Alexander Peer liest Georg Bydlinskis Triestiner Mosaik

Der Gedichtband heißt einen buchstäblich dreisprachig willkommen: „Triest! Trieste! Trst!“ In den Sprachen, die hier über Jahrhunderte das Zusammenleben geprägt und später auch verhindert haben: Deutsch, Italienisch und Slowenisch. Als Stadt durch die Blockbildung der Supermächte und die Teilung Europas im Kalten Krieg in eine Sackgasse geraten, dümpelte Triest lange vor sich hin, bis es mit dem Fallen des Eisernen Vorhangs stark in den Blickpunkt geriet.
Cover © Literaturedition Niederösterreich
In Triestiner Mosaik erscheint die Stadt als Angebetete, der sich der Minnesänger Georg Bydlinski zärtlich zuwendet. Er will sich beim Schreiben jedoch auch über seine Zuwendung Klarheit verschaffen, erkundet sie und befragt zuweilen sein Umherschweifen entlang der Mole oder durch die Gründerzeitviertel.
Das erste von vier Kapiteln hat der in Mödling lebende Autor „Im Unterwegssein daheim“ genannt. Eine Formel, die den Nomaden bezeichnet. Hier versammeln sich die titelgebenden Triestiner Mosaike. Während das einzelne Gedicht ganz nah an eine Facette der Stadt heranzoomt, entsteht wie bei einem Mosaik allmählich ein Gesamtbild. Jedes Gedicht fokussiert auf ein bestimmtes Detail. Das Ensemble sucht auf diese Weise den zwischen Karst und Meer eingepferchten Ort zu vermessen. Wobei der Autor diesem leicht zu imaginierenden Anspruch mit dem letzten Gedicht – das zugleich das ganze vierte Kapitel repräsentiert – widerspricht. Um das Dilemma im „Triestiner Epigramm“ auf den Punkt zu bringen, nutzt er ein überzeugendes paradoxes Homonym: „Es ist vermessen / Triest zu vermessen.“
Lyrischer Stadtführer
Wer die Umschlagklappe auffaltet, entdeckt tatsächlich einen Stadtplan, wie man ihn aus klassischen Reiseführern kennt. Hier sind einzelne Orte mit weißen Punkten versehen. Sie stellen jene Plätze dar, die dem in Mödling lebenden Lyriker und Kinderbuchautor einen Impuls für Gedichte geboten haben. Das schmale Bändchen ist deshalb auch ein lyrisch fokussierter Stadtführer, der sich mehrfach mit der Spannung von Vergangenheit und Gegenwart befasst.
Belagerung Zwei Kreuzfahrtriesen haben den historischen Hafen erobert Links und rechts flankieren sie das Gebäude der Stazione Marittima überragen es weit stufen es herab zu Spielzeug: hübscher Tand aus vergangener Zeit
Das Urteil ist vergleichsweise milde angesichts der monströsen Gebärde, mit welcher der Fremdenverkehr übergriffig agiert und dabei menschliches Maß missen lässt. Perfekt ist diese Anmaßung im Kreuzfahrtschiff symbolisiert, das sowohl in seiner Dimension als auch mit seinem Verkaufskonzept der dauerhaften Bespaßung die Hybris des modernen Lifestyle-Menschen beweist. Dieser Gegensatz ist an vielen Orten entlang der mediterranen Küsten zu sehen, dennoch verteilen sich in Triest die so Ankommenden leichter in der doch ausgedehnten Stadt und verschwinden deshalb in ihrem historistisch geprägten Ensemble. Eine Strategie der Gegenvereinnahmung, die etwa Venedig gewiss versagt bleiben wird. Aber so mächtig sich diese Motive auch kurz aufspielen, sie nehmen in diesem Band keinen prominenten Raum ein. Historisch pflichtbewusst stattet der Triest-Erkunder auch dem einzigen KZ mit einem Krematorium auf italienischem Boden eine lyrische Visite ab: der Risiera di San Sabba. Die einstige Reismühle wurde während der NS-Diktatur zum Folter- und Todesort von Tausenden.
Zur Ruhe gekommene Unruhe
Ein Motto des Lyrikers Reiner Kunze lautet: „Das Gedicht ist zur Ruhe gekommene Unruhe.“ Bydlinski hat es in seinem Band Schneefänger, bereits 2001 in der Edition Atelier erschienen, erwähnt, und auch für die poetischen Triest-Durchdringungen ist das ein passender Subtext. Die Erzählstimme zeichnet eine große Ruhe aus, die jedoch preisgibt, dass es mit der Gelassenheit vielleicht nicht so weit her ist.
Karstleben Das Wasser verwandelt den Stein der Stein verbirgt das Wasser Tiefen- strömungen unsichtbar in der Landschaft wie in uns
Wer auf der Viale Miramare zu den beiden markanten Schlössern Miramare und Duino aufbricht, nähert sich unweigerlich Rainer Maria Rilke. Wer würde nicht in seinen Sog geraten? Wer wollte überhaupt widerstehen? Unter anderem sucht Rilkes Dinglyrik ihre zeitgemäße Nachfolge. Auch in Bydlinskis Band lässt sich bei manchen Sätzen eine solche poetische Intention feststellen. Manche Bilder verwandeln unbelebte Gegenstände und flüchtige Phänomene in eigenständige Persönlichkeiten. In dem Gedicht „Farben in Miramare“ beispielsweise heißt es: „Die Schatten / hier lichter dort dunkler / suchen noch ihre Namen.“ Während andere Naturerscheinungen zufrieden erscheinen mit den ihnen zugesprochenen Farben: Das Meer gibt sich türkis, die Kormorane sind schwarz.
Magische Zeichnungen und Hommagen an Dichter
Unten diesem Gedicht findet sich eine der vielen unglaublich feinen Zeichnungen von Linda Wolfsgruber. Sie als Illustration des Bandes zu bezeichnen, hieße den Wert ihrer Arbeiten zu unterschätzen. Vielmehr sind das eigenständige visuelle Poeme, denn auch wenn sie gegenständlich sind, so sind sie vor allem durch ihre märchenhafte Gestalt charakterisiert. Sie wirken wie Traumbotschaften. Einmal findet sich tatsächlich eine Person schlafend am Boden. Ist das ein Kind? Es könnte sein. Dadurch, dass diese Zeichnungen so opak wirken, lassen sie einen auch an manch diesigen Tag im schwülen Hochsommer denken. Vielleicht vermitteln die Zeichnungen auch bloß die Befindlichkeiten von Spaziergängern, denen die berüchtigte Bora so zusetzt, dass sie ganz schwindlig durch die Straßen taumeln. Oder sollen es die Geister der reichen Vergangenheit dieser Stadt sein, an welche hier erinnert wird?
Jedenfalls stellen sie viele der vertrauten Orte dar, kontextualisieren die Gedichte und stimulieren die gedankliche Reise durch die Stadt. Immerhin war Triest mehr als 500 Jahre Teil des Habsburgerreichs und bietet immer noch eine ertragreiche Projektionsfläche, um zu träumen, Österreich läge am Meer.
Im zweiten Kapitel befindet sich der Erzähler zwar zu Hause und fasst diese Arbeiten mit der Kapitelüberschrift „Daheim unterwegs“ zusammen. Aber wie man sich schon denken kann, lässt sich Triest nicht so einfach abschütteln. Es ist ein bekanntes literarisches Triumvirat, das sich in den Alltag einzumischen scheint: Italo Svevo, James Joyce und Umberto Saba. Diese drei Herren scheinen Bydlinski in gewisser Weise literarisch zu beherrschen, wendet er sich ihnen doch wiederholt zu. Der unglückliche Svevo konnte den sich so spät einstellenden Erfolg kaum genießen. Durch einen Autounfall aus dem Leben gerissen, durfte er die begeisterte Rezeption seiner Literatur, auf die er Jahrzehnte vergeblich gewartet hatte, nicht mehr staunend beobachten. Bydlinskis Hommage an ihn liest sich wie eine biografische Skizze:
Svevo Ich stelle ihn mir vor den Mann mit den zwei Namen Dichter und Fabrikant Italiener und Schwabe melancholisch und verschmitzt Ettore Schmitz vermarktet Schiffsanstriche Italo Svevo scheitert mit seinen Romanen Erst James sein junger Englischlehrer bestärkt ihn weiterzuschreiben Ettore der erfolgreich Geschäftsmann Italo der Dichter früh berufen spät berühmt Nirgends gehört er ganz dazu der Mann mit den zwei Welten Unternehmer und Poet vielschichtig und zerrissen wie Triest
Im Svevo-Museum findet sich auch die letzte Fotografie, die vom großen Selbstironiker gemacht wurde. Selbstverständlich hat er – wie sein Alter Ego Zeno Cosini – nie mit dem Rauchen aufgehört. Aber eben auch nie mit dem Schreiben, selbst wenn die Pausen manchmal erschreckend lange waren.
Warten auf lebende Legenden
Lange – und heutzutage vermutlich vergebens – muss man im Caffé San Marco auf den 1939 in Triest geborenen Schriftsteller, Germanisten und Übersetzer Claudio Magris warten. Er soll dort immer einen Tisch reserviert haben, diesen aber immer seltener in Anspruch nehmen. In seinem Erzählband Die Welt en gros und en Détail von 1999 hat Magris diesem Café eine eigene Geschichte gewidmet. Er hat es aber nicht nur literarisch verewigt, sondern auch buchstäblich gerettet. Denn als 2013 die Schließung drohte, spendete er mit anderen den notwendigen Betrag zur Fortführung. Seit damals gibt es auch eine Buchhandlung im Café.
In Bydlinksi Gedicht „Magris“ heißt es: „Aber manchmal erscheint ein Germanist / und besichtigt bewundernd / die Leere / an seinem Tisch“. Es ist vielleicht besser, nicht zu Lebzeiten zur Legende zu werden.
Das Kapitel „Stadt unter der Haut“ schließlich versammelt Haikus, die alle nach Triest führen oder die Stadt umkreisen:
Muggia Dom und Rathaus, Schloss und Hafen – und überall Venedigs Echo.
Das Buch muss sich allerdings die Kritik gefallen lassen, dass es etwas dünn ist. Dabei böten etwa das Caffé Tommaseo oder das Caffé degli Specchi noch viele Reize mehr, um als Voyeur beschäftigt zu sein. Denn Triest ist eine Stadt, die zum Beobachten animiert wie nur wenige andere, und genau dieser Effekt lässt sich an Bydlinkis Gedichten und Wolfsgrubers Zeichnungen ablesen.
Georg Bydlinski: Triestiner Mosaik. Literaturedition Niederösterreich, St. Pölten, 2026. 80 Seiten. Euro 20,–

