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„Ich bin eine Hybrid-Existenz“

„Ich bin eine Hybrid-Existenz“

Der Literaturwissenschafter, Musiker und Autor Helmut Neundlinger im Gespräch mit Udo Kawasser über sein neues Buch Virusalem, sein Leben zwischen Musik und Schreiben sowie die Forderung an die Künstler*innen, zum role model eines neuen Zeitalters zu werden.

In einer Kurzbiografie von 2012 wirst du als „Lektor, Journalist und Publizist“ vorgestellt, der im Jahr davor seinen ersten Gedichtband tagdunkel im Mitter Verlag veröffentlichte. Jetzt präsentierst du dich auf unserer Homepage als Autor, Musiker, Literaturwissenschaftler. Was ist in diesen acht Jahren passiert?

Die journalistischen/publizistischen Tätigkeiten bin ich zwar nicht ganz losgeworden, aber sie haben sich doch stark reduziert. Es ist interessant, mit Selbstbeschreibungen aus der Vergangenheit konfrontiert zu werden, weil sie die Schwerpunkte aus der damaligen Zeit in Erinnerung rufen. In den Nullerjahren war die journalistische Arbeit wichtig: Ich war beim Monatsmagazin Datum als Kulturredakteur tätig, für den Standard habe ich Netzwerkanalysen von Fußballspielen durchgeführt, und für den Augustin habe ich mich auf Reportage in der Wiener Fußball-Peripherie herumgetrieben. Handwerklich hat mich diese Praxis nachhaltig geprägt und ist in jedem Fall mit meinem generellen Anspruch ans Schreiben verbunden.

Schreiben zwischen Zweifel und Spiel

Wenn du von deinem „Anspruch ans Schreiben“ sprichst, ist damit die explizit dichterische Arbeit gemeint? Oder anders gefragt: Ziehst du Grenzen zwischen dem Journalismus, der Literaturwissenschaft und dem literarischen Schreiben?

Schreiben ist das auf jeden Fall alles, als Arbeit an und mit der Sprache. Natürlich gibt es Genre-Unterschiede bzw. unterschiedliche Anforderungen. Beim Datum war es wichtig, Geschichten möglichst verständlich, genau und „sauber“ auf den Punkt zu bringen. Das hat für mich starke Konsequenzen z. B. auch für (literatur-)wissenschaftliche Texte: Auch da versuche ich zu erzählen, nicht fiktiv, aber im Sinne eines klaren und leidenschaftlichen Vermittelns von Inhalten, Problemen und Konstellationen. 

Und wie schlägt sich das dann in deinen Gedichten nieder, die ja prinzipiell nicht narrativ angelegt sind? Da kommt, wie mir scheint, eine eher sprachreflexive Neigung zum Vorschein.

Ja, da würde ich dir zustimmen: Das Gedicht als Form erlaubt mir da noch einen ganzen anderen Zugang oder Tiefgang. Ich würde es so formulieren: Es ist immer eine Mischung aus Zweifel und Spiel, die da in Gang kommt, wenn die poetische Maschine angeworfen wird. Zweifel im Sinn von: hinter die Bedeutungen blicken, ihnen ein notwendiges und konstruktives Misstrauen entgegenbringen. Und Spiel im Sinne von: die Bedeutungen zum Schweben, vielleicht sogar zum Tanzen bringen. 

Die Unmittelbarkeit der Musik

Apropos tanzen: In unserer Unterhaltung ist der Musiker bislang auf der Strecke geblieben. Wann und wie kommt der ins Bild?

Der Musiker darf etwas leben, was beim Schreiben nur bedingt möglich ist: den künstlerischen Ausdruck in Gesellschaft, das unmittelbare Aufeinander-Reagieren im Spielen/Improvisieren, die Auseinandersetzung mit der physischen und psychischen Gegenwart von anderen Temperamenten. 

Gab es bei dir schon Musik im Elternhaus?

Musik war da, aber nicht als Muss, genauso wie das Lesen. Meine Eltern haben als Lehrer gearbeitet und einen starken Bezug zu Bildung im Allgemeinen und Kunst und Kultur im Besonderen. Sie haben mich und meinen Zwillingsbruder (ein Philosoph und ebenfalls Musiker) immer in unseren Ansätzen unterstützt und begleitet, aber nie Zwang oder Erfolgsdruck ausgeübt. Das hat es uns beiden ermöglicht, uns in vielen verschiedenen Dingen auszuprobieren und uns entsprechend vielfältig zu entwickeln. 

Die prägende Begegnung mit Christian Loidl

War das Schreiben in Kindheit und Jugend auch schon präsent? Ich frage das, weil dein erstes literarisches Buch, dann vergleichsweise eher spät, 2011, herausgekommen ist, während du als Klarinettist und Saxophonist schon längst mit den Ensembles „Abado & Co.“ und „Nicky Swing & the Slaves of Beauty“ auf der Bühne standst und CDs aufnahmst.

Das Schreiben war immer präsent, als Ausprobieren und Sich-Versuchen, aber lange ohne die letzte Konsequenz. Wichtig war für mich zunächst die experimentelle Dichtung im Anschluss an die Wiener Gruppe, die ich schon als Teenager entdeckt habe. Beim Studium in Wien hat mich vor allem die Begegnung und Freundschaft mit Christian Loidl geprägt, der ein außergewöhnlicher Lyriker und Performer war. Leider ist er 2001 gestorben. Er war extrem offen und hat viele Menschen um sich gehabt, ohne sich massiv in den Mittelpunkt zu stellen. Von ihm habe ich vor allem in Sachen Dichtung sehr viel gelernt, er war ja von der Beat-Dichtung und der lateinamerikanischen Literatur des magischen Realismus beeinflusst. Dass mein erster Band mit Lyrik vergleichsweise spät erschienen ist, hat wohl auch damit zu tun, dass es gar nicht leicht war, einen Verlag zu finden. Bei Alfred Gelbmann vom Mitter Verlag habe ich angeklopft, als ich sah, wie schön er diese kleinen Bände gestaltete, und er hat zum Glück sofort und mit Begeisterung zugesagt. 

Fotokredit: Autor

Kannst du kurz schildern, wie es zu deiner Freundschaft mit dem um 16 Jahre älteren Christian Loidl kam? 

Ich habe Christian als Autor im Spectrum der Presse entdeckt, wo er immer wieder sehr poetische literarische Reportagen veröffentlichte. Daraufhin habe ich ihn 1994 für eine Lesung zu einer Schreibwerkstatt im Weinviertel eingeladen, die ich gemeinsam mit dem Dichter Rudi Weiß damals immer im Sommer organisiert habe. Ich habe ihn bei der Gelegenheit spontan mit dem Saxophon begleitet, und daraus ist dann sehr schnell eine intensivere Zusammenarbeit geworden, bei der ich auch andere tolle Musiker wie Otto Lechner, Bernhard Lang oder Wolfgang Musil kennenlernte. In diesem Kontext habe ich viel über das Ineinanderfließen der verschiedenen Ebenen von Sprache, Klang, Geräusch und Stimme gelernt, das hat mich schon nachhaltig fasziniert und geprägt. 

Ein vielgleisiges Leben

Und erklärt das auch, dass es dann wieder 6 Jahre gedauert hat, bis dein zweites Buch erschienen ist? Oder war es für dich nicht klar, in welche Richtung du dich entwickeln sollst? 

Ja, es ist wirklich anstrengend, all diese Fäden gleichzeitig weiterzuspinnen, andererseits möchte ich aber keinen auslassen, es ist mir einfach alles wichtig. Dass es mit dem zweiten Band so lange gedauert hat, ist auch noch der Tatsache geschuldet, dass ich in der Zeit an dem Roman Eins zwei Fittipladi geschrieben habe, der 2018 bei Müry Salzmann erschienen ist. Mein zweiter Gedichtband Die Gerüche des Meeres und der Eingeweide ist mir aber sehr wichtig, obwohl oder gerade weil es so ein schmales Hochroth-Bändchen ist. Und in gewisser Weise haben die Reise-Gedichte in dem Band ja auch wieder etwas zu tun mit dem reportage-artigen Zugang, den ich mir im Journalismus angeeignet habe: das genaue und konzentrierte Beschreiben von Welt, in der Lyrik allerdings in einer verdichteten Form. 

Wie sieht dein Arbeitsalltag konkret aus? Wie organisierst du dein „Poeten-Leben“?

Die Schwerpunkte ergeben sich oft situationsabhängig: Mal sitzt man an dem einen, mal an dem anderen intensiver. Das Üben kommt immer zu kurz, dafür habe ich die Freude, mit meinen beiden Kollegen Christoph Schwarz und Ernst Reitermaier in dem Ensemble „3 knaben schwarz“ rege und in viele verschiedene Richtungen wirken zu können. Beim Dichten ist es ähnlich wie bei Jandl: Ist ein bestimmter Motor einmal angeworfen, dann entstehen oft ganze Serien, dafür ist dann oft wochenlang wieder Pause. Das Privatleben ist diesbezüglich auch fließend, durchzogen von einer kreativen Grundstimmung und in Gesprächen mit vielen lieben Freundinnen und Freunden. Bei Godard heißt es einmal: „Liebe Arbeit Kino“ – in meinem Fall würde ich das Kino (das ich natürlich auch liebe!) ganz einfach durch Kunst ersetzen!

Die Frage ist natürlich immer, wie man als Künstler leben soll. Und du hast sie explizit in einem Standard-Artikel vom 2.7.2012 mit dem Titel „Was macht eigentlich die Kunst“ gestellt. War das von Anfang an eine grundlegende Frage für dich? Denn ich nehme an, dass dein Brotberuf nun die Literaturwissenschaft ist, da du ja eine fixe Anstellung im Zentrum für Museale Sammlungswissenschaften/Donau Uni Krems hast.

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Ja, ich bin sozusagen eine Hybrid-Existenz mit einem Fix-Job, der für mich aber auch weitaus mehr ist als ein Brotberuf, da die Arbeit im NÖ. Literaturarchiv auf vielen Ebenen mit dem zusammenhängt, was ich als Autor mache. Archiv-Arbeit ist natürlich auch Knochenarbeit, aber in der Konstellation mit meinem Kollegen Fermin Suter ist das eigentlich eine total befruchtende und kreative Sache. Ich kann gar nicht sagen, dass ich mich für das eine oder das andere bewusst entschieden hätte, das merkt man ja an meinem Portfolio. Es klingt ja einigermaßen surreal, wenn man das alles nebeneinander stellt. Andererseits habe ich dadurch in jedem Feld den Status des (hoffentlich) sympathischen Außenseiters, der immer auch ein bisschen was anderes mitbringt und dadurch die ganze Sache bereichert. 

Existentielle Befreiung durch Kunst

Du stellst in deinem Aufsatz einen Aspekt von Kunst in den Vordergrund, den ich selten so treffend und gleichzeitig lebendig dargestellt fand. Du sprichst von der „verführerischen Atmosphäre eines Gedichts“, nämlich davon, wie das Gedicht die Leser/in einerseits „mit seiner Fröhlichkeit wie ein feurig flirrendes Saxofonsolo anjazzt“ und andererseits aber auch „das wilde Treiben“ in dem Gedicht den Rezipienten zu einem Leben jenseits überkommener Zwänge einlädt. Sind für dich die Kunst und Literatur etwas Anarchisches oder Emanzipatorisches?

Das Gedicht, das der Ausgangspunkt dieses Textes war, heißt „wie verrückt“ und ist vom großen Ernst Jandl. Es ist wie Jazz mit Worten, völlig enthemmt und trotzdem extrem bei sich, wie eben die besten Momente in einer Improvisation. Und mir scheint dieses Bild einer sich in seinem Tun vollkommen aus-schöpfenden Tätigkeit etwas existenziell Befreiendes zu transportieren. In meinem Text konfrontiere ich diese fundamentale Erfahrung allerdings auch mit der Frage nach den ökonomischen Bedingungen künstlerischer Existenz, der Notwendigkeit eines Grundeinkommens, das zumindest einige jetzt in der Krisensituation beziehen können. Daraus muss die Forderung resultieren, dass eine solche existenzielle Absicherung auch in Zukunft garantiert sein soll. 

Du verfichtst also den Standpunkt, dass die Gesellschaft den Künstler*innen ein Grundeinkommen garantieren soll. Wie argumentierst du das, wenn du in diesem Aufsatz gleichzeitig feststellst, dass wir als Lyriker*innen etwas produzieren, das andere nicht brauchen?

Ich hoffe doch, dass andere unsere Gedichte brauchen! Was ich in dem Text meinte, ist die Frage, wie sich geistige bzw. immaterielle Arbeit in einem ökonomischen System der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche behaupten kann. Und da leistet die Kunst mittels Reflexion, mittels Infragestellen sehr wohl einen entscheidenden Beitrag. Wollen wir die Gesellschaftskritik jenen obskuren Figuren und Kräften überlassen, die in letzter Zeit am rechten Rand aufgetaucht sind und sich als Retter des Abendlandes gerieren? Sicher nicht, und in diesem Sinne müssen wir uns als kreative Kräfte auch in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen. 

Fotokredit: Autor

Künstler*innen als role model

In dem angesprochenen Essay entwickelst du den Gedanken von der Künstlerin/ dem Künstler als role model in der kapitalistischen Gesellschaft. Siehst du das immer noch so?

Das meine ich gar nicht affirmativ, eher soziologisch beschreibend: Der Künstler/die Künstlerin als ständiger Erfinder/in seiner/ihrer selbst, das haben etwa Luc Boltanski und Eve Chiapello in ihrer Studie zum Neuen Geist des Kapitalismusbeschrieben. Präzise Analysen zu diesem Thema fand ich auch bei Autoren in der Tradition des italienischen Post-Operaismus, etwa Paolo Virno oder Enzo Rullani, den ich in meinem Text auch zitiere. Die geistige und immaterielle Arbeit, das sogenannte „kognitive Kapital“, all das sind zentrale Themen unserer ökonomischen und sozialen Entwicklung, und mit der Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz in vielen Bereichen wird sich das noch einmal drastisch zuspitzen. Was mich und viele andere umtreibt, ist die Tatsache einer systematischen Selbstausbeutung, in die wir uns begeben, eigentlich um die Welt besser oder reicher zu machen, Akzente und Initiativen zu setzen – eben genau das, wovon der Kapitalismus in seinem Selbstmarketing auch immer spricht. Da müssen wir wieder Unterscheidungen einführen und uns zu role models einer kommenden Gesellschaft zu entwickeln, die auf Solidarität und ökologischer Balance beruht. 

Wie hat dich die Corona-Pandemie in der Vielfalt deiner ganzen Aktivitäten getroffen? Wie dein letztes Buch Virusalem. Gesang aus dem Bauch des Wals, das vor wenigen Monaten bei Müry Salzmann erschienen ist, zeigt, bist du der ganzen Entwicklung sehr schnell literarisch gefolgt. Wie kam es dazu?

Das Schreiben war zunächst eine unmittelbare Reaktion auf den Schock des Stillstandes und der Ankunft einer ungreifbaren Bedrohung in unserem Alltag. Mein Verlag hat den Impuls rasch aufgenommen und mich im Schreibprozess ganz fantastisch unterstützt. Für mich war eigentlich von Beginn an klar, dass ich in Form von Gedichten auf die Krise reagieren möchte und nicht in Form eines Tagebuchs oder eines Blogs. Vielleicht wollte ich mir und der Sprache diesen kleinen Rückzug sichern, damit sich die Empfindungen und Bilder intimer entfalten können, ohne den Bezug zur Realität zu verlieren. Für mich war es auch ein poetischer Selbstversuch: Lässt das Gedicht sich als Mittel einer Art von Gegenwartsbetrachtung verwenden? Geblieben ist am Ende die Arbeit an der poetischen Sprache zwischen Zweifel und Spiel, so wie ich das oben zu erklären versucht habe. 

Ich danke dir vielmals für den Chat.

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