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Der dritten Poesiegalerie dritter Tag

Der dritten Poesiegalerie dritter Tag

Astrid Nischkauer

2020 war vieles anders und doch war die Tatsache, dass die Poesiegalerie stattfinden konnte die größte Besonderheit daran. Drei Tage jeweils von 18 bis 24 Uhr Lesungen von insgesamt vierzig Dichtenden in Zeiten von Corona unter Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften zu veranstalten erfordert nicht viel, sondern ein schier grenzenloses Maß an zusätzlicher Organisationsarbeit. Unser aller Dank gilt daher den drei Organisatoren der Poesiegalerie Udo Kawasser, Monika Vasik und Peter Clar, die nicht nur organisierend, sondern auch lesend und moderierend unermüdlich im Einsatz waren. Für die visuelle Poesiegallerie, in welcher Werke von zehn Dichtenden zu sehen waren, war dieses Jahr Günter Vallaster verantwortlich, auch ihm sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Und selbstverständlich auch allen helfenden Händen am Büchertisch und der Ausschank und insbesondere der Coronabeauftragten Rachel Quevedo. Und, last but not least, sei Christian Berger vom literadio gedankt, der alle drei Tage bei allen Lesungen anwesend war, für den guten Ton sorgte und alle Lesungen aufzeichnete, damit sie dann auch archiviert sind und nachgehört werden können. In Zeiten von Corona ist so etwas unschätzbar wertvoll, da nicht alle, die gerne kommen hätten wollen auch tatsächlich teilnehmen oder anreisen hatten können, oder manche aus Vorsicht vielleicht auch etwas kürzer blieben, als sie sonst geblieben wären.

EIN HERZLICHES DANKESCHÖN im Namen aller an euch alle, ihr wart großartig, es war großartig!!!!

Am dritten Tag lasen: Barbara Rauchenberger, Freda Fiala, Timo Brandt, Monika Vasik, Martin Kubaczek, Rhea Krčmářová, Astrid Nischkauer, Eleonore Weber, Elisabeth Reichart, Kirstin Breitenfellner, Gerald Nigl, Herbert J. Wimmer, der eigene Gedichte sowie Gedichte von Elfriede Gerstl und Marion Steinfellner vorstellte, sowie Semier Insayif und Udo Kawasser, beide jeweils mit musikalischer Begleitung von Pourea Alimirzaee.

Barbara Rauchenberger

Begonnen hat der letzte Tag der Poesiegalerie 2020 mit der Lesung von Barbara Rauchenberger. Sie las für die Manuskripte und es gibt Linsen, es gibt Brot, wir hatten Reis und es geht um das Vorkommen von Obst in Schalen außerhalb unseres Sonnensystems. Schnell wird klar, „sub divo. Sätze für Chor u. Gebüsch“ ist ein Text, der neugierig macht, ein Text, den man gerne in Ruhe nachlesen würde, denn diesmal kommt das Gedicht vor dem Gedicht, unermüdlich duften Katzen und am Ende winkt die Handlung.

Freda Fiala

Als zweite des dritten Abends las Freda Fiala, sie hat noch kein eigenes Buch vorzuweisen, aber ebenfalls Texte in den „Manuskripten“ veröffentlicht. Und sie nimmt uns mit nach Taiwan, erzählt uns von einem Tempel, in dem eine Hundegottheit verehrt wird. Ziehe die Maske des Staunens über beide Augen, aber so, dass nichts verrutscht. Es ist ein literarischer Reisebericht der besonderen Art. Die beschriebenen Riten und Details wirken fast zu skurril um Wirklichkeit zu sein, vielleicht versichert Freda Fiala uns auch deswegen, dass es diesen Tempel der achtzehn Könige gleich neben einem Atomkraftwerk auch tatsächlich geben würde und sie dort gewesen sei. Wir sehen eine große Hundestatue aus Beton vor uns, der bevorzugt warme Speisen geopfert werden sollen, wobei das Berühren eines jeden Körperteils der Hundestatue jeweils andere Wünsche erfüllt: den Kopf berührt man, möchte man ein Haus, das Ohr, um sich das Leben leisten zu können, die Pfoten für Gold und so weiter und so fort. Gebete werden wie Gretchenfragen gestellt und die Gedanken kreisen um mögliche Wünsche, die man an diese Hundegottheit richten könnte, der Ohrwurm I’m gonna buy me a dog cause I need a friend now lässt sich einfach nicht ausblenden und den letzten Rest gibt der Icherzählerin dann das Schild auf dem zu lesen ist, dass wir es hier gar nicht mit dem echten Grab des Hundes, sondern mit einer Replik zu tun hätten, weil das echte beim Bau des angrenzenden Atomkraftwerkes verschüttet worden wäre.

Timo Brandt 

Von Timo Brandt sind 2020 gleich zwei neue Bände erschienen. Nein, ich muss mich korrigieren, nicht zwei, sondern gleich drei neue Bände: „nicht die Hymnen, die ihr sucht. Gedichte.“ (edition offenes feld), „Nicht noch mal Legenden. Gedichte.“ (edition keiper) und „Das Gegenteil von Showdown. Gedichte.“ (Limbus Verlag). Und das Jahr ist noch lange nicht zu Ende, wir haben erst Anfang Oktober… verloren in der Zeit. In der Poesiegalerie hat er aus dem bei Keiper erschienenen Band „Nicht noch mal Legenden.“ gelesen. weil wir werden wurden wir. Nach einer Weile erzählte uns Timo Brandt, dass es immer einen Fehler gäbe, in jedem Buch, und dass er bei diesem besonders darauf geachtet habe, dass kein Fehler passiere, was aber nichts genutzt hätte, da es eben immer einen Fehler gibt, in jedem Buch. In diesem ist es, so viel sei an dieser Stelle verraten: Das fehlende π, was wiederum ein wunderschöner Titel wäre. In den Gedichten geht es unter anderem um Zahlen, Atome, Quanten, aber auch um Poetologisches und Dichtung wird zum Aufzug: Ich sage, dass die Dichtung ein mit Gewichten angetriebener Aufzug ist. Und es wird mitunter auch mit niemand geringerem als Goethe und seiner „Dichtung und Wahrheit“ der Dialog gesucht: Die Gedichte sind nicht wahr, doch alles andere ist gelogen.

Monika Vasik

Die nicht nur organisierende und moderierende Monika Vasik las auch selbst aus ihrem im Elif Verlag erschienenen Gedichtband „hochgestimmt“. In dem Band geht es um Sängerinnen, um ihr Leben, ihre Stimmen und ihre Musik. Bei der jeweiligen Auswahl ihrer Gedichte für Lesungen orientiert sich Monika Vasik gerne an Jahrestagen und Todestagen. Und sie beginnt aus gegebenem Anlass mit Juliette Gréco, alabasterfarben und schwarz, von Anfang an. Wesentlich bunter erscheint ihr Adele, eine von uns, mit Worten in Blau und Hellorange. Singen wird in den Gedichten als etwas absolut Existentielles wahrgenommen, das von der jeweiligen Sängerin den vollen körperlichen Einsatz verlangt, sie wirft sich selbst in jede Note. Wir werden Ohrenzeugen vom Aufbrechen deiner klagenden Stimme und begegnen Sängerinnen, die Buchstabe für Buchstabe singen, durchdrungen von Poesie. Zusätzlich zu den eigenen Gedichten las Monika Vasik auch vier Gedichte des 2016 verstorbenen Dichters Fabjan Hafner aus dem posthum bei Suhrkamp erschienenen Band „Erste und letzte Gedichte“, übersetzt von Peter Handke. Ein Buch der Stunde, da sich in wenigen Tagen, am 10.10.2020 die „Kärntner Volksabstimmung“ zum hundertsten Mal jährt und Fabjan Hafner war ein Kärntner Slowene, Dichter, Literaturwissenschaftler und Übersetzer. Die Wiederholung nimmt dem Wort nicht den Sinn.

Martin Kubaczek

Es gibt ein aktuelles Projekt von Martin Kubaczek, „Die Süße einer Frucht“, das Texte zu Scherenschnitten versammelt, doch da es noch nicht erschienen ist, las er stattdessen aus seinem 2018 bei der Edition Korrespondenzen erschienenem Gedichtband „Palais Rotenstern“. Es geht darin um ein Abbruchhaus und man könne dabei an „In the Neighborhood“ von Tom Waits denken. Martin Kubaczek meinte selbst, er würde szenisch schreiben und uns nun Nachbarn à la minute präsentieren. Mein Nachbar winkt mir mit langem Messer. Nachbarschaft ist dabei sehr umfassend gefasst, da er auch die Amseln hinzurechnet und in einer seiner Minutendichtungen erzählt, wie die Vögel eine wilde Party veranstaltet haben, dann waren sie alle weg, die Vögel und die Beeren. Es gibt in den Gedichten ein Ich, das von Begegnungen mit seiner Umwelt und seinen Mitmenschen erzählt. Hab staubgesaugt…den Geigenbogen gespitzt…und die Quitten duften, duften nach dir. In den Gedichten wird genau zugehört und ebenso genau beobachtet. In einem Gedicht treffen wir beispielsweise auf vier sehr musikalische Katzen, die sich je nach gespielter Musik anders verhalten: bei Vivaldi pfauchen sie, bei Bach rollen sie sich ein und bei Strawinsky fallen sie vom Kasten. Es geht um Interaktion, um ein freundliches, respektvolles Miteinander, um gegenseitiges Zuhören und auch um Nachbarschaftshilfen jeglicher Art.

Martin Kubaczek mit Gedichten aus Palais Rotenstern in der Edition Korrespondenzen (© poesiegalerie)

Rhea Krčmářová

Rhea Krčmářová hat bereits Erzählungen und einen Roman veröffentlicht, aber bisher noch keine eigenständige Gedichtbuchpublikation. Doch sie ist begeistert von Instalyrik auf Instagram, und mit einem Beitrag in der Anthologie „Schriftlinien. Transmediale Poesie“ (edition ch) vertreten. Transmediale Poesie bringt es sehr gut auf den Punkt, da Rhea Krcmarova uns zunächst ihren Film „Fragen einer lesenden Arbeiterin“ mit Textzitaten zeigte, Woran wirst du dich erinnern wollen?, und dazu eine klassische Arie auf Italienisch sang. Dann las sie selbst eigene Texte, während im Hintergrund ein anderer Film mit Musik zu sehen und hören war. Iss niemals bei einem Würstelstand, der am Tag vorher noch nicht da war. Und abschließend zeigte sie uns einige Kostproben ihrer Instalyrik und las uns einige Gedichte aus den letzten zehn Monaten auf Englisch vor. An Instalyrik fasziniert sie vor allem die Kombination von Bild und Text. Inzwischen hat sie bereits rund 330 Instagramgedichte veröffentlicht, anfangs schrieb sie diese auf Deutsch, inzwischen aber überwiegend auf Englisch. do you raise your pen to monsters to be born. Alle ihre Arbeiten sind damit transmedial in jeglicher Hinsicht.

Astrid Nischkauer

Am zweiten Tag der Poesiegalerie plädierte Nikolaus Scheibner für mehr Poesie. Ich möchte mich dem anschließen und zugleich ergänzen, dass es meiner Meinung nach nicht nur mehr Poesie, sondern auch mehr Poesieübersetzung braucht und nicht alleine nur mehr publiziert, sondern vor allem auch mehr gelesen werden sollte. Die Poesiegalerie konzentriert sich ganz dezidiert auf österreichische Lyrik, das ist gut und wichtig so. Zugleich waren Lyrikübersetzungen aber von Anfang an immer auch in der Poesiegalerie vertreten und ganz zentral. In Zeiten wie diesen, in welchen es wegen coronabedingten Reisebeschränkungen schwer bis unmöglich ist zu reisen, sollten wir nicht auf übersetzte Lyrik und Lyrikübersetzende vergessen. Gerade jetzt ist es wichtiger denn je, auch Gedichte aus anderen Ländern zu lesen und mit der Hilfe von Gedichten in andere Länder und Sprachen zu reisen. Denn Poesie braucht den lebendigen Austausch über Sprach- und Ländergrenzen hinweg. Deswegen habe ich keine eigenen Gedichte gelesen, sondern zwei von mir aus dem Spanischen übersetzte Gedichtbände vorgestellt, die mir beide sehr am Herzen liegen. Ich möchte mich daher nochmals und ganz herzlich dafür bedanken, dass ich sie im Rahmen der diesjährigen Poesiegalerie vorstellen durfte. Begonnen habe ich mit einem Band der spanischen Dichterin Olalla Castro mit dem Arbeitstitel „Ich zu sagen bedeutet, ein Grab auszuheben“. Geboren 1979 in Granada, schreibt die Literaturtheoretikerin und –wissenschaftlerin sehr bildstarke, selbstbewusste, feministische Gedichte, in denen es auch viel um Tod und Vergänglichkeit geht. Damit die Sprache aufhört, Käfig oder Flucht zu sein. Der Band wird in Kürze zweisprachig bei hochroth Heidelberg erscheinen. Bereits bei hochroth Heidelberg erschienen ist der zweite von mir vorgestellte Band „Blütenblätter zwischen den Fingern“ der argentinischen Dichterin und Prosaautorin Andrea Fontán, geboren 1956 in Buenos Aires. Im Jänner hatte ich das große Glück, mit ihr gemeinsam in Wien im Kunstraum Ewigkeitsgasse lesen zu dürfen. Weitere Reisen nach Europa wären geplant gewesen, was nun leider alles wegen Corona auf unbestimmte Zeit verschoben werden musste. Sie schreibt sehr feine Gedichte, die kleine Meditationen, Momentaufnahmen sind und denen man anmerkt, dass sie Malerei ebenso wie die Konzentriertheit japanischer Haiku sehr schätzt. und in einer derartigen Stille teilt ein Lichtfaden das Grün des Apfels

Eleonore Weber

Eleonore Weber las aus ihrem zweisprachigen, bei fabrik.transit erschienenen Band „Gleithang Seilschaften. slip-off-slope-rope-parties“. Die englischen Fassungen halten sich dabei aber nicht immer an den deutschen Text. Denn der Wortklang kann eine Eigendynamik und ein Eigenleben entwickeln und die Bedeutung im engeren Sinn gelegentlich auch ganz bewusst links liegen lassen. Es geht um den Klang…Kein Fisch wagt zu lachen…And the wind blows phonetically. Für mich selbst ist ihr über die großartige Ausstellung „Flying High“ geschriebenes Gedicht eine Entdeckung, da ich selbst ebenfalls über diese Ausstellung geschrieben habe, sie daher sehr gut kenne und schon beim erstmaligen Hören des Gedichts, das ein Rundgang durch die Ausstellung ist, die jeweiligen Objekte vor meinem inneren Auge sehe und so mit Eleonore Weber gemeinsam durch die Säle gehe. die Welt in der Welt in der Welt. Die Ausstellung war vor einiger Zeit im Kunstforum Wien zu sehen und zeigte ausschließlich Arbeiten von Künstlerinnen der Art Brut.

Elisabeth Reichart

Es folgte Elisabeth Reichart, die aus ihrem bei Otto Müller erschienenen Gedichtband „Mein Geliebter, der Wind“ las. In ihren Gedichten geht es um griechische Mythologie, um den Gegensatz von Lethe und Mnemosyne, Vergessen und Erinnerung, wobei für letzteres laut ihr die Dichtung eine ganz zentrale Rolle spielt: Hätten Dichter dich nicht besungen, wir wüssten nicht, wer uns das Feuer brachte. Prometheus, Feuer unser. In ihren Gedichten werden Wortkelche gereicht und das Wasser perlt den Satz entlang. Auch der Traum, der in einem Bereich zwischen Erinnern und Vergessen angesiedelt ist, wird in ihren Gedichten thematisiert, traumwärts leben, sage ich im Traum zu mir selbst. Auch die Sprache ist im Spannungsfeld zwischen Lethe und Mnemosyne verortet und damit dem Träumen sehr nahe, im Wortgefieder träume ich in verklungenen Sprachen. Elisabeth Reicharts großes Interesse an griechischer Mythologie scheint aus einem Moment der Melancholie heraus zu entspringen, aus einer Sehnsucht nach dem Goldenen Zeitalter, Fliegen können, uralter Traum, ich vermisse die Phantasie der Griechen.

Kirstin Breitenfellner

Die Poesiegalerie lädt immer die Verlage ein, die dann ihrerseits Autoren und Autorinnen für die Lesungen vorschlagen. Dieses Jahr war es für die Teilnahme an der Poesiegalerie Voraussetzung, eine aktuelle Lyrikpublikation präsentieren zu können. Doch auch hierauf hatte Corona großen Einfluss, da es im Laufe der drei Tage gleich mehrmals vorkam, dass einige der Bücher zwar fertig sind und bereits erscheinen hätten sollen, aber noch nicht gedruckt werden konnten. Denn wegen den flächendeckenden Verschiebungen von Erscheinungsterminen in den Herbst kam es zu Rückstaus in den Druckereien. So auch beim aktuellen Gedichtband „Gemütsstörungen. Sonette“ von Kirstin Breitenfellner, der nun im November bei Limbus erscheinen wird. Der Band enthält Sonette, im titelgebenden Abschnitt „Gemütsstörungen“ handeln diese von Personen, die sie tatsächlich kennt, auch wenn sie glaubt, dass niemand davon sich selbst darin erkennen würde. Sie singt sich selbst in ein langes Lied. Die Gedichte sind über einen sehr langen Zeitraum entstanden und damit auch sehr unterschiedlich, was man lesend gut mitverfolgen kann, da sie chronologisch geordnet sind. Der Zusammenhang ist unsichtbar und klar. Kirstin Breitenfellner schließt ihre Lesung mit einem Gedicht zu ihrem Lieblingsstern, dem roten Riesen Antares, schon bald sind wir tot, das war es Antares. Der Sprung von den Menschen zu den Sternen ist dabei ein Katzensprung, denn die Menschen sind Planeten.

Ilse Kilic

Ilse Kilic las aus ihrem in der edition zzoo erschienenem Gedichtband „Die Nacht ist dunkel, damit die Sterne sich zeigen“. Ihre Gedichte verhandeln existenzielle Grundsatzfragen, wie die der eigenen Vergänglichkeit und das Altern. Es kann in ihren Gedichten aber genauso gut auch einfach ums Biertrinken gehen. Das erste Gedicht las sie nicht, sondern sang sie, vielleicht weil manches leichter zu singen als auszusprechen ist, ich zähle meine Tage nicht, sie sind gezählt. In ihrem Schreiben reflektiert sie sich selbst als Schreibende, Ilse Kilic, das bin ich, natürlich, und auch den eigenen Standpunkt mit, der einer aus einer Wohlstandsgesellschaft heraus ist, da wo ich bin fahren geheizte Busse durch die kalte Nacht. Der relative Luxus eines Lebens in Mitteleuropa bringt einem am Schluss aber auch nicht viel, weil das letzte Hemd ja bekanntlich keine Taschen hat und jedem überall irgendwann die letzte Stunde schlägt, des Tages Abend wird kommen, auch da, wo ich bin. Es geht um die Sorge um die eigene Gesundheit und der Blick richtet sich auf den eigenen Körper, der mit der Zeit ein Eigenleben entwickelt, sich verändert und der ihn beobachtenden Autorin wie ein eigenständiges Wesen gegenüber steht, das mindestens ebenso eigenwillig wie sie ist und sich nicht gerne kontrollieren lässt. So heißt es beispielsweise über den eigenen Blutdruck: sobald ich ihn kontrolliere weiß er darüber Bescheid. Doch die Sorge und die Angst werden schließlich akzeptiert als Teil des Lebens, als Zeichen, noch am Leben zu sein, nur Lebende zittern, gerne noch weiter.

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Gerald Nigl

Es folgte Gerald Nigl nach geballter Frauenpower mit sechs Autorinnen in einem Block. Er las ein Potpourri aus verschiedenen Bänden, und zwar aus der Anthologie „Buch“ (Das fröhliche Wohnzimmer), aus der Anthologie „Schriftlinien. Transmediale Poesie“ (edition ch) und aus seinem Gedichtband „Im Weidemaß der Zeit mein Unterpfand“ (Edition Art & Science). Wir bekommen klassisches Frauenlob aus der Jetztzeit zu hören, du meine Farnfrau, mein Faun, ich hier dein Fan, und vorwiegend Liebesgedichte, fürwahr, Geliebte, du bleibst, bleibst da. In seinen Gedichten gibt es allerhand Mirakel, Simsalabim und allerorten Dystopien und die Seele, so heißt es, sie schläft im Darm. Inzwischen ist es 23:10, und es vergeht das Stundenmaß behände, damit sind wir insgesamt gut eine Stunde im Verzug und das Publikum bekommt bewusstseinswund nicht nur viel, sondern noch viel mehr Lyrik zu hören, schlaf gut schlaf, heißt es daher für uns noch lange nicht!

Herbert J. Wimmer/ Marion Steinfellner

In ihrer Lesungseinleitung meinte Monika Vasik, dass Udo Kawasser zuvor bei Ilse Kilic davon gesprochen hätte, dass diese ein Urgestein der österreichischen Literatur sei. Gleiches könne man über Herbert J. Wimmer sagen, wobei sie, Monika Vasik, Ilse Kilic und Herbert J. Wimmer lieber als Ur-Edelsteine der österreichischen Literatur bezeichnen würde. Mit „klärwerk“ gibt es einen bei Sonderzahl erschienenen neuen Band von Herbert J. Wimmer, den er in der Poesiegalerie aber nicht vorstellte, da es sich dabei um ein Prosawerk handelt. Stattdessen stellte er uns den Gedichtband „Balance Balance“ (Edition Art & Science) vor, der eine von Olga Sánchez Guevara getroffene und ins Spanische übersetzte Auswahl an Gedichten von ihm und Elfriede Gerstl enthält. Und dann las Herbert J. Wimmer auch noch stellvertretend für Marion Steinfellner, die leider nicht persönlich an der diesjährigen Poesiegalerie teilnehmen konnte. Von ihr stellte er zunächst den Band „liebs leben | dear life | momentanes“ (Edition Art & Science) vor. Er enthält Augenblicksgedichte, Fragilitäten, jedes Gedicht ist datiert und der Großteil davon 2015 entstanden und alles ganz neu, überraschend. Als zweites las er aus ihrem soeben erschienenen Band „Transmorphosen. Augenblicksmonsterbutohbuch“ (Books on Demand). Es handelt sich dabei um eine Komposition aus 700 Gedichten, unterteilt in zehn Abschnitte zu je siebzig Gedichten. Zusammengehalten wird der ganze Band von dem Minako Seki gewidmeten Akrostichon „Wassertanz“, welches Herbert J. Wimmer uns vorlas und das beginnt mit: Wellenbewegtheit, der stille See, die zitternde Kreatur. Als drittes las Herbert J. Wimmer aus „Balance Balance“. Dieser Band ist zweisprachig, Deutsch und Spanisch, wobei die Übersetzerin auch die Gedichtauswahl getroffen hat, was ihm selbst gar nicht möglich gewesen wäre. Es gibt drei Kapitel, das erste enthält Gedichte von Elfriede Gerstl, ich möchte ein Gedicht lesen, das mich reinzieht, bitte etwas Luft, das zweite ihr gemeinsames Textansichtskarten-Projekt, also kurze Gedichte oder Aphorismen von Elfriede Gerstl und oder Herbert J.Wimmer auf bunten, selbst ausgedruckten Postkärtchen zum  mitnehmen und weiterverteilen. Ein gemeinsames Projekt, das Herbert J. Wimmer bis heute weiter führt. Die allererste dieser Textansichtskarten von Elfriede Gerstl war ihre inzwischen legendäre „Therapieverweigerungskarte“: meine Neurose gehört mir. Das letzte Kapitel enthält dann Gedichte von Herbert J. Wimmer, Freude bleibt.

Semier Insayif und Pourea Alimirzaee

Semier Insayifs Lesung ist als Ganzes ein zwischen Sprache und Musik changierender Nachruf, eine poetische Hommage an einen sehr guten Freund, den 2009 verstorbenen Cellisten Martin Hornstein. Er las aus dem Band „Mondasche“, der im Klever Verlag erschienen ist und zu dem es auch eine CD mit Aufnahmen von Martin Hornstein gibt. In den Gedichten geht es um den Menschen M., um seine ganz spezielle Art zu sein und zu musizieren, präzise greifend und genau daneben, und um Musik ganz allgemein, die Melodie voll Erwartung hin zum Wunsch, zum Wunsch entrückt. Begleitet wurde Semier Insayif bei seiner Lesung von Pourea Alimirzaee auf dem Tanbour. Und nicht nur, dass die Lesung von Musik begleitet wurde und die Gedichte von einem Musiker und Musik handeln, brach auch Semier Insayif selbst bei seiner Lesung immer wieder in Gesang aus, womit Sprache vollends zu Musik wurde. Wenn Stille wachsen könnte, wäre jeder Ton Musik. Besonders spannend sind auch seine Beschreibungen, wie der Musiker M. spielend mit seinem Musikinstrument verschmilzt und mit ihm eins wird und damit ganz er selbst. M. beherrschte überhaupt die Kunst, ganz eins zu sein mit was auch immer er gerade tat, kochte M. in der Küche, war er ganz Kochtopf…im Wald war er Specht…und auch so war M. M. Wir erfahren auch, dass es im Arabischen Sonnenbuchstaben und Mondbuchstaben gibt, was auf den Titel „Mondasche“ verweist und natürlich auch auf den deutschen Buchstaben M wie Mond, die Welt ohne Liebe ist wie ein Mond ohne Licht.

Udo Kawasser und Pourea Alimirzaee

Als letzter der Poesiegalerie 2020 las Udo Kawasser selbst aus seinem Gedichtband „die blaue reise. donau-bosporus“, der demnächst bei Limbus erscheinen wird. Auch diese Lesung wurde von Pourea Alimirzaee auf dem Tanbour begleitet, der aber bei Udo Kawasser ganz anders und wesentlich lebhafter spielte, als zuvor bei Semier Insayif, was zeigt, wie sehr er sich mit seiner Musik auf die jeweiligen Lesenden und ihre Texte bezogen hat. Udo Kawasser begann seine Lesung mit einem Zitat von Goethe aus dem „West-östlichen Divan“, da es auch bei ihm um West und Ost geht, um eine Beziehung zwischen Wien und Istanbul, um Donau und Bosporus. Erzähl mir vom Blick auf den Bosporus. Wir hören ein Gespräch, doch kein direktes, sondern eines über Ländergrenzen und Sprachen hinweg, ein in schriftlicher Form geführtes Gespräch, bei dem die Fragen und Aufforderungen im Raum stehen bleiben und nicht sofort beantwortet werden können, so als schrieben die beiden Protagonisten sich Briefe per Post. Wohin gehen meine Bilder in dir? Einmal sind wir in Istanbul, einmal in Wien, in jedem Fall ist die Trennung nur schwer zu ertragen, erklär mir Wien, oder der Regen spült mich fort von hier. Die Fernbeziehung über Ländergrenzen ist zugleich auch eine über Sprachgrenzen hinweg und es geht auch um das Erlernen einer Sprache, ich, du, oder mein Herz, jemand braucht einen Sprachkurs. Die Sprache ist dabei der Schlüssel, den es zu finden gilt, wo müsste, wo sollte – wie ist das mit den Modalverben? – wo könnte ich nach dir suchen?

und jetzt: höchste Zeit für die Bücherverlosung! Und damit war es das auch schon wieder, drei Tage, 50 Dichter und Dichterinnen, darunter vierzig, die lasen und zehn, die mit ihren Werken an der dieses Jahr von Günter Vallaster kuratierten, wirklich sehr schönen Ausstellung visueller Poesie teilnahmen. Die Exponate sind alle 2020 entstanden.


40 Tage von Renate Pittroff (© Astrid Nischkauer)

Zusätzlich zu den Dichtenden nahmen auch einige Musiker und Musikerinnen teil, manche angekündigt, wie Pourea Alimirzaee, andere auch ganz spontan, wie am Tag zwei der Poesiegalerie bei der Lesung von Elke Laznia. Denn sie bezog das noch von der vorherigen Lesung von Loulou Omer auf der Bühne stehende Keyboard sogleich in ihre eigene Lesung mit ein und ließ sich kurzerhand, ganz unvorbereitet, aber umso gelungener, von ihrer Tochter Miriam bei der Lesung begleiten. Kurzum: drei Tage, die ganz der österreichischen Poesie gewidmet waren und das allen coronabedingten Schwierigkeiten zum Trotz, das war die Poesiegalerie 2020. Dieses Jahr gab es dank großzügiger Förderung von der Stadt Wien und vom Bund auch erstmals seit Bestehen der Poesiegalerie ein Honorar für alle Lesenden, wofür ebenfalls herzlich gedankt sei.

Es ist inzwischen spät, sehr spät und bald schon brechen alle auf, Günter Vallaster beginnt die Kunstwerke der visuellen Poesie abzunehmen und die Bücher auf den reich gedeckten drei großen Büchertischen werden langsam wieder eingeräumt. Beides ist schade, weil man die Kunstwerke gerne länger betrachten und auch gerne länger schmökern würde in den vielen Neuerscheinungen, wofür in den coronabedingt regelmäßigen, aber dafür kurzen Lüftungspausen zwischen den Lesungen beinahe zu wenig Zeit war, wollte man auch ein wenig mit den vielen Kollegen und Kolleginnen plaudern. Bleibt die Vorfreude auf das nächste Jahr, wollen wir hoffen, dass die Poesiegalerie auch 2021 wieder stattfinden kann und dann im besten Fall bereits schon wieder ohne coronabedingte Einschränkungen und Sorgen!

Wer nicht dabei sein konnte bei der 3. POESIEGALERIE hat sehr viel verpasst, aber es gibt die Möglichkeit, die Lesungen demnächst auf literadio nachzuhören, nochmals ein ganz herzliches Dankeschön an Christian Berger dafür. Es waren drei ebenso vielfältige wie bereichernde Tage, danke auch allen Kollegen und Kolleginnen, die uns mit ihren Lesungen und Gedichten ein wunderschönes Geschenk gemacht haben, und das in Zeiten wie diesen, was schon beinahe an ein kleines Wunder grenzt. Lesen Sie Lyrik, denn zu lesen gibt es da wahrlich mehr als genug.

Büchertische voller Lyrik so weit das Auge reicht (© poesiegalerie)
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