Johannes Tröndle liest Waltraud Haas’ ich ein sommerregentropfen
Seit den frühen 1990er Jahren bilden die stark verknappten, meist nur aus einer Handvoll kurzer Verszeilen bestehenden Gedichte von Waltraud Haas ein Genre für sich. Sie sind genauso konsequent in ihrem existenziellen Gestus wie in der äußeren Formgestalt, drehen sich buchstäblich um Leben und Tod, ohne dabei ein einziges überflüssiges Wort zu verschwenden.
Durchgehend in Kleinschreibung gehalten und unter Verzicht (mit sehr wenigen Ausnahmen) auf Interpunktion, ist den allermeisten Gedichten kein Titel mitgegeben – einigen stattdessen eine Widmung oder ein Zitat. Es gibt dabei keine übergeordneten Zusammenhänge, die Gedichtbände kommen ohne Gliederung in Kapitel oder Zyklen aus, es gibt keine Zwischentitel, keine Systematik.

Existenziell gefasst sind die Gedichte also auch insofern, als sie ganz in sich selbst ruhen. Jedes Gedicht, auch ein Zweizeiler, steht für sich, und geht dabei aufs Ganze – hält alle Momente, die ein Leben umspannen, von Kindheitserinnerungen bis zu Reflexionen über den Tod, gleichzeitig präsent.
Cover © Klever Verlag
So entsteht auch inhaltlich (nicht nur äußerlich-formal) ein Eindruck von Geschlossenheit, das Bild eines fortlaufenden Gewebes, in dem alle Motive organisch ineinandergreifen.
Mit über zweihundert Gedichten (sowie, abschließend, dreißig Prosaminiaturen) ist der neue Band von Waltraud Haas ihr umfangreichster bisher. Wenn man dennoch (trotz der beschriebenen Gleichwertigkeit der Themen) ein bestimmtes Themenfeld herausheben möchte, wäre es das Thema Älterwerden, das sich mit dem ersten wie mit dem letzten Gedicht – hier gleich untereinander zitiert – wie eine Klammer um den Band schließt. (Das zweite Gedicht ist Ilse Kilic gewidmet.) Die beiden Vierzeiler scheinen dabei interessanterweise durchaus nicht deckungsgleich in der Aussage:
ich bleibe eine unvollendete lebe ich auch noch so lange * sixty-six und nix is fix bis auf die innere uhr die tickt
Thema mit Variationen
Die allermeisten Gedichte des Bandes – mit dem Buchtitel beginnend – sind Ich-Gedichte. Das Bild vom Sommerregentropfen taucht dabei zweimal auf. In der ersten Version lediglich festgehalten, wird es in der zweiten Version (wiederum als Motiv für Vergänglichkeit) auch gedeutet:
ich ein sommerregentropfen auf deiner fensterbank am späten nachmittag * ich ein sommerregentropfen bin dahin bevor ich noch gefallen bin
Letzteres, vielleicht das eigentliche Titelgedicht, ist als einziges nicht linksbündig, sondern mittig gesetzt. Wiederum als Variationen dazu finden sich eine ganze Reihe von spielerisch gefassten Ich-Entwürfen:
ich bin ein schwarzer winterhase und meine auffälligsten merkmale sind meine buchstäbliche anhänglichkeit und mein raffiniertes hakenschlagen
Nicht nur als „sommerregentropfen“ und (als Gegenstück?) „schwarzer winterhase“ beschreibt sich das lyrische Ich, sondern auch – alle Gedichte mit gleichlautendem „ich bin“-Beginn – als „solitärfischchen“, „ackergaul“, „edelstein“, „ich-verfolgerin“ oder „old it-girl“.
Diesen „Ich-bin-Gedichten“ zur Seite stellen ließen sich, eingedenk des schon mehrfach angeklungenen Themas Altern und Tod, weitere „Noch-bin-ich-Gedichte“, etwa die folgenden drei, von denen das erste zudem direkt mit dem „schwarzen winterhasen“ zu korrespondieren scheint:
noch laufe ich hasengleich im zickzack an meinem grab vorbei * ich lasse meine haare täglich zum appell antreten noch erscheinen sie * ich lebe noch und halte stand dem gewicht der toten
Und auch das folgende, wortwörtlich autobiographische Gedicht hat resümierend-abschließenden Charakter:
mein leben war ein schreibakt ich habe mich bis zur kenntlichkeit erschrieben
Ich und Ich gesellt sich gern
Im lyrischen Ich, das sich selbst „zur kenntlichkeit erschreibt“, sich Gedicht für Gedicht selbst sucht und neu (er-)findet, taucht immer wieder auch eine dunkle Kehrseite auf: die Abwesenheit eines Du, eine Leerstelle, die dann – oft wiederum ironisch-sarkastisch gewendet – mit einem zweiten Ich oder Spiegel-Ich gleichsam nachbesetzt wird, wie in den folgenden drei Beispielen:
höre ich keith jarretts „kölner konzert“ und sage oh waltraud bezeugt das nur meine lebensfreude die ich mit mir teile * ich stehe in keinem dienstverhältnis sondern nur lebenslang in meiner fron * nachts um vier gehe ich fremd mit mir und du bist kein thema mehr nachts um vier
Auf die Spitze getrieben scheint diese Tendenz zum Solipsismus in den folgenden zwei Miniaturen, die wie zwei Kehrseiten ein- und derselben Medaille wirken:
mein elfenbeinturmzimmer ist ein leuchtturmzimmer für meine welt * fremd unter fremden fremdle ich
Witz und Sarkasmus
So konsequent und unverwechselbar – wie eingangs beschrieben – die bald 75-jährige Dichterin über die Jahrzehnte ihrem „schreibakt“ nachgegangen ist, zeigt sich dennoch über die Zeit eine kleine Verschiebung im Charakter der Texte. Waren im Frühwerk der Autorin drastische Sprachbilder und starke Affekte wie Wut und Verzweiflung vorherrschend, wirken gerade in jüngerer Zeit entstandene Gedichte zunehmend gelöst – bewahren dabei aber Konzentration und Dringlichkeit.
Lakonischer Witz findet sich nun zwischen den Zeilen, und am Ende der Gedichte die eine oder andere Pointe. So gleitet auch der vielen Texten innewohnende schwarze Humor nie in Zynismus ab – sehr wohl aber in Sarkasmus, wie im folgenden Gedicht (diesmal wirklich mit „Du“) „nackt“ und unverhohlen thematisiert:
mache ich einen sarkastischen scherz reißt es dir jedes mal den kopf ab dann sitzt du da kopflos wie gott dich schuf
Dass in Negation und Verweigerungshaltung auch sehr viel Charme stecken kann, beweist – abschließend – das folgende und kürzeste Gedicht des Bandes, das nur aus sieben Silben, drei Worten oder – selten bei Waltraud Haas! – einem Endreim besteht:
heute dichten mitnichten
Waltraud Haas: ich ein sommerregentropfen. Klever Verlag, Wien, 2025. 212 Seiten. Euro 24,–

