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wenn alles reißt, sich auflöst, zerfällt

wenn alles reißt, sich auflöst, zerfällt

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Monika Vasik liest neue Gedichte von Cvetka Lipuš


„Komm, schnüren wir die Knochen“ ist der sechste Lyrikband, den die in Salzburg lebende Kärntner Slowenin Cvetka Lipuš in deutscher Sprache vorlegt. Das Original erschien bereits 2010 unter dem Titel „Pojdimo vezat kosti“ und wurde, wie ihre früheren Bücher, von Klaus Detlef Olof übertragen. Auffallend ist das nichtchronologische Erscheinen der Übersetzungen ihrer Werke. So ist ihr letzter, 2017 im Drava Verlag veröffentlichter Lyrikband „Wer wir sind, wenn wir sind“, dessen slowenisches Original 2015 publiziert wurde, deutlich jünger, als der nun vorliegende Band. Beide Bücher allerdings umkreisen und stechen mitten hinein in dasselbe Thema: die Brüchigkeit der menschlichen Existenz und die Fragilität unserer Körper und Seelen.

Der aktuelle Band ist großzügig gestaltet. Die Gedichte sind auf der rechten Seite gedruckt, daneben könnten die slowenischen Originale stehen, doch die linken Seiten blieben frei, was Raum für Notizen schafft oder für ein Innehalten des Blicks bei der Lektüre. Das Buch enthält eine Sammlung von Gedichtzyklen und Einzelgedichten, in deren Mittelpunkt oft ein lyrisches Ich steht, das manchmal ein Du oder Wir adressiert oder von einem Er erzählt. Dieses Ich ist in den meisten Texten deutlich als jenes einer Frau zu erkennen. Es konstatiert mit gleichsam sezierendem Blick Bedrohungen im Inneren des eigenen Körpers, das Auseinanderdriften von Muskeln, Knochen, Nerven und anderen Organen, und spürt dem Aufruhr bis auf die Ebene der einzelnen Zelle nach.

© Copyright Otto Müller Verlag

Das „in Eile zur Passform zusammengestückelte / Ich“ hat Mühe, sich als Einheit zu erhalten und „den inneren Unfrieden“ zu verbergen. Es wird hin- und hergerissen zwischen Momenten „gesäumt / mit Erwartung“, dem Fallen aus allen Wolken und Momenten des Blues, dem mit Sinnsprüchen nicht beizukommen ist, etwa dem

Herunterbeten des Mantras / nur den Kopf hoch / nur immer den Kopf hoch

All dies verdichtet Lipuš in poetischen Beschreibungen und Auseinandersetzungen, oft auch Anrufungen, mal nüchtern und lakonisch, mal flapsig oder in hohem Ton, immer wieder ins Surreale gewendet, zuweilen märchenhaft und mit traumähnlichen Sequenzen durchsetzt. Durch den melancholischen, gelegentlich ans Nihilistische rührenden Grundklang tönt sacht immer wieder trockener, ja geradezu spröder Humor durch. 

Der Titel „Komm, schnüren wir die Knochen“ ist eine Anrufung. Das Ich richtet sich an eine andere Person, weiß sich in seinem Lebenskampf also meist nicht allein und obendrein in einer Generationenfolge verortet. Im Buchtitel schwingt zudem die Redewendung mit, dass man nackt bis auf die Knochen sei, sich zumindest so fühle. Auch das Ende des Lebens wird mitgedacht

wenn ich eine Schicht tiefer übersiedle, eine Schachtel
Knochen ohne Herzschlag.

Das Wort „schnüren“ wiederum kennen wir vom Binden der Schuhe. Es bedeutet, etwas zusammen- oder festbinden, hier eben (oder wenigstens noch) die Knochen, diese vielleicht nur mehr mit zähem Willen und der gespannten Haut zusammenzuhalten. Es bezeichnet aber auch das langsame Laufen von Füchsen, Wölfen und Luchsen, die sich im sogenannten Schnürgang bewegen und dabei, anders als Hunde, die Hinterläufe passgenau in den Abdruck der Vorderläufe setzen. In manchen Wander- und Volksliedern steht das Wort „schnüren“ als Zeichen des Aufbruchs, etwa im Lied „Heute wollen wir das Ränzlein schnüren“, ein Aufbruch, der in den vorliegenden Gedichten immer wieder angestimmt wird. Den Buchtitel finden wir leicht verändert („schnüren auch wir“) in einem siebenteiligen Gedichtzyklus wieder, der u.a. Prägungen durch ein von Religion, Autoritäten und mannigfaltigen, heute „leicht ergrauten / Ängsten“ bestimmtes Aufwachsen verdichtet, die von Generation zu Generation irrlichtern:

Red nicht. Lass keinen Mucks von dir hören. Gib keinen
Ton von dir. Lass dich mit niemand auf einen Streit ein.
Fang mit niemand eine Debatte an. ...

Das Ergebnis ist „das Hämmern des Schweigens im Brustkorb“, dem erlösende Worte fehlen. Schon lange vor dem Erkennen, „dass du langsam außer Gebrauch kommt“, hat man verinnerlicht:

... heutzutage zeigt man eine Wunde nicht her
wie ein Kind, als Beweis, dass man schlimm dran ist.

Statt eigene Wunden oder unsere Körperlichkeit sehen, sie gar zeigen zu wollen, machen wir uns zu einer Art Hologramm ohne Knochen, Fleisch und pochendes Blut, obwohl das „Nervengeflecht hysterisch flüstert“, wir alle Hände voll zu tun haben, unsere Brüchigkeiten zu verdecken, und zuweilen sogar die Haut verzweifelnd anrufen „like a prayer“:

Haut, die du den inneren
Unfrieden verbirgst,
halte die Meute der Organe, den Schwarm
der Wirbel, das Häuflein der Zellen zusammen.

Manche fallen in einen Als-ob-Mechanismus, pflegen „das rituelle Kopf-in-den-Sand-Stecken“ und das „Hätscheln kleiner Laster“, andere „verkleiden sich in eine Erscheinung / mit straffer Haut und freundlichem Blick“, oder verdecken ihre Wunden durch ein gepflegtes Äußeres, treiben Sport:

See Also
Zwischen Himmel und Meer

In den Fitnessstudios rudern wir uns in eine jüngere Form,
aber das Alter befummelt die Zellen;

Cvetka Lipuš jedoch ist Lyrikerin. Sie führt vor, dass Körper und Geist nirgendwo Hilfe und Heilung finden werden, nicht in der schon existierenden Literatur

Geh mir nicht zu Rilke, wenn alles reißt, sich
auflöst, zerfällt, wenn ...
der Körper auf das Gesetz der Schwerkraft pfeift,
am liebsten den Sternen die Hand schüttelte,
bis zum Verkohlen. Lass das Buch in Ruhe, ...

und auch nicht in der Philosophie, etwa bei Martin Heidegger, den sie in einem „Handbuch für das Sein“ direkt anspricht. Für Lipuš gibt es Linderung nur durch ein Verstehen aus dem Eigenen heraus. Die Schriftstellerin glaubt an die Kraft des „erlösenden“ Wortes, glaubt an die Macht der Sprache und der bedachtsamen Benennung wider das Schweigen. Manchmal wird Sprache Rettung, heimeliger Platz, dann wieder Flucht.

Soll ich dir sagen, wie es ist, wenn ich mit
hundertfünfzig die Stunde gegen mich anrenne und
mich dort ein abgenagter Knochen erwartet?
 
Die Finger gleiten wie von selbst über die
Klaviatur der Wörter, auf der Suche nach der richtigen
Lage für die entstandene Leere.

Im Zyklus „Die Rinde der Bitte“ entwirft sie ein weiteres Bild, wenn es heißt: „Wie eine Spinne spinnst du die Worte“. Wortnetze entstehen, die uns nicht nur mit anderen Menschen verbinden, sondern auch mit den Generationen vor uns, von denen wir unsere Sprachen erbten. Wie Spinnennetze legen sie sich um uns, werden zu einem Gewebe, das unsere geschnürten Knochen zusammenhält, unsere Wunden verbindet, manche lindert, vielleicht vernarben lässt. Oder aber, flüstert uns Lipuš mittendrin schelmisch zu, sie werden zu Kraftnetzen wider die Unwägbarkeiten des Lebens:

Wie wäre es mit ein wenig Doping?
Ein kleines Sonett oder zwei volle Reibelaute,
die sich harmonisch nach Hause reimen.

Cvetka Lipuš – Komm, schnüren wir die Knochen. Gedichte. Übertragen aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien 2019. 120 Seiten.

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