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Gedichte zum Welttag der Poesie: Teil I

Gedichte zum Welttag der Poesie: Teil I

Wir danken vielmals allen Dichter*innen, die unserem Aufruf auf Facebook und Instagram gefolgt sind und uns zum Welttag der Poesie am 21.3.26 Gedichte geschickt haben. Um der großen Zahl der Einsendungen gerecht zu werden, haben wir beschlossen, die Texte in drei Tranchen zu veröffentlichen. Hier kommt die erste poetische Sendung!

Barbara Pumhösel

Das Bild 
vom Rückwärtssprung 
einer Schnappkieferameise
schneidet sich 
durch Kurzschluss 
im Gehirn mit einem
Zukunftsgedanken

Marion Kecht

Poem International

Ich wechsle die Sprachen
wie andere
den BH.

Ein Wort frisst das nächste,
bis etwas flirrt,
flüchtig, rar.

Man nennt es Gedicht.
Ich nenne es:
Streben ohne Ankunft.

Gaby Eder

Das Ungefähre

In meinen Gedankengassen
wohnen Träume, Ideen und Worte,
die sich oft nicht fassen lassen.
Das schemenhafte Ungefähre
vermag wie eine Eingangspforte
verlockend ziehen ins
„Was wäre“.

Dann - gleich dem Domino Effekt,
wird im Berühren und im Fließen -
was schlief - von Zauberhand geweckt,
in Farbenrädern bunt gespürt 
und Verse beginnen zu sprießen,
von innen nach außen geführt.

Christl Greller

schau genau, was du
ins wasser schreibst.
es trägt es fort, weiter und weiter.
und stolpert es über steine, wo
deine botschaft zerbricht:
stückwerk mit anderem klang. 
kann sein, dass später wieder zusammenfindet durch zufall. 
oder nicht.
und wabbert über wellen und 
sich vereint
mit anderen spruchstücken 
und verzerrt. und
landet im meer, wo
riesige mengen von schreibfetzen
sich zusammenfinden wie
inseln von plastikmüll
vor den küsten.

Cornelia Becker

nichts
nichts zu sagen
die zunge zwischen hirn und herz
verdrahtet

500 menschen im mittelmeer
fünfhundertmenschen
ertrinken

suche den sinn den es nicht gibt
webe worte in den gebetsteppich
zur nachtwelt 
lebe mein kleines leben
mein immerhin über
leben
mein sandkornleben

500 menschen
fünfhundertmenschen
ertranken im mittelmeer
five days ago/fünf tage zuvor

plane – trotzdem - die sommerferien
kreuzfahrt mit kind und kegel
gepflegte gespräche über die wahrlich zerrütteten zustände auf anderen kontinenten
die jetzt alle zu uns weil sie falschen göttern glauben
die bange frage ob unsere kinder …

kulturarbeiter könner der verfeinerten gesten 
verscheuchen die geister
spezialeinheiten gegen das invasive denken

500 menschen? ist das wirklich passiert? 
ertrunken im mittelmeer?

das wir kreuzen
kajüte mit meerblick, familienfreundlich
urlaub für weltenentdecker
wlan und vegane kost inklusive
auf mediterranen routen
treiben wir im pool als toter mann
die kinder zählen bis zwanzig
bevor sie prustend spritzend auftauchen
(mutprobe bestanden, dafür gibt’s ein extraeis)

nachts kommen sie
auf stelzen aus fischgräten und treibholz 
kommen die toten
klopfen ans bullauge 
aus sicherheitsgründen nicht zu öffnen 
ich schrecke hoch
das fenster schwarz und verschlossen
checke im worldwide web
tauche wieder ein im schlaf des vergessens
im kollektiven numbing
sicher dass wir es überleben
weil überlegen

amen

Katrin Bernhardt

Auf den Höhenheiligtümern
stehen nun Kapellen
Von jedem Gipfel
predigt eine Kuppel
preist ein Kreuz
die Ankunft des Heilands
Bei dieser Anzahl
werde ich nicht fertig
die Glocken zu schlagen
In den Opferhöhlen
brennen die Kerzen
für Agios und Agia
Aus den Göttern 
sind Heilige geworden
Gläubige bringen ihnen Gaben
wie einst
Olivenöl, Wein und Raki
Kleine Bleche
mit Kinderfiguren
und abgetrennten Beinen
Fruchtbarkeit und Heilung
sind nie obsolet
Der Schleier des Christentums
über den Riten der Heiden
Wie ein feines Altartuch
das jederzeit weggetragen werden kann
von einem starken Meltemi
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