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Ein launiger Abgesang

Ein launiger Abgesang

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Andreas Pavlic liest Antonio Fians Präsidentenlieder


Präsidenten Lieder heißt der neueste Lyrikband von Antonio Fian. Bevor auf die Gedichte eingegangen wird, sollte zunächst auf den Titel Bezug genommen werden, im speziellen auf den Präsidenten. Was ist ein Präsident? Zunächst einmal ist er ein Repräsentant. Beispielsweise von einem Kegelverein, einer Kulturvereinigung, einem Staat oder anderen mehr oder weniger freiwilligen Zusammenschlüssen. Meist repräsentiert der Präsident jedoch nicht nur (je nach Statut, Satzung oder Verfassung), sondern er ist auch mit einer bestimmten Machtfülle ausgestattet.

Im Fall des Gedichtbands ist der Präsident ein Vater in einem mehr oder weniger klassischen patriarchalen Familiensetting. Zumindest ist dies eine naheliegende Interpretation.

Cover © Droschl Verlag

Ich weiß, es ist auf diesen Bildern
nicht alles scharf, nicht alles schön,
es ist jedoch, den ich will schildern,
der Präsident drauf zu sehen.

Sie können einen Eindruck geben
von diesem sonderbaren Mann.
Bevor ihr eintaucht in sein Leben,
seht also bitte sie euch an.

Das Präsidialsystem

Auf dem in dem Gedicht angeführten Bildern sehen wir die Gattin, die Tochter und die Katze. Alle existieren und agieren in Bezug auf ihn, somit wird er, der Präsident/Vater, zum gesetzten Zentrum. Dem Zentrum der Macht. In späteren Gedichten erfahren wir, dass in der Familie auch noch zwei Söhne zugegen sind. Es handelt sich also um eine Kleinfamilie, wie aus dem Bilderbuch. Die Kleinfamilie als Keimzelle der Gesellschaft. Als diese wird sie gern gesehen und in diesem Sinne auch reproduziert.

Was Antonio Fian im Verlaufe des Buches macht, ist dieses Präsidialsystem vorzuführen. Er lässt den Patriarchen Pirouetten drehen, hinfallen, aufstehen, er zeigt, wie er versucht, gute Figur zu machen trotz seines vernachlässigten und schäbigen Kostüms, und wie er schlussendlich aus dem Bildbereich stolpert. Im Buch ist der Präsident ein künstlerisch interessierter Mann, ein Lebemensch der alten Schule, er liebt sein Bier, seine Knödel und das Wirtshaus ums Eck. Er ist kein Prolet, sondern eher bürgerlich, auch nicht überkandidelt, sondern bodenständig, er sitzt nicht in der Wohnung, sondern in einem Haus. Er ist gebildet, er weiß viel und das zeigt er auch gerne – vornehmlich der Gattin und den Kindern – er ist belesen und er ist vor allem einer, der die Lyrik noch richtig zu schätzen weiß.

„Die Kinder lesen keine Gedicht mehr“,
klagt der Präsident, „zu schwer,
behaupten sie und lesen nicht mehr
Shelley, Hölderlin, Baudelaire.

Was, Gattin, soll aus ihnen werden?
Die Knaben lesen Fantasy.
Die Mädchen irgendwas mit Pferden
statt Lyrik, dabei könnte die

im spätern Leben ihnen nützen.
Sie ist so großer Weißheit Quell!
Mit Prosa ist’s ja wie mit Witzen,
man vergisst selbst gute schnell.“

Wie wahr, wie wahr. Dem werden wohl die allermeisten poesiegalerie-Autor:innen zustimmen.

Der Präsident weiß von richtig und falsch, wichtig und bedeutungslos. Fian agiert bei seiner Vorführung wie einst Loriot. Er zeigt, wie ein bildungsbürgerliches Familienpanorama mit seinem Vater-Präsidenten in der Mitte langsam brüchig wird und Risse bekommt. Es sind die ganz gewöhnlichen und alltäglichen Szenen einer Familie, die leicht aus dem Ruder laufen. Sei es, dass die Gattin die Präsentation seiner frisch geschriebenen Lieder mit „Nein, nicht schon wieder!“ kommentiert, die Katze seine strengen Befehle ignoriert oder dass selbst die Kinder zu seinen Ausführungen über Schnee und Regen rufen: „Was für Quatsch!“. Die Position des Präsidenten wankt.

Es ist kompliziert, alles klar?

Die Gedichte wirken durch das Reimschema etwas antiquiert, wie auch dieses Familienbild etwas Antiquiertes hat. Der Mann sieht Western und die Kinder sagen daraufhin: Er ist von gestern. Dieses Von-gestern-Sein verstärkt den Eindruck von Überholtsein, und dies im Sinne männlicher Rollenbilder und der gezeigten Vorstellung von Familie. Sie haben etwas Modernes, fast Fordistisches. Thematisiert Loriot in seinen Sketches die kommunikativen Fallen, die sich in (langgediente) (Hetero-)Paarbeziehungen einschleichen (können), sind es bei Fian die kommunikativen Anforderungen im Familien-Beziehungssystem. In einem Schlüsselgedicht, das die Allwissenheit des (weißen, bürgerlichen) Manns dekonstruiert, geht es um eine sehr komplizierte Lage, die der Vater den Kindern zu erklären versucht.

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Die Lage nämlich ist ganz anders,
als viele sagen, nämlich so.
Und wär’ sie nicht so, dann, ja dann wär’s
schlimm für uns. Drum sei’n wir froh,

dass schon, als man uns in sie brachte,
die Lage so war, wie sie war,
nämlich anders, als man dachte.
Verstanden, Kinder? Alles klar?

Die dichterischen Verrenkungen in der ersten der beiden Strophen zeigen die Ahnungslosigkeit des Patriarchen seiner Darstellung eines komplexen Sachverhalts, der in Nonsens führt. Und sie zeigen, wie elegant und einfach sich der Vater drüber zu schummeln weiß, indem er sich leichtfüßig in eine Tautologie rettet. Die durch das Reimschema hervorgerufene Ungelenkigkeit mancher Gedichte oder Strophen machen dabei deren Reiz aus. Sie machen diese Familiengeschichte, die ein sitcomartiges Setting besitzt, zu einem vertrauten Ort. Wir beobachten die Familie bei ihren alltäglichen Handlungen, dem Frühstücken, dem Ankleiden in der Garderobe, beim Fernsehen, bei den kleinen Zärtlichkeiten und Neckereien zwischen Mann und Gattin. Viele Leserinnen und Leser werden Ähnliches kennen – und sei es nicht selbst erlebt, zumindest über mediale Vermittlung, sprich aus dem Fernsehen oder von Streamingdiensten. Das Reimschema verstärkt diese Vertrautheit, da manches hölzern klingt und eckig. Die Gedichte sind konstruiert, wie auch die Familie eine soziale Konstruktion ist, und wie jede Familie sind auch diese Gedichte nicht perfekt. Daher sind sie gut gemacht.

Das Machtwort bleibt ungehört

Das Buch besteht aus drei Teilen. Der erste heißt Fotoalbum und besteht aus einem Gedicht. Ein Ausschnitt davon wurde zu Beginn angeführt. Der zweite besteht aus den „Präsidentenliedern“ und der dritte steht unter dem Titel: „Des Präsidenten und seiner Familie Reise nach Malta“. In diesem Langgedicht drängt der Präsident seine – und dies buchstäblich im besitzanzeigenden Sinne – Familie den Urlaub in Malta in Osttirol zu verbringen. Dieser Urlaub endet in einer Katastrophe. Zurück in Wien werden bereits Destinationen für die nächste Reise genannt.

„Wohin woll’n wir als nächstes fahren?
Am liebsten wäre mir Türkei.
In Frage käme auch Kanaren.“
Der Präsident sagt: „Gut, es sei.“

Vielleicht will Fian auf diese Form der Auflösung des patriarchalen Verhältnisses hinweisen. „Das Machtwort, es bleibt ungehört“, heißt es in einem anderen Gedicht. Die Entmachtung des Präsidenten würde jedoch dazu führen, dass es keine Repräsentation mehr gibt oder Macht in einer fluiden und wechselnden Form ausgeübt wird. Dass Entscheidungen konsensual – also in Übereinstimmung aller Beteiligten – oder im Konsent – d.h., es werden schwerwiegende und begründete Einwände abgefragt – getroffen werden, dass Wissen nicht zur Belehrung, sondern zum Austausch führt und so aus dem Herrschen Teilen wird. Welche Lieder daraus wohl entspringen mögen?


Antonio Fian: Präsidentenlieder. Graz, Droschl, 2023. 72 Seiten. Euro 18,–

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