\u00fcssen wir wieder Unterscheidungen einf\u00fchren und uns zu\u00a0<em>role models<\/em>\u00a0einer kommenden Gesellschaft zu entwickeln, die auf Solidarit\u00e4t und \u00f6kologischer Balance beruht.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie hat dich die Corona-Pandemie in der Vielfalt deiner ganzen Aktivit\u00e4ten getroffen? Wie dein letztes Buch&nbsp;<em>Virusalem. Gesang aus dem Bauch des Wals<\/em>, das vor wenigen Monaten bei M\u00fcry Salzmann erschienen ist, zeigt, bist du der ganzen Entwicklung sehr schnell literarisch gefolgt. Wie kam es dazu?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Schreiben war zun\u00e4chst eine unmittelbare Reaktion auf den Schock des Stillstandes und der Ankunft einer ungreifbaren Bedrohung in unserem Alltag. Mein Verlag hat den Impuls rasch aufgenommen und mich im Schreibprozess ganz fantastisch unterst\u00fctzt. F\u00fcr mich war eigentlich von Beginn an klar, dass ich in Form von Gedichten auf die Krise reagieren m\u00f6chte und nicht in Form eines Tagebuchs oder eines Blogs. Vielleicht wollte ich mir und der Sprache diesen kleinen R\u00fcckzug sichern, damit sich die Empfindungen und Bilder intimer entfalten k\u00f6nnen, ohne den Bezug zur Realit\u00e4t zu verlieren. F\u00fcr mich war es auch ein poetischer Selbstversuch: L\u00e4sst das Gedicht sich als Mittel einer Art von Gegenwartsbetrachtung verwenden? Geblieben ist am Ende die Arbeit an der poetischen Sprache zwischen Zweifel und Spiel, so wie ich das oben zu erkl\u00e4ren versucht habe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ich danke dir vielmals f\u00fcr den Chat.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Autor, Musiker und Literaturwissenschafter Helmut Neundlinger im Chat mit Udo Kawasser. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3779,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[108],"tags":[],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>&quot;Ich bin eine Hybrid-Existenz&quot; - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2020\/12\/30\/ich-bin-eine-hybrid-existenz\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"&quot;Ich bin eine Hybrid-Existenz&quot; - 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