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Doch dann werde ich erstens stur und zweitens wütend

Doch dann werde ich erstens stur und zweitens wütend

Judith Nika Pfeifer im Gespräch mit Udo Kawasser über Kreativität und Prekariat

Wie würdest du deine künstlerische Tätigkeit mit wenigen Worten beschreiben?

Puh, das ist gar nicht so einfach… Ich habe das Gefühl, ich habe Ideen, unglaublich viele Ideen und schaue dann, was davon und wie ich das umsetzen kann, in welcher Form auch immer.

Wäre Dichterin eine Bezeichnung, die deine Tätigkeit beschreibt?

Wenn man so will, ist einer meiner Hüte Dichterin und ein weiterer ganz allgemein Künstlerin. Ich mache ab und zu kurze Videos, Radioarbeiten, zeichne Comics. Eigentlich dreht sich alles ums Schreiben, das dann andere Formen annehmen kann. Etwa wenn ich einen Auftrag vom Literaturhaus Wien bekomme und einen Beitrag zu einer Ausstellung schreibe oder auf eine Anfrage hin eine Performance in den Sophiensaelen in Berlin zur Verschwörung der Idioten konzipiere. Ich überlege, wie sich das, was mich interessiert, umsetzen ließe, frage mich, welche Gestalt etwas annehmen kann. Wird es etwas Radiophones, wird es etwas Auditives, wird es etwas Bildhaftes, wird es etwas Performatives? Die Gestalt kann sehr variieren.

Deine künstlerische Vielseitigkeit hat ja handfeste biographische Gründe. Du bist über den FM4 Protestsongcontest zuerst einmal in die Musik eingestiegen und hattest über Jahre eine Band mit dem Namen Maronif. Wie kamst du dann zur Literatur?

Nachdem sich die Band aufgelöst hatte, hörte ich von der schule für dichtung-Klasse „Orpheus in Eurydike“ von Ernst Molden und Augusta Laar und dachte, vielleicht geht es ja anders weiter und mache was mit Musik und Text, aber ohne zu singen. Oder singe doch ein bisschen – so landete ich in Ernst Moldens Songklasse. Aber was die Münchnerin Augusta Laar in ihrer Dichtungsklasse tat, hat mir auch total gut gefallen, sodass ich am Schluss bei beiden mitmachte. So bin ich über die fantastische Augusta Laar zu den Gedichten gekommen. Zuerst dachte ich mir, well, Dichter ist kein Job. Wer wird schon Dichter? Die meisten sind tot und man hört auch sonst wenig von ihnen. Ich fand es aber so cool, dass es Augusta gibt, die als Dichterin und Künstlerin lebt und die ein großes Vorbild ist und die meinte: „Na klar geht das, mach einfach.“

Und geht das?

Ja, es ist eine sehr kreative und freie Art zu leben und zu arbeiten. Leben und Arbeiten lassen sich nicht trennen. Man hat keine Wochenenden, keinen Urlaub, kein Urlaubsgeld, kaum Aussicht auf eine Rente/Pension. Nach Augustas & Ernsts Klasse habe ich neben weiteren schule für dichtung-Klassen dann auch Seminare am Institut für Sprachkunst belegt und die Leondinger Akademie für Literatur absolviert, dabei ganz famose Autor*innen kennengelernt, die über ihr Schreiben & Wirken neue Welten entwerfen. Das waren und sind bis heute unglaublich wichtige Begegnungen und Erfahrungen für mich. Meine Arbeit, mein Tun ist mein Leben. Und das ist unglaublich reich, bunt, divers, voller spannender Facetten und sehr prekär. Eigentlich super-prekär. Doch ich habe gelernt, die Freiheiten zu schätzen, die es trotz aller Begrenzungen gibt.

Welche Freiheiten sind das?

Das spielt sich vor allem im Kopf ab und vielleicht sind es auch eingebildete Freiheiten. Wann immer ich angestellt war – auch wenn ich dabei sehr gute Erfahrungen gemacht habe – begleitete mich das Gefühl, dass ich nicht ganz bei mir bin, dass ich fremdbestimmt bin. Und das ist die Freiheit an meinem Tun, nämlich dass ich bis zu einem gewissen Grad weiß, warum ich etwas mache. Ich kann wählen, mit wem ich zusammenarbeite, und sollte das auch im Prozess zu toll werden, was mir zum Glück noch nie passierte, weiß ich, dass es nur temporär ist. Das macht die gemeinsame Zusammenarbeit und geteilte Zeit auch so wertvoll. Man lernt extrem viel von anderen. Ich kenne viele Dichterinnen und Dichter, die Null Geld haben und bei denen ich mich frage, wovon sie überhaupt leben. Doch unter den Prekären gibt es eine ganz starke Solidarität und einen Zusammenhalt, weil wir alle wissen, wie arg es ist, so zu leben. Das ist auch eine Form von Widerstand, weil es etwas gibt, das wichtiger ist als dieses System. Mir sind andere Dinge wichtig geworden und ich denke nicht, dass ich mir da etwas schönrede.

Es dreht sich ständig darum, wer bekommt wieviel, welche Art der Tätigkeit hat welchen Stellenwert in unserer Gesellschaft und wird wie belohnt. Neid, Missgunst, Jammern halten einen immer in einer Art Opferrolle und Mangeldenken. Dabei sind Geld und Arbeit schon lange entkoppelt. Es geht auch um die innere Freiheit und darum, das Selbstvertrauen zu haben, das was einem wichtig ist, zu leben. Auch anders zu denken, aus dieser Künstler-sind-arm-Rolle auszusteigen. Es ist so viel komplexer. 

Und was ist wichtig?

Das klingt jetzt vielleicht kitschig: Begegnungen. Eine Wertschätzung von Dingen, die jenseits des Monetären liegen, die auch komplett abseitig, flapsig, humorvoll sein können. Das Schöne, das in allem steckt, zelebrieren, das, was das Leben ausmacht.

„Mein Leben ist unglaublich reich, bunt, voller Facetten und sehr prekär. Eigentlich super-prekär.“
Judith Nika Pfeifer beim Interview im Wiener Café Sperl
©Foto: poesiegalerie

Inwiefern ist das Leben für dich prekär?

Naja, wenn man etwa nicht weiß, wie man überleben soll, was am Ende des nächsten Monats passiert. Ob wieder Geld reinkommt oder nicht. Ob man auf der Straße steht, ob man Geld zum Essen hat. Wie man bzw. ob man, die Miete bezahlen kann…

Und diese Situation trifft öfter bei dir ein?

Ja, das passiert öfters. Doch dann werde ich erstens stur und zweitens wütend und denke mir, ich habe es bisher geschafft und es wird weitergehen. Das gibt mir Kraft. Denn ich weiß genau, was ich will, nämlich das machen und so leben, wie ich es jetzt tue. Ich arbeite enorm viel, habe keine Wochenenden, keine Ferien, komme dennoch durch die Welt. Wie gesagt, ist Arbeiten und Leben miteinander verbunden. Das ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man fremdbestimmt ist. Und dort will ich nicht mehr hin. Auch wenn es eine Illusion ist, weil wir ja ohnehin alle immer zugleich selbst- und fremdbestimmt sind. Bei allen Einschränkungen fühle ich mich sehr reich und vom Leben beschenkt, habe das große Glück, Arbeits- und Projektstipendien bekommen zu haben. Es geht mir also gut. Auch wenn es sehr anstrengend ist, diese Art zu leben bringt einen dazu, im Hier & Jetzt zu leben. Und man fragt sich: Was schneit wohl als nächstes Wunder in mein Leben? By the way: Das Durchschnittsalter von Autor*innen liegt bei 63 Jahren. Oder waren es Journalist*innen?

Wie geht frau damit um, wenn monatlich nur ein paar Hundert Euro hereinkommen?

Less is more ist eine wichtige, auch sehr befreiende Grundhaltung und zu wissen, wo die eigenen Grenzen sind. Es gibt verschiedene Wege des Umgangs. Einer wäre, das Konto aufzufüllen, bevor man sich wieder in ein Abenteuer oder Projekt stürzt und schaut, wie lange es sich ausgeht. Dann muss man halt wieder von vorne beginnen. Andererseits gibt es Leute, die auf Nummer sicher gehen und einen Basisjob haben, etwa bei einer Nachrichtenagentur wie Sonja Harter. Auch Monika Rinck war lange bei einem Radiosender angestellt. Und dann gibt es Spielernaturen, die versuchen, von Stipendien zu leben und immer wieder vor dem Abgrund stehen, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Anderen wiederum gibt eine Anstellung, vielleicht auch eine halbe Stelle die nötige Freiheit und Sicherheit, ihre Kunst zu machen. Es gibt so viele unterschiedliche Strategien und Wege wie es Lyriker*innen bzw. Künstler*innen gibt. Und: Es gibt ja auch materiell und sonstwie reiche Menschen unter ihnen.

Wie findest du es, dass du nicht vom Verkauf deiner Texte leben kannst?

Es ist gut, diese Frage zu stellen, weil es eigentlich als „Normalzustand“ angenommen wird. Ich denke, dass die Gesellschaft das, was Lyrikerinnen und Lyriker machen, meist als Liebhaberei oder Hobby ansieht. Das ist auch kein neues Phänomen. Für mich hingegen ist das ganz klar ein Beruf, weil es Arbeit ist, auch wenn sie Spaß macht. Es ist sehr hart, in diesem Beruf zu bestehen, zu überleben. Ich weiß, dass andere, ja dass ganze Branchen von Künstler*innen leben. Und auf deren Schaffen angewiesen sind Festspiele, Literaturhäuser, Verlage, die uns veröffentlichen. So gesehen bekommen Verlage Verlagsförderung, weil es Menschen gibt, die schreiben. Würden wir nichts schaffen, gäbe es den Verlag nicht. Und auch oder gerade weil ich weiß, dass es auch für Verlage, vor allem Lyrikverlage ganz schön hart ist, zu überleben, fühle ich mich trotz aller finanzieller Einschränkungen beschenkt, dass meine Texte veröffentlicht werden. Vieles hängt auch von der Bereitschaft oder Fähigkeit oder vom Wissen ab, wie man sich vermarktet. Und von der Realität, dass etwa Gagen von Festivals oder Honorare von Workshops im Vergleich zu Buchverkäufen einfach den Hauptteil an den Einnahmen ausmachen.

Könntest du dir vorstellen, das Schreiben aufzugeben?

Das geht gar nicht. (Lacht) Ich könnte es gar nicht aufgeben. Das weiß ich ganz sicher. Das Schreiben ist so sehr mit meinem Leben und Sein verbunden, dass ich keinen Sinn mehr hätte, wenn ich es aufgeben würde. Es ist mein Leben, der Grund, warum ich auf der Welt bin. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mir aussuchen könnte, wie ich bin. Oder nur bis zu einem gewissen Grad.

Und wie steht es mit der Aufmerksamkeit für deine Kunst?

Im Literaturbetrieb steht die Lyrik am unteren Ende der Aufmerksamkeitsskala. So läuft die Welt, der Betrieb sehnt sich nach Neuem, nach dem neuen Roman… In Sachen Lyrik fühle ich mich supergut aufgehoben, kenne unglaublich spannende Leute, die selbst organisiert coole Sachen machen und durch ihr Tun und Schreiben die Welt erweitern. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass die Lyrik wieder sichtbarer ist. Es gibt einen Lyrikboom, viele kleine, aber sehr feine Festivals, engagierte und rührige (Indie) Verlage, mehr und mehr Lyrikmagazine, auch online…

In Österreich?

Auch in Österreich, aber vor allem in Deutschland und im angloamerikanischen Raum, Festivals, Lesebühnen, Poetry Open Mics und community-organisierte Events. In Indien, wo ich vergangenes Jahr mit einer Residency vom Goethe Institut war, gibt es kaum, so gut wie gar keine staatlichen Förderungen für Künstler*innen und dennoch haben sie eine erstaunlich lebendige Szene. Auch in den USA funktioniert es über andere Strukturen, viel läuft über sehr engagierte Einzelpersonen, über Stiftungen. Das ist eine tolle Entwicklung, auch wenn der Literaturbetrieb etwas starr ist, einer, der vor allem auf den Roman fokussiert und stark über Marketing funktioniert: Da kommt ein Buch raus, das Schema F erfüllt – das ist für mich eher unspannend, weil meist wenig risikofreudig, kaum bis gar nicht experimentell. Ich fühle mich dann so, als ob ich Schablonen lese, spüre die Absicht.  Verlage sagen oft, sie wüssten, was Leser*innen wollen. Und das Bescheuerte ist: Wenn man „weiß“, was „gewünscht“ wird, gibt es auch keinen Wunsch oder Mut zur Weiterentwicklung von Formen. Da springen viele Verlage nicht wirklich an. Lesen Lesende zwangsläufig das, was Verlage veröffentlichen oder veröffentlichen Verlage das, was sich die Lesenden vermeintlich wünschen? Und wie positioniert man sich als Schreibende in diesem Feld? Ich sehe da schon eine nachhallende und homogenisierende Wirkung. Wie kommen wir aus unseren literaturbetrieblichen Echokammern heraus? Buchmärkte funktionieren auch je nach Sprachraum und Land sehr unterschiedlich. Finnland ist, was ich gehört habe, sehr offen für experimentellere Literatur und Lyrik. 

Wie würdest du deine Literatur beschreiben?

Woran ich interessiert bin, ist im Grunde genommen, Möglichkeiten zu finden, etwas neu und anders zu sehen, einzugreifen, etwas zu ändern, zu vermitteln, zu verbinden: Menschen, Geschichten, auch, um mich zu positionieren und neu, anders auszudrücken. 

Ich habe einen sehr breiten Poesiebegriff, halte mich gerne an H.C. Artmann, der 1953 in seiner Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes meint, „dass man Dichter sein kann, ohne auch irgend jemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben“. An Ide Hintze, Dichter, Mitgründer und langjähriger Leiter der schule für dichtung, der die sehr ausdrucksstarke Mimik von Pierluigi Collina, einem italienischen Schiedsrichter als „Gesichtspoesie“ bezeichnete. Für mich ist Poesie die Kunstform von Sprache und von vornherein mehrmedial ausgestattet. Spannende Impulse kommen aus der digitalen Welt, etwa was Jörg Piringer macht oder Heike Fiedler, Marc Matter oder im Analogen Cia Rinne, weitere Impulse kommen aus der Musik: Saul Willliams, Kate Tempest, über Audio-Video-Techniken, über Remixes, Sampling, Morphing oder Cut-up, eine Technik, die bereits in den 1920er Jahren von Tristan Tzara in dem kurzen Text To Make a Dadaist Poem vorgestellt wurde und später bei den Beat Poets zur Blüte kommt. Über diese Techniken wird das Wort, auch das gedruckte, bereichert, erweitert, neu abgemischt und anders, frisch zugänglich gemacht. Ich sehe das als eine wunderbare Erweiterung der poetischen Ausdrucksmöglichkeiten – als eine Art interface between page and stage.

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.


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