{"id":9021,"date":"2021-12-22T11:12:00","date_gmt":"2021-12-22T10:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=9021"},"modified":"2021-12-23T12:55:43","modified_gmt":"2021-12-23T11:55:43","slug":"sehen-mit-der-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/12\/22\/sehen-mit-der-sprache\/","title":{"rendered":"Sehen mit der Sprache"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"custom-small-subtitle wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/ganglbauer-petra\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Petra Ganglbauer<\/a> \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/pataki-heidi\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Heidi Pataki <\/a><\/h3>\n\n\n\n<p>Wenn Julian Schutting Heidi Pataki in seinem Vorwort zu <em>AMOK UND KOMA<\/em> dem 1999 im Otto M\u00fcller Verlag erschienenen Buch, als \u201eDenkdichterin\u201c<em> <\/em>bezeichnet, dann umfasst dieses Wort trefflich das ganze Spektrum der literarischen Arbeit der 2006 verstorbenen Autorin. Sie war Essayistin, Journalistin, Dichterin, kulturpolitische Frontk\u00e4mpferin und ein schillernder Mensch. Ihre Stimme galt stets denjenigen, deren Kraft nicht ausreichte, sich selbst entsprechend zu vertreten. Sie erhob sich gegen soziale Ungerechtigkeiten, Machtmissbrauch oder Manipulationsversuche.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Studium der Publizistik und Kunstgeschichte war Heidi Pataki Redakteurin des legend\u00e4ren <em>Neuen Forum<\/em>, 1981 wechselte sie zur <em>FilmSchrift<\/em>. Sie schrieb f\u00fcr diverse Medien, auch in Deutschland, und war Mitarbeiterin der Zeitschrift <em>J\u00fcdisches Echo<\/em>. Sie war 1971 Gr\u00fcndungsmitglied des <em>Arbeitskreises \u00f6sterreichischer Literaturproduzenten<\/em> und 1973 Gr\u00fcndungsmitglied der <em>Grazer Autorinnen Autorenversammlung<\/em>, der sie als Pr\u00e4sidentin von 1991 bis 2006 vorstand. Zu ihren Ver\u00f6ffentlichungen z\u00e4hlen u.a.: <em>Schlagzeilen<\/em>, Suhrkamp 1968; <em>Fluchtmodelle. Zur Emanzipation der Frau<\/em>, Jugend und Volk 1972; <em>stille post<\/em>, edition neue texte 1978; <em>Kurze Pause<\/em>, herbstpresse 1993; <em>guter ruf \/ die heilige familie<\/em>, herbstpresse 1994; <em>AMOK UND KOMA, <\/em>Otto M\u00fcller Verlag 1999; <em>contrapost. \u00dcber Sprache, Kunst und Eros<\/em>, Otto M\u00fcller Verlag 2001.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lernte Heidi Pataki Ende der 1980er Jahre kennen, als ich der <em>Grazer Autorinnen Autorenversammlung<\/em> beitrat. Sie setzte sich und ihre literarische Arbeit gezielt, lebhaft ein. Mit gro\u00dfer und temperamentvoller Geste. Die Art und Weise, wie sie beispielsweise ihre Gedichte vortrug, meist hinter einem Lesepult stehend, die H\u00e4nde links und rechts darauf ruhend und zugleich mit den Worten ringend, dann wieder beinahe klagend, anklagend in der ihr eigenen Sprachmelodie, beeindruckte mich sehr. Vieles klang f\u00fcr mich schon damals wie eine Warnung, wie Voraussicht. Als ob die Dichterin etwas auszuloten imstande gewesen w\u00e4re, das wir, die wir zuh\u00f6rten, erst viel sp\u00e4ter zu realisieren imstande waren. Heidi Pataki \u201esah\u201c mit ihrer Sprache. Sie sah und sie sah voraus. Zudem machte sie ihre Gef\u00fchlswelt ohne Umschweife transparent, wobei sie auch nicht mit Kritik oder Zynismus hintanhielt, wenn es um authentische \u00c4u\u00dferungen zu Missst\u00e4nden ging. Heidi Pataki war ein intensiver Mensch, ausgestattet mit einem oszillierenden, vielschichtigen Sensorium f\u00fcr das Elementare, f\u00fcr Recht und Unrecht, f\u00fcr Diskriminierung oder f\u00fcr faschistoide Tendenzen. Und sie hatte ein gro\u00dfes Herz.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr expliziter kulturpolitischer Einsatz l\u00e4sst aber auch vermuten, dass sie jenes Schicksal traf, welches vorzugsweise all jene AutorInnen heimsucht, die sich augenscheinlich exponieren oder positionieren, die ihre Stimme lautstark erheben: Viele unter ihnen haben das Problem, zwar als Agierende aber nicht als AutorInnen, DichterInnen entsprechend wahrgenommen oder gar gef\u00f6rdert zu werden.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Was dar\u00fcber hinaus \u2013 auch anhand des Werkes Heidi Patakis \u2013 evident ist, ist die Fl\u00fcchtigkeit dichterischer Arbeit, auch wenn sie qualitativ noch so nachhaltig ist. Zu sehr ist diese oft an die Person gebunden, erh\u00e4lt keine Chance ein Eigenes, Zeitloses zu werden, um auch noch Jahre, Jahrzehnte nach dem Ableben ihrer UrheberInnen zu \u00fcberdauern. Nicht allzu viele Literaturinteressierte, au\u00dfer jene, die sich zeitlebens im Umfeld der Dichterin bewegten, erinnern sich noch nachdr\u00fccklich ihres Werks. Anl\u00e4sslich des von Augusta Laar organisierten <em>Schamrock Salon der Dichterinnen<\/em> <em>#26<\/em> im Literaturhaus Wien, stellte ich B\u00fccher von Heidi Pataki vor. Nach der Lesung suchten einige BesucherInnen den Kontakt mit mir, um mir zu signalisieren, wie stark sie die Texte der verstorbenen Autorin finden.&nbsp; Es gilt, die Dichterin neu zu entdecken, und dies nicht erst in 100 Jahren. Ihr Werk ist ebenso zeitlos wie vorausweisend.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Heidi Patakis Gedichte verdeutlichen politische, gesellschaftliche, soziale oder historische Einfl\u00fcsse. Doch auch die Sprache selbst ist es, die vielgestaltig, grell, expressiv und zeitgleich zerr\u00fcttet, bang oder ironisch agiert. Sprache als Agens. Lyrik hat enorme Sprengkraft \u2013 und es gibt viele formale und inhaltliche Zug\u00e4nge, um diese zu entbinden. Ungeachtet des jeweils spezifischen Wahrnehmungsfilters der LeserInnen treffen Patakis aufr\u00fchrende, hochdosierte Gedichte mitten ins Schwarze. Denn der Abgrund, die Dunkelheit, das Uneinsichtige, Unbewusste schwingt stets mit. Diese Gedichte sind daher auch aufm\u00fcpfige, explosive, vielgestaltige, widerspenstige Gebilde.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt nicht nur zu einem Verschmelzungsprozess der Dinge, Wesen, Worte, der Sprachsubstanz, wenn wir uns mit Gedichten auseinandersetzen, wir gehen \u00fcberdies in Resonanz mit ihnen und agieren wie Echor\u00e4ume. Dergestalt setzt Lyrik in uns jeweils etwas Anderes frei, etwas, das, abgesehen von generellen Wahrnehmungs\u00fcberschneidungen, sehr pers\u00f6nlich und h\u00f6chst individuell zutage tritt. Dieser subjektive Zugang gilt freilich auch f\u00fcr die Auswahl jener Werke, deren Sprengkraft man ausloten und genauer betrachten m\u00f6chte und dies vor allem aufgrund ihrer Nachhaltigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Heidi Patakis Sprache, die eine urs\u00e4chlich lyrische ist, sch\u00f6pft aus dem Fundus der Onomatopoesie, des Rhythmus, der Metrik und deckt auf, holt Mechanismen aus dem Dunkel an die Oberfl\u00e4che und schaufelt sich gleichzeitig von deren bindender Energie frei. Dies alles basiert auf einer sehr realen Wirklichkeitserfahrung: Heidi Pataki engagierte sich, wie bereits erw\u00e4hnt, zeitlebens kulturpolitisch, sei es im Zuge ihrer journalistischen T\u00e4tigkeit als Mitarbeiterin der Zeitschrift <em>J\u00fcdisches Echo<\/em>, als Gr\u00fcndungsmitglied des <em>Arbeitskreises \u00f6sterreichischer Literaturproduzenten<\/em> oder, wie erw\u00e4hnt, als Pr\u00e4sidentin der <em>Grazer Autorinnen Autorenversammlung<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Ihre Lyrik wiederum fokussiert gleichsam ritualisierend jene essenziellen menschlichen Bereiche, denen man sich als Individuum nicht zu entziehen vermag; mehr noch, deren gesellschaftlichen Ausw\u00fcchse und verheerenden politischen Abweichungen einer Heimsuchung gleichkommen. Pataki scheute nicht davor zur\u00fcck, sich diesen Mechanismen zu stellen, indem sie sie aufzeigte oder \u00fcberh\u00f6hte.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Zugest\u00e4ndnisse, Konventionen, Schablonen<\/h5>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">doch leichen treiben an die oberfl\u00e4che: \nes sind die alten <em>steirer<\/em>h\u00fcte noch \nbeinah die gleichen funktion\u00e4re noch \nein r\u00fcckgrat ohne knochen...<\/pre>\n\n\n\n<p>So hei\u00dft es in einem Gedicht in dem Band <em>stille post<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00dcberkommene, scheinbar l\u00e4ngst abgelegt, erwacht von neuem und treibt \u201eschindluder\u201c, wie man fr\u00fcher gesagt h\u00e4tte und wie es in einem der Gedichte Patakis auch wortw\u00f6rtlich hei\u00dft. Norm, Konformismus, Gleichschritt bl\u00fchen und treiben ihr Unwesen. Heidi Pataki stellt in ihrem Werk die Wahrnehmungs\u00fcbereink\u00fcnfte unaufh\u00f6rlich in Frage, kratzt mit ihrem radikalen Duktus an Konventionen oder Traditionen, welche nicht selten ins rechtsgerichtete Denken abgleiten. <\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">es waren zwei k\u00f6nigskinder? \nes wollt ein j\u00e4ger jagen? \newigklar und spiegelrein und eben?<\/pre>\n\n\n\n<p>Redewendungen, Werbespr\u00fcche oder Litaneien macht sich die Dichterin zunutze, stellt intertextuelle Bez\u00fcge her, dockt an Mystik und M\u00e4rchen an, um jene Mechanismen zu \u00fcberh\u00f6hen und ins grelle Licht zu r\u00fccken, die ganz selbstverst\u00e4ndlich, subtil und unhinterfragt in den Hinterh\u00f6fen des Menschseins ihr Unwesen treiben.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">anarchie ist die ordnung unseres lebens. sie ist die ordnung\ndes gedichts. sein material sind bruchst\u00fccke der volks-\nlieder, klischees, marschges\u00e4nge und trivialit\u00e4ten. die \nstimme des volks ist die stimme des gedichts. doch was \njedermann glatt \u00fcber die lippen bringt \u2013 hier wird es zer-\nst\u00fcckelt, verst\u00fcmmelt, in fragmente zerschlagen. jeder vers\nwird amputiert.\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Soweit die Dichterin in ihrem Nachwort zu s<em>tille post<\/em>. Und an anderer Stelle:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">das seziermesser sind die fragen: fragend \nfalle ich der stimme des volks ins wort.<\/pre>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Sprachverrohung, Verherrlichung<\/h5>\n\n\n\n<p>Wie eigendynamisch die Sprache in Heidi Patakis Gedichten agiert, macht beispielsweise das Gedicht \u201eberufswahl\u201c transparent, das in Parallelismen angelegt ist und aus Komposita beziehungsweise Paragrammen gebaut ist:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">ein volkeinreicheinf\u00fchrer\nein molkenteichverr\u00fchrer\nein strolchenseichber\u00fchrer\u2026\nein jodelscheichprobierer\u2026\nein kotzmichankassiber\u2026<\/pre>\n\n\n\n<p>Denn \u201edie worte sind kaputt und ausgelaugt wie wir\u201c, so in dem Gedicht \u201eautodaf\u00e9\u201c, das auf sehr ansprechende Weise zeigt, wie verloren und fl\u00fcchtig all jene Begriffe, Werte sind, denen man vertraut, auf die man gebaut hat:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">kein strohhalm darf uns bleiben\nkein begriff\ndenn hand ist nicht mehr hand\ndie form hat sich ver\u00e4ndert<\/pre>\n\n\n\n<p>Die Regeln, auf die unsere Kultur baut, sind hohl geworden, abgeschmackt und unbrauchbar:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">der satzgegenstand stinkt aus dem maul\n\u2026die aussage ist unp\u00e4\u00dflich\n\u20262000 jahre christliches abendland<\/pre>\n\n\n\n<p>Es ist die Sprachreflexion, die Sprachkritik, bei der Pataki ansetzt, sie l\u00e4sst keinen Stein auf dem anderen, wenn es vonn\u00f6ten ist. <\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">konfusion \u2013 das ist das stilprinzip des gedichts. \u2026das unzerst\u00f6rbare zu zerst\u00f6ren \n\u2013 das ist das paradoxe des gedichts.<\/pre>\n\n\n\n<p>schreibt die Dichterin in einem bibliophil aufbereiteten Typoskript der Reihe <em>SCHRIFTSTELLER IN DER GALERIE NO 6<\/em>, Leonberg. Sie legt es darauf an, die Lesenden hineinzuzwingen in den Schrecken der Bilder, in jenen der entseelten Sprache, der entseelten Welt. Sie trifft genau.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Immanenz des Verg\u00e4nglichen<\/h5>\n\n\n\n<p>Heidi Patakis Augenmerk liegt auch auf der Erde, den verschiedenen Spezies, ob Mensch, Tier oder Pflanze; und dem, was ihnen angetan wird, was Wunden schl\u00e4gt, was bluten macht, es liegt auf den jeweiligen Lebensbedingungen und Lebensgefahren:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">was wunder, wenn der ri\u00df, der durch die erde geht\nauch uns entzweit. und immer kommt gleich blut: \nberedte sprache vieler sprachen; oder blicke\nwenn alle worte l\u00e4ngst versagten.<\/pre>\n\n\n\n<p>hei\u00dft es in \u201eteufelskreis\u201c. Und immer ist es dieses Gewahrsein, dieses Bewusstsein von Sterblichkeit, von Endlichkeit, das in den Gedichten mitschwingt!<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201ewohin denn ich?\u201c <\/em>und an anderer Stelle<em> \u201ewohin denn wir?\u201c<\/em>, schreibt Pataki in dem Gedicht mit dem Titel \u201everbannung\u201c. Zertr\u00fcmmert, zerfetzt, entseelt sind die Dinge, Residua der sp\u00e4tkapitalistischen Gesellschaft:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">wenn sie blo\u00df w\u00e4ren, was sie sind<\/pre>\n\n\n\n<p>Alleine in dieser einzigen Gedichtzeile manifestiert sich, verk\u00f6rpert sich die ganze, umfassende Verletztheit allen Seins; sie mutet wie ein elegisches Seufzen, ein Vorgang des Trauerns ob der verlorenen \u201eEinheit\u201c oder besser \u201eIntegriertheit\u201c, ob des Verlusts der Interdependenz von Mensch und Natur, von Sprache und Sein an.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">was w\u00e4ren alle sachen?\nzerfetzte wirklichkeit, werkzeug der phantasie!<\/pre>\n\n\n\n<p>Was sich da weiter so anh\u00e4uft als Ableger der Zivilgesellschaft: Kleenext\u00fccher und Bibeln, als Torpedo aus Schlagzeilen \u00fcber Kriege, \u00fcber zwischenmenschliche Aggression im Privaten. Und immer ist es der zerst\u00f6rerische menschliche Geist, sind es dessen Ausw\u00fcchse in Form von Plattit\u00fcden, Manipulationsmechanismen, Konsumzwang oder Warenfetischismus, die Wirklichkeitsfetzen zur\u00fccklassen.<br>Dennoch \u00e4u\u00dfert sich Pataki dergestalt, dass sie auf alles \u201eprivate, emotionale, differenzierte\u201c verzichtet.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">ich verzichte auch auf meine eigene meinung.\nes bleibt: ein album, in dem schnappsch\u00fcsse von jeder-\nmanns geisteszustand versammelt sind.<\/pre>\n\n\n\n<p>Die Dichterin filtert, was bereits vorhanden ist und inszeniert es so, dass essenzielle und existenzielle Mechanismen gesellschaftlichen Zusammenlebens zutage treten; und sie tun es bisweilen so exzessiv, dass es schmerzt.\nKreuz und quer l\u00e4sst sich \u201efrohes schaffen\u201c lesen, polyphon oder monophon, in jedem Fall enth\u00e4lt es viele Klangfarben und reichlich Lesepfade, es zu durchwandern:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">der dengler schl\u00e4gt (why) (zackzack!) die sense klingt\ntropf tropf tau (are) (!) das reh mu\u00df weinen\nvon jedem schlage wund (there) (auau!) und singt\ndie schwarze sau (tears) (!) fri\u00dft ihre kleinen \u2026 \n(in the land of plenty)<\/pre>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Warenfetischismus<\/h5>\n\n\n\n<p>Und immer ist es der Zusammenschnitt aus Insistieren und Wehklagen, aus Ins-Licht-R\u00fccken, besser noch, Der-Dunkelheit-Entrei\u00dfen, in Form von \u00dcberh\u00f6hungen \u2013 und einem Sarkasmus, den nur die Sprache selbst zustande bringt. Sie ist es letztlich, die, was an Einsicht verloren gegangen ist, fokussiert und unumg\u00e4nglich macht.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">okkasion\nhast ein reh du (wenn schon denn schon!)\nla\u00df es nicht (weil\u00b4s was besondres ist!) \nbald wird die trompete (mach mal pause!)\ndann mu\u00df es (ein k\u00fchler zug!)\nkaum gedacht (es zahlt sich aus!) \nwird der lust ein end gemacht\n(frische f\u00fcr den ganzen tag)<\/pre>\n\n\n\n<p>Die Dichterin macht transparent, dass das, was im Kleinen, hinter dem Ladentisch oder was im K\u00fchlregal des Supermarkts lagert, auch global darniederliegt. Was im Mikro-Bereich implodiert, tut dies gleicherma\u00dfen im Makrobereich. Das eine l\u00e4sst sich nicht vom anderen trennen. Die Welt der Waren spiegelt die Befindlichkeit des Planeten: Ausgebeutet, nahe am Verbrennen oder Erfrieren.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">anarchie\nso traurig glotzt der gegenstand\nda\u00df er ums haar die ladenkette sprengt\nund immer haufen von der gleichen sorte \u2026\nin gondeln schwankt ein sonderangebot\nzack f\u00e4hrt der blitz (des k\u00e4ufers hand ins erdregal\nder einkaufswagen klirrt von eis \u2026 \ndie bombe tickt im tiefk\u00fchlfach \u2026 \ndie schachtelmauern st\u00fcrzen ein\u2026\nentschuppte fische auf dem trockenen land.<\/pre>\n\n\n\n<p>Aber, wie bereits erw\u00e4hnt, auch die Sprache strauchelt unter den Endzeitszenarien des Sp\u00e4tkapitalismus. Sie ist ebenso verbraucht, abgen\u00fctzt, abgetakelt und abgestorben.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">supermarkt\nwer sagt denn, da\u00df nicht auch gedichte\nwie jedes leicht verderbliche produkt\nihr datum der verpackung auf dem deckel tragen.<\/pre>\n\n\n\n<p>Wenn wir uns mit einer Haltung den Gedichten n\u00e4hern, wie sie die Warenwelt und Produktorientiertheit vorgeben, dann haben Gedichte, Texte ein Verfallsdatum. Was aber, wenn diese Gedichte z\u00fcndeln, lodern, wie sie es im Fall der Texte Heidi Patakis tun? Und was, wenn wir, die Lesenden, uns entsprechend wach, im Vollbesitz unserer Sinneskr\u00e4fte, auf sie einlassen? Wenn wir sie nicht abtun, vergessen? Dann, ja dann z\u00fcndeln sie in uns und auch nach uns weiter; weil sie zeitlos und punktgenau sind, weil jeder \u00fcberzeugende Text v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der Zeit, in der er erscheint, aus seiner Ruhephase erwachen und sp\u00e4tere Generationen mitrei\u00dfen kann.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Alltag &amp; alles Andere<\/h5>\n\n\n\n<p>Auch auf das soziale Gef\u00e4lle, die Unbehaustheit oder die kleinen, mithin aggressionsbeladenen Alltagsriten in den (Wiener) Hinterh\u00f6fen legt die Dichterin ihr Augenmerk:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">wenn die raben kr\u00e4chzen, schl\u00e4gt das wetter um\u2026 \ndann h\u00f6ren wir den nachbarn husten unter uns\ndurch d\u00fcnne w\u00e4nde, und die luft so d\u00fcnn von aspirin\n&amp; feucht, das gleich der brandung dich an unser ohr\nschallwellen schlagen, schlagen wird gleich \u00fcber uns\nder nachbar seine frau\u2026<\/pre>\n\n\n\n<p>Und in \u201ehintertreffen\u201c, der Titel ist symptomatisch, hei\u00dft es:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u2026fade mischt sich so in wiener hinterh\u00f6fen\ndas anale mit dem duft des abfalls.<\/pre>\n\n\n\n<p>Wieder schlie\u00dft sich der Kreis der Sprache, die gleich einer Schablone, einer Endlosschleife in sich selbst durchh\u00e4ngt:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">reverie\n \n\u00f4 wienerblut \u00f4 alter hut\n\u00f4 \u00e4mterfurcht \u00f4 denkmalflucht\n\u2026und auf die donau la\u00df die hunde los.<\/pre>\n\n\n\n<p>Die konsequente Verschr\u00e4nkung aus politischer und poetischer Haltung ist jene Qualit\u00e4t dieser Dichtkunst, die mich in ihren Bann zieht. Sie lassen beide zudem etwas Drittes Unausgesprochenes, Ungeschriebenes zu. Entgrenzungen sind das, die die Vehemenz der lyrischen Positionierung Heidi Patakis erweitern \u2013 Schwellenerfahrungen \u2013, die etwas offenlegen, etwas, das weitaus nachhaltiger ist als das geschriebene Wort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><em>Quellen:<\/em><br>Heidi Pataki: <em>AMOK UND KOMA.<\/em> Salzburg: Otto M\u00fcller 1999.<br>Heidi Pataki: <em>stille post<\/em>. Linz: edition neue texte 1978.<br>Heidi Pataki: <em>Schlagzeilen.<\/em> Frankfurt\/Main: Suhrkamp 1968.<br><em>SCHRIFTSTELLER IN DER GALERIE N0 6.<\/em> Typoskript. Leonberg 1982.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Sehen mit der Sprache&#8220;<br \/>\nPetra Ganglbauer \u00fcber Heidi Pataki<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":9044,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[430],"tags":[435,183],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Sehen mit der Sprache - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/12\/22\/sehen-mit-der-sprache\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Sehen mit der Sprache - Poesiegalerie\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"&quot;Sehen mit der Sprache&quot; Petra Ganglbauer \u00fcber Heidi Pataki\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/12\/22\/sehen-mit-der-sprache\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Poesiegalerie\" \/>\n<meta property=\"article:publisher\" content=\"https:\/\/facebook.com\/poesiegalerie\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2021-12-22T10:12:00+00:00\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"2021-12-23T11:55:43+00:00\" \/>\n<meta property=\"og:image\" content=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Heidi-Pataki-Portra\u0308t-c-Literatur-Wein.jpg\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:width\" content=\"369\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:height\" content=\"455\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:type\" content=\"image\/jpeg\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"Bea Schmiedl\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:creator\" content=\"@poesiegalerie\" \/>\n<meta name=\"twitter:site\" content=\"@poesiegalerie\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Verfasst von\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"Bea Schmiedl\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:label2\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data2\" content=\"10 Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\/\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"Article\",\"@id\":\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/12\/22\/sehen-mit-der-sprache\/#article\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/12\/22\/sehen-mit-der-sprache\/\"},\"author\":{\"name\":\"Bea Schmiedl\",\"@id\":\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/#\/schema\/person\/6ef77016eb76dba27a6d0fbb161a1734\"},\"headline\":\"Sehen mit der Sprache\",\"datePublished\":\"2021-12-22T10:12:00+00:00\",\"dateModified\":\"2021-12-23T11:55:43+00:00\",\"mainEntityOfPage\":{\"@id\":\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/12\/22\/sehen-mit-der-sprache\/\"},\"wordCount\":1829,\"publisher\":{\"@id\":\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/#organization\"},\"keywords\":[\"Heidi Pataki\",\"Petra Ganglbauer\"],\"articleSection\":[\"Autor*innen \u00fcber Autor*innen\"],\"inLanguage\":\"de-DE\"},{\"@type\":\"WebPage\",\"@id\":\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/12\/22\/sehen-mit-der-sprache\/\",\"url\":\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/12\/22\/sehen-mit-der-sprache\/\",\"name\":\"Sehen mit der Sprache - 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