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Im Kraut

Im Kraut

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Stefan Schmitzer liest Ovids Metamorphosen

Zuerst die fesche Scylla am Strand. Sie

	(…) frischt (…) im umfriedeten Wasser die Glieder.

Dann Auftritt Glaucus, fischschwänziger Meeresgott,

	gebannt von Verlangen beim Anblick der Jungfrau,

aber sie will natürlich nicht und läuft ihm über die Felsen hin davon, während er vergeblich hintendrein schwimmt. Am Ende einer Landzunge stellt er sie, und sie gestattet zumindest, dass er ihr seine Herkunft erzählt. Die geht so: Er war früher ein sterblicher Mensch, ein Fischer, bis es ihm einmal geschah, dass er den Fang aus seinen Netzen auf einer gut versteckten Wiese auslegte, und die toten Fische, da sie das Grün berührten, ihm davonsprangen, wiederbelebt, zurück ins Meer. Das Kraut, das so etwas bewirkt, musste er nun natürlich selber kosten. Sogleich verwandelte es ihn. (Merkwürdig, dass er auf Anhieb weiß, es sei gerade das Kraut, und nicht z.B. die Stellung der Gestirne, eine versäumte Opfergabe oder sonstwas). „Erde, leb wohl“, ruft er noch aus,

	tauchte den Leib in die Fluten[,]

und findet sich wiedergeboren als Fabelwesen. Es folgen noch Unterwasser-Adventüren. Scylla ist davon wenig beeindruckt bzw. wohl vor allem abgestoßen vom fischigen Unterleib und zieht sich zurück.


Wir merken uns insbesondere: Das Kraut.

Glaucus schwimmt nun nach der Insel Ääa, wo die Zauberin Zirze wohnt, Sachverständige für Verwandlungs-, Liebes- und wiederum Kräuterdinge. Sie soll ein Etwas wirken, um Scylla für ihn zu, nun ja, bezirzen. Zirze ihrerseits aber will Glaucus für sich, samt Fischschwanz, doch vergeblich:

(…) "Es wachsen	
Bäume im Meere zuvor und Algen auf den Gipfeln der Berge,
ehe mein Lieben sich wandelt, solange Scylla mir heil ist."

Im Nachhinein betrachtet: unglückliche Wortwahl. Wir aber merken uns: Das Bild vom vertauschten Wachstum der Bäume und Algen.
Zirze, zurückgewiesen, hilft nun zum Schein dem Wassermann. Sehr wohl braut sie aus Kräutern einen magischen Badezusatz, mit dem sie in der Lieblingsbadebucht der Scylla verseucht – doch was der bewirkt, ist mitnichten der bestellte Liebeszauber, sondern die Verwandlung von Scyllas Unterleib in eine Menge von

bellenden Greuelgeschöpfen.

Obwohl Scylla nun durchaus nicht mehr „heil ist“, wie in seiner Bedingung ausgedrückt, will Glaucus noch immer nicht mit Zirze schmusen. Im Gegenteil: er

floh die Vereinung mit Circe,

die ihrerseits unerhört-traurig heimfliegt (schwimmt? rudert?). Scylla bleibt an Ort und Stelle zurück, schmiedet Rachepläne und wird, viel später, andere Geschichte, von den Göttern zu Stein verwandelt.

Das Riff noch meidet der Seemann.

Diese Episode bildet das Ende des dreizehnten und den Beginn des vierzehnten Buchs der Metamorphosen von Ovid. Auffällig ist die selbstverständliche Beziehung von Wiesenkräutern und Unterseeischem. Es geschieht zweimal, dass die bloße Berührung eines Krauts den Unterleib von einem Menschen in etwas Fischiges verwandelt, zuerst bei Glaucus, dann Scylla. Es scheint sich um das gleiche Kraut zu handeln, das zum Einsatz kommt. Bloß ist seine Wirkung einmal naturwüchsig und „wunderbar“ – wir bestaunen den einzelnen, irgendwie noch tolerabler Fischschwanz, dessen schön funkelnde Schuppen gar Erwähnung im Text finden – und beim zweiten Mal nur noch gruselig und alien. Wo ein Nymphen-Hintern war, da werden viele Unterwasser-Ungetüme. Der Unterschied erklärt sich durch die Bosheit Zirzes, die ja gerade nicht erreichen will, dass Scylla und Glaucus als plötzlich Gleichartige sich in die Arme fallen … Oder ist da eine Moral von der Geschichte über die Schlechtigkeit von Technologie eingebaut?

Schmitzer Foto Ovid Metamorphosen Solekt 22

Anyway: Ungefähr in der Mitte zwischen die beiden Instanzen von [(Kraut) -> (Fisch)] hängt der Ausruf von Glaucus, wonach eher Algen auf Bergen wachsen, und Bäume im Meer, als dass er mit Zirzen usw. Ich lese diese Stelle als das Scharnier zwischen den beiden Verwandlungsszenen. Und denke mir, angesichts der Zusammengehörigkeit von Wiesenkraut und Meeresglitschigkeit in der Geschichte, die ja irgendwo herkommen muss, dass in jenem Ausruf eine Frühform, eine Steinzeit-Ritualform vielleicht, eine Halluzinationsform des erzählten Geschehens abgebildet ist.

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© Stefan Schmitzer


Stellen wir uns einen Priester vor, der einen Baum, oder eben ein ganz bestimmtes Zauberkraut, rituell und feierlich von der Ziegenweide droben am Berg hinunter zum Strand trägt und im Meer versenkt, und dann, wie er vom selben Ort ein Büschel (sagt man Büschel?) Algen, Muscheln, Meeresschlatz nimmt und auf den Berg hinaufbringt. (Wo kann das gewesen sein? – Auf Delos, wo in attischer Zeit ein Orakel des Glaucus stand.) Oder nicht mal priesterlich – vielleicht auch nur ein jahreszeitlicher Hirtenzauber? Eine heruntergekommene Geste der notwendigen Zusammenarbeit chalkolithischer Fischer und Hirten miteinander? Und zu solchem wandelbaren Gemeinschafts-Zinnober verschiedene Versionen der Geschichte. Versionen, die gut ausgehen – wo keine Zirze vorkommt, wo Glaucus und Scylla am Ende gleichförmig, beide mit einzelnem Fischschwanz, davonschwimmen, Hand in Hand in den Sonnenuntergang … Oder eine Version, in denen sich Glaucus verwandelt und Scylla nicht … Mündliche Versionen, in die sich Fisch- und Kräuterwissen einflechten lässt, Kataloge von essbaren und ungenießbaren Sachen … Eine Version, in der die zwei Verwandlungen ihren Goldmarie-Pechmarie-Charakter betonen – was macht der eine richtig, das die andere falsch macht? Ist es am Ende eine Erzählung von „natürlichen Unterschieden“ zwischen Mann und Frau? Patriarchale Ideologie? „Mädels, bleibt besser an Land …“ (Ganz geschwiegen von dem unvorteilhaft einfach zu deutenden Umstand, dass – zumindest in der niedergeschriebenen Version – der Zauber-Unterleib des Kerls ein funkelnder Zauberschwanz ist, der Zauber-Unterleib der Frau aber eine chaotische Menge verschlingender Gruselmäuler …)


Man merkt vielleicht: ich habe die Textstelle ein wenig zu oft gelesen; sie begleitet mich durch diesen Sommer 2022, und zwar genau, weil die Beziehung von Kraut und Meer mir so überhaupt nicht einleuchtet. Die „Erklärung“ steht nicht im Text, so oft ich ihn anschaue. Die Selbstverständlichkeit der Setzung mag dem spätantiken Publikum Ovids geläufig gewesen sein (weil man z. B. irgendeine volksmedizinische Anwendung vor Augen hatte), oder so völlig ungeläufig wie mir heute – sie lädt jedenfalls, s.o., zum Halluzinieren ein.


Auch denkbar ist freilich, dass die Resonanz der Textstelle eher von meinem bestehenden Unwillen herrührt, bei der Hitze mit ans Meer zu fahren.

cover ovid metamorphosen

‎Ovid. Metamorphosen, dtv Verlag, 1999, 496 Seiten, Euro 29,-

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