{"id":9998,"date":"2022-04-16T09:45:00","date_gmt":"2022-04-16T07:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/?p=9998"},"modified":"2022-04-21T14:31:33","modified_gmt":"2022-04-21T12:31:33","slug":"schmitzer-ueber-eisendle-der-gauner-und-die-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2022\/04\/16\/schmitzer-ueber-eisendle-der-gauner-und-die-sprache\/","title":{"rendered":"Der Gauner und die Sprache"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"custom-small-subtitle wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2022\/04\/07\/mitternachtskino\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">S<\/a><a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen-alte-seite\/schmitzer-stefan-2\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">tefan Schmitzer<\/a> \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/autor%e2%80%91innen\/eisendle-helmut\/\">Helmut Eisendle<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Wenn wir im Jahr 2022 auf amazon.de den Namen von Helmut Eisendle eingeben, erhalten wir Suchergebnisse im Umfang von immerhin elf Seiten. Das sind allerdings v. a. Zeitschriften, antiquarische B\u00fccher und gelegentlich algorithmische Irrt\u00fcmer (&#8222;Kuckuck! &#8211; Welches Tier versteckt sich hier?&#8220;). Die einzigen zwei Titel, die es neu \u2013 im Sinn von<em> nicht gebraucht<\/em> \u2013 zu finden gibt, sind der Roman &#8222;Jenseits der Vernunft oder Gespr\u00e4che \u00fcber den menschlichen Verstand&#8220; (Gemini Verlag, 2001) und Eisendles H\u00f6rspiel &#8222;Wie man verschiedene Ger\u00e4usche erzeugen kann&#8220; mit Helmut Qualtinger (&#8222;als Audible-H\u00f6rbuch zum Gratisdownload&#8220;). Selbst jenes &#8222;Glossar \u00fcber die Verwendung von Giftpflanzen f\u00fcr den \u00e4sthetischen T\u00e4ter&#8220; namens &#8222;Tod &amp; Flora&#8220; \u2013 eine Materialsammlung Eisendles aus allerhand botanischen Quellen, die Thomas Eder 2009 f\u00fcr Jung und Jung herausgegeben hat \u2013 m\u00fcssen wir gesondert suchen (der Autor ist zwar vermerkt, scheint aber vom System nicht als derselbe Eisendle erkannt zu werden, der auch jene anderen B\u00fccher \u2026 ach). Was weit und breit nicht aufscheint, sind Neuauflagen eines der zahlreichen Romane und Theater- oder Rundfunktexte des Autors \u2013 von einer Werkausgabe ganz zu schweigen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So r\u00e4cht sich, neunzehn Jahre nach Eisendles Tod, sein zu Lebzeiten so besonders verstreutes, besonders projektbezogenes Publizieren. Es macht den Anschein, die schiere Menge seiner vielf\u00e4ltigen Produktion habe dem Autor zeitlebens strategischeres, gezielter portioniertes Publizieren schwer gemacht. So umfasst sein Werk ganz unterschiedlich situierte Produkte: von der ISBN-losen Kleinauflage im Selbstverlag (oder auch z. B.: &#8222;Reproduktion, Druck und Endfertigung: Grafische Abteilung der Landesberufsschule 7 Graz&#8220;) bis zum Buch bei Fischer, rororo und Residenz ist alles dabei. Dementsprechend st\u00fcnde heute der Personalaufwand, den es mit sich br\u00e4chte, selbst nur mal die verstreuten Rechte an diesem umfangreichen Werk einzusammeln, in einem klaren Missverh\u00e4ltnis zur damit verbundenen Gewinnerwartung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das literarische Schaffen des zeitweilig praktizierenden Psychologen behavioristischer Schule, (in jungen Jahren) Pharma-Handelsvertreters, des Bewohners zahlreicher St\u00e4dte und \u00fcberaus produktiven Impulsgebers der \u00f6sterreichischen Literatur \u2013 es \u00fcberwintert somit f\u00fcrs Erste in den Rundfunkarchiven und Universit\u00e4tsbibliotheken. Das ist so nachvollziehbar wie l\u00e4cherlich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nachvollziehbar ist das als Funktion des tendenziellen Verschwindens einer eigenst\u00e4ndigen \u00f6sterreichischen Literatur. Will sagen: die Tradition von sprachskeptischem Experimentieren <em>als Unterhaltungsprogramm<\/em>, der Eisendle angeh\u00f6rte, droht bei der Lese\u00f6ffentlichkeit ja derzeit eher in Vergessenheit zu geraten, von ein paar Charakterk\u00f6pfen abgesehen, die sich aber auch blo\u00df als Karikaturen im Bewusstsein halten \u2013 Artmann und Jandl sowie, wenn&#8217;s hochkommt, noch Jonke.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zugleich dagegen l\u00e4cherlich ist es, weil hier ein Lebenswerk auf dem Abstellgleis vor sich hin rostet, das instruktiv Anteil an jeder einzelnen entscheidenden Entwicklung \u00f6sterreichischer Literatur als \u00c4sthetik und<em> <\/em>Betrieb von 1970 bis 2000 hatte. Meist an jenen Stellen, wo heute \u00f6sterreichische Gegenwartsliteratur in ihren Hervorbringungen kurz jenen Vorhang l\u00fcftet, der sonst die eigene soziale Eingebettettheit au\u00dfer Sicht h\u00e4lt \u2013 sagen wir: die Existenzen und Lesegeschm\u00e4cker zwischen \u00d61, Universit\u00e4tsmilieu-Jargon, tendenziell r\u00e4udiger Salonparty und unernst weinerlicher Theatralit\u00e4t \u2013 da h\u00f6ren wir formale Impulse fortwirken, die wir zuerst, oder am klarsten, bei Eisendle finden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; ***<\/p>\n\n\n\n<p>Zu diesen Impulsen, die Eisendle nat\u00fcrlich nicht erfunden hat, geh\u00f6rt das gleichzeitige Erf\u00fcllen mehrerer einander scheinbar ausschlie\u00dfender Vorgaben, etwa das Spiel mit au\u00dferliterarischen Sprachregistern und Textsorten <em>als Belletristik<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sein erster Roman, &#8222;Walder oder Die stilisierte Entwicklung einer Neurose&#8220; aus 1972, funktioniert beispielsweise als unterhaltsam inszeniertes Exemplar der Textsorte &#8222;Lehrbuch&#8220; auf dem methodologischen Stand seiner Zeit, mit didaktischer Wiederholung von Schl\u00fcsselw\u00f6rtern, auszuf\u00fcllenden Leerstellen im Text (was zu jenem Zeitpunkt, unter Ber\u00fccksichtigung der je umseitig abgedruckten &#8222;richtigen Antworten&#8220;, keine ganz triviale Herausforderung f\u00fcr den Schriftsetzer gewesen sein kann) und v\u00f6llig transparenten &#8222;Lerninhalten&#8220;. Zugleich ist das Buch aber lesbar als Roman vom Leben und tragischen Sterben eines autorit\u00e4r-sadistisch gepr\u00e4gten Dorfgendarmen, einer archetypischen und dabei individuell doch plausiblen Gestalt. Der mehrfach scharfe Kontrast zwischen den drei konstitutiven Elementen \u2013 einer objektiv l\u00e4cherlichen Figur, einer didaktisch-klinischen Sprache und einer nachempfindbar tragischen Erz\u00e4hlhandlung \u2013 erlaubt uns Leser*innen zwar olympisches Gel\u00e4chter \u00fcber das Leiden des Arschloch-Protagonisten, doch die <em>wahre <\/em>Pointe ist, dass der Text eben zugleich allen intrinsischen Kriterien jener didaktischen Pr\u00e4sentation psychologischer Begriffe gen\u00fcgt. Wir zitieren aus dem ersten Kapitel:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">                                                                                        LS 1\/10\n1    Da dem S\u00e4ugling DENKEN NOCH NICHT M\u00d6GLICH IST, weil ihm\n2    DIE SPRACHE FEHLT, k\u00f6nnen Lernprozesse nur in Form von\n3    Konditionierungen (Strafen schw\u00e4chen unerw\u00fcnschte\n4    Verhaltensweisen - Belohnungen verst\u00e4rken erw\u00fcnschte \n5    Verhaltensweisen) durchgef\u00fchrt werden.\n6    STRAFE oder NICHTBELOHNUNG = SCHW\u00c4CHUNG von bestimmten\n7    Reaktionen\n8    BELOHNUNG = \u2026\u2026\u2026\u2026\u2026 von bestimmten Reaktionen\n                                                                                        LS 1\/11\n9    Mutter \u2026\u2026\u2026\u2026\u2026 wu\u00dfte um diese Tatsache NICHT Bescheid. Wenn\n10    sie glaubte, es sei Zeit, da\u00df Josef seine Notdurft verrichte,\n11    fragte sie denselben: \"MUAST WISCHALN, JOSEF?\"\n12    Josef, des Sprechens unkundig, reagierte nicht, worauf die \n13    \u2026\u2026\u2026\u2026\u2026 annahm, er m\u00fcsse nicht. Die Folge war: Josef n\u00e4\u00dfte\n14    und kotete, zwar seinen biologischen Funktionen gem\u00e4\u00df, aber\n15    gegen den Willen seiner \u2026\u2026\u2026\u2026\u2026 .\n<\/pre>\n\n\n\n<p>Die Inszenierung der tats\u00e4chlichen (also nicht blo\u00df um der Oberfl\u00e4chenkomik halber behaupteten) Binnenlogik eines Tonfalls oder eines Soziolekts als Objekt der Belustigung hat Eisendle wie gesagt nicht erfunden \u2013 wir denken an Artmanns Pastichen, oder an die Rolle, die der Wechsel zwischen Mundart und Hochsprache in Merz&#8216; <em>Der Herr Karl&nbsp; <\/em>spielt \u2013 doch die Anwendung des Prinzips auf wissenschaftliche Fachsprachen und Textsorten scheint (zumindest f\u00fcr den deutschsprachigen Raum, zumindest f\u00fcr jene Generation) auf sein Konto zu gehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Nachwort zur Sammlung &#8222;Die Gaunersprache der Intellektuellen&#8220; aus 1986, die einige seiner H\u00f6rspiele aus den zehn vorangegangenen Jahren umfasst, schreibt Eisendle:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Die formalen und stilistischen Anspr\u00fcche und Bem\u00fchungen derer, die die Sprache \nben\u00fctzen (\u2026), um ein Bild der Welt zu erzeugen, haben oftmals bewiesen, da\u00df alles, \nwas unsereiner mit der Ordnung und der Verwendung des Alphabetes erreichen kann, \nunabdingbar einem Solipsismus angeh\u00f6rt. Selbst die Wissenschaft hat zwar das Private \nund Individuelle dieser solipsistischen Betrachtungsweise einer Welt relativiert, <strong>doch <\/strong>\n<strong>aber nur eine metasprachliche zweite Welt erzeugt, welche die betrachtete Natur <\/strong>\n<strong>zum Teil simuliert, nicht aber abbildbar macht<\/strong>. Da\u00df, von der Literatur her betrachtet, \nder von mir vertretene Solipsismus nur \u00fcber den Verlust der Individualit\u00e4t und \u00fcber eine \nverflachte Verallgemeinerung zum Verstehen f\u00fchrt, hei\u00dft \u00d6ffentlichkeit mit der Etikette \ndes Oberfl\u00e4chlichen versehen. Der Inhalt, das Mitteilenswerte verliert sich durch die \nDekadenz der Sprache zum allgemeinen Gebrauch.<\/pre>\n\n\n\n<p>In jenem Band finden wir unter anderem auch das H\u00f6rspiel &#8222;Obduktion&#8220; aus 1974 (dessen Ursendung \u00fcbrigens zehn Jahre auf sich warten lie\u00df und erst 1985 in einer Produktion aus dem Landesstudio Steiermark ausgestrahlt wurde). Hier ist es die Fachsprache der Pathologie, die literarisch vernutzt wird, und zwar zur Illustration und grotesken \u00dcbersteigerung eines Gestus von, sagen wir, &#8222;wackerem Nihilismus&#8220;: Die zwei Figuren &#8222;Kaiser&#8220; und &#8222;Schubert&#8220; parlieren im Suff \u00fcber die Obduktion, der einer der beiden beigewohnt hat, und mit den dort freigelegten Details menschlicher Anatomie samt den Feinheiten diverser Erkrankungssymptome an den Organen breiten sie einander ihre Weltsicht aus. Die Weltsicht <em>in question<\/em>: sich das allerr\u00e4udigste, jedenfalls ungesunde und &#8222;mit Ansage&#8220; sinnlose Saufen und Kettenrauchen im Wirtshaus zum Triumph der feineren Empfindung sch\u00f6ntrinken, als w\u00e4r&#8217;s der Sieg wahrhaft menschlicher Selbst-Behauptung wider die &#8222;blo\u00dfe Natur&#8220; und den \u00dcberlebenstrieb. Besoffene Romantiker als Selbstmordattent\u00e4ter gegen so \u00fcberkommene Konzepte wie Gesundheit und Wohlbefinden, mit der Beschreibung des zerlegten K\u00f6rpers (der Summe seiner Organe, Schichten und Knorpel) als einer diesseitigen Litanei.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Dreigestirn der einander in komischer Weise gegenseitig ausschlie\u00dfenden Momente im Text ist hier: erstens ein l\u00e4cherlich \u00fcbersteigertes Selbstgef\u00fchl der zwei S\u00e4ufer, als w\u00e4ren sie todesverachtende Helden, zweitens das faktische Korrelat solchen Heldentums \u2013 ihre wahrhaft banale Wirtshaushockerei \u2013, und drittens die k\u00fchl beschreibende Fachsprache der Pathologie als, ganz w\u00f6rtlich, das wissenschaftliche Bild vom Menschen\u2026&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Silvia Stecher und Tanja Peball haben im Zuge einer mehrt\u00e4gigen Veranstaltungsreihe zu Eisendles achtzigsten Geburtstag 2019 in Graz dieses H\u00f6rspiel als szenische Lesung inszeniert, \u2013 der Verfasser dieser Zeilen durfte bei dieser Gelegenheit die aus dem Dialog geschnittenen Obduktionsschilderungen vortragen, mit dem R\u00fccken zum Publikum zwischen den zwei Trinker(inne)n sitzend. Die \u00dcbertragung des H\u00f6rspiels in den Raum physischer Pr\u00e4senz lenkte mitnichten vom programmatisch strengen Charakter des Gebildes ab; der Unterhaltungswert war trotzdem enorm. (Von mir) nicht mehr festzustellen ist, ob im Zuge des anschlie\u00dfenden Filmabends im Forum Stadtpark auch Peter Zachs legend\u00e4rer Dokumentarfilm \u00fcber den Autor gezeigt wurde, &#8222;Der Abendl\u00e4nder&#8220; aus 2001, der Material aus 16 vorangegangenen Jahren zu einem &#8222;Roadmovie nach Europa&#8220; organisiert. Dass mit Heinz Trenczak einer der Kameram\u00e4nner jenes Films die posthumen Geburtstagsfeierlichkeiten 2019 mitorganisierte, legt es allerdings nahe \u2026 Auff\u00e4llig war bei jener Gelegenheit die Anwesenheit und das gedeihliche Nebeneinander von Vertreter*innen sehr unterschiedlicher Herangehensweisen an das <em>Ding <\/em>Kunst (nicht nur Sprachkunst) \u2013 Eisendle hatte, wie greifbar wurde, Spuren in weit voneinander entfernten Denkwelten hinterlassen. <em>&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; ***<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Programm entfaltet wie angedeutet seinen vollen Unterhaltungswert erst in der Reibung zwischen den Registern, mithin nicht direkt im Ausgesprochenen. Das wirkt auf den ersten Blick auch dann &#8222;anspruchsvoll&#8220;, wenn es das tats\u00e4chlich nicht ist, ja sogar, wenn die Absage an &#8222;Anspruch&#8220; und Bildungsballast inhaltlich gerade das Thema darstellt. Eisendle war eine doppelte Offenheit zu eigen:&nbsp; einerseits zur technisch gewendeten Aufkl\u00e4rung, zur klaren, scharfen und unsentimentalen Moderne hin, und andererseits zum Erbe der Kabarett- und Pawlatschenb\u00fchnen als Orten \u00e4sthetischer Selbstvergewisserung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erfordert genaue Lekt\u00fcren. Erst ihnen erschlie\u00dft sich, wenn in der Fachsprache die Kasperlefiguren zu sich kommen, oder erst im wienerischen Raunzen die Wissenschaften verst\u00e4ndlich werden. Das Zauberkunstst\u00fcck besteht, wie wir oben gesehen haben, im Erf\u00fcllen der Satzungen der einen Textsorte, indem den Regeln einer anderen gefolgt wird. Das ist nicht <em>nur<\/em> Jonglage, sondern schon auch Hermeneutik.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Eisendles Literatur trotz allem diesem als Beispiel einer mehrheitsf\u00e4higen Position \u00f6sterreichischer Literatur \u2013 \u00fcberhaupt: \u00f6sterreichischen Unterhaltungsprogramms \u2013 dienen kann, verdankt sich einer Reihe von Kontingenzen der Mediengeschichte der Nachkriegszeit bei uns. Unter ihnen: die Funktion der Theater und Kabaretts als Personalreserve f\u00fcr den ORF, der wiederum das Medium der Selbstvergewisserung der jungen Republik war, zwanzig Jahre, bevor Eisendle anfing zu schreiben. Auch unter ihnen: das Hintergrundrauschen des kalten Krieges in den siebziger und achtziger Jahren (und eigentlich w\u00e4re an dieser Stelle ein Exkurs in der ungef\u00e4hren L\u00e4nge einer Dissertation f\u00e4llig).<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Zusammenhang ebenfalls zu betonen: die Rolle des produktiven Missverst\u00e4ndnisses zwischen Verfasser*in und Rezeption. Es vollzieht im Wesentlichen den weiter oben beschriebenen Kippeffekt zwischen den gleichzeitig pr\u00e4senten Textsorten nach, wird aber nicht planvoll vom Autor ins Werk getragen, sondern &#8222;urw\u00fcchsig&#8220; von den Rezipient*innen ins Werk projiziert. Es f\u00fchrt etwa dazu, dass der theoretische Gehalt eines Werks \u2013 bei Eisendle stets auf der H\u00f6he akademischer und quasi-politischer Diskurse, die das Wesen von Sprache und Wirklichkeit betreffen, Fragen von freiem Willen und Determiniertheit \u2013 sich auch als blo\u00df schrullige Spielvorlage nehmen l\u00e4sst, die keinen Zweck hat als das Vorbereiten der besonders &#8222;treffenden&#8220;, lustigen Pointe. Der Theoretiker des <em>linguistic turn <\/em>wird seinen Lesern zum Gaukler, die Intellektuelle (siehe jenen Buchtitel) zur Sprecherin einer <em>Gaunersprache<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>(Jandl plagte sich zeitlebens mit einem \u00e4hnlichen Missverst\u00e4ndnis \u2013 als w\u00e4re die Reduktion der Sprache auf ihre Materialit\u00e4t blo\u00df heiter, und nicht zun\u00e4chst bedrohlich \u2026)<\/p>\n\n\n\n<p>Einlassungen \u00fcber Sch\u00f6nheit und Machart eines bestimmten Bildes oder \u00fcber die statischen&nbsp; Eigenschaften einer Br\u00fccke nehmen meist nicht selbst die Gestalt von Bildern oder Br\u00fccken an. \u00dcber sprachliche \u00c4u\u00dferungen dagegen, ach, \u00e4u\u00dfert man sich am trefflichsten in wieder anderen sprachlichen \u00c4u\u00dferung. Dieses Doppelcharakters der Sprache \u2013 als Medium und zugleich als Objekt der \u00c4u\u00dferung \u2013 bediente sich Eisendle h\u00e4ufig, und bewegte sich damit, wie schon skizziert, auf dem Boden von Sprachkritik und Sprachskepsis.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Gef\u00e4ngnis der Sprache gibt es kein Entkommen, zumindest nicht durch <em>noch mehr <\/em>oder <em>noch genauere Sprache:<\/em> jedes Zeichen meint, siehe weiter oben, stets nur andere Zeichen. Zugleich werden und m\u00fcssen wir uns doch irgendwie in einer nicht-nur-sprachlichen Welt orientieren und verhalten, m\u00fcssen uns unserer selbst vergewissern und miteinander verst\u00e4ndigen. Konsequenterweise l\u00e4uft das \u2013 wenn wir das Gef\u00e4ngnis erst einmal als ein solches erkannt haben \u2013 entweder auf individuell vors\u00e4tzliches Dummstellen hinaus, oder zweitens auf unbek\u00fcmmert hohlen Pathos, oder drittens auf sprach- und handlungsloses Mystifizieren, oder zuletzt viertens auf die Schreckensvision einer &#8222;Uhrwerkwelt&#8220;, in der sich menschlich-gesellschaftliches Leben, ja der Ablauf der Historie selbst als blo\u00dfe Folge sprachlicher Eigengesetzlichkeiten sozusagen automatisch vollzieht, ohne Bewusstsein oder Einspruchsm\u00f6glichkeit der humanen Scheinsubjekte, die so determiniert von den Launen ihrer Sprache sind wie Tamagotchis von denen ihrer Spieler*innen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In einem weiteren Sinn unterhaltende Literatur, die mit diesen Ans\u00e4tzen (anschlie\u00dfend an Mauthner, Hofmannsthal, Marianne Fritz und, eben, Eisendle) bewusst umgeht, scheint zumindest mir selten geworden zu sein. Freilich gibt es zeitgen\u00f6ssischere Ans\u00e4tze, um an die die Grenzen des sprachlich M\u00f6glichen zu gehen \u2013 jene Textplaneten, die sich in den letzten zehn, f\u00fcnfzehn Jahren in Schwerkraftsch\u00e4chten um die Schlagworte <em>Anthropoz\u00e4n<\/em>, <em>Cyborg,<\/em> und <em>nature writing <\/em>gebildet haben. Sie stimmen zwar mit jenen \u00e4lteren Impulsen der Sprachskepsis in der Wahrnehmung der un\u00fcberschreitbaren Schwelle zwischen Rede und Welt \u00fcberein \u2026 dies dann aber eher, scheint&#8217;s, als Fachproblem f\u00fcr die genaue Weltbeschreibungen an der Grenze dessen, was der Mensch (zwischen Tier, Maschine, unbelebtem Staub) w\u00e4re oder nicht mehr w\u00e4re. Die Alltagsrede dieses Menschen \u2013 seine &#8222;Menschlichkeit&#8220; \u2013 bliebe dabei von den aufgeworfenen Schwierigkeiten unber\u00fchrt, und er wird mitsamt seiner urw\u00fcchsigeren Sprache (zugleich auf gut \u00f6sterreichisch und der Sache angemessen)<em> im Kraut gelassen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; ***<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend: Die Wurzeln zeitgen\u00f6ssischer \u00f6sterreichischer Literatur, inklusive ihres Mainstreams, reichen <em>auch<\/em> zur\u00fcck in diese eine Schreib- und Denkweise, mit der eine Alltagswelt &#8222;realistisch&#8220; abgebildet und unterhaltsam inszeniert werden konnte, die vor sich selbst begrifflich und existenziell unhaltbar geworden war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dass das greifbare Ged\u00e4chtnis dieser Schreibweise, das aufgefaltete Elaborat jener Unhaltbarkeit (die ja seitdem nicht etwa verschwunden w\u00e4re) in Form literaturwissenschaftlich weiterhin rezipierter B\u00fccher wie <em>Das nachtl\u00e4ndische Reich des Doktor Lipsky<\/em> oder <em>Der Narr auf dem H\u00fcgel <\/em>blo\u00df noch antiquarisch vorliegt, ist tats\u00e4chlich ein Witz; einer, aus dessen Pointe Eisendle ein H\u00f6rspiel gemacht haben k\u00f6nnte.Um zu allem diesem Doktor Ganser zu zitieren, in einem <em>fast <\/em>wahllos herausgegriffenen Auszug aus Eisendles Dramolett &#8222;Abendwien oder Die sch\u00f6nste Landschaft ist das Hirn&#8220; (entnommen der Sammlung &#8222;Antropophagen im Abendwind&#8220; aus 1988, die den Text von Nestroys Operette &#8222;H\u00e4uptling Abendwind oder Das Greuliche Festmahl&#8220; sowie zeitgen\u00f6ssische &#8222;Antworten&#8220; darauf von Eisendle, Jelinek, Mon\u00edkov\u00e1 und Pastior umfasste):<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">DR. GANSER <em>st\u00fctzt seinen Kopf in die H\u00e4nde<\/em>: Langsam wie es einem Verstorbenen \ngeb\u00fchrt, trete ich meinem Ich nahe, diesem M\u00f6rder-Ich. Ich f\u00fchle mich dabei wie ein \nedles Gespenst, ein Einhorn vor diesem ehrlos verblichenen Ding, das man Ich oder \nSeele nennt \u2026\nDR. HIRSCHFELD: Aber Herr Kollege, wer wird denn? Was denn? Was ist denn? \nEs ist doch alles in Ordnung?\nANITA: Doktorchen, bist du traurig?\nNOTZING: Er denkt zu viel.\nSCHRENCK: Er trinkt zu viel.\nANITA: Er liebt zu wenig.\nDR. HIRSCHFELD: Herr Kollege, ich bitte Sie, Beherrschung. Nehmen Sie Haltung an. \nIch bitte Sie. \nDR. GANSER: Die Wirklichkeit hat sich gegen mich verschworen.\nDR. HIRSCHFELD: Welche Wirklichkeit?\nDR. GANSER schreit: Mein Ich, mein Ich, mein Ich ist ein fressendes, gefordertes Opfer. \nOpfer und T\u00e4ter zugleich.\nNOTZING: Ich trinke auf die Dummheit der Intellektuellen, Prosit.\nDICK: Bravissimo.<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Der Gauner und die Sprache&#8220;<br \/>\nStefan Schmitzer \u00fcber Helmut Eisendle<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":10053,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[430,109],"tags":[453,152],"thb-sponsors":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v20.6 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Der Gauner und die Sprache - Poesiegalerie<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Stefan Schmitzers Essay analysiert das Werk von Helmut Eisendle in der \u00f6sterreichischen Tradition des sprachskeptischen Experimentierend\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.poesiegalerie.at\/wordpress\/2022\/04\/16\/schmitzer-ueber-eisendle-der-gauner-und-die-sprache\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Gauner und die Sprache - 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