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Schreib ein Gedicht und wirf es ein

Schreib ein Gedicht und wirf es ein

Lukas Meschik liest EINGEWORFEN. Gedichte aus dem Briefkasten. Herausgegeben von Daniel Böswirth


Der Künstler Daniel Böswirth setzt seine poetischen Interventionen im öffentlichen Raum mit EINGEWORFEN gewitzt fort. Als die Ausbeute seiner bei anderen Projekten gesammelten Gedichte in der Wiener Hauptbücherei ausgestellt wurde, installierte er im Foyer kurzerhand einen schmalen weißen Briefkasten, darüber angebracht war der unmissverständliche Auftrag: „Schreib ein Gedicht und wirf es ein“.

Cover © fabrik transit

Das ließen sich die angehenden und erfahrenen Lyriker:innen der Stadt nicht zweimal sagen und lieferten fleißig Material, das Böswirth sichtete und nach und nach ebenfalls ausstellte. Der hier vorliegende Band kann als Konservierung dieser Aktion gesehen werden, in ihm werden die Gedichtspenden gebündelt und ansprechend präsentiert. Neben herkömmlich gedruckten Texten lesen wir auch Handgeschriebenes, zu farbigen Collagen kommen schwarzweiße Linolschnitte. Auch der Herausgeber selbst steuert etwas bei.

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als ich klein war
haben wir gemeinsam
in den sternenhimmel geschaut
du hast geschwiegen

es gibt dinge
die kann man nicht erklären

als ich heute in der prosektur
in dein gesicht geschaut habe
(aufgebahrt warst du in einem lärchenholzsarg)
habe ich geschwiegen

es gibt dinge
die kann man nicht erklären

himmel
und
sarg

Daniel Böswirth
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Ausloten der Sprachmöglichkeit

Wie bereits beim Vorgängerband LYRIK ON LINE zeigt sich auch hier die Bandbreite des lokalen lyrischen Schaffens in und um die Hauptstadt. Naturgemäß ist bei einer bunten Sammlung dieser Art die Qualität unterschiedlich, ein gewisses Niveau wird allerdings nie unterschritten. Außerdem hat das öffentliche Ausloten seiner Sprachmöglichkeiten jede Berechtigung, es geht hier um die Errichtung einer Werkstatt, in der in geschütztem Rahmen die eigenen Mittel erprobt werden sollen. Besonders erfreulich ist das abermalige Vorkommen von fremdsprachigen Arbeiten etwa in Chinesisch oder Arabisch samt Übersetzung.

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MEIN FREUND IN DER UKRAINE


Er sitzt in einem
zerbombten Haus
und macht ein Video für mich.
Vorm Haus gegenüber
sind lauter kleine Erdhügel.
Alles Gräber.
Manche haben einen Grabstein,
noch mehr haben keinen.
Er kocht Kaffee,
Dampf steigt auf.
Aus dem zerbrochenen Fenster
sieht man den blauen Himmel.
Gerade fliegt
ein Flugzeug vorbei.

Ju Ci. Aus dem Chinesischen übersetzt von Martin Winter

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Dystopie und Kindereien

Wiederkehrende Stimmungslagen und Motive lassen Rückschlüsse ziehen auf eine verunsicherte, krisenmüde Gesellschaft. Das Wort „Krieg“ kommt in den Texten gar nicht vor, wer aber ernstzunehmende Lyrik schreibt, versteht sich ja darauf, mit Auslassungen zu operieren und das Ungesagte wirken zu lassen. Ihre Präsenz erlangen die Konfliktherde in allen Himmelsrichtungen durch die Ermüdungserscheinungen im Einzelnen, und wo es doch sehr konkret wird, da bleibt das Gedichtete stilsicher und kitschbefreit – etwa wo es um die Protestbewegung im Iran geht.

Die hier versammelten Texte sind sehr persönlich und gerade darin unmissverständlich politisch. Was oft mitschwingt, ist eine Sehnsucht nach dem berühmten „anderen“ Leben, in dem nicht nur die eigenen Lebensumstände andere, bessere sind, sondern in dem andere Menschen weniger Leid erfahren. Die Anordnung des Bandes ist insofern gelungen, als wir uns nicht durch einen Strom an deprimierenden und dystopischen Zeitdiagnosen quälen, sondern die sich einstellende Schwere immer wieder durch stimmungsvolle Naturbetrachtungen und launige Witzeleien aufgebrochen wird.

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Waldweg

einst war hier
ein
Waldweg

jetzt ist hier
der
Wald

weg

Robert Anders
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Die eigene Handschrift

Besonders spannend wird EINGEWORFEN dort, wo es die brave Gestaltung der meisten anderen Gedichtbände verlässt und zum Archiv der ganz individuellen Handschrift wird – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Neugierig blättert man hier um, stößt dabei auf linierte Zettel oder sogar auf eine glattgestrichene, sorgsam beschriebene Birkenrinde (Richard Wall). Dass es sich bei der Handschrift um einen Träger der jeweiligen Persönlichkeit mit hoher Aussagekraft handelt, ist allgemein bekannt. (Glücklicherweise scheint sich unter die Beitragenden kein Arzt und keine Ärztin verirrt zu haben, denn die Zeilen sind allesamt einwandfrei zu entziffern.) Ein im wahrsten Sinne des Wortes „beschriebenes Blatt“ sehen wir ebenfalls – nämlich von einer Platane –, das anonym eingereicht wurde. Seine Wirkung entfaltet es in Gegenüberstellung zu einem Gedicht über ein vertrocknetes Blatt. Böswirth erledigt mit seiner Herausgeberschaft eine behutsame Kuratierung, durch die bewusste Anordnung entstehen kommunizierende Gefäße.

See Also
Gedicht Claudia Bitter

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SONNTAGSGEWOHNHEITSSPAZIERGANG


Schweizergarten
schon wieder
das Steinerdenkmal

hätt ich einen Hund tät ich ihn hier
sein Geschäft machen lassen
das große und das kleine

heute steht dort ein Mann auf dem Rasen
sucht was bückt sich
ein vertrocknetes Blatt vom Vorjahr

er trägt es ein paar Schritte zum Papierkorb
Ordnung muss sein
das Blatt fällt daneben

Juliane Adler

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Wer den Vorgängerband LYRIK ON LINE noch präsent hat, der wird einige Namen hier wiedererkennen – ein Beweis dafür, dass sich um Böswirths Interventionen eine motivierte Stammbelegschaft bildet, um deren Kern sich nach und nach neue Interessierte versammeln können und es offensichtlich auch tun. Es sind niederschwellige Einladungen dieser Art, die Menschen dazu ermuntern, ihre Kreativität auszuleben – mit dem Briefkasten existiert ein Gefäß, das ihre Arbeiten aufnehmen und aufleben lassen kann. So lässt sich einsam Ausgebrütetes auch für wenig vernetzte Menschen mit der Welt teilen.

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GEDANKEN


Ich dachte so bei mir,
man sollte aufspringen
und etwas tun,
das man noch nie
getan hat

Irgendetwas Verrücktes
zumindest Ungewöhnliches
oder Unübliches

Doch dann
bin ich aufgestanden
und habe getan
was ich gestern schon
getan habe
und vorgestern
und all die Tage
zuvor

Angela Kostecki

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Nun, Daniel Böswirth braucht sich nicht vorzuwerfen, dass er nach dem Aufstehen nur das tut, was er all die Tage zuvor schon getan hat, seine Projekte zeugen davon, wie er mit Lyrik etwas Ungewöhnliches und Unübliches anstellt. Das bringt frischen Wind in eine Szene, die sich nicht zuletzt ökonomischem Druck ausgesetzt sieht und ihre Daseinsberechtigung immer wieder neu erstreiten muss. Man darf gespannt sein, in welcher Weise Gedichte in Zukunft den öffentlichen Raum erobern werden. Böswirth schmiedet bestimmt schon den nächsten originellen Plan.


Daniel Böswirth (Hrsg.): EINGEWORFEN. Gedichte aus dem Briefkasten.Edition fabrik.transit 2026.120 Seiten, 8 farbige und 7 s/w Abbildungen. Euro 12,–

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