{"id":7411,"date":"2021-08-05T10:28:14","date_gmt":"2021-08-05T08:28:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=7411"},"modified":"2021-08-08T13:13:57","modified_gmt":"2021-08-08T11:13:57","slug":"produktive-uneindeutigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/08\/05\/produktive-uneindeutigkeit\/","title":{"rendered":"Produktive Uneindeutigkeit"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"custom-small-subtitle wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/clar-peter\/\">Peter Clar<\/a> liest das Gedicht \u201eDe atra bile\u201c von <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/cotten-ann\/\">Ann Cotten<\/a> <\/h3>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"> <em>De atra bile<\/em>\n &nbsp;\n A terrible claw has hit me\n es wohnt in der fototapete\n frag mich nicht I don\u2019t know\n what it is aber es ist\n atrum ein schwarzes great\n es gibt weniger vokabel\n at the edge of cigarettes\n nett nur mehr furchtbar\n war der huf an der schl\u00e4fe\n die kante von etwas less\n denn what I\u2019ve ever been\n vorn\u00fcber wenn ich sie zumache\n ein schl\u00fcssel zu was ich nicht\n wissen will at four at night in a dark rain\n l\u00fcmmeln morgens reste davon am himmel\n und lachen die kinder die bl\u00e4tter platt\n ich glaub der natur kein einziges wort\n grab the grit from the pflastersteine\n regne terrible pures entsetzen meiner beiden\n zimmer seit meine n\u00e4gel alle s\u00e4mtlichen\n verschollen aufgequollen mit wei\u00dflichem aufschlag sind\n zu schrauben geworden in unverst\u00e4ndlicher nacht <\/pre>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Produktive Uneindeutigkeit<\/h2>\n\n\n\n<p>Viel einfacher, pr\u00e4gnanter, treffender und gleichzeitig poetischer kann \u201aMelancholie\u2018, \u201aatra bilis\u2018, die schwarze Galle, wurde lange Zeit als Ursache selbiger angesehen,<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> nicht definiert werden, als in der Zusammenf\u00fchrung des Titels, der ersten Zeile und der letzten drei Worte des Gedichts <em>De atra bile<\/em> von Ann Cotten: \u201eDe atra bile \/ A terrible claw has hit me [\u2026] in unverst\u00e4ndlicher nacht\u201c. Doch dieses \u201aEinfache\u2018 wird unterbrochen (?), verst\u00e4rkt (?), hinausgez\u00f6gert (?) durch, ja, durch was?<\/p>\n\n\n\n<p>Und viel direkter kann der Einstieg in einen Text auch nicht sein als in diesem Gedicht. Dabei macht es keinen Unterschied, ob man die erste Zeile oder den Titel als Beginn ansieht \u2013 der Titel, schreibt Jacques Derrida, ist sowohl Teil des Textes als auch nicht, \u201elie\u00dfe er sich dem Korpus, das er betitelt, inkorporieren, geh\u00f6rte er ihm einfach als eines seiner internen Elemente, eines seiner St\u00fccke an, so verl\u00f6re er Rolle und Wert eines Titels. W\u00e4re er andererseits dem Korpus vollkommen \u00e4u\u00dferlich und abgetrennt von ihm [\u2026] so w\u00e4re es kein Titel mehr.\u201c<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Mit \u201eA terrible claw has hit me\u201c hebt Ann Cotten an (oder eben mit \u201eDe atra bile\u201c) und schon steht man als Leser*in mitten in\u2026, ja, inmitten wessen?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine Assoziationskette, die folgt, oder, vielleicht besser, ein Assoziationsgeflecht (eine Textur, ein Text, im w\u00f6rtlichsten Sinne), scheinbar hingeworfene Bilder und S\u00e4tze, die doch zugleich hochartifiziell miteinander verwoben sind\/scheinen und uns Leser*innen in eine Zwischenwelt mitnehmen oder uns die Zwischenwelt, in der wir vielleicht immer schon (auch\/ manchmal) sind, bewusst zu machen. \u201eA terrible claw has hit me\u201c, hei\u00dft es da, als handle es sich um ein Tier, welches in der \u201efototapete\u201c wohne. Die Klaue, die nicht nur eine Kralle, die sich in den N\u00e4geln der drittletzten Zeile wiederholen wird, sondern auch das Zehenendglied von Paarhufern benennt, wird im \u2013 auf den ersten Blick harmloseren \u2013 \u201ehuf\u201c, das \u00c4quivalent bei Unpaarhufern, wieder aufgenommen. Die Idee, dass die unbekannte Bedrohung (\u201ea terrible claw has hit me\u201c; \u201eder huf an der schl\u00e4fe\u201c) animalischer Natur ist wird jedoch sofort wieder relativiert, \u201eaber es ist \/ atrum ein schwarzes ger\u00e4t\u201c. Aber was genau ist es? \u201eI don\u2019t know\u201c, antwortet das lyrische Ich, dass aber gar nicht gefragt wurde oder sich die (von wem gestellte?) Frage im selben Atemzug verbietet. Wei\u00df das Ich wirklich nichts, oder fehlen nur die Vokabel \u201eat the edge of cigarettes\u201c, an der Kippe der Kippen sozusagen (oder \u00fcberinterpretiere ich an dieser Stelle, male ich mir das aus)? Mit den \u201ecigarettes\u201c durch einen unreinen Reim verbunden, ist das W\u00f6rtchen \u201enett\u201c der darauffolgenden Zeile: \u201enett nur mehr furchtbar\u201c. Nett kann dabei als \u201akleine Schwester von schei\u00dfe\u2018, wie man so (un-)sch\u00f6n sagt, gelesen werden, zugleich aber im Sinne von \u201anet\u2018, von nicht. Irgendetwas ist also nicht <em>nur<\/em> mehr furchtbar ist mehr als das, ist vielleicht produktiv machend, einen Text erzeugend? Zugleich kann das \u201efurchtbar\u201c auf den folgenden Vers bezogen werden \u2013 \u201efurchtbar \/ war der huf an der schl\u00e4fe\u201c \u2013 und man ist versucht zu fragen wie es denn sonst sein solle. Allgemein l\u00e4sst die konsequente Kleinschreibung des Gedichts, die fehlende Punktation, das Verwenden verschiedener Sprachen (Deutsch, Englisch, Latein, Franz\u00f6sisch) Doppeldeutigen nicht nur zu, sondern erzeugt sie, stellt die Sprache in ihrer Uneindeutigkeit, ihrer Unverst\u00e4ndlichkeit, ihrer Unentschl\u00fcsselbarkeit aus. Nur momenthaft blitzt so etwas wie Erkenntnis (wessen, des D\u00e4mons\/Tiers\/Ger\u00e4ts in der Mauer \u2013 oder doch allgemeiner?) auf, \u201eat four at night in a dark rain\u201c (nach zu vielen Zigaretten?) wenn auch nicht unbedingt jene Erkenntnis, die man sich erhofft \u201eein schl\u00fcssel zu was ich nicht \/ wissen will\u201c und schon gar nicht von Dauer \u201el\u00fcmmeln morgen reste davon am himmel\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist diese Uneindeutigkeit, dieses Dasein im Dazwischen (zwischen Wahrheiten, zwischen Lebewesen und Maschine, zwischen Sprachen), die den Text bestimmt, die Melancholie erzeugt. Das Lachen der Kinder im Wirbel der Herbstbl\u00e4tter ist ein ebenso sch\u00f6nes wie unglaubw\u00fcrdiges Bild (\u201eich glaub der natur kein einziges wort\u201c), das gleich auch als \u201eplatt\u201c denunziert wird, durch einen, weitere Volte des Gedichts, \u00e4u\u00dferst platten Wortwitz (Blatt-platt). Und wer ist es, der den Staub, den Splitt von den Pflastersteinen klaubt bzw. klauben soll (\u201egrab the grid from the pflastersteine\u201c), das lyrische Ich, das lyrische Du oder der Regen, der in \u201eregne\u201c als Imperativ angedeutet scheint, sich dann aber (auch) als franz\u00f6sischer Ausdruck f\u00fcr Herrschaft (\u201eregne terrible\u201c) entpuppt, die zum puren Entsetzen (wobei \u201epures\u201c auch als franz\u00f6sisches Vokabel durchginge) f\u00fchrt oder diesem gleichgesetzt wird? Und auch die scheinbare Opposition \u201aLebewesen\u2018 vs. \u201aObjekt\u2018 wird am Ende wieder aufgemacht (wobei sie nie geschlossen war) und zugleich erneut dekonstruiert, wenn \u201emeine n\u00e4gel\u201c, zur\u00fcckweisend auf die Klauen, die Hufe, \u201ezu schrauben geworden sind in unverst\u00e4ndlicher nacht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Unverst\u00e4ndlichkeit, diese Unsicherheit ist es, die Angst macht, die traurig macht, die melancholisch macht, die aber \u2013 davon ausgeschlossen und bedungen zugleich \u2013 ebenso produktiv macht. Denn ausgel\u00f6st von der Uneindeutigkeit, von den Nichtwissen, von den \u201ewenige[n] vokabel[n]\u201c die das Unerkl\u00e4rbare zu erkl\u00e4ren in der Lage w\u00e4ren, entsteht dieser Text erst, im Nicht-Beschreiben-K\u00f6nnen, in der\/durch die Sprachlosigkeit entsteht ein sprachliches Etwas, ein Kunstwerk, ein Gedicht: Dieses erkl\u00e4rt nichts (und erkl\u00e4rt doch alles: \u201eDe atra bile \/ A terrible claw has hit me [\u2026] in unverst\u00e4ndlicher nacht\u201c) doch darum geht es nicht. Oder genau darum.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Vgl. u. a. Paul Demont: \u201eDer antike Melancholiebegriff: von der Krankheit zum Temperament.\u201c In: Jean Clair (Hg.): <em>Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst; zu Ehren von Raymond Klibansky. <\/em>Ostfildern-Ruit 2005,<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Jacques Derrida: &#8222;Titel noch zu bestimmen&#8220;, in: Ders.: Gestade, Wien: Passagen 1994, S. 219-244, S. 225.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/cotten-ann\/\">Ann Cotten<\/a>: \u201eDe atra bile\u201c, in: dieselbe: Florida R\u00e4ume. Suhrkamp-Verlag 2010. S.58<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Clar liest Ann Cottens Gedicht &#8222;De atra bile&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7408,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[179,161],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Produktive Uneindeutigkeit - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/08\/05\/produktive-uneindeutigkeit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Produktive Uneindeutigkeit - Poesiegalerie\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Peter Clar liest Ann Cottens Gedicht &quot;De atra bile&quot;\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/08\/05\/produktive-uneindeutigkeit\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Poesiegalerie\" \/>\n<meta property=\"article:publisher\" content=\"https:\/\/facebook.com\/poesiegalerie\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2021-08-05T08:28:14+00:00\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"2021-08-08T11:13:57+00:00\" \/>\n<meta property=\"og:image\" content=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Ann-Cotton-c-Carlo-Gioia-scaled.jpg\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:width\" content=\"1989\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:height\" content=\"2560\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:type\" content=\"image\/jpeg\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"ried\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:image\" content=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Ann-Cotton-c-Carlo-Gioia-scaled.jpg\" \/>\n<meta name=\"twitter:creator\" content=\"@poesiegalerie\" \/>\n<meta name=\"twitter:site\" content=\"@poesiegalerie\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Verfasst von\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"ried\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:label2\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data2\" content=\"5 Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\/\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"Article\",\"@id\":\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/08\/05\/produktive-uneindeutigkeit\/#article\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/08\/05\/produktive-uneindeutigkeit\/\"},\"author\":{\"name\":\"ried\",\"@id\":\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/#\/schema\/person\/0cc97ae77cc6a8f51d6aeb3d5836ea82\"},\"headline\":\"Produktive Uneindeutigkeit\",\"datePublished\":\"2021-08-05T08:28:14+00:00\",\"dateModified\":\"2021-08-08T11:13:57+00:00\",\"mainEntityOfPage\":{\"@id\":\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/08\/05\/produktive-uneindeutigkeit\/\"},\"wordCount\":966,\"publisher\":{\"@id\":\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/#organization\"},\"keywords\":[\"Ann Cotten\",\"Peter Clar\"],\"inLanguage\":\"de-DE\"},{\"@type\":\"WebPage\",\"@id\":\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/08\/05\/produktive-uneindeutigkeit\/\",\"url\":\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/08\/05\/produktive-uneindeutigkeit\/\",\"name\":\"Produktive Uneindeutigkeit - 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