von Klaus Ebner
Tag 2 / 7. November 2025
Begrüßung
Viel Publikum hat sich eingefunden. Der im Grunde recht große Veranstaltungssaal ist gut gefüllt, aber – und darauf kommt es an! – es stehen ausreichend Stühle zur Verfügung. Nur wenige Minuten nach 18:00 Uhr beginnt die Veranstaltung. Udo Kawasser begrüßt zum zweiten Abend der Poesiegalerie-Veranstaltung in der Gumpendorfer Straße und leitet direkt zu einem Nachruf für Gerhard Jaschke über.
Erster Teil, 18:00-18:45
In memoriam: Gerhard Jaschke
Gerhard Jaschke (1949–2025) verstarb am 8. Jänner. Seit 1970 freier Autor, gründete er 1976 gemeinsam mit Hermann Schürrer die Zeitschrift Freibord. „Freibord“ ist der Teil eines Schiffes über dem Wasserspiegel. Von 1986 bis 2009 war Jaschke Lehrbeauftragter für Literaturgeschichte an der Akademie der bildenden Künste Wien. Als Autor arbeitete er primär mit Texten mit methodischer Beschränkung, z.B. Anagramm und Lipogramm. Er schrieb Kurzprosa und Lyrik, tat sich aber auch als Zeichner hervor. Mehrere Bände erschienen in der Edition Das fröhliche Wohnzimmer. Gemeinsam mit Ilse Kilic war er lange Zeit Geschäftsführer der Grazer Autorinnen Autorenversammlung. Udo Kawasser spielt über den Projektor einen Lesungsausschnitt von Jaschke vor, d.h. der Dichter tritt noch einmal selbst auf.

Beatrice Simonsen + Johan Nane Simonsen: Teezeit, Edition Lex Liszt 12
Beatrice Simonsen wurde 1955 in Wien geboren und studierte Romanistik und Kunstgeschichte. Sie ist als Autorin, Literaturkritikerin und Kulturvermittlerin tätig und lebt in Wien und im Burgenland. Neben ihren eigenen Publikationen fungiert sie als Herausgeberin von Anthologien und organisiert Veranstaltungen unter dem Motto „Kunst und Literatur“. Sie ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und des Literaturkreises Podium. Johan Nane Simonsen ist Kunsthistoriker in Wien. Er stellt seit 2023 Fotoarbeiten aus. Haiku und Fotoarbeiten werden miteinander verbunden. Aber eingangs sind die Mikrofone noch ein wenig zu justieren, denn vor der Lesung „kracht“ es noch in den Lautsprechern …



Beatrice und Johan lesen die Texte abwechselnd. Es sind kurze Gedichte, Haiku eben, für die Zuhörende eigentlich mehr Zeit benötigen, um die Texte so wirken zu lassen, wie sie es verdienen. Die Haiku wirken sehr ruhig und regen zum Nachdenken an. Die „Zeit“ ist ein Schlüsselbegriff, der ja auch im Buchtitel Teezeit enthalten ist; er kommt in mehreren Texten vor, und die Vortragenden „spielen“ mit dem Wortfeld. Zum Abschluss werden Johans Fotos zur Ansicht projiziert. Es sind stimmungsvolle monochromatische Bilder, hauptsächlich Naturaufnahmen und einzelne Porträts und Denkmäler. Auffallend ein paar Aufnahmen von Baumstämmen: Einer wirkt auf mich wie der Fuß eines Elefanten und ein anderer mit seiner Astgabelung wie ein Gesicht. Wie alle Texte sind auch die Haiku der beiden Vortragenden am Büchertisch erhältlich.
Rhea stellt bei der Gelegenheit das „Warninstument“ vor, mit dem Lesende durch eine Tonfolge daran erinnert werden, dass ihre Lesezeit gleich abläuft. Eine sinnvolle Einrichtung, um den vorgesehenen Zeitplan gut zu bewältigen.
Wolfgang Kühn und Herbert Eigner: da fraunz und da koal, Literaturedition NÖ
Herbert Eigner ist heute leider verhindert, daher wird Wolfgang Kühn alleine lesen. Wolfgang Kühn wurde 1965 in Baden geboren, ist in Traiskirchen aufgewachsen und lebt in Zöbing/Langenlois und in Wien. Er ist Texter und Stimme der Formationen „Zur Wachauerin“ und „VESSELSKY//KÜHN“. Autor mehrerer Bücher, etwa des Romans Kurzenbach und des Lyrikbandes da fraunz und da koal. Seit 1992 ist er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift DUM – Das Ultimative Magazin. Kühn zeichnet zudem als Herausgeber zahlreicher Anthologien, etwa der Viertel-Anthologien in der Literaturedition Niederösterreich, zuletzt 2025 Mein Mostviertel II.

In der Poesiegalerie liest Wolfgang Kühn Dialektgedichte. Eingangs erinnert er daran, dass auch Gerhard Jaschke für DUM ein Dialektgedicht beigesteuert hat. Wolfgang Kühn und Herbert Eigner haben ein Jahr lang im Dialekt korrespondiert. Dabei wurde jeweils auf ein Stichwort des anderen geantwortet.
Der Dialekt wird als essenziell für die Literatur beschrieben – oba des miassat ma eigentlich aa im Dialekt festhoitn, oda? Dialektale Gedichte, wie auch jene von Wolfgang Kühn, wirken sehr farbig und ausdrucksstark, und die Verwendung bekannter Redewendungen sorgen für Lacher. Und wie viele Ausdrücke es für „an Pecker“ gibt („an Schuss, an Hieb etc.“), war mir ehrlich gesagt auch nicht bewusst – Wolfgang Kühn kettet sie in einem der Texte lustvoll aneinander und bringt uns zum Staunen. Zum Abschluss liest Kühn zum Thema Musik. In der Kindheit schlugen wohl eher Heintje und Vicki Leandros durch, an Stelle von David Bowie, Joe Cocker und Suzie Quattro. Ein Gegensatz von Pop und Schlagermusik, mit dem wohl viele in ihrer Jugend klarkommen mussten. Dargebracht in einer sehr humorvollen Weise.
PAUSE
Die Pausen trennen die Leseblöcke voneinander. Sie lockern auf, geben Gelegenheit zum Aufstehen, Herumgehen, für Toilette, Kaffee und Snacks. Zudem wird regelmäßig der Büchertisch von den Anwesenden gestürmt.
Zweiter Teil, 19:00–19:45
Christian Steinbacher: Hoch die Ärmel. Gedichte und Schritte, Czernin

Christian Steinbacher lebt seit 1984 als Autor, Herausgeber und Kurator in Linz. Er ist Mitglied der Künstlerinnenvereinigung MAERZ, deren Literaturprogramm er bis 2015 kuratierte. Als Autor begann er im Umfeld konzeptioneller und visueller Poesie; er schreibt Lyrik, Hörstücke, Essays und poetische Prosa, tritt als Sprechperformer auf.
Er erhielt mehrere Auszeichnungen, etwa den Heimrad-Bäcker-Preis 2013. Aus dem Buch Hoch die Ärmel liest Christian Steinbacher heute zum ersten Mal, wie er dem Publikum in seiner Einleitung verrät. Die Gedichte enthalten zahlreiche Anspielungen auf Literaten. Der „Sprechperformer“ wird auch bei dieser Lesung sicht- und hörbar. Steinbacher trägt stehend vor, verstellt laufend seine Stimme und bietet ein richtiges Schauspiel. Den vorgetragenen Gedichten vermittelt diese Darbietung eine ganz besondere Note. Rhea Krčmářová leitet zur nächsten Autorin über.
Isabella Feimer: Versuch einer Verpuppung, Haymon
Isabella Feimer wurde 1976 in NÖ geboren und lebt in Wien. Sie studierte Film, Medien und Theaterwissenschaften. Seit 1999 arbeitet sie als freie Regisseurin und Schriftstellerin in Wien. Für ihre Romane erhielt sie mehrere Stipendien und Preise. Sie schreibt außerdem Lyrik und Prosa. Die Inspiration holt sie sich von ihren Reisen. Rhea präsentiert einleitend ein kurzes Gedicht der Autorin, das diese als ein „dunkles“ bezeichnet.

Die meisten anderen Gedichte seien nicht so dunkel, meint sie. Die vorgetragenen Gedichte wurden von Reisen nach Spanien und Italien inspiriert. Das lyrische Ich spricht allerdings ein Gegenüber an; Realität und Traum verfließen ineinander, die Szenerien verraten Küstenlandschaften und das Meer. Rhea Krčmářová kündigt Maria Seisenbacher an, die von Yvo Kaufmann begleitet wird.
Maria Seisenbacher: daburu-hafu, Bibliothek der Provinz
Maria Seisenbacher wurde 1978 in Wien geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Niederösterreich. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften und abgeschlossenes Diplom für Sozialpädagogik. Sie lebt und arbeitet in Wien. Als Autorin schreibt sie Lyrik und übersetzt in Leichte und Einfache Sprache. Der Buchtitel ist japanisch und bedeutet „Doppel-Halm“. Am Ende des Bandes werden die Gedichte in „Leichte Sprache“ übertragen.

Der Vortrag wird von Yvo Kaufmanns „Geräuschkulisse“ begleitet, die von einem Synthesizer erzeugt wird. Auf diese Weise wandelt sich der Vortrag zu einer Performance in Wort und Ton. Das „Gewebe der Zeitfalten“ fällt mir gleich zu Beginn als wunderschöne Formulierung auf. Zum Teil werden die Texte nicht in normaler Lautstärke gesprochen, sondern geflüstert. Zusammen mit der Geräuschkulisse entsteht dadurch ein ganz eigenes Flair. Die im Raum gedimmten Lampen und die Geräuschkulisse in Verbindung mit der suggestiven Stimme der lesenden Autorin verleiten geradezu zum Augenschließen und Dahinschwelgen. Unterbrochen wird dies – zum Glück? – von der Pausenankündigung und dem gleichzeitigen Aufflackern aller Lichter.
PAUSE
Dritter Teil, 20:00–20:15
Kirstin Breitenfellner läutet das Ende der Pause ein und präsentiert als nächsten Autor Peter Pessl.


Peter Pessl: Dieser seltsame Salamander Selbst, Ritter
Geboren wurde 1963 in Frankfurt am Main geboren und ist in der BRD und in Österreich aufgewachsen. Seit 1984 ist er als freier Autor tätig und schreibt Prosa und Stücke für Radioproduktionen (ORF). Peter Pessl lebt in Wien sowie als Landmann und Bienenzüchter im Südburgenland. Laut Klappentext erweitert und vertieft Pessl das bereits in vorangegangenen Büchern entwickelte Programm „posthumaner Sprachverwandlung“ in konsequenter Weise. Peter Pessl liest hier ebenfalls zum ersten Mal aus seinem erst vor Kurzem bei Ritter erschienenen Buch.
Im Vortrag der standardsprachlichen Gedichte scheint immer wieder ein dialektaler Einschlag durch. Intonation und Aussprache verleihen den Texten eine spezielle Note. Die Texte enthalten zahlreiche Wortspiele, Onomatopöien und Wortwiederholungen, es ist eine Welt verblüffender Eigengesetzlichkeit, die von ungewöhnlichen Wesen bevölkert wird. „Wasserkleidung“ und „Luftkleidung“ sind beispielhaft ungewöhnliche Begriffe, die durchaus als typisch für Pessls Lyrik in Dieser seltsame Salamander selbst gesehen werden können. Neben der Arbeit am Wort und generell an der Sprache kommen Anspielungen und Erinnerungen an die Jugend zum Tragen, die der Autor in ländlicher Umgebung verbracht hat. Das Fingerklavier Mbira schlägt diesmal zu, und Peter Pessel liest als Reaktion darauf sein abschließendes Gedicht.
Semier Insayif: vom auf horchen und zu fallen, Klever

Semier Insayif wurde 1965 in Wien als Sohn einer österreichischen Mutter und eines irakischen Vaters geboren. Er arbeitet als Kunst- und Kulturmanager, aber auch als Fitnessberater und Kommunikationstrainer. Insayif publizierte sieben Gedichtbände und einen Roman und arbeitet gerne mit anderen Künstlern zusammen. Zudem ist er im Berufsverband österreichischer Schreibpädagog*innen tätig.
Sein Lyrikband handelt laut Kirstin vom Zufall, vom Fallen und in lyrischer Verdichtung von „allem“. Semier Insayif versucht eingangs den „inneren Zustand“ zu definieren, in dem Autor*innen wahrnehmen und daraufhin literarisch schreiben. Anschließend trägt er Gedichte aus seinem bei Klever erschienenen Buch vor. Eine Besonderheit von Semier Insayifs Lesungen ist die Einflechtung arabischer Verse, die in den Gedichten stehen. Diese klingen bei ihm wie von einem Imam, der aus dem Koran vorträgt. Dieser Teil des Vortrags ist mehr gesungen als gesprochen, und durch die Einbettung in den normal gesprochenen deutschen Text entsteht eine ganz besondere Stimmung. „Es gibt Tage, die über Kopf ausfransen (…)“, lautet eine Gedichtzeile, die sich mir einprägte. „Bin ich der Schatten meines Atems in der gebrauchten Landschaft (…)“ eine weitere. Kurz darauf stellt der Autor lyrisch die Frage, was Geborgenheit eigentlich ist. Anschließend wieder eine kurze Zeile auf Arabisch.
Kirstin Breitenfellner stellt den nächsten, nämlich mehrsprachigen Programmpunkt vor, der ursprünglich ein ganzer Vormittag hätte werden sollen.
Im Fokus: Corina Oproae / Udo Kawasser: Wie man einen Vater in einem Gedicht begräbt, Spanien-Dossier, Lichtungen 182
Im Sommer 2025 erschien in der Grazer Literaturzeitschrift Lichtungen unter dem Titel „Mein Körper stößt sich an Pronomen“ eine Auswahl zeitgenössischer Literatur aus Spanien. In den letzten Jahrzehnten wurde laut Udo Kawasser nur mehr wenig Literatur aus Spanien ins Deutsche übersetzt. Um den deutschsprachigen Leser*innen einen Einblick in die spannende Literaturszene Spaniens zu geben hat er Texte von Agustín Fernández Mallo, María Ángeles Pérez López und Corina Oproae ausgewählt und übersetzt. Corina Oproae wurde 1973 in Făgăraș in Rumänien geboren. Sie studierte Anglistik und Hispanistik und zog 1998 nach Katalonien. 2002 erhielt sie die spanische Staatsbürgerschaft. Sie veröffentlichte unter anderem die Gedichtbände Mil y una muertes (dt. Tausend und ein Tode), Intermitencias (dt. Unterbrechungen) und Desde dónde amar (dt. Von wo lieben) auf Spanisch. Auf Katalanisch publizierte sie La mà que tremola (dt. Die zitternde Hand) – dies ist eine poetische Reflexion darüber, was es heißt, nicht in der eigenen Muttersprache zu schreiben. 2024 erhielt sie für den Roman La casa limón (dt. Das Zitronenhaus) den Literaturpreis Premio Tusquets; die ersten beiden Kapitel dieses Romans sind im Lichtungen-Dossier abgedruckt. Oproae übersetzt primär aus dem Rumänischen in die beiden spanischen Sprachen. Als Herausgeberin veröffentlichte sie eine 900-seitige Anthologie rumänischer Lyrik, zweisprachig spanisch und rumänisch.

Die Lesung erfolgt auf Spanisch von Corina und auf Deutsch von Udo. Danach wird das Gespräch in Englisch gehalten, damit nicht extra übersetzt werden muss. Corina Oproae stellt sich zuerst in deutscher Sprache vor; sie sagt, dass sie Deutsch vor allem versteht, aber nicht so gut spricht. Die Gedichte erfolgen dann, wie angekündigt, spanisch. „Wie man ein Gedicht an Weihnachten schreibt“ ist ein vergleichsweise langes Gedicht. Für das folgende Gedicht stehen beide auf und richten sich die Mikrofonständer entsprechend ein. Nun geht es darum, „Wie man einen Vater in einem Gedicht begräbt“. Nachzulesen in der Zeitschrift Lichtungen! Alle Gedichte behandeln eine Frage, „wie“ man etwas tut. Und alle Gedichte sind, wie das Publikum erfährt, in Bezug zu anderen Dichterinnen oder Künstlerinnen entstanden, wie Valie Export, Laurie Anderson oder Anne Sexton. Es ist das Gedicht selbst, das entscheidet, wann Schnee fällt und wie die darin angesprochenen Ereignisse stattfinden. Das ist eine Quintessenz des vorgetragenen Textes. Doch am Ende ist zu hören, dass das Gedicht selbst ein Grab ist. Corina Oproaes Gedichte laden zum Nachdenken ein.
Nun schließt das angekündigte Gespräch auf Englisch an. Corina spricht über das Konzept des Lyrikzyklus und nennt eine Reihe von Autor*innen, mit denen sie zusammengearbeitet hat. Sie schreibt ja gleich in zwei Sprachen, die nicht ihre Muttersprachen sind. Rumänisch hat sie, wie sie meint, hinter sich gelassen. Die Fremdsprache sei wie eine zweite Haut, und sie gebe ihr mehr Freiheit.
Udos Frage, ob es Unterschiede zwischen der deutschen und spanischen Dichtung gibt, bejaht Corina. Sie merkt zunächst die Unterschiede der spanischsprachigen Literatur Lateinamerikas an. Die hispanoamerikanische Dichtung empfindet Corina nämlich als weniger traditionsgebunden und dadurch in gewisser Weise „freier“. Die deutschsprachige Lyrik ist ihrer Meinung nach generell konzeptueller. Bei der Literatur Spaniens müsse man außerdem auch von katalanischer, galicischer und baskischer Literatur sprechen und nicht nur von der kastilischen. Hier liegen durchaus unterschiedliche Traditionen vor; so etwa gab es in der kastilischen Lyrik so gut wie keine experimentelle Phase, sehr wohl aber in der katalanischen, für die sie den Avangardekünstler Joan Brossa (1919–1998) nennt. Großer Applaus.
PAUSE
Vierter Teil, 21:15–21:50
Sven Jakobson präsentiert den vierten Teil und moderiert den Poetryfilm an.
Poetryfilm: Celi Kay: weißer rauch
Celi Kay spricht einleitende Worte zu ihrem Film. Sie will gar nicht viel dazu sagen, weil sie meint, bei Kunst fühlt man etwas oder eben nicht, aber sie soll nicht erklärt werden müssen. Dieser Kurzfilm arbeitet mit ausdrucksstarken, suggestiven Bildern. Gedanken einer Protagonistin; Worte, gesprochen und geflüstert, teils getanzte Bewegungen und das Spiel mit Licht und Halbdunkel sind mit einer permanenten Geräuschkulisse hinterlegt. Nacht, Rauch, Schmerz, Selbstverletzung und Selbsterkenntnis; das Ich. Sonnentanz. Es ist ein poetischer Kurzfilm, genaugenommen eine andere Art von Gedicht. Zudem genießen die Anwesenden auf diese Weise eine wunderbare Auflockerung im sonst lediglich gesprochenen Meer der Poesie. Der Film lässt das Publikum im wahrsten Sinn des Wortes mitfühlen; man muss ihn sozusagen erlebt haben.


Sven Jakobson erzählt nach Beendigung des Films, dass die Mitarbeiter*innen der Poesiegalerie in Buchhandlungen gehen und kontrollieren, ob dort auch Lyrik vorhanden ist und ausgestellt wird. Das ist seine Überleitung zur Vorstellung von Verena Stauffer.
Verena Stauffer: Kiki Beach, Kookbooks

Verena Stauffer wurde 1978 in Kirchdorf an der Krems geboren und wuchs in Oberösterreich auf. Sie studierte Philosophie in Wien, wo sie heute lebt. 2025 wurde sie von Klaus Kastberger zum Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert. Ihr Gedichtband Kiki Beach erreichte im Juni Platz 1 der ORF-Bestenliste. Zum Österreichischen Buchpreis ist sie als einzige Lyrikerin nominiert. Kiki Beach enthält Liebesgedichte. Verena Stauffer beginnt aus ihrem Buch zu lesen. „Primär“ sind die direkten Erfahrungen, die gemacht wurden; „sekundär“ sind digitale Erfahrungen, die virtuellen Erlebnisse der heutigen Zeit.
Eine der vielen lyrischen Zeilen lautet: „Wo kein Meer, schwappt die Luft in Wellen (…).“ Der „Prince of Persia“ zieht sich durch mehrere Gedichte, die Verena Stauffer vorträgt. Sie nutzt diese Anspielung als Bedeutungsträger und sogar für musikalische Reminiszenzen. Mehrere englische Verse werden von der Autorin mehr gesungen als gesprochen.
Elisa Asenbaum / Thomas Ballhausen: nie als allein, fabrik.transit
Die beiden Autoren haben an einem sehr ungewöhnlichen Buch, gemeinsam mit anderen, gearbeitet. Es geht um „fluide Aspekte des menschlichen Ichs“. Das Buch ist ein Experiment. Elisa Asenbaum stand jeweils in einem literarischen Dialog mit anderen Autor*innen. In jeder Konstellation entstand dadurch eine andere „Welt“. Elisa Asenbaum wurde 1959 in Wien geboren. Sie firmiert als Autorin und Künstlerin sowie als Kuratorin. Sie arbeitet medienübergreifend mit Wort und Bild, in Malerei und Grafik, Foto und Video, ihr Werk schlägt Brücken zwischen Literatur, Kunst und Performance. So ist auch das vorgestellte Buch ein Experiment der künstlerischen und wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Asenbaum steuerte zu jedem Dialog einleitend eine grafische Arbeit bei, die in Farbe abgedruckt ist.

Thomas Ballhausen wurde 1975 in Wien geboren. Er ist Schriftsteller, Literatur- und Filmwissenschaftler, Hochschullehrer, Herausgeber und Übersetzer. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Germanistik und Philosophie. Seit 2023 ist Ballhausen Professor für Medienpädagogik mit Schwerpunkt „Innovative digitale Lernumgebungen“ an der Pädagogischen Hochschule Wien. Auf das dialogische Experiment des Buches ließen sich Thomas Ballhausen, Patricia Brooks, Semier Insayif, Ilse Kilic, Eleonore Weber und Herbert J. Wimmer ein. Sie alle dialogisierten mit Elisa Asenbaum. Zudem steuerte Renate Resch textwissenschaftliche Kurzanalysen zu Inhalt und Form bei. Von Harald Hofer stammt eine philosophisch-historische Betrachtung zum Phänomen des Dialoges. Gelesen wird ein Ausschnitt aus dem Dialog zwischen Elisa Asenbaum und Thomas Ballhausen. Der Dialog insinuiert, dass einander Postkarten gesendet werden. Die beiden tragen ihre Texte ebenfalls stehend vor und zeigen die Grafik – Sinnbild für die jeweilige Postkarte – her. Diese Grafiken sind, wie schon erwähnt, im Buch abgebildet. Der innere Aufbau als Dialog hinterlässt in mir über weite Strecken den Eindruck eines Theatertextes. Elisa Asenbaum und Thomas Ballhausen haben ihren Beitrag philosophisch und lyrisch gestaltet. Alles in allem sollte man sich Zeit und Ruhe gönnen, um in dieses besondere Buch einzutauchen.
PAUSE
Fünfter Teil, 22:05–22:55
Kirstin Breitenfellner übernimmt die Moderation des letzten Teils dieses Abends. Das Publikum ist inzwischen verkleinert, weil viele in der letzten Pause bereits heimgefahren sind. Die Ausharrenden rücken zusammen und nehmen in den vorderen Reihen Platz (immerhin sind es noch „Reihen“, also Plural!).
Julia Rüegger: Gedichte in Lichtungen
Julia Rüegger wurde 1994 in Basel geboren. Sie studierte Literarisches Schreiben, Theater und Philosophie in Hildesheim, Biel/Bern und Madrid. Rüegger lebt als Autorin, Lyrikerin und Literaturvermittlerin in Basel, schreibt Prosa, Lyrik und Essays und veröffentlichte 2023 ihren ersten Gedichtband. Im Frühling 2025 war sie Writer in Residence in Graz. Sie ist heute unter anderem als Lektorin in Basel tätig. „Requiem Mutmaßungen“ ist ein Gedichtzyklus, der in den Lichtungen abgedruckt ist. Julia Rüegger liest Texte aus diesem Zyklus. Danach folgen Gedichte aus dem Lyrikband einsamkeit ist eine ortsbezeichnung der Autorin. Es handelt sich um Beziehungsgedichte, von der Warte eines lyrischen Ichs aus.
Florian Neuner: am rande ihrer welt, Lichtungen
Florian Neuner wurde 1987 in Stuttgart geboren. Er studierte Germanistik und Philosophie in Tübingen und Wien. Neuner arbeitet als Lyriker, Autor und Deutschlehrer an einer BMHS in Wien. Er veröffentlichte in einigen Zeitschriften und Anthologien Gedichte, Essays und Kurzprosa. Im Herbst 2026 erscheint sein Lyrik-Debüt am rande ihrer welt in der Grazer edition keiper. Der Autor soll nicht verwechselt werden mit dem namensgleichen Herausgeber der Literaturzeitschrift Perspektive. Und Florian Neuner erzählt, dass er Florian Neuner (s.o.) einmal kontaktiert und getroffen hat – daraus wurde dann eine lange Nacht … Florian Neuner trägt seine Gedichte vor. Anspielungen an Musik und Komponisten, gleich am Beginn ist von Schubert die Rede. Der lyrische Text spricht zwar vom Cello, doch die Musik wird in gewisser Weise als Metapher für Alltägliches eingesetzt.


Nachfolgend liest der Autor überraschenderweise Sonette. Er spricht dabei von Sonetten und „Anti-Sonetten“. Neuner referenziert Sindbad, und ab und zu bindet er Titel und Motive von bekannten Märchen in seine Verse ein. Das Publikum erfährt, dass Florian Neuner zu jeder Stadt, in der er sich aufhält, ein Gedicht schreibt. Den Ursprung des Bands sieht er in Venedig, und er liest folgerichtig das Gedicht „Venezia“.
Udo Kawasser mit Mick Gelius (Piano): Podium Band 134
Micael Gelius studierte Piano in München, gründete 1999 das Gelius Trio (Klaviertrio) und tritt weltweit auf. Er ist im klassischen Fach beheimatet. Udo Kawasser erzählt eingangs, dass er mit Mick Gelius „seit fast ewig“ befreundet ist. Dennoch sind sie bisher noch nie gemeinsam öffentlich aufgetreten. Somit ist die heutige Darbietung eine absolute Premiere!

Wenige Minuten später beginnt die Darbietung. Angenehme Klaviermusik leitet ein. Dann übernimmt der Lyriker … Im ersten Gedicht aus dem Zyklus „leibeigene gedichte“ mit dem Titel „mont ventoux“ fällt der Autor mit Petrarca vom besagten Berg herab bis nur noch die Augen heil am Boden ankommen. Klaviermusik. „Wir werden keine Erinnerung an die Zukunft haben“ ist ein Vers aus einem Liebesgedicht aus der blauen reise, welches das Publikum an den Bosporus bringt. Klaviermusik und Szenenapplaus. Das nächste Gedicht handelt von Sprache und Lyrik. Schließlich Naturgedichte mit italienischem Hintergrund. Klaviermusik und nachher „Winterglück“. Den Abschluss bildet ein Klavierstück von Borodin, vorzüglich gespielt von Micael Gelius.
Bücherverlosung
Udo Kawasser moderiert die Bücherverlosung, die den letzten Programmpunkt des heutigen Abends darstellt. Somit wechseln noch einige Lyrikbände ihre Besitzer*innen. Es ist kurz vor Mitternacht, als sich die Veranstaltung auflöst.

