{"id":8672,"date":"2021-10-29T09:38:00","date_gmt":"2021-10-29T07:38:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=8672"},"modified":"2021-10-29T14:52:29","modified_gmt":"2021-10-29T12:52:29","slug":"um-zu-hoeren-wie-der-satz-davonfliegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/10\/29\/um-zu-hoeren-wie-der-satz-davonfliegt\/","title":{"rendered":"&#8222;&#8230; um zu h\u00f6ren, wie der Satz davonfliegt&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"custom-small-subtitle wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/stabauer-annalena\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Annalena Stabauer<\/a> liest <em>wei\u00dfe Linien<\/em> von Li Mollet <\/h3>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:auto 32%\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"671\" height=\"1000\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Cover-Mollet-Li-Weisse-Linien.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8673 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Cover-Mollet-Li-Weisse-Linien.jpg 671w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Cover-Mollet-Li-Weisse-Linien-201x300.jpg 201w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Cover-Mollet-Li-Weisse-Linien-101x150.jpg 101w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Cover-Mollet-Li-Weisse-Linien-370x551.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Cover-Mollet-Li-Weisse-Linien-185x276.jpg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Cover-Mollet-Li-Weisse-Linien-20x30.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Cover-Mollet-Li-Weisse-Linien-400x596.jpg 400w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Cover-Mollet-Li-Weisse-Linien-32x48.jpg 32w\" sizes=\"(max-width: 671px) 100vw, 671px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-drop-cap\">Bei Li Mollet begegnet man einer Literatur der leisen T\u00f6ne. Einer Literatur, wie sie oft \u00fcberh\u00f6rt wird, weil sie an entlegeneren Stellen und ohne betriebliches Get\u00f6se an die \u00d6ffentlichkeit findet. Ab 2003 erschienen Texte von Li Mollet in kleinen Schweizer Editionen \u2012 es handelt sich durchwegs um Verlage mit N\u00e4he zu bildender Kunst \u2012, daneben in Zeitschriften und Anthologien, u.a. mehrfach in den in Wien herausgegebenen Zeitschriften <em>Idiome<\/em> und <em>zeitzoo<\/em>. <em>wei\u00dfe Linien<\/em> ist nach <em>und jemand winkt<\/em> Li Mollets zweites Buch beim Ritter Verlag. Dazwischen erschien in der Basler Edition M\u00e4d Book der Band <em>Die Augen reiben. Fadenhaftung<\/em> mit Pinselzeichnungen von Heinz Mollet.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group alignwide mb-30 is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-group__inner-container\">\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Copyright Ritter Verlag<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Als &#8222;lyrique en prose&#8220; hat Simon Aeberhard in seinem Artikel f\u00fcr das <em>Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur<\/em> (115. Nlg, 3\/2017) Li Mollets Texte charakterisiert. Ihr Interesse gilt der Betrachtung der Welt und des Daseins in ihr, nicht in den au\u00dfergew\u00f6hnlichen, sondern in den tagt\u00e4glichen Erscheinungsformen. Georges Perecs Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Hinwendung der Literatur zum Unscheinbaren, Allt\u00e4glichen, dem, was nun einmal den Gro\u00dfteil des Lebens ausmacht, kann einer hier in den Sinn kommen. Vom Gew\u00f6hnlichen sprechen, aber nicht mit den gewohnten Mitteln: Auch bei Mollet ist die Skepsis gegen\u00fcber der koh\u00e4renten, linearen Erz\u00e4hlung, die eine wohlgeordnete Welt suggeriert, sp\u00fcrbar gro\u00df. Stattdessen scheint sie ihre Texte auf M\u00f6glichkeitsformen<em> <\/em>zu richten: Wie l\u00e4sst sich etwas in Sprache fassen, ohne der Welt von ihrer Potentialit\u00e4t zu nehmen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenngleich manche Formstrukturen \u00fcber die Jahre wieder aufgegriffen werden, stellt sich die Frage der Form f\u00fcr Li Mollet merklich bei jedem Schreibvorhaben neu. Gemeinsam ist den Texten, dass sie mehrfach ansetzen: dass sie mehrere Textstr\u00e4nge und\/oder Blickpunkte nebeneinander stellen, ohne den Lesenden auszudeuten, wie die verschiedenen Ans\u00e4tze sich zueinander verhalten. Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeit sind bewusst gesetzte k\u00fcnstlerische Strategien. Simon Aeberhard weist darauf hin, dass Li Mollets Texte ausnahmslos im Pr\u00e4sens verfasst sind und sich vom Indikativ ausgehend immer wieder ins Konjunktivische \u00f6ffnen. Das Pr\u00e4sens ist die Zeitform des Augenblicks, der Pr\u00e4senz, die nichts bestimmt wissen muss von Vorher und Nachher.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles bisher Gesagte ist auch f\u00fcr <em>wei\u00dfe Linien<\/em> gesagt. Der Text setzt zweifach an, in Versen und in Prosa. In Verse gesetzt sind kleine Szenen aus der Gegenwart von Josefine O. Die Szenen beschreiben einen Tageslauf, vom Aufwachen bis zum Zubettgehen. So beginnen Li Mollets <em>wei\u00dfe Linien<\/em> und Josefine O.s Tag:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">sie steigt aus dem Nachtkino\nschwebt\nzwischen da und dort\nd\u00f6st eine Weile\nund m\u00f6chte zur\u00fcck\netwas schmerzt\netwas blieb ungel\u00f6st\netwas braucht ihre Stimme\nwenn wir die Zeit\nfesthalten k\u00f6nnten\nwenn wir sie nicht splitterten\netwas zieht Josefine O.s\nMundwinkel nach oben\naber was\ndie Augen schlitzweit ge\u00f6ffnet\nes ist Tag\nJosefine O. streckt sich\nes ist Tag\naufstehen\nweil es Tag ist<\/pre>\n\n\n\n<p>Eine sensible, stille Figur wird hier vorgestellt: Genau registriert sie das eigene Altern und die wachsende Distanz zur Gesellschaft, die eine \u00e4u\u00dfere wie auch eine innere Distanz ist; sie hat mit dem Verlust des ihr n\u00e4chsten Menschen umzugehen und mit Einsamkeit, aber: Sie ist nicht fertig mit der Welt, sie stellt sich selbst noch Fragen. Deren dringlichste: Was kann ich tun? Es ist die Frage nach den M\u00f6glichkeiten, die mit dem Lebensalter gewachsene Distanz zur Gesellschaft in etwas Produktives zu \u00fcberf\u00fchren und Teil gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>In Josefine O.s Begebenheiten und Begegnungen eines Tages stellt Li Mollet Prosapassagen ein. Hier gibt es mehrere Figuren: ein kleines M\u00e4dchen, ein Mann, ein Ich und die &#8222;Frau mit leiser Stimme&#8220;. Auffallend ist ihrer aller Namenlosigkeit und auch Josefine O. hat keinen vollen Namen. Daraus folgt nicht, dass Li Mollets Figuren keine Individualit\u00e4t haben. Vielleicht soll ihnen im Gegenteil gerade Namenlosigkeit Individualit\u00e4t bewahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Passagen in Prosa bilden S\u00e4tze, die manches Mal Mikroszenen und kleine Dialoge der Figuren ergeben, dann wieder vordergr\u00fcndig unverbunden dastehen. Markant ist der unvermittelte Wechsel ins Konjunktivische und dass der Sprechakt immer pr\u00e4sent ist: &#8222;sage ich&#8220;, &#8222;sagt er&#8220;, &#8222;fragt das kleine M\u00e4dchen&#8220;. Es unterstreicht, dass es ein Zentrum nicht gibt, nicht die Zentralfigur und nicht die zentrale Aussage, von der ausgehend sich alles herleiten und erkl\u00e4ren lie\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Prosapassagen kann man Gedanken und Fragen Josefine O.s vielfach wiederaufgenommen finden, etwa die Frage nach den M\u00f6glichkeiten von politischem Engagement. W\u00e4hrend der Text um Josefine O. ganz nahe am Tagesgeschehen bleibt, stehen hier neben den erw\u00e4hnten Mikroszenen pointiert formulierte Gedankensplitter:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Die Begeisterung ist portioniert und Gedachtes so real wie die Finger meiner Hand, \nsagt er. Gegen den Strich \u00fcber die Brauen streichen. Die Ellbogen auf dem Tisch \naufsetzen und das Kinn in die H\u00e4nde legen. Dort die Raben auf den alten Erlen, sie \nbesetzen die Nester vom vergangenen Jahr. Hier die K\u00f6nigin umringt vom ganzen \nSchwarm. Den Ton suchen, der sie vereint. Wenn ich gewusst h\u00e4tte, dass das Licht \ndie Farbe der Haut, ich meine den Glanz, das Samtene. Ich h\u00e4tte nicht gezaudert, \nsagt die Frau mit leiser Stimme. Nebenan wird etwas von Arbeit und Anfang erz\u00e4hlt, \nvon Erwartung und Verpflichtung. Ich will mehr, sagt sie. (S. 17f.)<\/pre>\n\n\n\n<p>In welcher Beziehung genau diese Passagen zum Teil in Versen stehen, wird bis zum Ende nicht ausgedeutet. Finden wir in Josefine O., der Frau mit leiser Stimme und dem Ich ein Bewusstsein aufgefaltet zu drei Perspektiven? Mischen sich vielleicht in der Prosa Gegenwart und Erinnerung dieser einen Figur? Es bleibt der Lesart \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Das Ende ihres Textes hat Li Mollet gewisserma\u00dfen mathematisch bestimmt: Es sind, wie der Verlagstext vermerkt, &#8222;exakt drei hoch vier&#8220;, also 81 Prosapassagen von ziemlich exakt gleicher L\u00e4nge in den Tagesverlauf von Josefine O. eingeschoben. Solche selbst gesetzten formalen Regeln haben sich in der Literatur als Alternative zur Spannungsdramaturgie schon des \u00d6fteren bew\u00e4hrt. Li Mollet gewinnt aus der Beschr\u00e4nkung die Freiheit, sich auf den einzelnen Satz zu konzentrieren und die S\u00e4tze mit ihren Leerstellen in Verbindung zu halten \u2012 als <em>wei\u00dfe Linien <\/em>vielleicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Li Mollet: <em><a href=\"https:\/\/www.ritterbooks.com\/produkt\/weisse-linien\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">wei\u00dfe Linien<\/a><\/em>. Prosa. Ritter Verlag, Klagenfurt 2021. 96 Seiten. Euro 11,90<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Li Mollet<\/strong> * 1947 in Aarberg, Kanton Bern (CH), Schweizer Schriftstellerin, Studium der Erziehungswissenschaften und Philosophie, Stipendien und Preise f\u00fcr ihre Prosa, u.a. Literaturpreis des Kanton Bern 2019 f\u00fcr <em>und jemand winkt<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Annalena Stabauer liest &#8222;wei\u00dfe Linien&#8220; von Li Mollet im Ritter Verlag<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":8674,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[107],"tags":[425,426],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>&quot;... um zu h\u00f6ren, wie der Satz davonfliegt&quot; - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/10\/29\/um-zu-hoeren-wie-der-satz-davonfliegt\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"&quot;... um zu h\u00f6ren, wie der Satz davonfliegt&quot; 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