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Auf der Suche nach ein paar wilden Karotten

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Astrid Nischkauer liest den neuen illustrierten Gedichtband „Unkraut im Paradies“ von Barbara Pumhösel


Der Band UNGRAS IM PARADIES von Barbara Pumhösel mit Offsetfarblithografien von Rainer Wolf wirkt sehr edel und schön im Ganzen ebenso wie im kleinsten Detail. Ein solches wäre zum Beispiel die Fadenheftung, oder auch die kleine Buchstabenspielerei mit dem Titel auf dem Titelblatt. In schwarzer Schrift steht da UNGRAS und in der nächsten Zeile IM PARADIES. Aber ein Buchstabe tanzt aus der Reihe: das E aus PARADIES ist grün und aus dem Wort hinaus nach oben gerutscht. Das Grün und die fröhlich selbstbewusste Eigeninitiative dieses Buchstabens lassen ihn zum einen selbst zum grasgrünen Ungras werden. Zum anderen kann man das E aber auch mit der ersten Zeile mitlesen, womit aus dem UNGRAS die UNGRASE werden. Auch wenn UNGRAS ein Einzahlwort ist, so ist Gras an sich zugleich immer eine Vielzahl. Einzeln gibt es nur Grashalme. Gras ist immer mehr, eine sich über das Wurzelgeflecht ausbreitende Pflanze. Das merkt man schnell, möchte man ein wild wachsendes Grasbüschel ausgraben, kommen da dann doch oft gleich mehrere, manchmal vom Ausgangsgrasbüschel weit entfernte, andere Grasbüschel mit, die alle zusammen hängen und gehören.

© Copyright Edition Thurnhof

Kann man bei einem Buch so viel über die grafische Gestaltung des Titels auf dem Titelblatt nachdenken, so hat man es nicht mit einem besonderen, sondern einem ganz besonderen Buch zu tun, wofür die Edition Thurnhof schon lange bekannt ist. Passend zum Buch gibt es dann auch noch ein extra UNGRAS-Lesezeichen. Hier weicht das E aus PARADIES aber nicht nach oben aus, sondern nach unten, was für die Ausbreitung von Unkräutern in alle Richtungen stehen könnte.

Widerspenstige Gräser

Nun zu den Gedichten. Im ersten Gedicht weigert sich der Gänsefuß und will raus aus einer bestimmten Pflanzenfamilie. Im zweiten rasen Unkräuter auf dem die Fahrbahnen trennenden Mittelstreifen einer Autobahn in beide Richtungen. Und im dritten Gedicht entbrennt ein Wettstreit um den obersten Platz auf dem Schutthaufen. Widerspenstig, schnell und ambitioniert, so treten uns die ersten Ungräser entgegen, was eine starke Ansage ist und eine Absage an jegliche romantische Naturidylle.

(c) Edition Thurnhof

Ungras oder Unkraut kann man im Grunde zu jeder Pflanze sagen, die einfach von selbst irgendwo wild wächst. Unkraut ist auch ein Überbegriff für etwas, für das uns für gewöhnlich die Namen und genauen Bezeichnungen fehlen, da wir es als unwichtig oder störend empfinden. Das ist genau der Punkt, an dem Pumhösel mit ihren Gedichten ansetzt. Sie nennt beim Namen, woran wir für gewöhnlich achtlos vorbeigehen: „Wir gehen vorbei. / Aus der Pflasterfuge wächst / ein uns namentlich unbekanntes Kraut.“ Mit der häufig sehr genauen Benennung der Pflanzen in den Gedichten wird das Ungras aus seiner Anonymität gehoben und es erhält eine klar umrissene Gestalt. Wir haben es damit hier mit einem höchst politischen Gedichtband zu tun, auch wenn es auf den ersten Blick „nur“ um Pflanzen geht.

Unter der Ungras-Flagge setzt Pumhösel sich mit ihrem Schreiben für sehr viele politische und gesellschaftspolitische Anliegen ein, allem voran für Toleranz und Respekt für marginalisiertes und ausgegrenztes Leben. Ganz generell lassen sich ihre Gedichte auch als ein Plädoyer für weniger zurechtgestutzten grünen Fußballrasen und mehr Wildwuchs in der Literatur lesen. Und auch Umweltschutz spielt eine Rolle in den Gedichten. Hobbygärtner mit ihrem sorglosen Umgang mit chemischen Unkrautvernichtungsmitteln lösen großes Unbehagen unter den Unkräutern und Gartenzwergen aus, während wild wachsende Natur in den Gedichten ein Ruhepol und ein Gegenpol zu Beton und Autobahnen ist.

In den Gedichten erhält die Natur eine Stimme und beobachtet uns vorübergehende Menschen erstaunt, wie der Aronstab, der zwei Nordic-Walkerinnen zuhört, einiges erfährt und dabei aber nicht damit aufhört, „das zu tun, was er immer tut: // Er wächst ganz langsam weiter.“

Lange Tradition der Unkrautdichtung

Pumhösel müssen Unkräuter schon sehr lange begleiten und faszinieren. Es gibt eine lange Tradition der Unkraut(be)dichtung, in deren Nachfolge und Fortführung sich Pumhösel mit ihren Gedichten sieht. In einem der Gedichte möchte die Taubnessel beispielsweise zurück in die Sonette, in einem anderen wird Walt Whitman mit Leaves of Grass zitiert. Und auch in der Malerei gibt es berühmte Unkräuter, erwähnt werden etwa die Distel von Piero della Francesca und das Rasenstück von Albrecht Dürer.

„Ungras“, das ist Ungras und zugleich viel mehr: eine Lebenshaltung und eigene Philosophie:

Ich kaufe Terrakotta-Blumentöpfe
einen Sack Bio-Rosenerde, suche
Tonscherben für die Öffnung und
alte Porzellanteller als Untersätze
Stelle sie auf meinen kleinen Balkon
in die Morgensonne und warte
ohne zu säen, ohne zu pflanzen
Irgendetwas wächst immer und
ich liebe Überraschungen

Der Topf mit Erde, der bereitgestellt wird für was auch immer darin wachsen möchte, ist ein schönes Bild für das eigene Schreiben. Pumhösel geht es in ihren Gedichten darum, Freiräume zu schaffen für das, was von selbst kommt. Schlicht, zurückhaltend und aus einer entspannten Heiterkeit heraus geschrieben, das sind ihre Gedichte.

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Und last but not least fungiert Ungras im Band auch als Metapher für Beziehungen, die scheitern, wenn alle Unkräuter mit Wurzeln entfernt werden, und gelingen, wenn die Brennnessel auch nach Jahren noch wie neu brennt und sich Grasmuster „auf unserer gemeinsamen Haut“ abzeichnen.

Ungras im Paradies lautet der Titel des Bandes. Aber was hat es eigentlich mit dem Paradies auf sich? Es gibt ein Gedicht, das uns das erklärt, denn selbstverständlich gab es auch im Paradies Unkraut, ebenso wie Blattläuse und den Wurm im Apfel. Dass wir von diesem Wurm heute nichts mehr wissen, liege nicht daran, dass es ihn nicht gab, sondern einzig an den fragmentären Überlieferungen.

Dialog zwischen Bild und Text

Jeder Seite mit Gedichten von Barbara Pumhösel ist je eine Seite mit Offsetfarblithografien von Rainer Wolf gegenüber gestellt. Darauf sieht man diverse Ungräser und Unkräuter als Ganzes oder in einer Detailaufnahme. Manchmal sehr dezent bis minimalistisch, dann wiederum wild wuchernd oder rätselhaft unergründlich. Die Pflanzen sind jeweils immer nur mit einer Druckplatte gedruckt, also in einem Grünton. Wobei dieser Grünton in der Nuance gelegentlich etwas heller oder dunkler wird, was nichts mit der Druckplatte, sondern dem Farbauftrag zu tun hat. Eine Sonderstellung nimmt dabei die Doppelseite in der Mitte ein, da auf ihr keine Pflanze, sondern ein sich über die ganze Doppelseite erstreckender Landschaftsdruck zu sehen ist, der mehrfarbig mit zumindest vier unterschiedlichen Druckplatten in Blau, zwei verschiedenen Grüntönen und Schwarz gefertigt wurde. Der Dialog von Bild und Text kann als ein überaus gelungener bezeichnet werden, bei dem niemand sich in den Vordergrund drängt und beide sich zurück nehmen um dem Gegenüber Raum zu geben und ihm aufmerksam zuhören zu können.

(c) Rainer Wolf, Edition Thurnhof

Abschließend lässt sich sagen, dass Ungras im Paradies nicht nur ein richtig schöner Gedichtband ist, sondern auch ein sehr guter und in sich stimmiger, den man nur empfehlen kann.

Barbara Pumhösel: Ungras im Paradies. Mit Offsetfarblithografien von Rainer Wolf. Edition Thurnhof, Horn 2019.

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