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Helmut Neundlinger über Susanne Toths Gedicht „noch ist nicht“


Susanne Toth: noch ist nicht („End“-Stufe)

In dem Gedichtband „Wir sind“ (fabrik.transit, 2018) der Lyrikerin und bildenden Künstlerin Susanne Toth findet sich auf Seite 28 ein Arrangement, das den Entstehungsprozess eines Gedichts ins Bild setzt. Die Begriffe „Arrangement“ und „Bild“ verweisen bereits auf eine herausfordernde Ausgangslage: Die Arbeit der Interpretation beginnt in diesem Fall als Bildbeschreibung. Das abgedruckte Gedicht ist von den Faksimiles seiner Vorstufen umgeben, und zwar in einer graphischen Anordnung, die der Seite den Charakter eines Schriftgeschehens verleiht. Drei handschriftliche Versionen und ein Computerausdruck mit handschriftlichen Ergänzungen versammeln sich um die endgültige Version des Gedichts und stellen dessen „Endgültigkeit“ auf diese Weise in Frage. Genauer gesagt bilden sie einen graphischen Kommentar zum „End“-Text, der nicht mehr und nicht weniger aussagt als seine eigene Unfertigkeit: „noch ist nicht / alles hier / wo es sein will“, lautet der dreizeilige Eröffnungsblock. Und der Reigen der Vorstufen vermittelt einen genauen Eindruck davon, wie die Autorin mit der Anordnung der einzelnen Zeilen und Elemente des Gedichts lustvoll ringt. „HIER noch nicht / alles wo es sein will / wird schon wird / schon // arbeit / in arbeit“ – bei der unmittelbar unter dem Endprodukt angebrachten Variante dürfte es sich um das Urnotat des Gedichts handeln. Und in diesem Nucleus ist auch schon alles vorhanden: der Verweis auf den poetischen Eigensinn der Sprache („alles wo es sein will“ heißt es hier, und nicht „soll“), das geduldige Sich-selbst-Zusprechen („wird schon“), der verspielte Ausdruck der Mühsal des Schaffens („arbeit / in arbeit“). 

Es ist, als würde das Gedicht selbst die Dichterin ermutigen, ihre „Care-Energy“ anfeuern, die es braucht, um das Werden in der Sprache zu begleiten. Von Stufe zu Stufe variieren die Elemente ihre Positionen, erproben neue Beziehungskonstellationen, und es lässt sich auf einen Blick kaum entscheiden, welche Variante „stimmiger“, „gültiger“ oder gar „richtiger“ ist. Insofern traf die Autorin eine konsequente Entscheidung, als sie beschloss, die Vorstufen und Varianten in ihrer jeweiligen Form im Spiel zu halten. 

In der editionswissenschaftlich und archivarisch unterfütterten Philologie entwickelte sich zuweilen eine regelrechte Euphorie hinsichtlich der Methode der Schreibprozessforschung – und der dahinterliegenden Annahme, über die genaue Beschreibung des Entstehungsprozesses gleichsam die DNA des literarischen Textes knacken zu können. In gewisser Hinsicht antwortet Susanne Toth mit ihrem Text-Bild indirekt auf die ewige Frage nach dem Handwerk der Kreativität: Was ist ein (literarischer) Einfall, und auf welche Weise erhält er im Lauf des Schreibprozesses eine (literarische) Form? Im Fall von „noch ist nicht“ hält uns die Autorin mit sanfter Koketterie in der Warteschleife („please – be patient!“), nicht ohne uns den Schwebezustand, das kreative Vorluststadium, materialreich zu versüßen. 

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Es sind wahrlich intime Blicke, die sie uns hinsichtlich ihrer Arbeitsweise gewährt, und in diesem Punkt korrespondiert das Arrangement des Notierens, der Akt des beinah selbstvergessenen Aufsammelns der eigenen Spuren dem multiplen Programm von Susanne Toths Poetik: Nichts Fertiges wird hier kredenzt, sondern dem Offenen, der Vielfalt, der Vielsprachigkeit gedient (daher auch der selbstverständliche Einsatz des Englischen als Korrespondenzsprache). Überhaupt korrespondiert so viel in Susanne Toths Werk: Sprache und Bild, Zeichnung und Schrift, Fotografie und Objekt – in diesem Kosmos herrscht eine radikale Egalität der Mittel und Zwecke. Wie ein Echo hallt drei Seiten nach „noch ist nicht“ ein Kürzestgedicht mit dem Titel „SHAPESHIFTER“ wider: „bleib / nie lang // in einer / Form“. „Wird schon, wird schon“, möchte man da gleich sanft und verschmitzt zurückmurmeln. 

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