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Stenogramme als Poesie

Stenogramme als Poesie

Christian Steinbacher liest Elfriede Czurdas ich, weiß. 366 mikro-essays für die westentasche als Sommerlektüre

Ob etwas als Gedicht angesehen wird, hängt immer auch vom Zugang des Lesers, der Leserin ab. Und so erlaube ich mir, Elfriede Czurdas „Mikro-Essays“ – ein Untertitel, der die schweifende Bewegung in den kurzen Texten gut trifft –, auch wie Gedichte zu lesen. Für jeden Tag zwölf Zeilen, das war die einzige Regel für die Autorin. Ich erinnere mich, wie dem Linzer Dichter Stephanselm Tancred Hadwiger einst Bierzettel als Füllformat dienten, und aus dem vorangestellten Faksimile in Czurdas ich, weiß schließe ich, dass hier ebenfalls eine Handschrift am Beginn gestanden ist. Vom 21. Juli 2003 bis zum 20. Juli 2004 verfasst Czurda täglich ein der Tagesverfassung geschuldetes Stenogramm. 2008 erscheint das ganze Kompendium als Buch, in das ich nun, nachdem meine Zeilen an einem 27. September geschaltet werden sollen, eben bei diesem Datum einsteige:

             ist die leerstelle in der welt

eröffnet nicht nur das Notat am 27., sondern auch das am 28. September, und im ersten Fall wird die Stelle zum Ausgangs-, im zweiten zum Zielpunkt. Letzteres Notat setzt fort mit

             in die hinein kalbs schnitzel 
             wandern ein glas bier eine
             schwarzwälder torte ein baiser
             […]

Das Notat zum 27. setzte dagegen fort mit:

             von der aus die schuhbänder
             geknüpft das fahrrad bestiegen
             die straße ins dorf befahren
             der laden betreten und butter
             und schmalz von der hand in 
             die tasche gesteckt […]
Christian Steinbachers Foto vom 9.August aus Elfriede Czurdas Buch "ich, weiß"

Czurda überführt Tagesphänomene ihrer Außen- und Innenwelt in Text. Details der poetischen Handhabe wie die Wortreihe geknüpft-bestiegen-befahren-betreten-gesteckt werden mir dabei erst im Lesen deutlich. Die Zeilensprünge richten sich einfach nach der Schreibfläche. Eine sich an Zeilensprüngen orientierende Lektüre, wie ich sie gewohnt bin, wird da scheitern.

Dass ich es dennoch versuche, ist einer Vorliebe geschuldet, die dann etwa in der dritten Zeile „das fahrrad“ – die  Interpunktionslosigkeit lässt auch so ein abstraktes Geschiebe betonen – zwischen zwei Partizipien eingespannt oder zwei Zeilen später „betreten und butter“ über die Alliteration in eine schon von der Wortart ungleiche Allianz gezwungen sieht (oder gar das auslaufende „von der hand in“ vorerst mit „den mund“ zu ergänzen geneigt ist). Es sind Zeilen, nicht Verse, der Poesie zurechnen kann man diese Mitschriften aber doch.

Für meine „Sommerlektüre“ konzentriere ich mich auf die Einträge zu Juli, August und September. 20. August: Unter dem Titel „sommerschön“ zeichnet Czurda ein prototypisches Flussbild samt Ausflugsschiff und Polizeikahn, rotem Bikini und Hund am Ufer. 17. September: Wir alle kennen das Altweibersommer-Phänomen von Fäden in der Luft, und die wird es wohl an diesem Tag zu beobachten gegeben haben, wenn sich unter dem Titel „zu mittags“ der „mittagsblaue liebes himmel“

             […] kämmt und seine weißen fäden 
             spinnt wie meinen traum der nicht 
             und nicht zutage tritt haar um 
             haar vorbei an einer wirklichkeit 
             die nur ein wind berührt hoch oben 
             […]

Erweiterungen und Wechsel betreffen nicht nur die Syntax, sondern auch den rhythmischen Lauf. Und dessen Bestandteile zeichnen sich ebenfalls erst im Lesen ab, was sogar zu einem Hebungsprall wie hier zwischen „tritt“ und „haar“ führt. Manchmal kann ich ganze Reihen metrischer Elemente herauslesen. Am 1. April etwa begleitet ein durchgehender Kretikus die beim Wachwerden im Zug sich einstellende Wunschvorstellung eines lukrativen Rufs nach Japan (wo Czurda einige Zeit gelebt hat). Geben längere Passagen einem Metrum die Oberhand, zeigt sich sein Zusammenbruch umso wirksamer. Meist zeigen sich die Läufe aber im Mischen von dabei dann oft gehäuften Trochäen und Daktylen. Manche Notate erweisen sich auch als nur holprig und wehren sich gegen jede metrische Beobachtung.

Die Einträge scheinen eher skizziert denn gebaut und geben eine dem Free-Jazz verwandte Bewegung. Viele der Texte pumpen sich über kleinere Repetitionen voran, die den Fortgang der Bewegung sicherstellen, und das oft gleich im Anfang (dreimal „es ist zeit für“ am 2. September; zweimal „wie aus“ und dann zweimal „nach“ am 12. September usw. usw.). Die semantische Skalierung hingegen belegt in der Regel das ganze Feld. Werden einigen Wörtern hintereinander Adjektiva vorgespannt (wie am 3. September im Flugzeug mit „[…] auf leichteren / bögen im spurlosen himmel auf leisen / sohlen und dröhnenden düsen […]“), so ist das ein Beispiel für ein vorübergehendes Anspielen strukturierender Merkmale. Die zwischenzeitliche Bündelung von Reimen, Assonanzen oder Präfixen bewirkt ein flottierendes Treiben, und auch die Art der Textgenerierung weiß zu wechseln. In diesen Mitschriften schöpft die seit Mitte der 1970er-Jahre publizierende Autorin, die ich seit Ende der 1980er-Jahre kenne und die vor allem mit Prosabüchern wie etwa Kerner (1987) oder Die Giftmörderinnen (1991) bekannt wurde, aus ihrer langen Erfahrung und agiert dabei schnell, spontan und immer wieder anders.

See Also

Ab und zu verselbstständigen sich Spielzüge zu Grillen. Das Notat am 31. August – eines von über dreißig titellosen, die sich über die ganze Sammlung verstreuen – setzt ein mit „steuern feuern steuern“, und alle Zeilen bestehen dann aus zwei von einem zweisilbigen Infinitiv flankierten zweisilbigen Nomina, die in der oberen Hälfte des Notats noch dazu ident sind, bevor sie in der unteren andere Stellungen durchspielen. Spielereien erfrischen, und so beschließe ich mein Zitieren mit dem Tagesprogramm für die Kenner tierischer Verhaltenszuschreibungen vom 26. August:

             schlafen wie ein pferd und
             arbeiten wie ein huhn picken
             und picken und picken und 
             dann und wann ein wenig
             gackern mit flügeln schlagen
             die nicht fliegen lassen und
             dann schnarchen wie ein schwein
             im pfuhl wohlig bei den schönen
             träumen von morast und solchen
             sauereien schließlich noch ein
             bisschen meckern witzlos aber
             fröhlich wie die ziege karl 

Ob eine ihr begegnete Ziege wirklich Karl geheißen hat? Ich habe neu in Elfriede Czurdas Gedichtbüchern auch deshalb gelesen, weil ich bei einer „Werkschau“ in der Alten Schmiede am 5. Oktober eine Rede zu ihren Gedichten halten werde. Im Zentrum meiner Reflexionen dort stehen andere Bücher, nämlich der Band „Fälschungen“ aus dem Jahr 1986 und die beiden in den 90er-Jahren bei Droschl (als Bücher der edition neue texte) erschienenen Bände. Für die „Sommerlektüre“ hier habe ich mich dagegen auf das in der Edition Korrespondenzen erschienene Diarium ich, weiß konzentriert.


ELFRIEDE CZURDA – ich, weiß – 366 mikro-essays für die westentasche, Edition Korrespondenzen, Wien 2008

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