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HOCHZUSAMMENGESETZT.

HOCHZUSAMMENGESETZT.

Zu den Meditationen von Jan Erik Vold

Margret Kreidl über den neuen Gedichtband des Norwegers, der am 11.1. beim Lyrikfestival Dichterloh liest.

POESIEGALERIE in Kooperation mit der ALTEN SCHMIEDE.


Das Foto eines weißhaarigen Mannes, der in einer dunklen Ecke sitzt, er trägt eine Brille, den rechten Arm hat er auf die Fensterbank gestützt, die Hand verdeckt sein Kinn. 
FENSTER
Ich sehe ein Stück verschneite Wiese – ist es eine Wiese oder ein Feld? – und einen Mann – es könnte auch eine Frau sein – auf Langlaufskiern, im Hintergrund Bäume, dürre Laubbäume ohne Blätter und ein paar Nadel­bäume. Der Mann am Fenster sieht den Mann im Schnee nicht, sein Blick geht an ihm vorbei, in die andere Richtung.
SCHNEE
Ich möchte ein Gespräch beginnen mit dem Mann, der am Fenster sitzt, in einer warmen Stube, ich stelle mir ein Holzhaus am Waldrand vor, es ist Dezember, ein kalter Dezembertag. Wenn ich von meiner Küche in den Hinterhof schaue, sehe ich eine graue Wand und zwei hell erleuchtete Fenster, ein kalter Herbstabend, es regnet.
18. OKTOBER 2020
Die Gestalt
das Geräusch
es regnet
es regnet
und ich träume
von einer Schneelandschaft
die ein weißhaariger Dichter
beschreibt.
DIE TRÄUMEMACHER TRILOGIE
Die vorherrschende Landschaft aus Weiß und Schnee ist auch die Landschaft des Nada: Das große weiße Buch zum Schauen.
Schnee, Wald, Buch, nichts, Gedicht.

© Copyright Verlag Kleinheinrich

REGEN. REGEN
 
auf dem Fenstersims. Geräusch. Kein
Gesang. Regen im Groß
stadt
 
dunkel, von Straßenlaternen, Fensterlicht und Autos 
aufgehellt
wenn ich hin
gehe und hinaus
 
sehe, was ich 
nicht. 
Regen, wie gesagt. Macht nass. Das
wissen alle.

Ich sitze am Küchentisch, vor mir liegt ein aufgeschlagenes Heft mit Notizen und Zitaten aus den Meditationen von Jan Erik Vold, die mit Regen im Großstadtdunkel beginnen und mit Während die Fensterscheibe vorbeifährt enden. Zwölf Gedichtzyklen, jeder Zyklus besteht aus zwölf Gedichten, jedes Gedicht hat zwölf Zeilen, die erste Zeile ist in Groß­buchstaben geschrieben.
ZWÖLF MEDITATIONEN (2002)
Eine strenge Form, wenig Worte, kurze Zeilen, Leerzeilen zwischen ein­zelnen Wörtern und Sätzen, die Zeilenbrüche unerwartet, hart, ich gehe durch das Gedicht, Sprünge, von oben nach unten und wieder hinauf, ich lese laut.
KLOPFE MICH NACH HAUSE
Volds Gedichte sind auf Vortrag angelegt, lese ich auf Wikipedia.Die Meditationen sind Erinnerungsübungen, schreibt der Übersetzer Walter Baumgartner im
Nachwort der TRÄUMEMACHER TRILOGIE.
RÄUME
Ich erinnere mich. Das Gedicht atmet. Der Raum, der das Gedicht umgibt, gehört mir nicht. Jan Erik Vold lässt mich zwischen Nichts / und Nada / wählen.
Ich erinnere mich an Küsse – zwölf ist die Kusszahl – Küsse in einem dunklen Kinosaal, Klaviermusik zu einem Stummfilm, an den Film erinnere ich mich nicht.
DAS KINO, SALZBURG
Chet Baker spielt auf in Gerry / Mulligans / klavier / losem / Quartett und ein Mund leuchtet im Kinodunkel. Mein Herz ist feucht. 
CHET
Die Trompete ist gelb.
Das Echo ist rot.
Das Fenster ist weiß.
DAS WEISSE FENSTER
Der Dichter nimmt die Frucht ins Fadenkreuz. Niemand schießt. BambifilmGewehrlauf.  Wer spielt da? Ich fahre mit dem Fahrstuhl einen Baum hinauf. 
WER DA SINKT 
Ich falle in den Schnee und höre ein Summen.
WER SINGT DA?
Gedicht: Nicht das weiße Lied selbst,
sondern das Licht des weißen Lieds.
WAS IST DER SINN
Schnee, Spuren, Licht.
César / Vallejo hast du nie gelesen.
Fichten, Briefe, Paris.
Ich werde Nelly Sachs wiederlesen.
DER BAUM UND DER NICHT-BAUM
Jan Erik Vold zieht die Quadratwurzel / aus / minus / Eiche.
Niemand kann von mir verlangen, daß ich Zusammenhänge herstelle, so­lange sie vermeidbar sind, schreibt Ilse Aichinger.
SING EIN LIED
Ein Liebespaar in Norwegen während des Zweiten Weltkriegs: die Dichterin Gunvor Hofmo und Ruth Maier, die vor den Nazis aus Wien geflüchtet ist. 
„Sängerin der Dunkelheit“ wird Gunvor Hofmo oft genannt, das hat mich interessiert: Wo kommt das Dunkle her? fragt die 1969 geborene Lyrikerin Tone Avenstroup.  
EIN DEUTSCHER OFFIZIER
Im Herbst 1942 wird Ruth Maier bei einer Razzia in Oslo verhaftet und nach Auschwitz deportiert und ermordet. Jan Erik Vold hat ihre Tagebücher aus dem Nachlass von Gunvor Hofmo herausgegeben. 
Ruth Maier: „Das Leben könnte gut sein.“ Tagebücher 1933 bis 1942. 2008. 
Daraus entstand ein Gedicht.
SIEBZEHNTER-TOD-UMZUG
Wie entsteht ein Zyklus? Nach dem fünften Zyklus der Meditationen, dem Todes-Zyklus, beginne ich von vorne zu lesen, erster Zyklus bis zwölfter Zyklus. 
Es gibt keinen roten Faden, es gibt zwölf mal zwölf Gedichte, es gibt zwölf Zeilen pro Gedicht, es gibt Zeilenbrüche, die viel Raum zwischen den Wörtern und Sätzen lassen, es gibt Schlagzeilen und Buchzitate, es gibt Caritas-Suppe und Dagobert Duck, es gibt Häschenmuster und Kühe, die brunzen, es gibt Graffiti und Buchstaben, die stillstehen, es gibt Wörter, die aus Bäumen wachsen. 
Gibt es einen grünen Faden? Es gibt den Blues für Bolívar und Billie Holiday, es gibt die Tombala, es gibt Hans im Glückund Zehndollarscheine, es gibt die Avenida Libertad und eine Reportage von CNN, es gibt Träume und Alpträume, Bilder, die wiederkehren, versinken.
ZYKLUS
1. periodisch ablaufendes Geschehen, Kreislauf, regelmäßig wiederkehrender Dinge od. Ereignisse.
2. a) Zusammenfassung, Folge; Reihe inhaltlich zu­sammengehörender (literarischer) Werke, Vorträge u. a.;
b) Ideen-, Themenkreis.
LISTE
Gedichte, die sich nicht zusammenfassen, nicht auf den Punkt bringen lassen. Ja, ich könnte eine Liste von Themen aufstellen: Kindheitserinne­rungen, erste Liebe, der Wald, die Steine, Tiere, Jazz und Bücher, der Krieg, der männliche Körper, der weibliche Körper, die Geliebte und so weiter.
Alles ist wichtig und nichts. 
Daraus entsteht ein Gedicht.
KUBUS IM NICHTS
Alle Gedichte dieser Trilogie sind Meditationen; die Gedanken können gleichzeitig in unterschiedliche Richtungen gehen, schreibt Jan Erik Vold und stellt seiner Trilogie ein Gedicht für Petter Dass voran, es kehrt im sechsten Zyklus der zwölf Meditationen wieder.
STROPHEN FÜR PETTER DASS
Die Zwölf ist durch 2, 3, 4 und durch 6 teilbar und hat mehr Teile als jede Zahl vor ihr. Man nennt solche Zahlen „hochzusammengesetzt“, schreibt André Behr.
14
Ich denke an die Sonette der Barockdichterin Catharina Regina von Greiffenberg (1633–1694), die die „Geist-Subtiligkeit“ besungen hat, die in der Schöpfung verborgene Vielsinnigkeit, die durch Wortkunst offenbar wird. 
In Norwegen fängt eine eigentliche Poesie mit dem Barockdichter Petter Dass (16471707) an. Er war auch Pfarrer für die Küstenbevölkerung Norwegens.
Der Stein ist ein Stein.
Das Meer ist ein Ei.
Das Blatt ist weiß.

KÖNNEN WIR UNS
in Grün
einrollen? Wie in
einen
 
Teppich? Mit hell
violetten 
gestickten
Lupinen? Dann rollen wir dich heraus
 
300
Sommer später, als
lebende
Buchstaben, Meister P.

Jetzt kann das Gespräch beginnen, Meister V.

Anm.: Alle kursiv gesetzten Texte sind Zitate von Jan Erik Vold aus DIE TRÄUMEMACHER TRILOGIEVerlag Kleinheinrich, Münster, 2019.

Jan Erik Vold, *1939 in Oslo, veröffentlichte rund 20 Gedichtbände und lebt in Stockholm. Er trat mit Jazzgrößen wie Chet Baker auf und ist auch als Übersetzer, Essayist und Herausgeber tätig. Bücher & CDs (Auswahl): Ruth Maier: Das Leben könnte gut sein. Tagebücher 1933 bis 1942. (Hg., 2008/2020); Telemark Blue. CD. Mit Chet Baker (2010).

See Also

11.1.2021
Mo, 19:00
YOUTUBE-KANAL DER ALTEN SCHMIEDE

Dichterloh: Angela Krauß, Jan Erik Vold

Die Genauigkeit poetischer Existenz

Angela Krauß: Der Strom (Suhrkamp Verlag)
Jan Erik Vold: Die Träumemacher Trilogie (Aus dem Norwegischen von Walter Baumgartner. Kleinheinrich Verlag)

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