{"id":9077,"date":"2021-12-23T08:00:00","date_gmt":"2021-12-23T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=9077"},"modified":"2021-12-22T13:20:40","modified_gmt":"2021-12-22T12:20:40","slug":"die-sprache-balanciert-auf-hochgespanntem-seil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/12\/23\/die-sprache-balanciert-auf-hochgespanntem-seil\/","title":{"rendered":"\u201eDie Sprache balanciert auf hochgespanntem Seil\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"custom-small-subtitle wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/vasik-monika-2\/\">Monika Vasik<\/a> liest <em>Beileibe und zumute<\/em> von Ursula Krechel<\/h3>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:auto 41%\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"549\" height=\"700\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" data-src=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Cover-Krechel-beileibe-und-zumute-gross.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9081 size-full lazyload\" data-sizes=\"auto\" data-srcset=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Cover-Krechel-beileibe-und-zumute-gross.jpg 549w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Cover-Krechel-beileibe-und-zumute-gross-235x300.jpg 235w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Cover-Krechel-beileibe-und-zumute-gross-118x150.jpg 118w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Cover-Krechel-beileibe-und-zumute-gross-370x472.jpg 370w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Cover-Krechel-beileibe-und-zumute-gross-185x236.jpg 185w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Cover-Krechel-beileibe-und-zumute-gross-20x26.jpg 20w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Cover-Krechel-beileibe-und-zumute-gross-400x510.jpg 400w, https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Cover-Krechel-beileibe-und-zumute-gross-38x48.jpg 38w\" sizes=\"(max-width: 549px) 100vw, 549px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<pre class=\"wp-block-verse\">Wir haben keine andre Zeit als diese,\ndie uns betr\u00fcgt mit halbgef\u00fcllter Schale.\nWir m\u00fcssen trinken, denn zum zweiten Male\nF\u00fcllt sie sich nicht.\n.\n.\nVerstohlen tr\u00e4umen wir von Wald und Wiese\nUnd dem uns zugeworfnen Brocken Gl\u00fcck ...\nKein Morgen bringt das Heute uns zur\u00fcck,\nwir haben keine andre Zeit als diese.\n(Mascha Kaleko: \u201eIn dieser Zeit\u201c)<\/pre>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group alignwide mb-30 is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-group__inner-container\">\n<p class=\"has-text-align-right\">\u00a9 Copyright Jung und Jung Verlag<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Es mag vielleicht befremden, dass die Besprechung eines neuen Lyrikbands mit dem bekannten Gedicht einer anderen Dichterin beginnt. Aber es sind gerade die Koinzidenzen, jene nicht planbaren Zuf\u00e4lle wie das Stolpern \u00fcber dieses Gedicht, w\u00e4hrend ich mich in Ursula Krechels Lyrik vertiefte, die den Horizont erweitern und dem Verstehen noch eine zus\u00e4tzliche Dimension geben.<br>Beginnt man Krechels Lyrikband von hinten \u2013 nur scheinbar ein zweiter Umweg -, so liest man zuerst die \u201eBiographie einer Stimme\u201c. Es ist ein Prosatext, knapp mehr als eine Seite lang, in kurze Abs\u00e4tze unterteilt. Ich lese ihn als poetologischen Text, der Einblick in die Sprachfindung einer Dichterin gew\u00e4hrt und mit einem Zitat beginnt:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Nun gut! Wir wollen die Stimme eines Menschen h\u00f6ren lassen, und w\u00e4re es auch nur \nf\u00fcr uns selbst. In der Stille h\u00f6ren wir sie gewiss, aber in den Worten suchen wir sie ...<\/pre>\n\n\n\n<p>Der Name des Verfassers dieser Zeilen ging verloren. Es war jedoch ein so wesentliches Zitat, dass es aus dem Notizbuch Eingang in mehrere Exzerpte fand. Die Wiederbegegnung setzt Kindheitserinnerungen an eine r\u00fcde Alltagssprache in Gang \u2013 einer \u201eHerdensprache ohne Grammatik\u201c, wie es in einem Gedicht hei\u00dft. Ein Kind sucht nach dem Wert von Sprache. Als der Vater es einmal anbr\u00fcllt, warum \u201eausgerechnet\u201c das Kind glaube, eine k\u00fcnstlerische Begabung zu haben, wei\u00df es bestimmt:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Es war kein Glauben, es war eine Sehnsucht nach einem Zustand zwischen Br\u00fcllen und\nSchweigen, eine Sehnsucht nach Sprache, die da w\u00e4re, im Raum st\u00e4nde, unmittelbar.<\/pre>\n\n\n\n<p>Denn es gab wohl eine Sprache, erkennt das Kind, jene allt\u00e4gliche Sprache an den Gartenz\u00e4unen, und die \u201efloss \u00fcber vor Gewissheiten\u201c, w\u00e4hrend es selbst einer ganz anderen Gewissheit des Sprechens auf den Grund gehen m\u00f6chte. Es bleibt allein in seinem Wollen. Ihm wird kein eigenes Sprechen zugebilligt, was es \u201eunruhig, unbefriedigt, ungesetzt\u201c macht. Doch ehe es resigniert und sich sprachlos f\u00fcgt, folgert es (oder das erwachsene Ich in seiner R\u00fcckschau) beharrlich:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">[M]an muss ganz neu anfangen, bei den schlichten Dingen ... Die Sprache ist eine Mulde.\nWasser sammelt sich in ihr, Worte br\u00fcten. Sie ist kein Tunnel, der von hier nach dort f\u00fchrt.<\/pre>\n\n\n\n<p>Krechel verwendet ein an Kalekos Text erinnerndes Bild, hier die Mulde, dort die Schale. Beide eint das Wissen um die Einmaligkeit der Zeit und des Lebens. Doch w\u00e4hrend Kaleko die Ausgesetztheit und das Vorenthaltene anklingen l\u00e4sst, Mangel und Unentrinnbarkeit, glaubt Krechel an die M\u00f6glichkeit des gestaltenden Verwandelns, wenn und solange wir mit der Kostbarkeit unserer Sprache achtsam umgehen. Und so ist Krechels Band eine Liebeserkl\u00e4rung an die Sprache und die Entwicklung einer eigenen Stimme, die nicht vor Gewissheiten strotzt, sondern vom \u201eK\u00f6nnen hei\u00dft Stolpern\u201c wei\u00df, sich unentwegt Fragen stellt, m\u00e4andernd sich m\u00f6glichen Gewissheiten ann\u00e4hert und mit Bedacht Argumente formuliert.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Du bist so elend kompliziert, sagst du, sag ich\nsag, wie es einfacher ginge auf dem Papier<\/pre>\n\n\n\n<p>Krechels Nachdenken ist ein langsamer Prozess der Konzentration, der Zeit kostet. Er bedarf zudem eines zielgerichteten Schweigens. Schon das erste Gedicht <em>Gibt es einen Einwand, der vergessen worden ist?<\/em> nimmt darauf Bezug:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Der Denkende kommt zu sp\u00e4t, wenn er sagt: Ich denke\ndachte ich, oder das Denken hat ihm einen Streich gespielt<\/pre>\n\n\n\n<p>Bei Kaleko finden wir den \u201ezugeworfnen Brocken Gl\u00fcck\u201c und auch Krechel spricht wiederholt vom Gl\u00fcck. Doch es wird nicht zugeworfen, sondern absichtsvoll gesucht, etwa im Kunstgenuss, oder wird immer wieder gefunden im \u201earbeitsame(n) Gl\u00fcck\u201c als Schreibende. Auch das Tr\u00e4umen ist Sujet bei beiden Dichterinnen. Krechel kreist zudem intensiv um das Thema Sch\u00f6nheit. \u201ewas nennst du sch\u00f6n\u201c, fragt sie und wei\u00df um den sch\u00f6nen Schein wie um die Fl\u00fcchtigkeit jeder Sch\u00f6nheit, versucht, deren Nachklang im Gedicht haltbar zu machen, \u201eSch\u00f6nheit ist die Schriftlichkeit\u201c. Im zweiteiligen Gedicht <em>Noch Fragen?<\/em> hei\u00dft es: \u201eWann haben wir zuletzt ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Syntax gef\u00fchrt?\u201c. Krechel kennt das Eigenleben der Sprache, hat schreibend das pl\u00f6tzliche Gl\u00e4nzen von W\u00f6rtern erfahren, \u201edie Hebelwirkung der Adverbien\u201c und<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">[d]ie z\u00e4rtlichen Gelenke der Sprache: Konjunktionen\nach, sie knacken, sind kl\u00fcger als wir denken.<\/pre>\n\n\n\n<p>Krechel schmerzt jeder unbedachte Umgang mit Sprache und sie erweist sich als Kulturpessimistin. Die Dichterin nimmt ein \u201etriebhaftes \/ Fuchteln mit W\u00f6rtern\u201c wahr, beklagt den zunehmenden Verfall der Sprache in einer neuen Welt ohne Referenzen, die an vorgeblicher \u201eMenschheitsbegl\u00fcckung\u201c, an Gesch\u00f6ntem, schnellen Klicks und Likes interessiert ist und sich an der Bewertung von Nutzern orientiert. Es ist eine Welt stets ge\u00f6ffneter Browser, der Darsteller mit gez\u00fcckten Handys, die \u201eSchaufensterreden\u201c schwingen, der Anma\u00dfung und zu vieler \u201ePersonen, die ungefragt <em>ich<\/em> sagen\u201c. \u00dcber das Interesse an, den Zuspruch zu einem Gedicht, das mit Sprache ganz anders, n\u00e4mlich bedacht(er) operiert, gibt sie sich keiner Illusion hin:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">das Gedicht ist \u00fcberqualifiziert\n\u00fcberbordend \u00fcberw\u00e4ltigend, deshalb \u00fcberfl\u00fcssig\nbehalten Sie es besser f\u00fcr sich\nwir sehen keine M\u00f6glichkeit, etwas so Kostbares\n\nin unserem kleinen Verschlag\nVerzeihung Verlag erscheinen zu lassen\n...\nSie werden das verstehen<\/pre>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe <em>Sprache wie andere Hunger<\/em> \/ Mangel und \u00dcberborden zugleich\u201c bekennt die Dichterin. Sie beschr\u00e4nkt sich in ihrem komplexen Band nicht allein auf das Dichten und die Reflexion \u00fcber Sprache(n), sondern betrachtet Kunstwerke oder l\u00e4sst wie nebenbei das Thema Naturzerst\u00f6rung und Klimaver\u00e4nderung einflie\u00dfen, kreist im Zyklus \u201eKrankenbl\u00e4tter\u201c um Erfahrungen von Patient*innen, etwa beim Orthop\u00e4den oder in der Notaufnahme, oder greift in den 12 Gedichten des Zyklus \u201eFuga, Bl\u00e4tter\u201c die Debatten um Fl\u00fcchtlinge und Identit\u00e4ten auf. Dass Krechel Beschr\u00e4nkungen durch zu enges Denken ablehnt, spitzt sie aphoristisch zu:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Bin\u00e4res Denken hei\u00dft: viele M\u00f6glichkeiten verschenken.<\/pre>\n\n\n\n<p>Beileibe und zumute ist ein materialreicher Band, der auch formal Krechels Repertoire der Dichtkunst zeigt. Neben klassischen, gereimten Gedichten mit strengem Rhythmus gibt es eine Vielfalt freier, oft strophig gegliederter Texte. Dem einen oder anderen f\u00fcgte sie Prosaminiaturen hinzu. Krechel greift Sprichw\u00f6rter auf und verwandelt sie, verweist auf ihr wichtige Autor*innen, von denen sie die eine oder andere Zeile assoziativ und zuweilen verfremdet in die eigenen Verse integriert. Gelegentlich blitzt leiser Witz auf, manchmal Spott, selten ein Kalauer. Viele Gedichte betonen die K\u00f6rperlichkeit, lassen H\u00e4nde, F\u00fc\u00dfe, Herz und Gehirn agieren sowie die Sinnesorgane Auge und Ohr. Auffallend ist das gro\u00dfe, allegorisch genutzte Tierpersonal: Schafe und L\u00e4mmer, Hunde und Stute, die Nachteule und andere V\u00f6gel, aber auch Schlange und Maus, K\u00e4fer, Biene und M\u00fccke. Die Dichterin spielt in ihren Texten versiert mit Enjambements, gern auch mit Alliterationen, beispielhaft erw\u00e4hnt seien \u201edie flatterhaft fl\u00fcchtige Frau mit Fieberb\u00e4ckchen\u201c, \u201eaufgewacht aufgeklart aufgetreten &#8230; abgestreift, &#8230; abgetrieben\u201c oder die Titel gleich f\u00fcnf einander folgender Gedichte (Nur; Negev, Nachforschungen; Nevada, nowhere; Am Neckar, November), die mit demselben Buchstaben beginnen. Kurzum: Es ist ein bunter Band einer denkw\u00fctigen Poetin und Sprachkritikerin, dessen Lekt\u00fcre Freude macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Anmerkung:<br>Der Verlag hat meine zweimalige Anfrage wegen eines Rezensionsexemplars ignoriert, was eine Besprechung zun\u00e4chst verunm\u00f6glichte. Als ich beil\u00e4ufig Julietta Fix davon erz\u00e4hlte, schenkte sie mir das Buch. Danke Julietta, du bist gro\u00dfartig!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ursula Krechel: <a href=\"https:\/\/jungundjung.at\/beileibe-und-zumute\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Beileibe und zumute<\/em>.<\/a> Gedichte. Jung und Jung Verlag, Salzburg\/Wien 2021. 128 Seiten. Euro 20,-<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ursula Krechel wurde 1947 in Trier geboren und war Theaterdramaturgin. Sie lehrte an der Universit\u00e4t der K\u00fcnste Berlin, der Washington University St. Louis und ist Mitglied der Akademie der K\u00fcnste Berlin, der Deutschen Akademie f\u00fcr Sprache und Dichtung Darmstadt, Vizepr\u00e4sidentin der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Sie lebt in Berlin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monika Vasik liest &#8222;Beileibe und zumute&#8220; von Ursula Krechel im Jung und Jung Verlag<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":9083,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[107],"tags":[216],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>\u201eDie Sprache balanciert auf hochgespanntem Seil\u201c - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2021\/12\/23\/die-sprache-balanciert-auf-hochgespanntem-seil\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"\u201eDie Sprache balanciert auf hochgespanntem Seil\u201c - 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