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Gesang, der uns einhüllt, durchdringt und wieder verlässt

Gesang, der uns einhüllt, durchdringt und wieder verlässt

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Johannes Tröndle liest Günther Kaips
Rückwärts schweigt die Nacht

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Was sich in diesem Buch alles entdecken und erlauschen lässt: Wälder im Handschuhfach, einen Mund im Straßengraben, Liebhaber, die nachts in den Bäumen sitzen, die Sirenen von Schiffen, die durch die offenen Fenster ins Zimmer gleiten und um den Esstisch ihre Kreise ziehen. Einmal heißt es: „die Zeit wechselt den Ort, wird Subjekt und Wolkenspaltung – wird zu Gesang, der uns einhüllt, durchdringt und wieder verlässt“.

Cover © Klever Verlag

Im Handumdrehen werden bei Günther Kaip Naturgesetze außer Kraft gesetzt, Größenverhältnisse durcheinandergewirbelt, poetische Gegenwelten entworfen, die stofflich und begrifflich zwar aus den hiesigen Wörterbüchern schöpfen, in ihren Wortverknüpfungen und teils verblüffenden Sprachbildern aber in einer eigenen Sphäre aufgehoben sind.

Prosaminiaturen, Gedichte und Mischformen

Das eigenwillige Werk von Günther Kaip ist dabei im Lauf der Jahrzehnte auf über 20 Bücher angewachsen, und es fällt auf, dass sich der Autor durchwegs der kurzen Formen bedient. Anstelle umfassender Entwürfe (oder auch einer ausformulierten Poetik) ist sein Werk fragmentarisch gehalten. Besonderen Stellenwert hat dabei die Prosaminiatur – Texte von einer halben oder ganzen Seite, häufig mit einem Titel versehen – so etwa in den drei „Miniaturen“-Bänden Im Fluss (2008), Im Fahrtwind (2010) und Im Rhythmus der Räume (2012). Daneben gibt es auch Lyrik, außerdem (sporadisch) bildnerische Arbeiten – und im neu erschienenen Band alle drei Formen und mehr: Prosaminiaturen wechseln sich hier mit Gedichten und Zeichnungen oder auch einer Art Mischform ab, in der Verszeilen von Prosasätzen ergänzt, kommentiert bzw. in einen – andeutungsweise – erzählerischen, manchmal auch (mittels Regieanweisungen) szenenhaften Rahmen gestellt werden.

Rückwärts schweigt die Nacht – das Buch hat keine Gattungsbezeichnung, ist also eine Art Lesebuch, in dem die Kaip’sche Poesie durch verschiedene Ausdrucks-, vielleicht könnte man auch sagen Notationsformen wandert. Denn der Unterschied zwischen Lyrik und Prosa ist bei Kaip nur graduell, die Texte scheinen oft nur an der Oberfläche unterschiedlich organisiert: die Lyrik eben in Versform, außerdem interpunktionslos, während der Prosa-Fließtext den standardsprachlichen Gepflogenheiten entspricht. Sie sind aber vom selben Duktus getragen, demselben Bilderfluss gespeist.

Mit minimalem Dreh Surrealität zu erzeugen

Wie schon in Kaips vorangegangenem Prosabuch, dem Journal „Ankerplätze“ (2017), erzählen die Prosatexte häufig in der Wir-Perspektive. Eine Mehrzahl tritt als Akteur auf – ohne dass diese Gruppe (oder Gruppen) jemals konkret greifbar würde(n). Wie überhaupt das unstet Wechselnde, Schweifende, Ineinander-Übergehende zu den Grundzuständen dieser Texte gehört. Wenn ein Text eine „Hotellobby“ vorstellt, diese mit „Sitzgelegenheiten“, „Glasfronten“ und einer „Portiersloge“ recht herkömmlich ausstaffiert und vor allem bis zum Ende des Textes ebendort (in der Hotellobby) verweilt, dann ist das für einen Kaip’schen Prosatext eher ungewöhnlich. Charakteristischer eine Dynamik wie in der folgenden Miniatur:

In unseren Zimmern wechseln sich die Landschaften im Stundentakt ab, menschenleer 
unter meterhohem Schnee, dann wieder kahl mit glühender Sonne, bewaldet unter 
tiefhängenden Wolken mit steil aufragenden Bergen, aber oft voll hastender Menschen, 
als würden sie durch die Landschaften getrieben. 

Dieser Ausschnitt ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie es dem Autor gelingt, mit einem minimalen Dreh Surrealität zu erzeugen. Denn man ersetze die „Zimmer“ mit „Zugabteil“ – nur als Gedankenspiel, ohne Gewähr, dass der Text tatsächlich auf diese Weise entstanden ist –, und alles weiter Beschriebene klänge schon wieder ganz wie von dieser Welt. (Wie auch mit den oben erwähnten „Liebhabern in den Bäumen“ ganz einfach Vögel gemeint sein könnten!)

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Körperlichkeit und Berührungen

Bei den Gedichten geht es häufig um Körperlichkeit. Zärtlichkeit, Berührungen, Umarmungen sind wiederkehrende Motive. Die Gedichte lassen Elementares anklingen, schöpfen – ganz ohne unnötigen Zierrat – aus dem Grundwortschatz und gehen dabei jedem Anflug von Kitsch oder klischeehafter „Liebeslyrik“ aus dem Weg. Auch die dem Band beigefügten Bilder – Filzstiftzeichnungen des Autors – scheinen in dieser Thematik aufgehoben: schattenhafte, tintenfleckartige Formen, in denen geschwungene Körper variantenreich miteinander verschmelzen. Ganz charakteristisch für Kaip ist diese eigenartige Spannung zwischen dem gerade angeschnittenen romantischen Sehnsuchtsfeld „Vereinigung“ und ihrer – im wahrsten Sinn des Wortes – Un-Verbindlichkeit. Denn nichts hat in diesen Texten Bestand, nichts fügt sich, es werden immer nur neue Wörter durcheinandergewürfelt und neue Bilder erzeugt, die aufflackern, staunen machen und wieder verschwinden – oder in andere Bewusstseinssphären eingehen:

endlos die Karawanen, die unsere Körper durchstreifen und sich nachts an unsere 
Träume schmiegen

In diesem Charakter des En passant, in ihrer Durchlässigkeit liegt auch das Geheimnis von Texten, die mitunter schwer an ihren Begriffen tragen, ja teils regelrecht mit Bedeutung überfrachtet sind – und trotzdem solch eine Leichtigkeit ausstrahlen. Denn wer will, kann hier getrost alle Semantik über Bord werfen und den Wörtern lauschen wie dem eingangs zitierten „Gesang, der uns einhüllt, durchdringt und wieder verlässt“.

Wer den Dichter Günther Kaip kennt, weiß, dass er diesem „Gesang“ nur sehr ungern eine Erklärung mit auf den Weg gibt. Aber vielleicht versteckt sich ja trotzdem in der einen oder anderen Textzeile ein poetisches Programm, etwa wenn es heißt

dass sich überall Dinge ohne Gewicht erschaffen, die geräuschlos 
und wortgewaltig durch die Welt ziehen. Glücklich ist der, bei dem
 sie verweilen und ihn ein Wegstück begleite.

Günther Kaip: Rückwärts schweigt die Nacht. Klever Verlag, Wien, 2022. 140 Seiten. Euro 20,–

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