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„Auf alten Fotos sind auch Tote lachende Gestalten“

„Auf alten Fotos sind auch Tote lachende Gestalten“

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Kirstin Breitenfellner liest Lina Kostenkos Ich bin all das, was lieb und wert mir ist


„Europa erlesen“ heißt eine renommierte Buchreihe im Klagenfurter Wieser Verlag, in der inzwischen einige Dutzend Bände erschienen sind. Von Anfang an hatte sich Verlagsgründer Loize Wieser der Vermittlung der slowenischsprachigen Literatur Österreichs verschrieben, aber auch einem Brückenschlag zu den Literaturen Südosteuropas. Im Frühjahr 2022 entschloss sich der Verlag aus Anlass des Überfalls Russlands auf die Ukraine, einen zweisprachigen Gedichtband der Grande Dame der ukrainischen Literatur nachzudrucken, der 2020 im Verlag VNTL-Klasyka Lviv/Lemberg erschienen war. „Europa kann nur erlesen werden, Buch um Buch, nicht Krieg um Krieg!“, schrieb der Verlag den Bellizisten in der editorischen Notiz ins Stammbuch.

Cover Kostenko Lina Und wieder ein Prolog

„Und wieder ein Prolog / І знову пролог“ enthielt 43 Gedichte der 1930 in Rschyschtschiw bei Kiew geborenen Autorin, die man als ein Pendant der russischen Widerstandsikone Anna Achmatowa (1889–1966) sehen könnte. Auch Lina Kostenko zog es lieber vor zu schweigen, als Kompromisse einzugehen, wie Alla Paslawska im Nachwort betont, und stieg damit zum „Gewissen der Nation“ auf.

Cover © Wieser Verlag


„Um die Ukraine zu verstehen, sollte man die Texte von Lina Kostenko verstehen“, setzt Paslawska noch nach – ein nationaler Anspruch, der dem westeuropäischen Denken eher fremd geworden ist. Wie das erhellende und informative Vorwort von Agnieska Matusiak betont, geht es hier aber nicht um naiven Patriotismus. Kostenko habe stets auch die selbstkolonialisierende Opferrolle der Ukraine sowie die Korruption der ukrainischen Eliten seit der Unabhängigkeit von Sowjetrussland thematisiert – sowie deren Unwillen, sich der eigenen Mittäterschaft zu stellen.

Schreiben oder Schweigen

Im Herbst 2022 legte Wieser unter dem Titel „Ich bin all das, was lieb und wert mir ist“ eine erweiterte Ausgabe mit 62 Gedichten nach, wie im ersten Band übersetz von dem emeritierten Professor für Slawische Literaturen an der Universität Wien Alois Woldan. Ein Glücksfall. Übersetzte Gedichte verlieren oft ihre sinnliche Substanz, das Ineinander von Wortbedeutung und Klang, wobei nur noch ein Bedeutungsgerüst übrigbleibt. Woldan gelingt es, die Gedichte sogar mit Reimen so zu übertragen, dass man meinen könnte, sie seien ursprünglich auf Deutsch verfasst. Leichter kann man sich der hierzulande weitgehend unbekannten Autorin nicht nähern.

Cover © Wieser Verlag

Kostenkos erster Gedichtband „Erdstrahlen“ erschien 1957, ihre vierte Publikation „Sternenintegral“ von 1963 wurde von der Zensur einkassiert, weil sie von diesem verlangte Änderungen verweigerte. Bis 1977 war Kostenko, der jegliche Form von Opportunismus gegen den Strich geht, mit einem Publikationsverbot belegt. Neben Lyrik hat Kostenko auch Romane in Versen – „Marusja Tschuraj“ (1979) und „Berestetschko“ (1999) vorgelegt sowie den Roman „Aufzeichnungen eines ukrainischen Verrückten“ (2010), der bei Erscheinen zum Bestseller wurde.

Aber nun endlich zu den Gedichten aus „Ich bin all das, was lieb und wert mir ist“, einem Querschnitt von Kostenkos Schaffen. Kostenko pflegt einen klassischen Stil, sowohl von Reim und Metrum als auch von den Themen her – die großen Lyrikthemen Liebe und Tod, die Natur, aber auch Versatzstücke der abendländischen Bildung von den griechischen Mythen über die Minnelyrik bis zu Rafael oder Van Gogh spielen eine Rolle. Dass diese Lyrik trotzdem nicht verschmockt wirkt, hat damit zu tun, dass man in jedem Text die existenziellen Fragen einer konkreten Person spürt. Auf diese Weise wird das zitierte und angerufene europäische Erbe nicht zum Ballast, sondern zu einer Klaviatur, auf der Kostenko scheinbar naiv und einfach, in Wahrheit aber höchst elaboriert zu spielen versteht.

Ein Beispiel für ein Gedicht in klassischer Klarheit sei hier zitiert:

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cover wiplinger blian und vablian

Es klagt das Haus, beklagt die Leere.
Der Garten klagt, vermisst sein gold’nes Laub.
Die Nacht ist stumm, ist taub, mit Herbsteshänden
hält mit dem Mond sie Zwiegespräch, vertraut.

Und Wolken ziehn vorbei, vorbei sie ziehn.
Kalt tönt die Leere klagend im Kamin.
Der Mond ein weißgeschminkter Mime
wie schwarze Brauen lasten Wolken über ihm.

Das ist zeitlose Naturlyrik, mit einem Hauch von Melancholie, der beinahe zum Konstituens dieser Gattung gehört. „Der Augenblick, der dich aufrütteln könnte: / Du siehst die Welt als wie zum ersten Mal“, lautet ein Gedichtanfang zum Beginn des Bandes, und die beiden letzten eines anderen lauten: „Die höchste Kunst ist auf den Anfang zu vertrauen, / das Leben, das Verstehen, den Weg und auf sich selbst.“ Darin könnte man so etwas wie Kostenkos Poetik in a nutshell ausmachen, wenn da nicht im Hintergrund die politische Dimension ihrer Lyrik schlummern, nein lauern würde, die man – wie oft bei Dichterinnen und Dichtern, die gezwungen sind, in autoritären Regimes zu überleben – manchmal erst auf den zweiten Blick wahrnimmt.

Die Natur bietet nicht mehr nur Trost

Im Gedicht „Bis auf den Grund bin ich gesunken“, das wie Naturlyrik anmutet, geht es im Subtext um das Schweigen aus Widerstand gegen die Anbiederung an das Regime.

Bis auf den Grund bin ich gesunken, über mir bleischwere Wasser.
Der Weiden stille Schatten spülen den Weg fort von meinem Schritt
(…)
Hier ist es eiskalt, aber der Boden ist von trügerischen Sümpfen frei.
Ist doch die Tiefe nur der Höhe Schwester von der anderen Seite.

Die Natur bietet der Autorin aber nicht nur Trost, etwa wenn sie, wie in mehreren Texten über den Reaktorunfall von Tschernobyl nahe des Flüsschens Pripjat, deren Bedrohung durch den Menschen thematisiert.

Am Pripjat-Ufer schläft der Teufel,
getarnt in einer Weide hohlem Stamm,
am Ufer eines Flusses, der einst leise
und blau durch grüne Wiesen rann.

Die Kerze des Reaktors wirft ein schwarzes Licht.
Die Dörfer liegen arm und elend ihm zu Füßen,
dem, der mit Klauen sich im Sand verbissen.
Und aus dem Astloch pfeift der Wind ihm ins Gesicht.

(…)

Lakonie und Gelassenheit

Die Kultur der osteuropäischen Länder pflegt ein ungebrochenes Verhältnis zum Pathos, gerade damit kommen westliche Leserinnen und Leser oft an eine ästhetische Grenze. Bei der Lektüre von Lina Kostenko besteht diese Gefahr kaum, zu reduziert und zu lakonisch im Ton kommen ihre Texte daher. Die Schwere, die die Biografie der Autorin auferlegt hat, wird gemildert von einer abgeklärten Gelassenheit und einer unverbrüchlichen Liebe zum Leben, etwa wenn sie alte Fotos betrachtet:

Weiß die Gesichter über schwarzem Wassergrund,
unwiederbringlich bleiben auf ewig sie herhalten.
Auf alten Fotos sind wir alle jung.
Auf alten Fotos sind auch Tote lachende Gestalten.

Mit ihren über 90 Jahren scheint Kostenko zu den ewig junggebliebenen Dichterinnen zu gehören, die hierzulande etwa von Ilse Aichinger oder Friederike Mayröcker repräsentiert wurden.


Lina Kostenko: Ich bin all das, was lieb und wert mir ist. Gedichte. Aus dem Ukrainischen von Alois Woldan. Mit einem Vorwort von Agnieska Matusiak. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec, 2022. 90 Seiten, Euro 18,90

Lina Kostenko: Und wieder ein Prolog / І знову пролог. Aus dem Ukrainischen von Alois Woldan. Mit einem Vorwort von Agnieska Matusiak, einem Nachwort von Alla Paslawska und Illustrationen von Anastasiya Starko. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec, 2022. 138 Seiten, Euro 25,–

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