{"id":8808,"date":"2021-11-08T09:00:22","date_gmt":"2021-11-08T08:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=8808"},"modified":"2021-11-07T15:06:07","modified_gmt":"2021-11-07T14:06:07","slug":"trennung-und-sehnsucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/11\/08\/trennung-und-sehnsucht\/","title":{"rendered":"Trennung und Sehnsucht"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"custom-small-subtitle wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/chana-daniela\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Daniela Chana<\/a><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/chana-daniela\/\"> <\/a>liest den Briefwechsel &#8222;Ich schreib f\u00fcr Dich und jedes Wort aus Liebe&#8220; von Helga und Ilse Aichinger<\/h4>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:auto 31%\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"660\" height=\"887\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Cover-Aichinger-Briefwechsel-gross.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8810 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Cover-Aichinger-Briefwechsel-gross.jpg 660w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Cover-Aichinger-Briefwechsel-gross-223x300.jpg 223w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Cover-Aichinger-Briefwechsel-gross-112x150.jpg 112w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Cover-Aichinger-Briefwechsel-gross-370x497.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Cover-Aichinger-Briefwechsel-gross-185x249.jpg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Cover-Aichinger-Briefwechsel-gross-20x27.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Cover-Aichinger-Briefwechsel-gross-400x538.jpg 400w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Cover-Aichinger-Briefwechsel-gross-36x48.jpg 36w\" sizes=\"(max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-drop-cap\">Rund um Ilse Aichingers 100. Geburtstag werden in diesem November gleich mehrere Publikationen vorgelegt, die neue Aspekte im Leben und Werk der Dichterin beleuchten. Besonders ber\u00fchrend ist der erstmals ver\u00f6ffentlichte Briefwechsel zwischen Aichinger und ihrer Zwillingsschwester Helga Michie aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs, der nun in der Edition Korrespondenzen unter dem Titel \u201eIch schreib f\u00fcr Dich und jedes Wort aus Liebe\u201c erschien. Die hoch emotionalen Briefe der beiden jugendlichen Schwestern machen zweierlei sp\u00fcrbar: zum einen die unendliche Grausamkeit eines Regimes, das eine Familie jahrelang auseinanderrei\u00dft, und zum anderen das Heranreifen einer jungen Frau zu einer der bedeutendsten \u00f6sterreichischen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group alignwide mb-30 is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-group__inner-container\">\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Copyright Edition Korrespondenzen<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Zum Zeitpunkt des Anschlusses 1938 sind die Aichingerzwillinge gerade 16 Jahre alt. Obwohl ihre Mutter Berta einen Katholiken geheiratet hatte und zum Christentum konvertiert war, gilt die Familie ab sofort wieder als j\u00fcdisch, Ilse und Helga Aichinger werden als sogenannte \u201eMischlinge ersten Grades\u201c eingestuft. Der Mutter wird es verboten, ihren Beruf als \u00c4rztin weiter auszu\u00fcben, was ein Leben in gro\u00dfer Armut zur Folge haben wird. 1939 wird die 17j\u00e4hrige Helga mit einem Kindertransport von Wien ins britische Exil gebracht, wo sie in wechselnden Unterk\u00fcnften, aber immerhin in der N\u00e4he einer Tante, Klara Kremer, leben wird. Ilse bleibt mit ihrer Mutter in Wien zur\u00fcck. Insgesamt wird es acht Jahre dauern, bis die beiden Zwillingsschwestern einander zum ersten Mal wiedersehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesen langen Jahren der Trennung stammen die Briefe, welche Nikola Herweg, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Literaturarchiv Marbach, in \u00fcber zehn Jahre langer Arbeit gemeinsam mit ihrem Team gesichtet und f\u00fcr diesen Band zusammengestellt hat. Eine sehr gute editorische Entscheidung war, die Briefe nur behutsam zu lektorieren und vereinzelte eigenwillige Schreibweisen bestimmter W\u00f6rter beizubehalten. So erscheint zum Beispiel Ilse Aichingers Jugendlichkeit lebendig vor Augen, wenn sie etwa das (sehr h\u00e4ufig gebrauchte) Wort \u201eSchokolade\u201c kontinuierlich mit \u201eck\u201c schreibt, also: \u201eSchockolade\u201c. Erhellend f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Aichinger-Lekt\u00fcre ist zudem das Nachwort, in dem Herweg Motive herausarbeitet, die in den Briefen bereits auftauchen und sp\u00e4ter Bestandteil der literarischen Arbeiten Ilse Aichingers sein werden. Weiters stellt sie Querverbindungen zum k\u00fcnstlerischen Werk Helga Michies her, das bis dato weniger bekannt ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der Tragik der Ereignisse, die deutlich sp\u00fcrbar wird, regen die lebendigen Schilderungen der 17j\u00e4hrigen Helga aus dem Londoner Exil anfangs einige Male zum Schmunzeln an, etwa wenn die Jugendliche beharrlich darauf hinweist, dass keine Sehensw\u00fcrdigkeit in England nur ann\u00e4hernd so sch\u00f6n sei wie der Stephansdom in Wien. Jedoch erh\u00e4lt selbst diese scheinbare Heiterkeit einen bitteren Beigeschmack, da sie vermuten l\u00e4sst, dass Helga in ihren Briefen nach Hause manches besch\u00f6nigt oder Probleme heruntergespielt haben mag, um die Daheimgebliebenen nicht zu beunruhigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1940 kommt es zur Einstellung des Postverkehrs, sodass nur noch wenige Nachrichten ankommen. Durch Formbl\u00e4tter des Internationalen Roten Kreuzes ist es in jener Zeit m\u00f6glich, einmal in drei Monaten telegrammartige Botschaften zu maximal 25 Worten auszutauschen. Ausgerechnet von Helgas Heirat mit Walter Singer und der Geburt ihres ersten Kindes erfahren die in Wien Gebliebenen daher nur sehr l\u00fcckenhaft und zeitverz\u00f6gert. Als Berta Aichinger mit monatelanger Versp\u00e4tung die Nachricht von der Schwangerschaft ihrer 18j\u00e4hrigen Tochter erh\u00e4lt, erwidert sie: <\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201eVollst\u00e4ndig \u00fcberrascht, sehr besorgt, wer ist Walter Singer?\u201c (S. 121) <\/pre>\n\n\n\n<p>Erst ein knappes Jahr sp\u00e4ter erreicht sie die Antwort, dass der Ehegatte im selben Alter sei wie Helga und ein \u201eBRAVER VERNUENFTIGER JUNGE\u201c. (S. 124) Die L\u00fccken f\u00fcllt der Band mit Ausz\u00fcgen aus Ilse Aichingers literarischen Tageb\u00fcchern sowie fiktiven Briefen an ihre Schwester, in denen sie ihrer Sehnsucht und ihrem Kummer mehr Raum gibt als in den tats\u00e4chlich abgesandten. Hier gesteht sie: <\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201eAls wir auseinandergingen, waren wir noch nicht erwacht, nun aber bist \nDu eine Frau geworden und ich ein leidender Mensch.\u201c (S. 146)<\/pre>\n\n\n\n<p>Einblicke in ihr beginnendes Selbstverst\u00e4ndnis als Dichterin geben die Briefe ab 1946, als Ilse Aichinger an ihrem Roman \u201eDie gr\u00f6\u00dfere Hoffnung\u201c arbeitet und erste Erfolge als Schriftstellerin genie\u00dft. Wiederholt klagt sie \u00fcber die M\u00fchen des Schreibens, vielleicht auch um m\u00f6gliche Neidgef\u00fchle Helgas abzuwehren, deren eigene kreative Ambitionen zu diesem Zeitpunkt noch keinen Ausdruck gefunden haben. Im Vergleich mit der Zwillingsschwester, die sich im Ausland selbst\u00e4ndig durchgeschlagen, geheiratet und ein Kind bekommen hat, f\u00fchlt Ilse sich als die weniger Erwachsene und weniger Erfahrene: <\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201e[I]ch bin manchmal noch so kindisch, wei\u00dft Du, das Tiefe und Hei\u00dfe, \ndas die Leute Talent nennen und aus dem ich dichte, das mu\u00df sich \n\u00e4u\u00dferlich irgendwie abreagieren, ich hab noch ziemlich viel \nLausbubenall\u00fcren [...]\u201c (S. 194)<\/pre>\n\n\n\n<p>Eindr\u00fccklich werden zudem die Ver\u00e4nderungen Wiens beschrieben. W\u00e4hrend Helga aus dem Exil die Stadt ihrer Kindheit als Sehnsuchtsort idealisiert, f\u00fchlt sich Ilse Aichinger dort immer weniger wohl:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201eDenn Wien ist schauerlich. \/ Wir sind hier heimatloser als Ihr dr\u00fcben, \nglaube ich\u201c (S. 204). <\/pre>\n\n\n\n<p>Die in Wien Gebliebenen leiden unter der Armut der Nachkriegszeit und bitten immer wieder, dass die Verwandten ihnen aus London ein P\u00e4ckchen S\u00fc\u00dfstoff oder Kaffee schicken m\u00f6gen, monatelang warten sie auf ein P\u00e4ckchen Zimt oder Mehl. \u00dcber die Jahre hinweg dr\u00fccken Ilse und Berta Aichinger die Sehnsucht aus, ebenfalls nach London ausreisen zu k\u00f6nnen. Zahlreiche b\u00fcrokratische H\u00fcrden stehen diesem Wunsch jedoch im Weg, stets aufs Neue m\u00fcssen sie Antr\u00e4ge stellen und werden abgewiesen. Als Ilse Aichinger ihre Nichte Ruth endlich pers\u00f6nlich kennen lernen darf, ist diese bereits f\u00fcnf Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch schreib f\u00fcr Dich und jedes Wort aus Liebe\u201c w\u00e4re als Schullekt\u00fcre dringend zu empfehlen. Besser als blo\u00dfe Fakten aus Geschichtsb\u00fcchern \u2013 und zudem leicht zug\u00e4nglich durch die jugendliche Sprache \u2013 verm\u00f6gen es die Briefe, ein Gef\u00fchl daf\u00fcr zu vermitteln, was die Wirren eines Krieges mit den Menschen und deren Familien anrichten k\u00f6nnen. Gemeinsam mit weiteren Publikationen wie den ebenfalls in der Edition Korrespondenzen erschienenen Radio-Essays Ilse Aichingers, \u201eDie Fr\u00fchvollendeten\u201c, wird das bisher erh\u00e4ltliche Werk der Dichterin somit zum Jubil\u00e4um um einige neue Mosaiksteine erg\u00e4nzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Helga und Ilse Aichinger: <em><a href=\"https:\/\/korrespondenzen.at\/ich-schreib-fuer-dich-und-jedes-wort-aus-liebe\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">&#8222;Ich schreib f\u00fcr Dich und jedes Wort aus Liebe&#8220;. Briefwechsel zwischen Wien und London: 1939-1947<\/a><\/em>. Edition Korrespondenzen, Wien 2021. 380 Seiten. Euro 28,-<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniela Chana liest den Briefwechsel &#8222;Ich schreib f\u00fcr Dich und jedes Wort aus Liebe&#8220; von Helga und Ilse Aichinger in der Edition Korrespondenzen <\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":8809,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[107],"tags":[135],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Trennung und Sehnsucht - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/11\/08\/trennung-und-sehnsucht\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Trennung und Sehnsucht - 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