Klaus Ebner liest Melitta Urbancics Ein Lesebuch

Lange Zeit war die Autorin Melitta Urbancic im öffentlichen Gedächtnis kaum verankert. Das hat viel mit der unseligen Geschichte der Zwischenkriegszeit zu tun, als Urbancic mit ihrer Familie aus Deutschland und Österreich fliehen musste, aber auch mit der Tatsache, dass die meisten ihrer Publikationen nach dem Krieg in Zeitschriften stattfanden.
Cover © Theodor Kramer Gesellschaft
Die Theodor Kramer Gesellschaft hat es sich dankenswerterweise zur Aufgabe gemacht, Melitta Urbancic wiederzuentdecken und ihre Schriften einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Das vorliegende Lesebuch gab Astrid Nischkauer heraus, die gemeinsam mit Urbancics Tochter Sibyl die Auswahl traf. Gleich vorweg: Ein Lesebuch enthält keineswegs nur Lyrik, sondern auch Prosatexte und Erinnerungen, aber auch, und darauf möchte ich ganz besonders hinweisen, einen ausführlichen Apparat, der sehr viel über Urbancics Leben, ihre Tätigkeiten und ihre literarische Herangehensweise verrät.
Melitta Urbancic, geb. Grünbaum, wurde 1902 in Wien geboren und starb 1984 in Reykjavik. Sie studierte Philosophie, Englisch und Deutsch. Zu ihren Professoren zählte unter anderem der deutsche Philosoph Karl Jaspers (1883–1969). Parallel zu den Studien absolvierte sie eine Schauspielausbildung bei Max Reinhardt. 1930 erfolgte die Vermählung mit Victor Urbancic, seines Zeichens Musikwissenschaftler, Dirigent, Komponist und Pianist. Nach wenigen Jahren in Deutschland floh die Familie wegen Melittas jüdischer Herkunft 1933 nach Wien, 1938 dann nach Island. Dort fassten beide Eheleute beruflich Fuß. Melitta Urbancic gab Unterricht in Englisch, Französisch und Deutsch, und sie setzte sich mit isländischer Literatur auseinander, übersetzte isländische Werke ins Deutsche und Englische. Auch das Lesebuch enthält ein paar dieser Übersetzungen. Nach dem frühen Tod ihres Mannes 1958 blieb sie in Island wohnhaft. Dort war sie zudem als Imkerin und Bildhauerin tätig, deren Skulpturen in öffentlichen Gebäuden in Reykjavik zu sehen sind.
In ihren Texten tritt Urbancic für die Rechte von Minderheiten und Unterdrückten ein. Die meisten Gedichte folgen formal herkömmlichen Lyrikformen; so gibt es unter anderem viele Sonette, die während der nationalsozialistischen Herrschaft als Auflehnung gegen das Regime galten, weil dieses das Sonett als „romanische entartete Kunstform“ verteufelte.
Thema Flucht
Die Flucht aus Kontinentaleuropa und die neue Heimat Island, an die sich die Autorin erst nach und nach gewöhnte, nehmen breiten Raum in ihren Texten ein. Beispielhaft das Sonett „Auf der Flucht“, das entstand, als Melitta Urbancic in letzter Minute mit ihren Kindern aus Österreich fliehen konnte (ihr Mann war bereits in Island), allerdings ihre Mutter zurücklassen musste, die später in Theresienstadt ermordet wurde:
Der Morgen kam ! – Durchs trübe Fenster braute das erste Dämmern im Vorüberfliegen – Die Kinder schienen jetzt im Schlaf zu liegen, der Säugling auch, nachdem die Brust ihm täute. Nur in den Adern, unbeschwichtbar, graute die Angst der letzten Nacht vorm Tagessiegen – Doch als ins Morgenrot die Farben stiegen leuchtend wie nie – und frei der Himmel blaute – da lag der erste Schöpfungstag vorm Blick : Die Erde dampfte Feuchte noch vom Meer[.] Das Vieh ruht im Urfrieden auf der Weide – Ein Hauch vom Flügelschlagen im Geschick, sich wendend, weht vom Todesabgrund her : Das Leben lächelt wieder überm Leide !
Die Flucht war, wie sich wohl alle gut vorstellen können, ein traumatisches Ereignis. Urbancic nutzte das Schreiben, um solche Erlebnisse zu verarbeiten. Das Gleiche geschah bei der allmählichen Annäherung an den neuen Wohnort Island sowie nach dem Tod ihres Mannes mit nur 54 Jahren.
Suche
Wo soll ich Dich denn suchen geh’n ? Ich seh Dich nicht im Garten – und auch nicht vor dem Hause steh’n – Die Kinder und ich warten – Weht nicht von Dir ein zarter Hauch soeben durch Dein Zimmer ? Auf Deinem letzten Buch liegt auch Dein Lächeln noch als Schimmer – (…) Wo kann ich denn nach Dir noch seh’n ? Dein Grab liegt kalt und ferne – Ich muss wohl auch in Nacht vergeh’n Dir nach, als meinem Sterne –
Die im Buch enthaltenen Gedichte zeigen, dass die Autorin die traditionellen Vers- und Gedichtformen gerne einhielt. Vermutlich dienten sie als verlässlicher Rahmen und Anhaltspunkt, wo doch die meisten Themen alles andere als „ästhetisch“ sind. Dieses Verfahren wurde in der Lyrik von den französischen Parnassiens und Symbolisten wie Charles Baudelaire und Stéphane Mallarmé in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erstmals angewandt. Häufig finden sich mehrfüßige Trochäen, Daktylen, Jamben und
Endreime; die Sätze sind jedoch sehr natürlich gestaltet, was einen leichten Lesefluss garantiert. Auffällig finde ich die Eigenart, dass abschließenden Satzzeichen wie Doppelpunkten und Fragezeichen stets ein Leerzeichen vorangeht, wie es in französischen Druckwerken üblich ist – hier orte ich einen direkten Einfluss.
Gebundene Verse finden sich auch in den englischen Gedichten. Melitta Urbancic schrieb nämlich auch auf Englisch, allerdings sind viele dieser Gedichte, wie Astrid Nischkauer darlegt, heute verschollen. Der Nachlass der Autorin im Literaturarchiv Marbach ist jedoch umfangreich, und es ist nicht auszuschließen, dass der eine oder andere Text, etwa zwischen Buchseiten eingelegt, noch auf seine Entdeckung wartet.
I meet you in the corridor and we go side by side. How often did I think before that we could walk (I shall no more!) where the world opens wide.
Kulturelle Vermittlung
Melitta Urbancic übersetzte isländische Autor*innen, und zwar mittelalterliche ebenso wie zeitgenössische. Dadurch wurde sie zu einer Kulturvermittlerin in beide Richtungen. Das Lesebuch enthält übersetzte Gedichte von Egill Skallagrímsson (904–955), Jónas Hallgrímsson (1807–1845) und Jóhann Sigurjónsson (1880–1919).
Zum Abschluss sind „Schachgedichte“ abgedruckt. Sibyl Urbancic plädierte bei den Vorbereitungsarbeiten zum Buch dafür, sie aufzunehmen, weil ihre Eltern leidenschaftliche Schachspieler waren und sogar nach den Spielen am Esstisch über die Partien debattierten. Dabei empfinde ich diese Texte als doppelbödig, denn sie lassen sich vom Schachbrett auf die gesellschaftspolitische Wirklichkeit übertragen. Die letzte Strophe von „Schachmatt“ lautet folgendermaßen:
Wer achtet es ? Wer kennt noch die Gesetze der höhern Lust, als sie der Sieg verheisst ? Wer knüpft noch kunstvoll dem Geschick die Netze, die auch der letzte Zug nicht mehr zerreisst ?
Ein hochformatiges Paperback mit angenehm zu lesendem Buchsatz, sorgfältig und ästhetisch gestaltet. In jeder Beziehung ein Gewinn für den Bücherschrank!
Melitta Urbancic: Ein Lesebuch. Hg. von Astrid Nischkauer. Theodor Kramer Gesellschaft, Wien, 2024. 170 Seiten. Euro 18,–

